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Auszug aus “Der Stadtplan von Paris” von Kristin Yurukova

7 Juni, 2009 von · Keine Kommentare

Kristin Yurukova
Übersetzung: Dessislava Georgieva


Foto: E|NoStress|

Zweiter Teil – Neda und die anderen

Diese Geschichte hätte seine eigene sein können, die Geschichte von Vergil, wenn er verreist wäre natürlich, wenn er sich auf den Weg gemacht hätte, irgendwohin ans Ende der Welt, wenn diese seine tödliche Leidenschaft nicht wäre, diese Leidenschaft für fremde Geschichten, die er wie ein Pferd graste, wie Vieh austrank, bis sie selbst ihn bis auf den letzten Tropfen ausschlürften.

Es siedelten sich Leute in ihm ein, unschuldige und ungeheuerliche, Leute, die zerbrechlicher waren als ein Grashalm zwischen jemandes Zähnen. Für sie würde er hinter Gittern und Stacheldraht hocken, denn wo sonst kommt man an diejenigen heran, die man zu Feinden oder Nichtstuern und Obdachlosen ernannt hat.

Die fremden Geschichten haben Zuflucht in seinem Hirn gefunden, dem sichersten Luftschutzbunker.

Er hockte im Hühnerstall, kratzte seine Flohbisse, ungestört vom Lärm des sozialistischen Bauwesens, das ihn auf so eine kategorische Art und Weise hinaus geschmettert hatte. In seinem Kopf schrieb er Drehbücher, denn sonst könnte man wohl kaum einmal Otec Paisiy sein, und selbst wenn es nur im Kopf gelang, etwas beiseite zu legen, dann war das schon mal was. Drehbücher für Hollywood entstanden in seinen Hirnzentren.

Es hat keine Bedeutung, wer ich bin, sagte er zu den Produzenten, aber fragt doch Mara Ratscheva was man ihr angetan hat, oder erfahrt, was die Gorjanen von euch erwarten, die eine ganze Bauernarmee zum Aufstand bewegt haben – mit euren Namen auf den Lippen, den Namen der großen Demokratien, von England und Amerika. Aber ihr wollt eure Namen offensichtlich nicht aus unseren Mündern hören, die Demokratien verkriechen sich, sie wollen nicht in den Blick von Stalin geraten; nicht in seinen Blick, und schon gar nicht in seine Hände.

Er, eben er wird die Wahrheit über den bulgarischen Aufstand aus dem Ort der Verbannung hinaustragen, weg von dem Ort, der zum jahrhundertelangen Schweigen verurteilt wurde. Wie Visitenkarten wird er die Geschichten der Heimat überreichen. Hier, meine Herren, denken Sie mal nach, ob Nikola Petkov und die Bauern aus unserem Dorf Faschisten sind oder hilflose Schlachtlämmer. Ziehen Sie Ihren Nutzen daraus, sofern es Ihr Gewissen erlaubt, und achten Sie nicht so sehr darauf, dass Sie sich Ihre Finger nicht verbrennen.

Das Hypnotische an diesen Geschichten ist, dass sie ausnahmslos wirklich passiert sind. Er leistete keinen Widerstand gegen sie, wie eine Frau gab er sich ihnen hin, er, der Geschichtensammler, der Aufschreiber der Märchen aus der schrecklichen 1001 Nacht.

Tagsüber buddelte er mit dem Aristokraten die Zuckerrüben aus dem klebrigen, verfluchten Schlamm aus. Die Beine des Aristokraten ragten lächerlich wie Storchenbeine aus diesem Brei mit der Farbe von Kinderdiarrhö. Wenn man ihn anschaute, kam man nicht umhin, irgendwo im Hintergrund nach der Kutsche und den Federn am Hut seines Vaters Ausschau zu halten. Er ging nach vorne gebeugt, als mühte er sich mit einem starken Gegenwind ab, doch inzwischen waren alle Winde zu stark.

Der Geschichtensammler, oder einfach der Autor der zukünftigen Enzyklopädie der menschlichen Leiden teilt ihm jedoch nicht mit, woran ihn dieser dünnflüssige Schlamm erinnert, und er sagt ihm deshalb nichts, weil er ihm so leid tut. Nur mit sich selbst hat er kein Mitleid, denn das ist ja seine Berufung – mit den anderen zu leiden und den Schmerz zu teilen.

Woran erinnerte ihn also dieser Brei? An die Abfallgrube, in der man die Scheiße aus einem der vielen Gebäude des Dorfes sammelte, in dem man wie in vielen anderen Dörfern noch nichts von Rohren und Kanalisation gehört hatte; ein Randdorf, aus dem die Gruppen der Grenzsoldaten kamen, die die Grenzflüchtlinge „entschärften“. Wenn sie jemanden erschossen, dann erschossen sie ihn eben – so lautete der Befehl. Aber wehe dem, den sie lebendig packten: Sie verprügelten ihn, aber so, dass er am Leben blieb, damit er das Schönste erlebte – das Ertrinken im Kotbrei.

Der Autor belastet die Ohren des Aristokraten nicht; sollen die Scheißwellen nur in seinem eigenen Kopf plätschern. Der Kopf des Aristokraten muss rein bleiben, denn auch er versucht sich nun als Schöpfer. Sein Werk ist Prosa in Gedichtform. Kleist und vielleicht auch Goethe, was sind schon die Bücher aus der Bibliothek seines Vaters. Seine Strophen preisen einst gesehene Menschen mit Seelen aus Kristall. Hell leuchtend in patriotischen Flammen.

Der Aristokrat wäre kein Aristokrat, wenn er nicht darauf bestünde, dass alles seinen Platz hatte, denn das erwartet er auch von seiner heiligen Heimat, auch wenn diese ihre Bürger in Exkrementen ertrinken lässt, sie ermordet oder auch nicht: Sie bleibt immer deine Heimat, und du schuldest ihr deine patriotische Leidenschaft bis zum letzten Atemzug.

Dass man seinen Geburtsort – die Heimat, seine Mutter also – nicht verließ, obwohl man totgeprügelt worden war, war für ihn ein Ausdruck höchsten Patriotismus. Vielleicht flossen manchmal Freudentränen aus seinen prügelverquollenen Augen – weil er es überstanden hatte, ohne sie auch nur mit einem Wort zu schänden.

Der arme Kerl, er war so sehr Aristokrat, dass er sich nicht einmal ein Ei braten konnte. Natürlich dachte auch niemand daran, ihnen Eier zu geben, und so spuckte er delikat die Tierchen, die jemand absichtlich in ihre Suppe tat, in einen Lappen, der die Rolle eines Taschentuchs übernahm – Fliegen tauchten regelmäßig auf, Schaben etwas seltener, aber es waren immer Prachtexemplare.

Sehr starrsinnig ist dieser Aristokrat in der Verteidigung seines eigenen Begriffs von Patriotismus. Sehr dickköpfig, wenn er nicht bloß ein Wahnsinniger ist, der gefesselt werden muss, ein über und über verzärteltes Schoßkind des Glücks. Sogar jetzt hatte er noch die Möglichkeit, auf die andere Seite der Barrikaden zu wechseln, auf die Seite der Freien und Satten. Es war möglich, wenn das mit seinen eigenen, für sich persönlich erarbeiteten Prinzipien harmonierte, und diese seine Prinzipien waren eisern.

Das Verlassen der Heimat war ein Verrat, sein Bruder hatte es getan, es war seine Entscheidung, aber er würde weder seine Schuhsohlen noch seine nackten Füße von diesem Boden lösen. Er war nicht bloß Erde, sondern ein Haufen Gebeine – die Knochen seiner Großväter und Urgroßväter. Sein Bruder schafft in den Redaktionen des freien Europas und lockt ihn auf alle möglichen Weisen, doch nein, er hat einen Eid geschworen, dass er das leidende Bulgarien nicht im Stich lassen würde.

Sollte er dort auf einen Sprung vorbeischauen, dann nur, um seinem Bruder zu verdeutlichen, wie viel richtiger seine Position war, und dann würde er schleunigst wieder zurückkehren, um strikt die Normen auf den Feldern und in den Wäldern einzuhalten, die die Regierung von ihm verlangen würde. Niemals würde er zulassen, dass eine solche Sünde seine Seele belastete – dass er seine Heimat im Stich gelassen hatte.

“Nein“, erklärt ihm der Autor, „du denkst bloß, dass deine Fähigkeit zu leiden grenzenlos sei, doch du wirst bald sehen, dass dem nicht so ist, und wenn du selbst zu dieser Erkenntnis gekommen bist, wirst du vielleicht schon tot sein.”

„Gut. Tot, aber zu Hause“, ist die wahnsinnige Antwort des Wahnsinnigen. Der Eifer, mit dem der Aristokrat die Arbeitsnormen erfüllt, ist wiederum ein Teil seiner Loyalität zum Staat, er macht sogar Notizen: Heute, das und das Datum – Tabakernte, nächstes Datum – Tomatenernte. Mit sperlinghafter Leidenschaft flattert der Aristokrat, und manchmal ist er sogar so gelöst, dass er zur Offenheit neigt.

Dann wünscht er sich die Heimat zurück, so wie sie war, bevor man ihn eingekerkert hat, und verlangt auch nach seinem Frack. “Mache doch mal dem gemeinen Volk begreiflich, was dieses bourgeoise Überbleibsel bedeutet, und warum der Zylinder eine bessere Kopfbedeckung ist als die Schirmmütze.”
Die Geschichten zerreißen das Gehirn des Autors, jede einzelne von ihnen ist bereits ein Teil seines unglückseligen Hirngelees. Er träumt davon, wie er sie niederschreibt, danach liest er sie, als ob sie ihm im Traum erschienen wären. “So ein Durcheinander”, versucht er im Stil von Hadschi Ahil zu scherzen.

Sie lassen ihn in seiner ganzen Existenz erschauern, eine fiebrige Existenz, vor seinem inneren Auge sterben so viele Menschen, und er wartet und wartet, dass diese Qual vorbei geht, oder dass es ihm wenigstens leichter ums Herz wird. Er war so fleißig, als ob ihn jemand mit dem Schreiben dieses Buches beauftragt und sogar eine Frist gesetzt hätte, also beeilte und sputete er sich. Nein, das würden keine Perlen vor die Säue, das Manuskript würde ein besseres Los haben als er, doch musste er zuerst die Lager und die Kerker dreschen, um die Samen für den Wald zu sammeln, den er pflanzen würde; der Wald, der das Unwetter gebären würde.

Dennoch musste der Autor gestehen, dass nicht er der Erste gewesen war, der von Nedas Glück erfahren hatte, oder zumindest von dem, was sie unter Glück verstand. Der Aristokrat war derjenige gewesen. Ach, dieses sein Taktgefühl, das einen veranlasste, leise zu sprechen, der Dame die Tür zu öffnen und hinter ihr zu schließen, auch wenn es die Tür eines Hühnerstalls war.

Gewöhnlich suchten die Opfer den Autor selbst, um ihm ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Er war eine Art Safe für geheime Geschichten; immer suchten sie nach ihm, vielleicht spürten sie, dass er etwas mit ihnen anzufangen wusste. So war es auch mit Neda, die wegen ihrer „Spionageverbindungen“ zwangsweise hier weilte. Gott weiß, wie sich jemand an ihre Liebesbeziehung zu einem Flüchtling erinnern konnte, der sich obendrein einer lebenslangen antibulgarischen Propaganda bei einem fremdländischen Radiosender verschrieben hatte, und schon war sie eine von ihnen.

Neda, die sich im selben Rhythmus mit dem Aristokraten bückte, um die Ernte einzusammeln, flüsterte ihm selbstvergessen zu:
“Er ist abgereist, mein Liebster ist abgereist, verstehst du, er ist gerettet, und es gibt kein größeres Glück für mich.”

Es war sehr amüsant, denn der Aristokrat akzeptierte die Flucht überhaupt nicht als Rettung:
“Ich denke nicht, nein, ich denke nicht, mein Fräulein, dass er richtig gehandelt hat. Sie können ihn weiterlieben, selbstverständlich; wenn Sie wollen, dann lieben Sie ihn ganz viel, aber die Fakten liegen auf der Hand. Das Verlassen, das Entwischen der Notwendigkeit ein Bulgare zu sein kann nicht eine gute Tat sein.”

“Oh nein, dort ist er immer noch ein Bulgare, ich habe ihn im Radio gehört, er spricht über uns”, das Fräulein war so trotzig wie er und wollte überhaupt nichts mehr hören. Sie war vielleicht irgendwo im Obstgarten, wo sie Äpfel pflückte, und nachts – Sterne.

Es waren nur wenige Tage vergangen, seitdem diese neue „Kapitalistin“ das Nomadenlager mit ihrer Anwesenheit bereichert hatte.

“Was machst du hier, Mädchen?“, fragte sie sogleich ein kleines, äußerst höfliches Männlein, eine Handbreit groß, aber mit einem ellenlangen Verstand. „Das ist doch keine Arbeit für dich!”

Dann fing es an, sonderlich verbissen und vergrämt die Zuckerrüben aus der Erde zu rupfen, um vielleicht auch ihre Arbeitsnorm zu erfüllen. Das Männlein war außerordentlich klein und plumpste buchstäblich in den Schlamm – sie flossen förmlich ineinander, denn es hatte eh die Farbe von Hirsebier – und fragte sie manierlich:

“Hast du schon von Mara Ratscheva gehört?” Wenn es nicht nach jemandes Meinung über den Tolstoismus fragte, dann fragte es unbedingt nach Mara. „Bravo, das ist ja so, als kanntest du Rayna Knyaginya nicht.“ Nedas „nein“ hatte ihn tief beleidigt. „Ihr könntet beide sogar Altersgenossinnen sein, wie alt bist du? Siehst du, ihr seid wirklich fast gleich alt.” Das Männlein klatscht in die Hände, dass der Schlamm spritzt.

Es lauert Neda neben der Baracke auf, und noch am selben Abend will es ihr von einer Liebe erzählen. Der Autor ist selbstverständlich auch in der Nähe, er muss allgegenwärtig sein, wenn er ein Geschichtenbote sein will. Aus purem Egoismus verhindert er die Worte des Männleins nicht, die ein fürchterliches Chaos in Nedas Seele anrichten werden. Denn das Wort “Liebe” ist ja für sie die Erklärung für all das, was mit ihr geschehen ist, und dennoch: Ist es Liebe, wenn man verlassen wird? Eine Verneinung bedeutete für sie ein augenblicklicher Zusammenbruch.

Und der Autor weiß ganz genau, was der Tolstoist erzählen wird: Er wird über Maras Wunden berichten, ausführlich und trostlos, aber er wird nicht schuld sein, wenn Neda durch seine Worte in Ohnmacht fällt, denn er weiß nicht das, was der Autor über Neda weiß. Das ist ihm bewusst, doch er hält den Tolstoisten nicht auf, er versteckt sich im Schatten des Baumes und wartet darauf, die Geschichte von Neuem zu hören, damit er keine Einzelheit verpasst.

Der Autor hat nicht die Kraft, der Verlockung zu widerstehen und seine Hand gegen den Mund des Tolstoisten zu erheben, der sich zum Erzählen anschickt. “Halt, sie darf ihre eigenen Schrecken nicht immer und immer wieder erleben“, nein, der Autor sagt es nicht; er spitzt die Ohren und bereitet sich aufs Zuhören vor. Nun hat nur die folgende Geschichte eine Bedeutung.

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