Frank Pobell
(erschienen im Projekte Verlag, Halle, 2009)
Kapitel 8. Die bulgarische Sprache, oder mein Problem zu verstehen, was eigentlich vor sich geht

Das kyrillische Alphabet hat seinen Ursprung in Bulgarien. Es geht zunächst auf die aus Saloniki (Solun) stammenden gelehrten Brüder Kyrill (827-869) und Methodi (815-885), Söhne einer slawischen Mutter, zurück. Sie haben diese großartige Entwicklung im 9. Jahrhundert während der Zeit des Ersten Bulgarischen Reiches (839–1018) eingeleitet.
Neben der Entwicklung der Schrift hatten die Brüder und späteren Mönche großen Einfluss auf die Christianisierung und die Entwicklung der orthodoxen Kirche. Sie, besonders Kyrill, haben 863 allerdings nicht das heutige Alphabet sondern zunächst einen Vorgänger, die glagolitische Schrift, für die Übersetzung der Bibel in eine slawische Sprache konzipiert. Diese zum Teil auf einem südbulgarischen Dialekt beruhende Schrift wurde dann in Südbulgarien und Mazedonien als Kirchenslawisch verwendet.
Das heutige Kyrillisch wurde schließlich vor allem von Kliment von Ohrid entwickelt, einem Schüler von Kyrill, der am Hof des bulgarischen Zaren Simeon des Großen im 10. Jahrhundert angestellt war. Die kyrillischen Buchstaben werden heute mit geringen Unterscheidungen in zahlreichen slawischen Sprachen Europas und Asiens verwendet; sie sind die Grundlage eines Großteils des slawischen Schrifttums. Die Arbeit der berühmten Brüder gehört deshalb ohne Zweifel zu den größten Beiträgen Bulgariens zur Weltkultur.
Man kann die Buchstaben, also das Alphabet, relativ leicht erlernen, auch wenn es einige Buchstaben enthält, die im lateinischen Alphabet nicht vorkommen oder die nur durch mindestens zwei Buchstaben aus diesem uns vertrauten Alphabet wiedergegeben werden können. Diese ungewöhnlichen Buchstaben dienen oftmals der Wiedergabe uns eher fremder Laute.
Das Erlernen wird dadurch erleichtert, dass viele Buchstaben aus dem vertrauteren griechischen Alphabet übernommen oder abgeleitet worden sind. Ich habe deshalb bald gelernt, bulgarische Wörter zu lesen. Auch die Bedeutung einiger Wörter habe ich gelernt. So kenne ich verschiedene Grußformen, kann nach dem Weg, nach Lebensmitteln oder dem Preis fragen oder die Speisekarte lesen. Mein Wortschatz ist jedoch sehr begrenzt. Vor allem aber ist die bulgarische Sprache in ihrer Struktur und ihrer Grammatik stark verschieden von westeuropäischen Sprachen. Ich empfinde sie als eine schwer zu erlernende Sprache und kann einer in Bulgarisch geführten Unterhaltung nicht folgen.
Niemand in unserem Dorf Roshen spricht oder versteht eine Fremdsprache. Ich bin deshalb im Verständnis dessen, was uns erzählt wird, nahezu vollständig auf Sonjas Übersetzungen angewiesen. Manches übersetzt sie natürlich nicht vollständig oder gar wörtlich, da es zu schnell geht oder zu umfangreich ist oder unwichtig erscheint. Manches habe ich sicherlich auch falsch verstanden oder falsch interpretiert. Deshalb gilt für alles, was ich in diesem Buch aufschreibe: “Es hat sich so zugetragen, wie ich es – meist nach Sonjas Übersetzung – verstanden habe.“
Hinzu kommt der Mentalitätsunterschied. Er erlaubt z.B. das Ansprechen dessen, was man eigentlich will, oftmals nicht so direkt wie ich es gewohnt bin, insbesondere bei finanziellen Fragen oder privaten Problemen. Dafür sind erst lange Vorreden notwendig, die sich mit etwas völlig Anderem, oftmals mir unwichtig Erscheinendem befassen. Das führt, gepaart mit dem Unverständnis dessen, worüber überhaupt gesprochen wird, zu großer Ungeduld bei mir, während Sonja das Herantasten an den Kern der Sache als angemessen empfindet.
Besonders schwierig ist es für Sonja, wenn ihr ein Bewohner des Dorfes zurück liegende Ereignisse erzählt. Ein Zweiter kommt hinzu und stellt das Geschehene ganz anders dar und schließlich gibt ein Dritter eine weitere Version zum Besten. Was also soll sie mir erzählen? Und wenn sie dann die Erzähler bittet, einzuhalten, da sie mir, dem immer ungeduldiger Wartenden, doch erst übersetzen müsse, kommt es vor, dass der Wortschwall mit der Einleitung fortgesetzt wurde “Dem brauchst Du nichts übersetzen, der versteht uns schon. Er ist Professor, also wird er doch bulgarisch verstehen!“ Manchmal bin ich unglücklich darüber, dass ich nichts verstehe. Aber manchmal bin ich auch ganz froh, ungestört vom Redeschwall erholsam meinen eigenen Gedanken nachgehen zu können.
Es ist schon eine eigenartige Erfahrung, wenn man zwei oder drei Wochen lang nur einen Gesprächspartner, nämlich meine Sonja, hat, obwohl rundherum viel und engagiert diskutiert wird.
Nur am Anfang und am Ende unserer Bulgarienaufenthalte habe ich mit Sonjas Eltern in Sofia weitere Gesprächspartner. Ihr Vater Ilia ist heute, im Jahr 2008, bereits 94 Jahre alt. Er war von 1940 bis 1944 zum Studium und anschließender Berufstätigkeit in München. Ihre Mutter ist zehn Jahre jünger und hat in den vierziger Jahren ein Jahr an einer Fachschule für Hauswirtschaft in Stuttgart verbracht.
Es ist für mich ein Phänomen, dass sie beide auch heute noch, nach mehr als 60 Jahren und in diesem hohen Alter zwar langsam aber mit nur wenig Fehlern und schwachem Akzent eine fließende Unterhaltung in Deutsch führen können; obwohl sie diese Sprache bis zu meinem Auftauchen im Jahr 1992 wohl kaum benutzt haben.
Das menschliche Gehirn und unser Gedächtnis sind ein Wunderwerk. Gerade unter älteren Bulgaren kann man immer wieder Menschen finden, die Deutsch sprechen. Deutsche Kultur und das Studium insbesondere von Medizin und Ingenieurfächer in Deutschland standen damals in hohem Ansehen. Auch heute noch ist Deutsch nach Englisch die zweit wichtigste Fremdsprache des Landes Über das Land verteilt gibt es 50 deutsche Gymnasien und 7 deutschsprachige Studiengänge an Hochschulen, die von Deutschland gefördert werden.
















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