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Auszug aus “Die Geschichte der Weltliteratur, erzählt für Kinder und Jugendliche” von Vladimir Janev – Teil IV

11 Juli, 2009 von dessislava · Keine Kommentare

Vladimir Janev
Übersetzung: Dessislava Georgieva


Foto: bbjee

Die antike indische Literatur

Der Überlieferung nach war Vishnu Sharma ein solcher Weiser. Ihn hatte ein mächtiger König um Hilfe gebeten, der drei ungewöhnlich dumme Söhne hatte. Der Herrscher versprach dem unvergleichlichen Kenner von zahlreichen Wissenschaften eine üppige Belohnung, wenn er es schaffte, seine Nachkommen zu bilden.

Vishnu Sharma entgegnete, dass er für keinerlei Gaben seine Kenntnisse verkaufen würde, doch er würde sie den Königssöhnen so vermitteln, dass sie anschließend alle ihre Altersgenossen überragten. Für seine neuen Schüler verfasste der Weise fünf Bücher: „Die Spaltung von Freunden“, „Das Gewinnen von Freunden“, „Über die Raben und die Eulen“, „Der Verlust des Erworbenen“ und „Törichte Taten“. Die Königssöhne lasen sie, drangen in die Lehren ein und entwickelten sich tatsächlich so, wie es Vishnu Sharma versprochen hatte.

Und seine majestätische Schöpfung heißt „Panchatantra“.

Auch wenn die Überlieferung das besagt: „Panchatantra“, das „fünf Schriften“ bedeutet, wurde wohl kaum von nur einem Menschen erschaffen, doch die Lehre über das moralische Verhalten, die die indische Weisheit schon aus der Zeit der Draviden ausgewählt hatte, sprach sich in der ganzen Welt herum.

Das großartige Buch enthält in der Tat viele Erkenntnisse, die auf eine ungewöhnlich unterhaltsame Art vermittelt werden. In seiner Komposition (Aufbau, Anordnung) werden zahlreiche Erzählungen und Gedichte verwebt, eine außerordentlich große Zahl an Helden und Geschichten wird präsentiert, und davon ist eine interessanter als die andere.

Lasst uns nur einige davon anschauen. Zum Beispiel diese:

Ein ausgehungerter Schakal vernahm ein lautes Geräusch. Sein Herz begann unruhig zu schlagen. Er wurde traurig und sagte:

„Oh weh! Das Unglück ist über mich hereingebrochen. Nun werde ich sterben. Wer macht wohl dieses Geräusch? Was ist das für ein Wesen?“

Und dann sah er eine Trommel, die einer Bergspitze ähnlich sah. Der Schakal rätselte: „Entsteht dieses Geräusch von selbst, oder wird es von jemandem ausgelöst?“ In Wirklichkeit machte die Trommel dieses Geräusch, wenn die Spitzen der Gräser sie berührten, die sich im Wind wiegten. Sie selbst war geräuschlos.

Als er näherkam, sah der Schakal, dass die Trommel zu nichts taugte; neugierig begann er, sie von beiden Seiten zu schlagen und dachte freudig: „Ja! Endlich habe ich Futter gefunden: zweifellos befinden sich darin Fleisch und Speck!“

Kaum hatte er das gedacht, durchbiss er die Trommel und kroch hinein. Sie war aus grobem Leder gemacht, an dem sich der Schakal fast die Zähne ausgebissen hatte. Als er sah, dass von der Trommel nur Holz und ein paar Lederfetzen übriggeblieben waren, verlor der Schakal jegliche Hoffnung auf Futter und sagte folgende Verse auf:

Angelockt von dem Geräusch glaubte ich
an einen fetten Bissen,
doch als ich näherkam,
begriff ich, dass es bloß Holz in Leder ist.

Und wirklich: Passiert es nicht ziemlich oft, dass wir uns von sinnlosen Dingen abschrecken lassen, oder dass wir Hoffnungen hegen, die die Realität früher oder später widerlegt?! Natürlich soll uns das aber auf keinen Fall von unseren Träumen und Handlungen abbringen.

Lest, was einem einfachen Weber widerfahren ist, nachdem er die Königstochter gesehen hatte. Im „Panchatantra“ wird dieses Mädchen auf eine zauberhafte Art beschrieben:

Sie war schmal wie ein junges Bäumchen. Anmutig und schlank waren ihre Schenkel. In unbesiegbarer Jugend blühten ihre prächtigen Brüste. Ihr Haar, dunkel wie eine Gewitterwolke, umspielte in hellen, weichen Wellen ihren zarten Hals. Der goldene Schmuck, der an ihren Ohren schwang, erinnerte an die wonnevollen Schaukeln des Liebesgottes. Wie eine soeben aufgegangene, zarte Lotosblüte, wie ein wunderbarer Traum war ihr Gesicht.

Der Weber verliebte sich sogleich in die Prinzessin. Von diesem Moment an fand er weder Schlaf noch Ruhe: Die Gestalt der Schönheit war unentwegt in seinem Herzen. Doch die Königstochter war unerreichbar für den jungen Mann, denn sie lebte im höchsten Turm des Palastes und wurde von Wachen gehütet, die bis an die Zähne bewaffnet waren.

Der beste Freund des Jünglings erfuhr von dessen Leid. Er war ein geschickter Zimmermann und schnitzte ihm einen riesigen fliegenden Vogel. Noch in derselben Nacht schwang sich der Bursche auf den Vogel und flog zum Balkon des Turms. Dort, eingetaucht im Mondschein, betrachtete die Prinzessin das Himmelsgewölbe.

Die schöne Frau fuhr zusammen, denn sie dachte, der Gott Narayana selbst sei zu ihr hinabgestiegen. Der Weber sagte, dass er tatsächlich unsterblich sei, doch er habe ihrem Charme nicht widerstehen können und müsse sich mit ihr verbinden.

Seitdem gab sich das junge Paar jede Nacht seiner heimlichen Liebe hin.

Doch gibt es auf der Welt etwas, das auf ewig verborgen bleibt!?

Die Wachen ahnten, dass die Prinzessin einen Liebhaber hatte und verrieten es ihrem Vater. Zunächst war der König richtig wütend, doch als er erfuhr, dass es Narayana selbst war, der vom Himmel zu seiner Tochter herabstieg, bändigte er seinen Zorn. Mehr noch: Er fühlte sich gesegnet und gottbegnadet.

Deshalb zuckte er nicht mit der Wimper, als mächtige Feinde das Königreich überfielen und bis zu den Festungsmauern der Hauptstadt vordrangen. Er rief seine Tochter zu sich und sagte ihr, dass sie den seligen Narayana um Unterstützung gegen die Feinde bitten sollte. Am Abend, als der Weber die Schönheit aufsuchte, übergab sie ihm die väterliche Bitte.

Er hatte keine Wahl, also versprach er es! Er konnte nicht einfach auf seinem Vogel davonfliegen und diesen Schatz von Frau nicht mehr wiedersehen: Die Angreifer würden ihren Vater töten und sie gefangen nehmen. Zöge er aber in die Schlacht mit dem mächtigen Feind, dann würde er unumgänglich seinen Tod finden. Doch auch ohne seine Geliebte würde es ja kein Leben mehr für ihn geben…

So oder so, er würde sterben. So beschloss der einfache Weber in den Kampf zu ziehen, komme was wolle.

Zur selben Zeit versammelten sich die Götter im Himmel. Lange berieten sie über die Lage und entschieden, dass sie dem Jüngling helfen mussten, denn sollte er im Kampf fallen, dann würde bei den Sterblichen das Gerücht umhergehen, dass Narayana selbst vernichtet worden sei. Dann würden alle über die Götter spotten, sie nicht mehr ehren und ihnen Gaben reichen.

Und da ging die Sonne auf. Die Kriegstrommeln ertönten, der belagerte König führte sein Heer vor die unzähligen Angreifer. Der Weber bestieg seinen fliegenden Holzvogel und führte die Krieger an. Der Atem der Feinde stockte vor Schreck, sie erstarrten auf der Stelle.

Der Bursche stürzte auf den gegnerischen König und schlug ihn entzwei. Die Feinde sanken allesamt auf die Knie und bettelten um Gnade. Der tapfere Weber begnadigte sie und ließ sie frei. Er übergab die ganze Beute seinem König und lebte fortan glücklich mit der Prinzessin.

Solche Dinge geschehen, wenn man aufrichtig liebt.

Wenn wir uns nicht mit den Umständen abfinden, dann sind auch die Götter auf unserer Seite! Natürlich dürfen wir nur nicht übertreiben und uns für besonders schlau halten wie die drei gebildeten Dummköpfe. Sie mühten sich wahrhaftig über ihren Büchern ab, doch sie glaubten dem daraus erlangten Wissen blind und pfiffen auf die Erfahrung, die das Leben bot.

Eines Tages machten sie sich mit einem Freund aus ihrer Kindheit zum Dschungel auf. Sie liefen und liefen, da erreichten sie einen Ort, an dem sie die Knochen eines Tieres fanden.

„Ich werde aus diesen Knochen ein Skelett machen“, sagte der erste Schlaukopf.

„Und ich werde seine Muskeln erschaffen, in seinen Adern wird Blut fließen, und es wird mit Haut bekleidet sein“, rühmte sich der Zweite.

„Das ist doch nichts: Ich werde ihm Leben einhauchen!“, schlug sich der Dritte auf die Brust.

„Wartet doch mal!“, wandte ihr Freund ein. „Wisst ihr denn, was ihr da zum Leben erweckt?“

„Ein Dummkopf bist du und wirst es auch bleiben!“, unterbrachen ihn die großen Gelehrten. „Wie kannst du an unserem Wissen zweifeln?!“

Da sah jener ein, dass er nicht mit ihnen fertig werden konnte, und rannte zum höchsten Baum.

Kaum war er hinaufgeklettert, da hauchte der dritte Schlaukopf dem Ungeheuer Leben ein. Es wurde zum Löwen, der die Unglücksraben im Nu zerfetzte.

Deshalb sagt man, dass Köpfchen ohne Verstand nicht ausreicht.

Und im „Panchatantra“ wird darauf bestanden, dass wir sowohl über Wissen verfügen müssen, als auch über die Fähigkeit, dieses im Leben anzuwenden. Die „fünf Schriften“ sind wahrlich weise. Es ist kein Zufall, dass die unzähligen Geschichten aus diesem erstaunlichen Buch weit verbreitet sind: in Persien, Byzanz, bis zur Türkei. In den darauffolgenden Jahrhunderten wurden sie mit außergewöhnlichem Interesse von den Menschen in Westeuropa gelesen, die zu einem wahrhaft geistigen Leben erwacht waren.

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