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Auszüge aus dem Buch „Begegnungen im Pirin Gebirge“

1 Mai, 2010 von · Keine Kommentare

von Frank Pobell

(erschienen im Projekte Verlag, Halle, 2009)

Kapitel 11. Unser Freund, der Eremit Baj Boris

Baj Boris 1

Am Ende unseres ersten Besuches bei ihm hat uns Baj Boris mit der Bemerkung verabschiedet, dass er natürlich nicht auf diesen Besuch vorbereitet war. Deshalb lud er uns zu einem weiteren Besuch an einem Nachmittag einige Tage später ein, zu dem er für uns ein Essen vorbereiten wollte.

Dieses Mittagessen war die erste große Überraschung, die wir mit Baj Boris erlebten. Was er uns anbot, hatten wir nicht von einem sich selbst versorgenden „Aussteiger“ im Wald erwartet. Zunächst gab es unmittelbar vor unserem Eintreffen hergestellten außerordentlich schmackhaften weichen Ziegenkäse.

Als Hauptgericht hatte er auf seinem Herd „Mischmasch“ zubereitet (in Bulgarien wird dieses deutsche Wort verwendet): Kartoffeln, Tomaten und Paprika aus seinem Garten, gebraten mit Eiern von seinen Hühnern. Dazu haben wir selbst gebackenes Brot gegessen. Als Getränk gab es Honig verdünnt mit Wasser und abgestimmt mit etwas Rakia (Traubenschnaps). Und schließlich haben wir gelernt, dass auch ein Eremit bei einer Einladung das Dessert nicht vergisst. Zum Abschluss gab es Creme Caramel, hergestellt aus Eiern, Ziegenmilch und karamellisiertem Zucker.

Ich war natürlich vor allem an Informationen über das Eremitenleben von Baj Boris und die ihn umgebende Natur interessiert. Er stellte sich als ein sehr guter Beobachter von Fauna und Flora heraus. Wir haben viel über die in seiner Umgebung auftauchenden Bären, Wölfe oder Schildkröten erfahren.

Er wirkte manchmal wie ein „Naturphilosoph“. Bei allen Gesprächen musste Sonja natürlich als Übersetzerin dienen. Mit seiner recht guten Allgemeinbildung und seiner großen Wissensneugier hat er aber viel lieber die Biologin Sonja in biologische Diskussionen und Fragen, z.B. über die DNA, verwickelt.

Baj Boris 2

Völlig unvermittelt hat er mir dann aber bei einem unserer nächsten Besuche über Sonja die Frage gestellt, ob ich als Physiker zustimmen würde, dass das Newton`sche Gesetz identisch zum Gesetz von Faraday sei! Ich konnte zunächst gar nichts sagen.

Ich war zu verblüfft, dass ein hier draußen im Wald lebender älterer Mann, der sicher nie eine Physikvorlesung gehört hatte und dessen Physikunterricht in der Schule, wenn überhaupt vorhanden, mehr als 50 Jahre zurück liegen musste, eine derartige Frage stellen würde. Woher kannte er die Namen dieser bedeutenden englischen Physiker und anscheinend sogar die von ihnen aufgestellten grundlegenden physikalischen Gesetze?

Ich brauchte einige Zeit, um mich zu erinnern, dass das Newton`sche Gesetz der Mechanik aussagt „Kraft = Masse mal Beschleunigung “. Noch weniger konnte ich glauben, dass ihm das Faraday`sche Gesetz der Elektrodynamik bekannt war, das für ein elektrisch geladenes Teilchen in einem elektrischen Feld aussagt, dass „Kraft = elektrische Ladung mal elektrisches Feld“ sei.

Um Zeit zu gewinnen und auch aus Überzeugung antwortete der schlaue deutsche Physikprofessor “Dass Gesetze dieser beiden Gelehrten gleich sein sollen, glaube ich nicht; denn Newton hat sich mit der Mechanik beschäftigt und Faraday hat sich mit elektrischen Vorgängen befasst. Also können doch von ihnen aufgestellte Gesetze nicht übereinstimmen“.

Nach einigem Hin- und Herfragen, erfuhr ich, dass Baj Boris tatsächlich die oben von mir genannten Gesetze meinte. Und dann kam sein großer Auftritt, als er mit der folgenden Erklärung die Richtigkeit seiner Behauptung nachwies. Dabei hat er vielleicht nicht ganz so klar argumentiert, wie ich es hier aufschreibe, aber an den von Sonja übersetzten Kern seiner erstaunlichen Aussage erinnere ich mich sehr gut.

Baj Boris 3

……………….
Ich war völlig perplex. Hier mitten im Wald leitet ein zurückgezogen lebender, letztlich doch recht einfacher Mann dem Physikprofessor eine grundlegende physikalische Gleichung her, die man in der Tat in jedem Physiklehrbuch für die geschilderte Situation eines elektrisch geladenen Teilchens in einem elektrischen Feld finden kann.

Spätestens seit diesem Gespräch habe ich eine große Hochachtung für Baj Boris empfunden. Hinzu kam sehr bald eine Zuneigung zwischen uns. Unsere Begegnungen zu Beginn unserer Urlaube wie auch unsere Verabschiedungen wurden von nun an begleitet von einem freudigen „Hallo“ und einer Umarmung.

Kategorien: Frontpage · Um die Welt

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