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“Ballett hat mir nur Pluspunkte gegeben”

2 Dezember, 2014 von · Keine Kommentare

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Ein Gespräch von Tsvetelina Mareva mit Viara Natcheva –
erster Solotänzerin der Staatsoper Berlin “Unter den Linden”

Viara Nacheva; 1.Solistin; Staatsballett Berlin MŠrz 2009

Viara, warum haben Sie sich entschlossen, sich mit Ballettkunst zu beschäftigen?

Ich habe angefangen, Ballett zu tanzen, weil das immer mein Wunsch und meine große Liebe war. Ich habe immer geliebt zu tanzen und mich zu bewegen. Als ich klein war, hat mein Vater zu Hause Yoga gemacht und ich habe im Wohnzimmer mitgemacht. Jeden Morgen hat er seine Übungen gemacht und mir hat es sehr gut gefallen – Spagate und alle Posen, Frösche usw. zu machen. Ich fand großen Spaß daran. Noch dazu habe ich mich sehr für rhythmische Sportgymnastik interessiert.

Damals gab es in Bulgarien eine unglaublich starke Mannschaft. Die haben alle Goldmedaillen von den großen Wettbewerben aufgeräumt. Ich war von unseren „goldenen Mädchen” begeistert und  wollte sie imitieren. Ich habe mit Bällen, Ringen zu Hause gespielt, ich wollte auch Gymnastikerin werden. Sowieso konnte ich alles mit den Spagaten und den Yogaübungen:)

Ich bin in der kleinen Stadt Vidin geboren. Sie liegt an der Donau in Bulgarien und damals gab es da keine Möglichkeit Kunstgymnastik zu lernen.  Doch glücklicherweise hat sich ergeben, dass es in meiner Stadt  Ballettunterricht gab, also keine richtige staatliche Ballettschule, aber man hatte die Möglichkeit die ersten Schritte zu machen, auf Spitzen zu stehen und eine kleine Prinzessin zu sein.  Ich war sehr glücklich. Meine Lehrerin Katya Angelova hat zu meinen Eltern gesagt, dass ich großes Talent habe und dass ich unbedingt die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Ballettschule in Sofia ablegen solle.

Nun das war eine große Entscheidung für meine Eltern, weil meine Mutter Direktorin in einem großen Programmzentrum war und ihre Arbeit in Vidin kündigen sollte, damit sie mit mir in die große Stadt kommen konnte. Sie hat es aber gemacht und ich bin zur Prüfung an der Ballettschule gegangen. Es gab viele Kinder, über 500. Die Prüfung war in 3 Runden,  sehr schwer, mit medizinischer und musikalischer Prüfung. Ich habe es glücklicherweise geschafft und habe dann diesen Studiumplatz bekommen.

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Wie und warum haben Sie sich entschlossen, Ihr Talent im Ausland zu entfalten?

Die staatliche Ballettausbildung dauert 8 Jahre. Jedes Jahr gibt es eine Prüfung und wenn man nicht gut genug ist, dann darf man nicht weitermachen. Zum Glück habe ich alle Prüfungen bestanden. Es war nicht immer leicht. Ich habe es ausgezeichnet geschafft und durfte am internationalen Ballettwettbewerb in Varna teilnehmen. Das war eine gute Chance für die Zukunft,  weil wenn man Erfolg hatte, konnte man einen guten Arbeitsplatz in einem Ballett-Theater bekommen.

Ich bin meiner Pädagodin Krassimira Koldamova, einer sehr, sehr berühmten bulgarischen Balletttänzerin, sehr dankbar, denn sie hat uns Mut gegeben und hat uns für die schwierigen klassischen Variationen vorbereitet.  Und 1990 habe ich einen Preis gewonnen.  Ich habe bis zur Finalrunde geschafft, was sehr schwierig war, denn wir waren nur 10 von tausenden Teilnehmern.
Ich habe einen sehr interessanten Preis bekommen, der mir viele Türen geöffnet hat, mich weiter im Ausland zu entwickeln. Das war der speziale Preis für Studium an der Folkwang Hochschule in Essen. Und das war der Grund, aus welchem ich nach Deutschland gefahren bin, um mein Studim dort weiterzumachen.

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Die Ballettdirektorin des Aalto-Musiktheaters in Essen Heindrun Schwarz hat mir einen Arbeistplatz angeboten.  Das war der nächste große Schritt für mich. Das war der Wendepunkt, der aber eine glänzende und eine enttäuschende Seite hatte. Ich sprach kein Deutsch damals. In der Schule hatten wir nur Russisch und Französisch gelernt, da die Ballettterminologie aus Frankreich stammt.  Das war schwere Zeit für mich. Niemanden zu kennen, keine Deutschkenntnisse zu haben, ist wirklich schwierig für ein 17-jähriges Mädchen.  Aber glücklicherweise habe ich die schwere Zeit überwunden.

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Welche sind die Unterschiede und die Ähnlichkeiten zwischen den Ballettkünstlern weltweit?

Nach dem Aalto-Musiktheater in Essen habe ich einen Platz in der Deutschen Oper in Berlin bekommen. Es war sehr interessant für mich, weil es sich herausgestellt hat, dass es in Berlin viele internationale Balletttänzer gibt. Es gab von Russland, Brasilien, Japan, England usw.  Da habe ich zum ersten Mal gesehen wie unterschiedlich jede Ballettschule ist. Die größten Schwierigkeiten hatte ich, von Konkurrenz her, mit den russischen  und den französischen Tänzerinnen.  Sie haben eine sehr solide Ausbildung. Sie sind als fertige Prima-Ballerinen gekommen.

Sie waren einfach perfekt, haben nichts falsch gemacht. Alle technischen Details waren so gut einstudiert, dass man große Schwierigkeiten hatte, mit denen zu messen.  Man durfte keine eigenen Fehler zeigen.  Ich sollte ständig meine Technik und artistisches Können verbessern. Es gab wirklich eine sehr große Konkurrenz, was mich dazu getrieben hat, mich weiterzuentwickeln. Konkurrenz ist wie im Sport von großer Bedeuting. Deshalb habe ich entschieden erneut an Wettbewerben teilzunehmen. Ich habe mich wirklich sehr gut vorbereitet und bin nach Varna geflogen.

Diesmal war ich bei der Senior-Sektion. Ich habe eine Bronzemedaille bekommen und man hat mich sofort in Berlin mit anderen Augen gesehen.  Ich habe mehr solistische Rollen bekommen – sogar für die erste Partie zweite oder dritte Besetzung.  Dieser Wettbewerb war ein echter Schwung für mich und ich empfehle allen an Wettbewerben teilzunehmen.

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Welche sind die wichtigsten Rollen und Partner auf der Bühne in Ihrer Karriere?

Obwohl ich mich in der Deutschen Oper gut gefühlt habe, habe ich meinen Kopf an die Staatsoper “Unter den Linden” gewendet, wo mehr klassiche Ballette getanzt werden. Z.B „Schwanensee”, „Dornröschen”, „Giselle” usw. Ich war sehr glücklich, dass ich einen Vertrag in der Staatsoper bekommen habe.  Zu dieser Zeit hat der berümte Ballettmeister von Pariser Oper Patrice Bart   „Schwanensee“ in Berlin choreografiert.  Er hat mich ausgewählt, erste Besetzung für die großen Schwäne zu sein.

Odette-Odile war Steffi Scherzer – eine berühmte deutsche Primaballerina und Prinz Sigfried war Oliver Matz. Unsere Vorstellungen damals hatten großen Erfolg. Wir waren in China, Spanien und noch vielen anderen interessanten Ländern mit dieser Vorstellung. Zum ersten Mal habe ich die Chinesiche Mauer gesehen und das chinesische Publikum war sehr herzlich.
Patrice Bart ist der Choreograf, der mir die erste Chance gegeben hat, große Rollen zu tanzen.

Später habe ich die Solopartie von Odette-Odile selbst bekommen.  Ich muss Steffi Scherzer einen Riesendank sagen. Ich habe mir irgendwie getraut sie zu fragen, ob sie mit mir arbeiten und mir diese Rolle beibringen möchte. Sie war diejenige,  die mich vorbereitet hat.  Sie hat mit mir stundenlang im Ballettsaal gearbeitet, jedes Detail, jeden Arm, jeden Kopf  mit großer Geduld einstudiert.

Und so später habe ich Odette-Odile mit dem großen Star der Pariser Oper Jose Martinez in Madrid getanzt, als auch mit Vladimir Malakhov in Berlin. Beide sind ganz verschiedene Tänzer, mit verschiedener Inspiration, aber es ist wirklich ein wunderschönes Gefühl zusammen mit ihnen auf der Bühne zu sein.

Ich habe auch immer geliebt mir Ronald Savkovic aus Kroatien zu tanzen. Er war erster Solotänzer zusammen mit mir. Mit ihm “Schwanensee” zu tanzen war auch ein großer Erfolg für mich. Ronald ist einer meiner beliebtesten und wichtigsten Partner.

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Worauf sollten Sie im Namen der großen Kunst verzichten?

Ballett hat mir nur Pluspunkte gegeben.  Ich habe nur gewonnen dadurch, dass ich Ballett als Beruf gewählt habe. Sogar die schwierigste Aufgabe für eine Balletttänzerin – Mutter zu werden, habe ich geschafft. Also man hat nur Vorteile.

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Wie verläuft gewöhnlich Ihr Arbeitstag?

Jeden Morgen um 10 Uhr habe ich mein tägliches Training. Samstag ist auch ein normaler Arbeitstag und wenn es am Sonntag Abend eine Vorstellung gibt, dann ist auch er ein „Balletttag”. Das tägliche Training dauert ca. 1 Stunde und 15 Min. Man muss seinen Körper aufwärmen und sich für die folgenden Proben vorbereiten. Gleich nach dem Training fangen diese Proben an, entweder Gruppen- oder einzelnen Proben.

Danach gibt es eine kleine Mittagspause. Wenn es abends keine Vorstellung gibt, dann darf man auch andere Rollen probieren. Das geht bis ca. 18 Uhr. Und dann hat man frei. Wenn aber abends um 19 Uhr eine Vorstellung ist, dann muss man sich vorbereiten, schminken und fertig für die Bühne sein.  Ehrlich gesagt, ist dieses tägliche Training mit den Jahren ein Ritual für mich geworden. Ich muss mein Training jeden Morgen haben. Somit fühle ich mich jünger, lebendiger und glücklicher. Mit diesem Training kann ich meinen Körper in Form halten, denn letztendlich ist er mein Instrument und ich muss ihn täglich “pollieren”.

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Wie finden Sie die modernen Tendenzen in der Ballettkunst?

Wie gesagt, ich liebe klassisches Ballett. Für mich war klassisches Ballett immer Nummer  1. Aber als ich die Chance hatte, in Berlin mit Maurice Béjart „Ring um den Ring” einzustudieren,  habe ich wirklich eine sehr hohe Bewunderung und Liebe zu seinem Stil empfunden.  Ich liebe die Ballette von Maurice Bejart. Ich liebe sie zu tanzen und zu sehen. Er ist ein unglaublicher Genie. Ich bin von seiner Choreografie begeistert.

Was kann man mit dem Tanz ausdrücken?

Der Tanz ist Spiegel der Seele.  Man steht auf der Bühne und ist durchsichtig. Alles, was in dir drin ist, das bekommt automatisch das Publikum.  Es ist eine Art Offenbarung. Und  aus diesem Grund fühlt man sich nach der Vorstellung  leer. Man hat dem Publikum alles gegeben. Es ist ein sehr starker Effekt.

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Gibt es Erfolgsformel in der Kunst?

Das ist definitiv die Liebe. Du musst spüren, dass du Liebe zum Tanzen empfindest. Du musst richtig lieben, auf der Bühne zu sein, eine Rolle und gleichzeitg  dich vor dem Publikum zu gestalten. Ansonsten kannst du das Publikum nicht berühren und die Vorstellung kann nicht erfolgreich sein. Du musst bereit sein, dem Publikum deine inneren Gefühle und Emotionen zu geben. Kurz gesagt lautet die Formel: Liebe+Disziplin und Fleißigkeit+Glauben.

Ballett ist schön, Ballett ist eine magische Märchenwelt, aber letztendlich es steckt so viel Arbeit drin. Außerdem ist es nicht nur seelisch, es ist auch eine physiche Mühe. Es kommen Schmerzen und Verletzungen, Enttäuschungen. Deshalb habe ich auch das Glauben in der Formel erwähnt. Man muss glauben, sich nicht enttäuschen lassen und nicht aufgeben.

Sie studieren Ballettpädagogik in der Musikakademie in Sofia? Was für berufliche Pläne für die Zukunft haben Sie in diesem Zusammenhang?

Ja, zur Zeit studiere ich Ballettpädagogik im dritten Studiumjahr. Das ist für mich eine sehr interessante Weiterentwicklung.  Als Primaballerina habe ich viel Erfahrung gesammelt und es wäre schön diese Erfahrung weitergeben zu können. Ich mag, wenn ich viele begabte junge Leute sehe, die tanzen wollen und es ist eine echte Herausforderung für mich, ihnen helfen zu können.
Daher ist wichtig für mich Ballettpädagogik zu lernen, die Methodik und alle Details nochmal gründlich zu analysieren. Natürlich gibt es keine Garantie, dass alle guten Tänzer später auch gute Lehrer werden. Vielleicht ist es Talentsache. Ich habe viele Ballettklassen und auch Balletttraining gegeben und ich hatte viel Spaß daran.

Kategorien: Frontpage · Lifestyle · Modern Times · Szene

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