Vladimir Janev
Übersetzung: Dessislava Georgieva

Foto: zedzap
Die antike indische Literatur
Viele Geschichten in dem dichterischen Werk sind noch bis heute bekannt. Lasst mich euch eine davon erzählen: „Die Sage von Nala und Damayanti“.
Sie handelt von dem jungen König Nala. Er war ein schöner Mann, und die Schönste unter den Schönen war Prinzessin Damayanti. Alle, die sie kannten, behaupteten, dass sie füreinander geschaffen seien. Der goldgeflügelte Schwan, ein Gesandter von König Nala, drückt das poetisch aus, indem er zur Prinzessin sagt:
Du, eine Perle unter den Frauen, und Nala unter den Männern,
in eine Krone vereint beide Achat-Steine.
Ihr versteht, dass sich der Jüngling in Damayanti verliebt hatte. Wie sollte es auch anders sein, wenn sogar die mächtigen Götter ihrer Schönheit nicht widerstehen konnten und beschlossen, um ihr Herz zu buhlen. Doch als sie Nala erblickten, verloren sie jegliche Hoffnung auf Sieg. Deshalb halfen sie ihm, das wunderschöne Mädchen zu erobern. Damayanti wurde seine Frau.
Auf der ganzen Welt gab es kein Paar, das schöner und verliebter war als sie!
Doch erweckte das den Neid eines eifersüchtigen Gottes. Durch einen Hinterhalt unterwarf er Nalas Königreich und vertrieb den unglückseligen Jüngling. Er hoffte, dass Damayanti nun ihm gehöre, aber die ergebene Frau folgte ihrem Mann. Doch Nala flüchtete vor ihr.
Dazu muss ich euch sagen, dass der böse Gott ihn nicht nur seines Königreichs, sondern auch seines Verstandes beraubt hatte. Dieses Unglück ließ Nala seine Herkunft und Vergangenheit vergessen.
Doch Damayanti vergaß ihn nicht. Lange Jahre suchte die Schönheit ihren geliebten Ehemann in der ganzen Welt, überwand unglaubliche Hindernisse, meisterte die größten Gefahren.
Die Macht der Liebe siegte: Die Königin fand ihren Mann, gab ihm sein Gedächtnis zurück und vertrieb die bösen Dämonen aus ihm.
Nach so vielen Abenteuern erlangten Nala und Damayanti endlich ihr Glück, das für sie nun noch wertvoller geworden war, weil sie es mit ihren Leiden bezahlt hatten. Weise sind die abschließenden Belehrungen im Poem:
Und begreife, Mensch, dass es nichts Ewiges gibt,
sei bereit, ohne Gier zu geben und zu nehmen.
Jetzt, da du das heilige Poem angehört hast,
soll weder Verzagen noch Wut dich überkommen.
Selbst wenn du leidest unter unguten Sternen,
mit Geduld erwarte deine Stunde und besiege!
Jene, die lauschen dem Poem, oder es
gar selbst erzählen, entkommen dem Unheil.
Deren Wünsche das Schicksal erfüllt,
und ein jeder auf der Welt sie lobpreist.
Jetzt versteht ihr, warum man sagte:
Was auch immer ist in dieser Versschöpfung,
so existiert es irgendwo.
Was nicht ist in ihr, mein Freund, so wisse,
das existiert nirgendwo.
Der letzte Vers ist vielleicht etwas übertrieben, doch noch heute ist dieses Poem für die Hindus das weiseste auf der Welt. Und immer mehr Menschen begreifen, dass dieses großartige Werk ein Stolz für die gesamte Menschheit ist.
Dazu zählt auch das Epos „Ramayana“.
Dabei ist es unbedeutend, dass es viermal kleiner ist als „Mahabharata“, denn auch darin verbirgt sich eine Vielzahl interessanter Abenteuer und herrlicher Helden.
Die wichtigste Figur darin ist Rama. Schließlich ist auch das Epos nach ihm benannt, denn in der Übersetzung bedeutet es „die Taten Ramas“!
Dieser Jüngling heiratete die strahlend schöne und sanfte Prinzessin Sita. Sie lebten friedlich und sorgenfrei. Rama war ein Königssohn und sein Vater wollte bald den Thron an ihn abtreten. So wäre es geschehen, wenn die zweite Frau des Königs diesen nicht daran erinnert hätte, dass er ihr zwei Versprechen gegeben habe.
Was waren das für Versprechen?
Der Vater musste Rama für vierzehn Jahre aus der Heimat verbannen, und das Königreich sollte ihr Sohn bekommen. Der König hatte keine Wahl und hielt sein Wort…
Rama, seine Frau Sita und sein treuer Bruder Lakshmana zogen sich in die tiefen Wälder zurück. Dort führten sie ein ärmliches Leben, umgeben von ständigen Gefahren. Fern von der Heimat und dem Schloss erfuhren sie auch nichts von dem Tod des alten Königs. Eines Tages stattete ihnen der Sohn der Stiefmutter Ramas einen Besuch ab und bot dem wahren Thronfolger offenherzig an, zurückzukehren und über das Königreich zu herrschen. Doch Rama lehnte es ab, den väterlichen Willen zu brechen. Er umarmte den ehrlichen Mann, schickte ihn weg, und dieser verfluchte seine böse Mutter. Überhaupt war Rama glücklich und alle liebten ihn, trotz seines Unglücks.
Nein, nein, das stimmt nicht ganz! Er wurde von jenen geliebt, die einen Sinn für das Schöne und Gute hatten. Doch es gab auch Menschen, die ihn beneideten, und am meisten hassten ihn die hinterhältigen Dämonen, die immer wieder von dem Helden besiegt wurden. Auch eine scheußliche Frau hasste ihn. Sie hatte sich in ihn verliebt, doch Rama hatte nur Augen für seine wunderschöne Sita.
Deshalb wollte die zurückgewiesene Unglückliche seine Frau vernichten. Es gelang ihr nicht, denn der wachsame Lakshmana erblickte sie und schnitt ihr mit einem Schwertschlag Ohren und Nase ab. Die hässliche Frau wurde noch hässlicher.
Doch sie war die Schwester des zehnköpfigen Dämons Ravana. Sie klagte ihm ihr Leid und verlangte eine grausame Rache. Auch die einst von Rama besiegten Dämonen baten ihren König, den Todesfeind zu bestrafen, doch es verging einige Zeit, bis deren Klagen alle zehn Köpfe erreicht hatten. Das Ungeheuer musste nicht lange überzeugt werden – es war ja für böse Taten geschaffen. Obendrein hatte Ravana die strahlend schöne Sita gesehen und seine Leidenschaft für sie entfacht.
Offensichtlich lag das in der Familie: die Schwester verliebte sich in Rama, der Bruder in dessen Frau. Widerlich wie sie waren, wollten sie sich auch noch mit den göttlichsten unter den Menschen messen!
Der zehnköpfige Dämon packte die Schönheit, breitete seine gewaltigen Flügel aus und brachte sie in sein Königreich. Anfangs hatte die arme Sita schreckliche Angst, doch dann fing sie an, ihren Schmuck und ihre Kleidung abzuwerfen. (Die Legende besagt, dass daraus die wunderschönen Inseln rund um Indien entstanden seien.) Ihr wundert euch wieso, nicht wahr? Oder habt ihr bereits begriffen, dass die Frau auf diese Weise ihrem Mann den Weg wies?
Sie blieb ihm auch in der schweren Zeit der Gefangenschaft treu.
Der König der Dämonen versteckte sie vor den menschlichen Blicken und stellte fürchterliche, einbeinige Monster mit drei Augen als Wachen auf. Aber noch abscheulicher waren die grimmigen Frauen Ravanas, die die Gefangene grausam quälten. Ihr Gebieter sagte Sita ohne Umschweife, dass sie seine Frau werden müsse. Ravana wurde sehr wütend, als sie ablehnte, und gab ihr ein Jahr Bedenkzeit. Sollte sie ihre Meinung nicht geändert haben, würde er sie töten.
Währenddessen folgten Rama und seine Freunde bereits den Spuren der entführten Schönheit. Doch sie hatten nicht die Flügel der Dämonen, und als sie plötzlich vor dem riesigen Indischen Ozean standen, erschraken sie: wie sollten sie die Insel Ravanas erreichen?! Zum Glück kam ihnen der König der Affen zu Hilfe. Rama war mit den guten Tieren verbündet, und zusammen bauten sie eine Brücke über den Ozean bis zum Königreich des Dämons.
Eine bittere Schlacht loderte zwischen Ravanas Verbündeten und den Kriegern Ramas auf. Darin kamen viele Helden ums Leben, und viele tapfere Männer erlangten Ruhm. Plötzlich neigte sich der Sieg auf die Seite der Dämonen: Ravanas Sohn gelang es, Lakshmana und Rama selbst mit seinen Schlangenpfeilen tödlich zu verwunden. Unendlich war die Trauer ihrer Freunde und sie verabschiedeten sich schon von ihnen, denn sie glaubten sie dem Tode geweiht. Doch der ergebene König der Affen wusste, wo heilende Gräser wuchsen, mit denen er die Wunden der verletzten Brüder verband. Sie erwachten wieder zum Leben. Gestärkt stürzten die tapferen Männer erneut in den Kampf. Lakshmana tötete den Bruder und den Sohn des zehnköpfigen Dämons.
Und dann betrat Ravana selbst das Schlachtfeld.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er neugierig die Schlacht beobachtet. Er jubelte über den Untergang der Feinde, bedauerte die Niederlagen seiner Untertanen, ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen. Auch der Tod seines Bruders und Sohnes rührte ihn nicht besonders.
Dieses Ungeheuer konnte sich kein Leben ohne Grausamkeiten und Bluttaten vorstellen. Obendrein hatte ihn ein Gott unverwundbar für die Götter gemacht. Der böse Ravana hatte nicht nur einmal seine Brüder verhöhnt, erniedrigt und verfolgt. Er vergab auch seinen Wohltätern nicht. Die armen Götter konnten sich nicht widersetzen, denn seine Macht war größer als ihre.
Größer als ihre göttliche Kraft vielleicht, aber nicht größer als die menschliche Kraft Ramas!
Der große Held richtete sich vor dem hochmütigen Dämon auf, schwang sein Schwert und da flog schon ein Kopf. Es folgte der zweite, dann der dritte… Rama hackte alle zehn Köpfe ab, doch was passierte da? An deren Stelle wuchsen augenblicklich doppelt so viele!
Das zwanzigköpfige Ungeheuer brüllte vor Wut und Bosheit. Das Gebrüll war so laut, dass Himmel und Erde erzitterten, als würden sie gleich auseinander brechen!
Die entsetzten Götter versteckten sich, um den Untergang ihres geliebten Menschen nicht mit ansehen zu müssen. Einzig und allein Rama fürchtete sich nicht. Er spannte seinen Zauberbogen, feuerte einen gewaltigen Feuerpfeil ab und durchbohrte Ravanas Herz. Der Dämon brach zusammen, stürzte seine zwanzig hässlichen Köpfe auf die blutige Erde nieder, und dann flammte der riesige Rumpf auf, wurde zu Asche und ließ nichts übrig von der Grausamkeit und Hinterlist.
Doch hier endet die Geschichte noch nicht.
Als die gerettete Sita zu ihm gebracht wurde, beschuldigte Rama sie vor allen seinen Kriegern des Ehebruchs. Er könne ihre Treue nicht anerkennen, denn sie habe sich der Macht und dem Reichtum Ravanas hingegeben. Da rief Sita das göttliche Gericht herbei: Sie errichteten einen riesigen Scheiterhaufen aus vertrockneten Ästen, zündeten ihn an, und sie warf sich mutig in die Flammen. Doch sie blieb unversehrt. So bewiesen die mächtigen Götter ihre Unschuld und Reinheit.
Der Held umarmte sie und verkündete laut, dass er selbst nie an Sita gezweifelt habe, jedoch auch alle seine Krieger überzeugen wollte.
Wie schön wird dieser Moment im Epos beschrieben:
Und es erstrahlte neben Rama die herrliche Sita,
niemand ist schöner als sie auf dieser Welt,
so wie neben einem bläulichen Lotos eine Knospe
sich öffnet und eine goldene Blüte erblüht.
Wunderschön, nicht?!
Die glücklich Verliebten machten sich auf zu ihrer Heimat. Die vierzehn Jahre waren vergangen, und Rama bestieg ehrenvoll den Thron seines Vaters. Doch einige böse Menschen wollten keine Königin, die eine Verbindung zu den Dämonen gehabt hatte. Sie sagten, dass sich die Strafe der Götter wegen ihrer Sünden gegen sie alle richten würde, und Rama sei kein richtiger König, solange er das alles dulde.
Um es ihnen recht zu machen, vertrieb der König Sita und ihre beiden Söhne weit weg in die Wildnis der Wälder. (…)
Sita und die Kinder gingen also in den Wald, wo sie auf den Weisen Valmiki trafen. Der alte Lehrer nahm sich der Erziehung der beiden Jungen an, und sie offenbarten große Talente. Und nachdem sie zu Männern gereift waren, kehrten sie ins Schloss ihres Vaters zurück und sangen ihm die Lieder des Weisen über die Taten Ramas vor. (Einst schrieb man die Erschaffung des gesamten „Ramayana“-Epos dem legendären Valmiki zu, doch für die Gelehrten ist es eindeutig, dass es für einen einzelnen Menschen unmöglich ist, ein solch grandioses Werk zu erschaffen.)
Der gerührte König erkannte seine Söhne und schickte auch nach seiner Frau. Sie beschwor erneut ihre Unschuld. Sie wandte sich an die Götter: Zum Beweis sollte sich der Erdboden auftun und sie verschlingen. Und augenblicklich geschah genau das: Sita wurde von der Mutter Erde aufgenommen.
Dies ist das Ende dieses bezaubernden Werkes, und wir werden wahrscheinlich wieder darüber staunen. Üblicherweise haben epische, dichterische Werke, Legenden und Märchen ein glückliches Ende, üblicherweise schwören wir: „Soll mich der Erdboden verschlucken, wenn ich lüge!“
Hier aber ist es genau umgekehrt: Der Beweis von Sitas Unschuld bedeutet ihren Tod. Also ist das Ende von „Ramayana“ tragisch. Mit anderen Worten traurig, unglücklich.
Doch die unterschiedlichen Werke ähneln einander nicht. „Ramayana“ zeigt, wie das menschliche Weltbild allmählich komplizierter wurde. Die Menschen begannen zu begreifen, dass es schwer, sogar unmöglich war, während eines irdischen Lebens völlige Glückseligkeit zu erlangen. Deshalb umklammerten die Hindus den Traum vom Glück im nächsten Leben. Und tatsächlich heißt es im „Ramayana“, dass sich Rama und Sita erst nach ihrem Tod im Himmel völlig vereinen und fortan wie ein einmütiges Wesen weiterleben.
Ist das möglich? Und ist es glaubwürdig?
Glaubt es, wenn ihr wollt!
Aber vielleicht steckt das Glück in der Annahme, dass wir irgendwann, irgendwo und irgendwie glücklich sein werden.
Doch haben wir uns nicht von ziemlich komplizierten Themen ablenken lassen?! Was soll´s, es ist auch nicht verwunderlich: Sie haben schließlich auch schon die Menschen beschäftigt, die Jahrtausende vor uns gelebt haben. Eben diese Fragen haben die großartigen Antworten der Weisen und Genies der Menschheit hervorgebracht.
















2 Kommentare bis jetzt ↓
Jördis // 15 Feb, 2010 //
hey! woher kommen diese auszuege? Sie sind sehr interessant. Ich wuerde gerne mehr ueber sie erfahren. Konnte im Internet aber nichts weiter finden…
Sind sie aus einem buch? Wann wurde es veöffentlicht und in welchen sprachen? Woher sind die originale?…
Dankeschön
Dessislava // 16 Feb, 2010 //
Hallo Jördis!
Die Auszüge sind aus dem Buch “Die Geschichte der Weltliteratur, erzählt für Kinder und Jugendliche”. Ich habe sie in Absprache mit dem Autor Vladimir Janev übersetzt. Das Buch gibt es bis dato leider nur auf Bulgarisch…
Viele Grüße
Dessislava
Kommentar schreiben