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Auszug aus “Die Geschichte der Weltliteratur, erzählt für Kinder und Jugendliche” von Vladimir Janev – Teil II

10 Juni, 2009 von dessislava · Keine Kommentare

Vladimir Janev
Übersetzung: Dessislava Georgieva


Foto: zedzap

Die antike indische Literatur

Lasst mich nun vom Wesentlichen im „Mahabharata“ erzählen.

Könnt ihr den Namen aussprechen? Es ist etwas schwierig, oder?!
Eigentlich bedeutet der Titel „Die große Erzählung vom Geschlecht der Bharata“. (Wir sagten ja bereits, dass Bharata der berühmteste König in der hinduistischen Antike war.) Einer dieser Nachfahren, der König Pandu, hinterließ nach seinem Tod fünf kleine Söhne. Zum Regieren waren sie noch zu jung, weshalb Pandus Bruder den Thron bestieg. So sollte es sein, bis die Jungen groß geworden waren und einer davon das Land beherrschen konnte.

Doch ihr Onkel hatte ganze hundert Söhne, die die königlichen Erben beneideten, und so beschlossen sie, sie zu vernichten. Und was war ihr Plan? Sie errichteten ein herrliches Haus aus Holz, brachten die fünf Brüder darin unter, und in der Nacht zündeten sie es an, um die verhassten Rivalen zu verbrennen. Doch die Nachkommen von Pandu, die Pandavas genannt wurden, retteten sich durch einen unterirdischen Tunnel und verließen das Land. Sie fürchteten, dass die hundert Brüder, genannt Kauravas, alles tun würden, um sie umzubringen.

Lange irrten die Pandavas geächtet in der Welt herum. Endlich gelangten sie in ein Land, dessen König verkündete, dass er seine Tochter demjenigen zur Frau geben würde, dem es gelinge, einen Pfeil von einem riesigen Bogen abzuschießen. Arjuna, der präziseste Schütze unter den Pandavas, spannte den Bogen und durchdrang mit dem Pfeil das Auge eines Goldfisches, der an einer sich drehenden Scheibe befestigt war. Was für eine Genauigkeit! Der König hielt sein Versprechen und gab Arjuna seine Tochter zur Frau. Und nicht nur ihm, sondern allen fünf Brüdern.

Seltsame Dinge geschehen auf der Welt, und noch seltsamere in der schöngeistigen Literatur. Deshalb ist sie ja schöngeistig: etwas ausgeschmückt, etwas übertrieben. Damit es interessanter wird, damit die Wahrheit erkannt und nicht vergessen wird.

Es schien, als wären die Leiden des Pandavas vorbei. Schön und gutherzig war die Königstochter, und ihr Vater konnte sich nicht genug über die fünf Helden freuen. Als ihr Onkel dann auch noch erfuhr, dass sie noch am Leben waren, gab er ihnen die Hälfte des Königreichs.

So weit, so gut. Aber die Kauravas gaben sich mit dieser Entscheidung nicht zufrieden. Und das heckten sie aus: Sie lockten einen der Brüder zu einem Würfelspiel. Der leichtgläubige Pandave verlor gegen die Betrüger. Und wie es die Wette besagte, mussten Pandus Söhne ihre Heimat für zwölf Jahre verlassen, um im Anschluss noch ein Jahr lang irgendwo zu leben, ohne erkannt zu werden.

Es gab keinen anderen Ausweg, und so verließen die unglückseligen Brüder erneut ihre Heimat. Ganze zwölf Jahre verbrachten sie in fremden Ländern, unter fremden Menschen. Im dreizehnten Jahr wurden sie Diener eines Königs. Niemand erfuhr von ihrer wahren Herkunft, und als die gierigen Kauravas den König überfielen, stießen die tapferen Jünglinge sie zurück.

Zwischenzeitlich war die Frist ihrer Strafe abgelaufen, und sie wollten erneut in ihr väterliches Königreich zurückkehren. Die arglosen Pandavas glaubten, dass alle Menschen ihr Wort hielten, denn für sie war dies selbstverständlich. Ihre Feinde jedoch brachen ihr Versprechen.

Schnell wurde klar, dass nur ein Krieg die Kauravas dazu bringen konnte, ihre Zusage gegenüber den fünf Brüdern zu erfüllen. Auf das Schlachtfeld nahe Delhi , der heutigen Hauptstadt Indiens, stürmten unzählige Krieger, tausende Streitwagen, Pferde und Elefanten. Ja, ja, Kampfelefanten! Diese riesigen Tiere aus vergessenen Zeiten wurden von den Hindus als Arbeitstiere auf dem Feld und im Wald genutzt, aber auch als Transportmittel und im Krieg.

Augenblick, jetzt werde ich euch eine Geschichte von den Elefanten erzählen. Man sagt, sie seien feindselige Tiere, die sich früher oder später für alle Bosheiten rächten.

Der König von Indien schenkte seinem fremdländischen Freund einen Elefanten. Jung und stark war dieser Elefant, er liebte die Menschen, die ihn gut behandelten, er liebte die Spaziergänge durch die Felder und Wälder, und am allermeisten liebte er eine Elefantenkuh, von deren Seite er niemals wich. Deshalb trauerte er im fernen Land, doch niemand verstand seinen Kummer.

Bald darauf zerstritten sich die Herrscher jedoch, und deren Armeen traten gegeneinander an. Plötzlich erblickte der einst verschenkte Elefant seine Elefantenkuh im gegnerischen Heer. Er warf seinen Reiter ab, verdrängte die gesamte Kampfreihe und stürzte zu der Geliebten aus seiner Jugend. Auch sie erkannte ihn und rannte auf ihn zu! Die Elefanten verflochten ihre Rüssel ineinander und stürzten zu Boden in einer Umarmung, die niemand auseinanderbringen konnte. So starben sie.

Würdet ihr das etwa feindselig nennen?! Feindselig sind nur die Menschen, die diese sanften Wesen in Kampftiere verwandeln.

Doch lasst uns nun unsere Geschichte vom „Mahabharata“ fortsetzen.

An der Spitze der Armee der Pandavas stand Arjuna, der Tapferste unter den Tapferen und der Gerechteste unter den Gerechten. Er schreckte vor keiner Gefahr zurück, doch als er im gegnerischen Heer viele Verwandte und Freunde wiedererkannte, warf er entsetzt seine Waffe nieder: „Ich werde nicht kämpfen!“

Die Geschichte der Welt würde wohl ganz anders und viel glückseliger lauten, wenn alle Menschen wie Arjuna wären!

Ich kann nicht sagen, ob die Gegner ebenso gehandelt hätten, doch aller Wahrscheinlichkeit nach hätten die bösartigen Kauravas weder ihrem Heer einen Rückzug erlaubt, noch den Brüdern ihren Anteil freiwillig zurückgegeben.

Doch das war auch gar nicht notwendig, denn Gott Krishna mischte sich ein. Lang und breit erklärte er Arjuna, weshalb er kämpfen müsse. Seine Lehren sind unter der Bezeichnung „Bhagavad Gita“ bekannt, was „der Gesang Gottes“ bedeutet. Das ist einer der heiligen Texte des Hinduismus, der religiösen Lehre der Hindus. Weise und poetisch sind die Verse darin.

In ihnen geht es nicht nur um den Krieg, sondern um all die Dinge, die im menschlichen Leben passieren. Deshalb behauptete man schon damals, dass Krishna im „Mahabharata“ die Bedeutung der Lebensziele des Menschen aufgezeigt habe:

Dharma: Sitten und Moral
Artha: Wohlstand und Erfolg
Kama: Liebe
Moksha: Erlösung

Ihr müsst wissen, dass Krishna Arjuna nicht befahl, was dieser zu tun hatte, obwohl er ein Gott war. Er wies ihm nur den Weg zur Wahrheit und vollendete seinen Rat:

Ich vertraute dir die Erkenntnis an,
die das Geheimnis der Geheimnisse offenbart.
Überdenke sie bis zum Schluss,
doch handle, wie du es für richtig hältst.

Seht ihr, der Mensch soll zwar viel über die Welt wissen, doch er ist frei in seinen Entscheidungen und Handlungen.

Jedenfalls überzeugte Kishna Arjuna davon, seine kriegerische Pflicht zu erfüllen. Er redete ihm ein, dass es für einen kühnen Mann Ehrensache sei, seine Tat zu vollenden, solange sie noch wahrhaftig gerecht sei.

Und so flammte die schreckliche Schlacht auf…
Achtzehn Tage dauerte sie, in beiden Heeren kamen unzählige Soldaten und große Krieger ums Leben. Alle hundert Kauravas fielen im Kampf, und von ihrem Millionenheer überlebten bloß drei. Das war ein großer Erfolg für die Pandavas, und so fielen die Sieger beruhigt in einen tiefen Schlaf. Doch in der Nacht drangen die letzten drei Krieger der Kauravas in ihr Lager ein und töteten alle außer den fünf Brüdern, Krishna und einem weiteren Krieger. Erst dann wurden sie bemerkt und vertrieben.

Die Gerechtigkeit siegte. Die Brüder konnten erneut über ihr Land regieren.

Sie herrschten gerecht und friedliebend und kümmerten sich um ihr Volk, doch sie konnten nie den Verlust aus der entsetzlichen Schlacht verschmerzen. Deshalb überließen sie Arjunas Enkelsohn den Thron und verließen das Königreich. Sie wollten die Götter um Rat bitten, um von nun an ein frommes Leben zu führen.

So machten sich die Brüder zum höchsten Berg der Welt auf, dem Himalaya, doch sie kamen zwischen den hohen, vereisten Gipfeln um. Nur einer von ihnen überlebte und erreichte endlich Indra, den König der Götter.

Der mächtige, allsehende Indra wusste von der Tapferkeit und Tugend des Pandaven. Deshalb erhob er ihn hinauf in den Himmel zu den anderen Göttern und glückseligen Menschen. Doch der Held entsagte diesem glücklichen Leben. Für sich selbst wollte er nichts, denn er trauerte um seine Brüder und Verwandten, die sich im düsteren Königreich der Toten quälten.

Ohne dem Himmel nachzuweinen, machte sich der Held tapfer in die Hölle auf, denn er zog es vor, das Leid mit seinen geliebten Menschen zu teilen statt in der Glückseligkeit zu vereinsamen. Doch, oh Wunder! Schon bei seiner Ankunft löste sich die ewige Finsternis auf und im neugeborenen Licht erschienen seine Brüder, ihre wunderschöne Frau, ihre tapferen Freunde.

Von nun an sollten sie im ewigen Licht leben, zusammen mit den gerechten Göttern und Menschen.

Das Ende von „Mahabharata“ ist glücklich. So endet fast jede Geschichte. Doch denkt nicht, dass das große Epos der Hindus eine gewöhnliche Geschichte ist und ihr begriffen habt, wenn auch in groben Zügen, was dieses umfassende Werk für eine Bedeutung hat. Die Sache ist die, dass ein erheblicher Teil davon nicht mit der wesentlichen Geschichte über die Leiden und Siege der Pandavas verbunden ist.

Die Sage besteht aus verschiedenen Mythen, Legenden, Erzählungen, Fabeln, Lehren und Gedanken, die die Helden auf ihrem Weg sammeln. Das verwandelt „Mahabharata“ in eine poetische Enzyklopädie des Lebens, der Bräuche und des Glaubens der antiken Menschen. Vermutlich habt ihr eine Vorstellung davon, was eine Enzyklopädie ist: Sicherlich habt ihr schon mal diese dicken Bücher durchgeblättert, in denen unser Wissen über die verschiedenen Bereiche des Lebens versammelt ist.

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