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Ballerina

5 Februar, 2010 von Schwalbe · Keine Kommentare

Evelina Jecker Lambreva

Ballerina
Foto: Lin Pernille ♥ Photography

Sie hat mich einfach im Regen stehen lassen. Genauso, wie sie es mit dem Anderen auch getan hat. Nach der letzten Tanznacht. Vor zwei Stunden hätte ich nie gedacht, dass mir mit ihr so etwas passieren könnte. Denn wir hatten nächtelang, jahrelang zusammen getanzt. Wir schwangen uns in heisse Salsa-Partys, wir hoben ab, vom Tango in die pure Leidenschaft getrieben, wir stampften wild Flamenco.

Als sie später in ihrer Dachwohnung von mir runter stieg, atmete ich lange im Dunkeln den Aprikosenduft ihrer weichen Füsse mit den knallrot lackierten Zehen. Und wie sie mich berühren konnte! Manchmal glitten ihre Finger zärtlich, sanft und behutsam über meinen Schaft. Ein anderes Mal, wenn ich sie zu fest gedrückt hatte, packte sie mich mit festen Händen von hinten und stiess mich mit einem Seufzer der Erleichterung von sich weg.

Immer stand ich ihr zur Verfügung und wartete geduldig, bis sie wieder nach mir griff. Ich wusste, sie würde es wieder tun, denn mit mir fühlte sie sich sicher und selbstbewusst. Ich gab ihr einfach Halt. Mit mir zusammen haben alle sie bewundert, das war ihr aufgefallen. Deshalb wurde ich den anderen immer wieder vorgezogen. Dass sie das alles plötzlich vergessen hatte?

Sie rannte wie jede Samstagnacht über die Strasse, um die letzte S-Bahn nicht zu verpassen. Sie schaffte immer alles in letzter Minute, das war ich mir gewohnt. Jetzt aber stolperte sie über mich, wankte und wäre fast hingefallen. Wütend zischte sie «Ach, du Scheisse!» - und gab mir einen Tritt. Ohne zu überlegen, raffte sie ihren langen weissen Rock von beiden Seiten zusammen, hob ihn an bis zu den Knien, und ihre nackten Füsse planschten hastig durch eine Pfütze an mir vorbei.

Ich schaute ihrer weissen, vom Regen völlig durchnässten Seidenbluse nach. Wie eine zweite Haut hatte sie sich an ihrem Oberkörper festgesaugt. Ihr blondes Haar klebte am Kopf fest - еin Bündel nasses Stroh, gestützt von zwei gehobenen, runden Schultern, wie zusammengefaltete Engelsflügel. In der blassen Beleuchtung der Strassenlampe schimmerte ihre Silhouette kurz auf.

Dann wurde sie von den Schatten der Wildkastanien die Treppe hinunter verschluckt.

Nun wird jemand anders mich ersetzen. Ab morgen wird ein Neuer meinen Platz in ihrem Leben, in ihren Nächten und bei ihren Tänzen einnehmen.

Jetzt hocke ich auf der Strasse, bei diesem Hundewetter, leer und bedeutungslos, verlassen und verachtet wie ein Verbrecher. Nur weil ich dieses eine Mal ihrem Tempo nicht folgen konnte und mit meinem Absatz im Loch eines Kanaldeckels stecken blieb. Vielleicht bin ich schon zu alt für sie. Ein alter ausgedienter Ballerinaschuh.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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