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Bansko Jazz Teil 4 – Die Organisation und das Programm 2010

2 Juli, 2010 von · Keine Kommentare

Dessislava Berndt

Das XII. Internationale Jazz Festival in Bansko, Bulgarien endete am 13.08.2009. Hochkarätige Musiker haben – wie auch die Jahre zuvor – die Gäste und Bewohner von Bansko mit ihrer Musik erfreut. Und wie jedes Jahr sind die Konzerte für das Publikum kostenlos.

Wir möchten Ihnen in unserer Reihe „Bansko Jazz“ das Festival und einige der Musiker vorstellen.

Heute lesen Sie im Interview mit den Organisatoren Dr. Iliev und Hans-Jürgen Köllen über die Organisation, das Sponsoring und das Programm des Festivals in 2010.

Dulfer_Iliev

Dr. Iliev, Herr Köllen, wie entstand die Idee zu einem internationalen Jazzfestival in Bansko?

Dr. Iliev:

In der Zeit nach der Wende (1989) hatte ich eine Sommerklinik in Bansko gegründet, wo ich viele ausländische Patienten behandelte. Ich war früher mehrere Jahre auf dem Kreuzfahrtschiff „MS Berlin“ als Arzt tätig, wo ich ziemlich wohlhabende Patienten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte. Sie wollten auch danach zu mir, zur Therapie kommen und so mieteten sie im Sommer in Bansko ein Hotel für ca. einen Monat, damit ich sie weiter behandeln konnte.

Für diese Klinikgäste habe ich dann jeden zweiten oder dritten Abend etwas organisiert, da diese Leute auch unterhalten werden mussten. Ein Chopin-Abend, ein Operettenabend mit unseren berühmten Operettensängern und auch Jazznächte mit Kamelia Todorova, Vasil Petrov, Vili Kasasjan, Ljudmil Georgiev und anderen sehr guten bulgarischen Musikern. Sie kamen für zwei Tage nach Bansko und so boten wir ein Programm an, das zur Kur gehörte.

Zu diesen Konzerten kamen auch der Bürgermeister von Bansko oder auch eine gute Freundin von mir – Barbara Rütting – eine sehr bekannte deutsche Schauspielerin der 50er und 60er Jahre und zuletzt auch Politikerin. Sie war Beraterin für gesundes Leben und gesunde Ernährung. Sie war sehr betroffen von der Armut in dieser Gegend zur damaligen Zeit und wir haben viele Nahrungsmittel-Hilfsaktionen für die Kinder und Schulen sowie Medikamente für Krankhäuser organisiert. Sie ist eine gute Freundin von Bansko geworden; es gibt sogar eine Straße in Bansko, die nach ihr benannt wurde.

No Square

Eines Tages habe ich zu dem Bürgermeister gesagt: „Ich finanziere sowieso diese Abenden, machen wir doch ein Jazzfest auf dem Zentralplatz, um auch den Tourismus im Sommer zu unterstützen“. Er war nicht dagegen und sagte: „Wir als Gemeinde können dieses Projekt finanziell nicht unterstützen, aber wenn Du Geld findest, mache es“. Und so findet jetzt seit 12 Jahren das Bansko Jazzfestival statt.

Hans-Jürgen Köllen:
1990 hatte ich ein erstes Jazzfestival im Kulturpalast (NDK) in Sofia organisiert. Das war ein so großer Erfolg und ich wusste, dass ich damit weitermachen muss.

Aber wie kam es dazu?
Ich war mehrere Jahre Kulturbeauftragter an drei Universitäten in Deutschland und organisierte jeden Mittwoch Konzerte in der Aula. Und nach den Tanzstunden ging ich immer in die ersten Jazzclubs, die damals entstanden. Der Jazz war meine Musik. Ich habe selbst als Student eine Jazzband gehabt, konnte aber selber kein Instrument spielen. Da habe ich angefangen Waschbrett (Skiffleboard) zu spielen. (Anm. Red. – in der Musik wird das Waschbrett als Rhythmusinstrument eingesetzt. Anwendung findet dieses Perkussionsinstrument in Musikstilen wie Skiffle oder Dixieland).

Bluey

In Frankfurt gab es 1987 ein Jazzmeeting, die Nr. 1 in Deutschland. Ich war auch da und habe den Organisator der Old Merry Tale Jazzband aus Hamburg, Herrn Münster, gefragt, ob die Band bereit wäre, in Osteuropa zu spielen. Dann habe ich mit Herrn Drumev (der heute noch Direktor von NDK ist) alles vorbereitet. Drei Jahre später habe ich Herr Münster wieder angerufen und die Band kam tatsächlich und spielte in Sofia.

Zu dieser Zeit (1990) war es die berühmteste deutsche Jazzband. Den Jungs hat es so gut gefallen, dass sie dann 15 Jahre lang kamen und in verschiedenen Städten wie z.B. Varna, bei dem Apolonia-Festival, Burgas und Plovdiv spielten.

Zu den Jazzveranstaltungen kam immer Dr. Iliev und so haben wir uns kennengelernt. Dann haben wir überlegt, so ein Jazzfestival in Bansko zu machen. Warum in Bansko?

Ich war früher als Mitglied der Deutsch-Bulgarischen Regierungskommission und Leiter der Arbeitsgruppe für Investitionen und Banken oft in Bansko geschäftlich tätig und Dr. Iliev wollte dort eine Sommerklinik eröffnen und hauptsächlich seine ausländischen Patienten mit Akupunktur behandeln.

Dr. Iliev bot drei Kurse für je drei Wochen für 200 bis 300 Leute an. Barbara Rütting hatte die Ernährungsberatung gemacht. Parallel dazu veranstalteten wir Jazzabende für die Besucher.

So ist Bansko Jazz entstanden.

Das Festival ist zu einem Treffpunkt internationaler Stars geworden. Wie werden die Teilnehmer ausgesucht?

Dr. Iliev:
Mein E-Mail-Postfach ist jedes Jahr mit mehr als 1500 Vorschlägen für das nächste Jazzfestival voll. Wir hören uns vieles an und dann entscheiden wir, wer teilnehmen soll. Eine erhebliche Rolle spielt dann auch die Finanzierung der Auftritte, da wir das Festival selbst finanzieren.

Jeder, der in Bansko aufgetreten ist, wird ein großer Freund von Bansko Jazz. Scott Hamilton hatten wir damals eingeladen und er hatte danach seine Freunden und Kollegen immer gefragt: Do you know where is Bansko? Damit hat er uns viel geholfen, Bansko Jazz in den USA bekannt zu machen.

Manchmal sind einige Künstler am Anfang eines Bulgarienbesuchs sehr zurückhaltend, wenn sie aber einmal in Bansko waren, werden sie große Fans von der Stadt und des Festivals.

Hans-Jürgen Köllen:
Zuerst bekommen wir die Anfragen, dann müssen uns die Künstler eine CD schicken. Wir hören uns dann abends 3-4 Stunden Musik an. Wenn uns beiden etwas gefällt, versuchen wir das Programm zusammenzustellen, damit die Musiker zusammenpassen.

Und wenn wir die Vorauswahl haben, müssen wir überlegen, wie wir die Finanzierung zustande bekommen. Wir müssen schauen welche Sponsoren wieder dabei sind; von wem bekommen wir eine schriftliche Zusage. Und wenn das Budget nicht reichen sollte, dann fragen wir Musiker, die bei uns waren, ob sie nicht wieder kommen wollen.

bianca

Bansko Jazz ist ein Open Air Festival ohne Eintritt. Wie finanzieren Sie ein solches Ereignis?

Dr. Iliev:
Ich muss sagen, dass Bansko Jazz ein Hobby von mir ist. Ich war selber Musiker in meiner Schul- und Studentenzeit, habe Klavier gespielt und bin ein Musikliebhaber. Außerdem habe ich auch viele medizinische Kongresse organisiert. Und ob man ein Kongress oder Jazz Festival organisiert, ist prinzipiell egal, wenn man es gemacht hat. Ich organisiere das Festival nebenbei, habe keine professionelle Helfer, nur Leute mit viel Enthusiasmus.

Daher sind die Organisation und die Finanzierung eines solchen internationalen Festivals schwierig und ich bedanke mich immer bei allen Musikern und Sängern für das Verständnis und die oft niedrigen Honorare, die wir zahlen.

Denn wenn jeder Teilnehmer sagen würde, dass er für 20 000 Euro Gage spielen wird, wäre das Festival gar nicht möglich. Und wenn sie jemanden erzählen, dass wir ein solches Festival mit nur 50 000 Euro organisieren, wird es ihnen keiner glauben.

Aber wir schaffen es, mit viel Enthusiasmus, mit vielen Gesprächen, in denen wir den Teilnehmern und Beteiligten unsere knappen finanziellen Mittel erläutern und vereinbaren mit den Künstlern statt 5000 Euro eine Gage von etwa 2000 – 2500 Euro oder statt 10 000 – 5 000 Euro und so wird alles möglich.

Nicht zuletzt bekommen wir Unterstützung auch von Privatpersonen. Der Staat bzw. das Kulturministerium kann nur 7 000 Leva zur Verfügung stellen, was für uns faktisch 5 000 Leva nach der Zahlung der Abgaben bedeutet. Manchmal helfen uns einzelne Botschaften mit 5000 – 6000 Euro wie z.B. die Botschaft der Niederlande.

Die Hotels in Bansko helfen uns, in dem sie die Zimmer für die Musiker bereitstellen und wir übernehmen normalerweise die Reisekosten. Daher versuchen wir das Programm so früh wie möglich zu planen, damit wir dann günstige Flugtickets kaufen können.

In den letzten zwei Jahren hilft uns die Bansko Gemeinde, in dem sie sich mit 30 000 bis 50 000 Leva beteiligt.

Wir machen aber auch eine Tombola und verkaufen sehr schöne T-Shirts und andere Werbeartikel während des Festivals, aber das ist natürlich nur ein kleiner Beitrag zur Deckung der Kosten. Fast immer muss ich aus eigener Tasche einen Betrag beisteuern, wobei 2009 ein besonders schweres Jahr in dieser Hinsicht war.

Hans-Jürgen Köllen:
Ich glaube, wir sind das einzige Fest der Welt, das wir selbst finanzieren. Wir brauchen daher Sponsoren und müssen uns jedes Jahr dafür bemühen. Und in Bulgarien ist es sehr schwer Sponsoren zu finden, da keine Firma Etat für Kultur in ihrem Budget hat.

Aber wir brauchen auch nicht die Summen, die andere dafür brauchen würden.
Wir übernehmen die Anreise und die Unterkunft der Musiker. Zum Teil helfen uns die Stadt und die Hotels in Bansko.

Wer zahlt aber die Honorare? In den ersten Jahren haben die Musiker gar kein Honorar bekommen. Wir haben über Botschaften oder Länder die Künstler eingeladen. Fidel Castro z.B. hatte damals 16 Kubaner nach Bansko geschickt und Kuba hatte alle Kosten für den Auftritt übernommen.

Manche Gruppen wollten unbedingt in Bansko spielen und verzichteten auf ein Honorar. Wir hatten z.B. eine Big Band aus Deutschland (15 Leute), die sogar ihren Flug bezahlten und auf Honorar verzichteten. Sie hatten von Bansko gehört und wollten unbedingt hier spielen. Es war für sie exotisch und sie hatten Spaß daran.

Aber wir haben auch Künstler aus den USA, die große Honorare haben wollten. Da mussten wir sie herunterhandeln und für die Restsumme Sponsoren finden.

Wie sieht das Programm in 2010 aus? Welche Musiker werden dabei sein?


Dr. Iliev:

Unter den Teilnehmern des 13. Bansko Jazzfestivals in 2010 sind z.B. Diane Schuur Trio aus den USA, Bluey von der Gruppe Incognito aus Großbritannien, Solomon Burke aus den USA, Bianca Morales aus Finnland, No Square Quartet aus Frankreich, Tango Project Quartet aus Israel sowie Axel Zwingenberger & Lila Ammons aus Deutschland/USA.

Einige teilnehmende Künstler aus Bulgarien sind Theodosii Spassov, Kamelia Todorova, Angel Zaberski Quartet und Vasil Petrov.

T.Spassov_Dr.Iliev

Das genaue Programm für 2010 findet man auf www.bansko-jazz.com.

Was ist das Geheimnis von Bansko? Wodurch unterscheidet sich das Festival von anderen Festivals?

Hans-Jürgen Köllen:

Man hat versucht uns zu kopieren. Das hat aber nicht geklappt. Wir machen das als Hobby. Unsere Arbeit ist auch nicht bezahlt. Es ist immer wieder ein neuer Kampf, Unterstützung zu finden.

Wenn das jemand machen muss, muss er es als Agentur/Firma machen. Er muss damit Geld verdienen, weil er davon leben muss. Außerdem haben die Anderen nicht unsere Kontakte und auch nicht die politischen Möglichkeiten, Länder anzuschreiben.

Aber es gibt noch etwas. Ich kenne wie die Festivals bei uns in Deutschland sind. Der Künstler erscheint und tritt auf. Er fragt nach Essen oder Trinken, aber muss alles selber besorgen. Künstler sind in diesem Fall Ware und es kümmert sich keiner um sie. Sie müssen mit Taxi kommen, Hotel buchen usw. Bestenfalls haben sie einen Manager dafür.

Das hat mich immer geärgert und wir haben deswegen von Anfang an gesagt, wir kümmern uns um die Leute. Sie kommen am 7. August und verreisen am 14. August. Wir haben für sie Reiseprogramm vorbereitet, machen Exkursionen, Partys usw. Es soll Spaß machen, sonst kriegen wir die Musiker nicht mit so einem kleinen Honorar nach Bansko.

Die Künstler begrüßen das so sehr, weil sie sich untereinander austauschen können. Die Gruppen spielen nachmittags stundenlang zusammen und sprechen miteinander. Sie haben in Bansko einfach Zeit dafür. Nach dem offiziellen Programm gibt es auch Jazzsessions, die bis früh morgens dauern und wo die Künstler wieder zusammen spielen können.

Und wenn die Musiker dann zu Hause sind oder unterwegs andere Künstler treffen, erzählen sie von Bansko. Und nur durch die Mundpropaganda machen wir die beste Werbung für unser Festival. Für andere Werbemittel gibt es einfach kein Geld. Einzige Reklame für Bansko ist seit einigen Jahren die Webseite www.bansko-jazz.com.

Auch für das Publikum ist es angenehm. Nach Bansko kommen ca. 15 000 Besucher. Viele sitzen nicht nur auf dem Platz, sondern auch in den umliegenden Restaurants. Das Wetter ist in der Regel gut. Die Leute können zwischendurch spazieren. Es herrscht eine entspannte Urlaubsatmosphäre.

Gibt es Kooperationen mit anderen Jazzfestivals?

Hans-Jürgen Köllen:
Ja, wir hatten Anfragen von den Organisatoren des Jazzfestivals in Nis, Serbien bekommen. Wir arbeiten seitdem zusammen und sagen ihnen welche Künstler wir verpflichtet haben und fragen „unsere“ Künstler, ob sie dort spielen wollen.

Und wir haben eine Kooperation mit dem Jazzfestival in Luzern. Wir bekommen von denen Tipps, da man auch nicht alles wissen kann.

Wie soll sich das Festival entwickeln? Was sind Ihre Ziele?

Hans-Jürgen Köllen:
Das Niveau soll immer besser werden, aber das wird immer teurer.

Dr. Iliev:
Da wir auf der einen Seite finanziell immer von Sponsoren abhängig sind und auf der anderen Seite vom Wetter, führe ich Verhandlungen mit der Gemeinde Bansko für den Bau eines Sommertheaters mit mindestens 2 000 Plätzen. Durch die Ticketeinnahmen wäre eine Finanzierung des Festivals gewährleistet und dann können noch mehr Weltstars eingeladen werden.

Unser Ziel und Wunsch ist es, ein Sommertheater in 2011 fertig zu sehen.

Herr Köllen, Dr. Iliev, herzlichen Dank für dieses Interview. Wir sehen uns in Bansko wieder!


www.bansko-jazz.com

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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