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Bohnen

13 Januar, 2015 von · Keine Kommentare

Autor: Elin Rachnev
Übersetzung: Rossytza Yotkovska
Korrektur: Laura Popow

bohnen

Foto: Jared Tarbell

Ein Stück
Personen der Handlung: SIE – ungefähr 70 Jahre alt
ER – ungefähr 70 Jahre alt
DER KLAVIERSPIELER – ungefähr 70 Jahre alt
Ein Stück für Nachtlokal, Jazzclub, Konditorei,
Kammerbühne.

ER. Sie log mich immer an . /Pause/ Das hatte ich am liebsten. Sie sah mich an und log. In die Augen … So liebte ich sie… Und es reizte mich. Es betörte mich. Ihr Lügen machte mich total verrückt. Was würden wir sonst vierzig Jahre tun? So langweilten wir uns zumindest nicht. Und es war doch unglaublich. Na ja, wenn ich nun daran denke… Es war schön. Ich weiß wohl, dass jeder mich belügen kann. Jeder, über alles mögliche. /Pause/

Sie log mich immer an. Sie liebe nur mich – doch sie liebte alle Männer. Sie denke nur an mich – doch sie dachte an das ganze Stadtviertel. Sie koche Bohnen nur für mich – doch sie kochte Bohnen für eine ganze Division. Sie sei immer eine Adlige, ich aber etwas darunter. /Pause/ Es stimmt, dass ich ihretwegen Tschechow zu lesen begann. Es ist aber nicht leicht, ihn ganz zu lesen. Überhaupt nicht leicht. Nur wegen eines Serebrjakovs könnte man die Lampe lebenslang anlassen. /Pause/ Aber mir gefiel es so.

Und Bohnen. Sie heilen wohl Krankheiten. Auch Tschechow heile Krankheiten … /Pause/ Möglich wäre es. /ER denkt nach/ Aber sie konnte mich wirklich wie kein anderer belügen. /Pause/

Und wer kommt zu meiner Beerdigung? Keiner. Überhaupt keiner. Sogar die Kinder werden nichts darüber erfahren. /Pause/ Wo sind die Kinder? Wo eigentlich? Ich habe schon ihre Gesichter vergessen. Die Gänge. Alles habe ich vergessen. Wichtig ist, dass sie nicht musikalisch sind. /Pause/ Das ist das Wichtigste. Das andere … /Pause/ Und ihre Beerdigung – Getümmel. /Pause/ So viele Männer. Ich zählte und zählte. Es gelang mir nicht … Und alles Männer … Warum so viele Männer? Nicht einmal die Verkäuferin kam . Der KLAVIERSPIELER war aber auch nicht dort. /Pause/ Und alle mit tränenden Augen. Auch die jungen Männer. Viele junge Männer …

Erstes Bild

Küche. Tisch. Stühle. Ungefähr 20:00 Uhr. Er kommt leicht schnaufend hinein .

ER. Schon fertig?
SIE. Noch ein bisschen.
ER. Ich dachte, sie sind schon fertig.
SIE. Noch ein bisschen.
ER. Wann auch immer sie fertig werden.
SIE. Ja, wann sie auch immer fertig werden.
ER. Ich las ihn, während ich wartete.
SIE. Schon wieder?
ER. Ich las ihn exakter als vorher.
SIE. Aber du machst sowieso nichts anderes.
ER. Ich habe keinen Hunger.
SIE. Überhaupt keinen?
ER. Ja.
SIE. Es gibt Wodka und Saft. Und ein paar Äpfel.
ER. Ich werde ein Glas Saft trinken.
SIE. Heute morgen ging ich spazieren. Schon lange bin ich nicht mehr rausgegangen.
ER. Du musst es häufiger tun.
SIE. Es ging mir gut inmitten der Bäume. Ich fühlte das Grün. Ich war ganz. Es ist schon so lange her, dass ich mich so gut fühlte.
ER. Du musst es häufiger tun.
SIE. Weißt du, ich werde ein wenig essen.
ER. Vielleicht sind sie schon fertig.
SIE. Sie müssten fertig sein. Gleich werde ich den Tisch decken.
ER. Alles stinkt nach Zwiebeln.
SIE geht zum Ofen. SIE beginnt die Bohnen zu rühren. SIE. Sie müssen noch ein bisschen kochen.
ER. Etwas geschieht mit mir in den letzten Tagen.
SIE. Sicherlich liegt es an der Jahreszeit.
ER. Im vorigen Jahr zu dieser Zeit war es nicht so.
SIE. In den letzten Wochen hast du dich verändert.
ER. Sicherlich. Es könnte an den Zwiebeln liegen.
SIE. Du hast dich sogar sehr verändert. /Pause/ Seltsam …
ER. Es liegt am Alter.
SIE geht zum Ofen und rührt leicht die Bohnen.
SIE. Heute werden wir zum dritten Mal Bohnen essen.
ER. Zum dritten? /verwundert/
SIE. Glaubst du nicht, dass …
ER. Was ist schon schlecht daran?
SIE. Manchmal verstehe ich dich nicht. Besonders in letzter Zeit.
ER. Ich glaube, dass nichts daran schlecht ist. Was ist schon schlecht daran? Jeden Tag ist es so. Ich denke nicht, dass es etwas anderes gibt.

Pause
SIE. Morgen werde ich ganz früh aufstehen. Ich werde rausgehen. Irgendwo an dieser Straße werde ich einen Kaffee trinken. Ich lass mir die Haare schneiden. Ich brauche neue Kleider. Ich werde die Schneiderin besuchen. Dann komme ich nach Hause. Ich werde Bohnen zubereiten. Wir werden darauf zu Abend essen. Ich habe vor, diejenigen, die ganz Besonderen zu kochen. Die haben wir noch nie probiert. Ich habe gehört, die wären sehr gut. Doch man nähme davon zu. Irgendeine spezielle Sorte, ganz speziell.
ER. Zum ersten Mal höre ich, dass man von den Bohnen zunehmen kann.
SIE. Auch ich habe noch nie etwas davon gehört.
ER. Etwas versehe ich an Elena Andreewna nicht. So viele Jahre – und ich kann es nicht verstehen. Ist Serebrjakow an allem schuld? Ich verstehe es nicht.
SIE. Nein, es ist nicht Serebrjakov.
ER geht leicht keuchend raus.
Verdunkelung
Morgens, am nächsten Tag. Ungefähr 8:00 Uhr.
ER. Das Haus stinkt nach Zwiebeln.
SIE. Das ist wegen der Bohnen.
ER. Ich will nicht, dass es nach Zwiebeln stinkt.
SIE. Ich rieche nichts.
ER. Ich will, dass die Tage, die uns bleiben, verschieden sind. Ohne Zwiebelgeruch.
SIE. Ich lüfte, soweit es möglich ist.
ER. Man merkt aber nichts davon.
SIE. Du bemerkst aber auch einfach nichts mehr.
ER. Immer sagst du das. Und das stimmt nicht. Du weißt es ganz genau.
SIE. Ich wünschte mir, dass es so sei.
ER. Es ist so. ER fasst ihr die Schulter.
ER. Warum denkst du so?
SIE. Ich habe das Recht, so zu denken.
ER. Ich habe dir keinen Anlass dazu gegeben.
SIE. Ich träumte von dir. Es klingt geradezu unfassbar nach so vielen Jahren. Diese Nacht träumte ich wieder von dir.
ER. Das klingt sehr gut. Zärtlich stimmend.
SIE. Manchmal /SIE lacht/ möchte ich sogar immer noch, dass du in mich eindringst – glatt rasiert, ein bisschen melancholisch, schüchtern. Dass ich deine Pulsschläge zähle. Dass ich darauf von ihnen träume. Sie an die Wand male. Du – blass und misstrauisch. Glatt rasiert. Leicht dümmlich. Ein wenig. /Pause/ Wie früher …
ER. Wie wenig?
SIE. Sehr wenig. /SIE denkt nach/
ER. Ich gehe lesen.
SIE. Gut. Jetzt werde ich jene besondere Bohnen zubereiten.
ER. Ich werde mich nicht weiter hineinsteigern.
ER geht hinaus/

Die Tür öffnet sich. ER kommt rein.
ER. Schon fertig?
SIE. /schweigt/
ER. Fertig?
SIE. Die Bohnen?
ER. /schweigt/
SIE. Noch nicht. Magst du, dass wir auswärts etwas Kleines essen gehen?
ER. Ich ziehe es vor, dass wir zu Hause bleiben. Wir haben hier was zu tun.
SIE. Ich habe keine Lust, ständig zu Hause zu sitzen. Ich möchte so gerne in den Klub, den wir 1956 besuchten. Möchte so gerne, dass wir dort Wodka mit Erdnüssen und Schokolade trinken. Etwas erleben.
ER. In letzter Zeit hast du wieder angefangen zu trinken.
SIE. Als ich dich zum ersten Mal traf, träumte ich, dass wir nicht sprechen. Dass wir uns stundenlang nur ansehen und schweigen. Dass wir Kneipen besuchen,uns betrinken und uns stundenlang nur ansehen.
ER. Niemals hast du mir betrunken gefallen. Nur jenes eine Mal.
SIE. Und indem wir uns ansehen,uns noch mehr lieben. Ins Bett gehen.Jede Nacht. Ineinander verfließen. Spontan. Voneinander träumen. Miteinander lesen. Unsere Bewegungen, unsere Diaphragmen angleichen. Es allmählich machen …
ER. Dass unsere Magensäfte auf die Bettlacken fließen … Ineinander übergehen. Ineinander … Ich weiß es auswendig. Du wiederholst es schon seit vierzig Jahre.
SIE. Ja.
ER. Und dann nach Seeland reisen.
SIE. Ja.
ER. Entweder im Frühling, oder im Sommer.
SIE. Wenn ich lebendig bin, mir ein neues Kleid nähen.
ER. Mit dem Flugzeug oder einem Schiff.Einfach nur nach Seeland.
/ER steht auf und bringt zwei Schüsseln für die Bohnen/
ER. Die Bohnen sind fertig. Die,aus dem Norden. Von denen man zunimmt. Soll ich austeilen?
SIE. Wir müssen nach Seeland reisen … Manchmal denke ich, dass wir unerlässlich nach Seeland reisen müssen. Und wie viele Orte wir nicht besucht haben… Wir waren fast nirgendwo.
ER. Wir waren nirgendwo. /Pause / Heute morgen habe ich ihn wieder gelesen. Ich verstehe wieder etwas nicht. Etwas verliere ich.
SIE. Was?
ER. Ich kann es nicht einschätzen. Das kann ich nicht.
SIE. Hast du aufmerksam gelesen?
ER. Sehr…
Sie setzen sich an einen langen Holztisch am anderen Ende der Bühne. Sie beginnen zu essen. Sie essen diszipliniert, mit genau bestimmten Gewohnheiten. Es ist 12:00 Uhr.
ER. Ich mag die Frauen, die sich am unbekannten Soldaten erregen. In ihrem Blick sehe ich alles ein.
SIE. Alles?
ER. Ja …
SIE. Wer wird dir das verzeihen?
ER. Die Frauen!
SIE. Keiner.
Pause
ER. Das sind die besten Bohnen, die ich je gegessen habe.
SIE. Ich habe bereits bessere zubereitet.
ER. Wann?
SIE. Jetzt kann ich mich nicht erinnern.
ER. Versuche es.
SIE. Warum geschah es so?
ER. Nie habe ich mir diese Frage gestellt.
SIE. Jetzt ist der Augenblick.
ER. Ich mag den Krieg. Die Flugzeuge und die Bomben. Und die Frauen, die sich am unbekannten Soldaten erregen.
SIE. Du bist kein unbekannter Soldat.
ER. Woher weißt du …
SIE. Es gibt nur einen unbekannten Soldaten …
ER. Es gibt Hunderte.
SIE. Ich habe auch bessere als diese gegessen.
ER. Wo?
SIE. Ich kann mich nicht mehr erinnern.
ER. In der Kindheit?
SIE. Nein, nicht in der Kindheit.

Verdunkelung


Zweites Bild
Leere Bühne

SIE. Wie viel Kinder hatten wir?
ER. Zwei.
SIE. Und wo sind sie jetzt?
ER. Um die Welt.
SIE. Warum rufen sie nicht an?
ER. Sie sind fern.
SIE. Wie fern?
ER. Genug, um uns nicht anzurufen.
SIE. Siehe mal die Gardinen. Der Wind schaukelt sie. Das Licht schimmert in ihnen.
ER. Die Sonne möchte gemeinsam mit den Käferchen eindringen. Ich kenne es auswendig. Du erzählst es seit vierzig Jahren.
SIE. Wir müssen die Gardine auswechseln.Viel zu lange ist sie schon dieselbe.
ER. Diese Gardine gefällt mir. Immer hat sie mir gefallen. /ER denkt nach/ Sind sie fertig?
SIE. Noch nicht.
ER. Ganz gern würde ich Bohnen mit Würstchen essen
. SIE. Ich weiß nicht, ob es Würstchen gibt.
ER. Ich hatte welche gekauft.
SIE. Warum fragst du mich dann?
ER. Wir müssen wirklich diese Gardine auswechseln.
SIE. Und wie viele Male bist du fremdgegangen, sagst du?
ER. Nur einmal. Obwohl, eigentlich noch einmal.
SIE. Die Bohnen sind vielleicht fertig.
ER. Dreimal, dreimal …
SIE. Mit Würstchen oder …?
ER. Ich habe sie gekauft.
SIE. Ich nur einmal. Mit einem KLAVIERSPIELER aus dem Operettenhaus.
ER. Ich weiß.
SIE. Und noch einmal mit einem Trompetenspieler, wieder aus dem Operettenhaus.
ER. Über ihn weiß ich auch Bescheid.
SIE. Und noch einmal. Wieder mit einem aus dem Operettenhaus.
ER. War es etwa der Waldhornspieler?
SIE. Nein, nein. Er war kein Waldhornspieler …
ER. Gut, dass er zumindest kein Waldhornspieler war. Falls er ein Waldhornspieler gewesen wäre, wüsste ich einfach nicht, was ich tun würde. Ich ertrage einfach keine Waldhornspieler. Was würde ich tun?! Ich weiß nicht, ich weiß es wirklich nicht.

Pause
ER. Erinnerst du dich, als wir in jenes Schwimmbecken sprangen? Du hast dir das Knie angestoßen. Und irgendein Schriftsteller war dort …
SIE. Ich erinnere mich nicht.
ER. In Seeland.
SIE. In Seeland? War das nicht in Nessebar? So lange waren wir nicht in Nessebar.
ER. Er war völlig verrückt nach dir. Geradezu begann er, wie man sagt, mit sich selbst zu sprechen. Hoffentlich ist er gestorben, der alte Graphoman.
SIE. Du hast mich in eine Kneipe mit sehr leckeren Kalmaren gebracht. Das waren die besten Kalmaren, die ich jemals gegessen habe.
ER. Ich weiß … /ER denkt nach, steht auf, geht auf und ab/
SIE. Wie viele Kinder hatten wir?
ER. Zwei.
SIE. Warum liefen sie von uns weg?
ER. Wir sind alt. Wir stinken. Das Haus stinkt nach Zwiebeln.

Pause
ER. Würdest du mir später diesen Knopf annähen? /Er zeigt sein Hemd/
SIE. Ich kann nicht mehr gut sehen. Auch Bohnen kann ich bereits nicht mehr zubereiten. Ziehe es aus, ich versuche es. Ich muss nur nachschauen, wo ich meine Brille gelassen habe. Hast du sie irgendwo gesehen? Oder ist sie im Schlafzimmer? Ich schaue mal nach.
ER. Im Schlafzimmer ist es nicht. Siehe mal woanders nach.

Drittes Bild
SIE und ER gehen ans andere Bühnenende. Ein Holztisch. Sie essen Bohnen. Es ist kaum ein Geräusch von den Löffeln zu hören. Es ist 12:00 Uhr.

ER. Erinnerst du dich an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, an die Karibische Krise, an den Zweiten Weltkrieg, an den Ersten Weltkrieg, an den Balkankrieg, an den Krieg Irak – Kuwait? Und an Hiroshima, Nagasaki? Erinnerst du dich? …
SIE. Ich habe nicht das Gefühl, mich zu erinnern. Warum sollte ich mich daran erinnern?
ER. Erinnerst du dich an die Kriegslage in Thailand? An die Rucksäcke der Soldaten voller Bohnen?
SIE. Und Tod …
ER. Ja … , /ER denkt nach/, ihre Rucksäcke, voller Bohnen. Von der jenen, der billigsten Sorte. Die du nur in einem Kessel kochen kannst. In einem Topf geht es nicht. Voll mit irgendwelchen Tierchen …

SIE. War nicht alles nur ein Rucksack voller Bohnen? Ist ein Rucksack nicht gleich Bohnen? Wenn es nicht ein Rucksack Bohnen ist, kann es nichts anderes sein. /SIE denkt nach/
ER. Es gibt keine miesere Sorte als diese. Die mieseste Sorte …
Ganz leise beginnt ein Stück von Bob Dylan zu klingen. Die beiden essen Bohnen. Es ist nur ein leichtes Klappern der Löffel zu hören.

Viertes Bild
ER und SIE in der Küche. Der Tisch ist leer. Es ist ungefähr 20:00 Uhr. Es ist eine leise, ruhige, melancholische Stimmungin der Luft …

SIE. Ich will, dass du mich wie einst hinwirfst. Dass es mich schmerzt. Dass ich zu stöhnen beginne. Aus Stöhnen auszublühen. Mir Dinge, Sujets auszudenken … Mir alles erneut auszudenken. Ganz erneut.
ER. Ich kenne es auswendig. /ER denkt nach / Und wir sind dennoch zu alt …
SIE. /schweigt/ Ja…
ER. Wir stinken.
SIE. Weißt du warum ich nicht wage, einkaufen zu gehen? Denn wenn ich den Verkäufer sehe, überfällt mich die Lust.
ER. Gehe besser zu Bett.
SIE. Ich weiß, du glaubst, dass …
ER. Ich glaube nichts.
SIE. Du hast nie was geglaubt. Und wozu solltest du glauben.
ER. Der Sommer kommt. Wir müssen Radieschen und Gartensalat kaufen. Viel Radieschen und viel Gartensalat.
SIE. Auch Salz müssen wir kaufen. Jeden Morgen werden wir Salz kaufen.
ER. Siehst du, nichts kann uns hindern, Radieschen, Gartensalat und Salz zu kaufen.
SIE. Ja, nichts… Sogar dass wir zu alt sind, dass wir stinken. Auch das kann uns nicht aufhalten.
ER. Ein großer Teller Bohnen. Es hebt sich leicht Dampf auf. Die Bohnenkerne – leicht bräunlich. Und eine große Salatschale. Das Grün erfüllt den Raum. Es riecht nach Sommer. Und du sprichst mit mir über…
SIE. Und ich spreche mit dir … /Pause/… Worüber spreche ich mit dir?
ER. Du weißt, dass ich verrückt nach ihr wurde. Du weißt es. Deshalb sprich nicht mit mir, sprich nicht … Oder worüber nicht alles. Du weißt es doch, nicht wahr? /gereizt/ Ja? Du weiß es doch?
SIE.Jetzt bin ich mir sicher.
ER. Du weißt es, du weißt es sehr genau. Du tust so, als ob du nicht verstehst. Immer tust du so. Das ganze Leben lang tust du so.
SIE. Morgen ist Sonntag.
ER. Das hat nichts zu bedeuten.
SIE. Ich bin eine alte Bohnenköchin. Das bin ich. Und du bist eine empfindliche, zarte Seele …
ER. Alles wird ganz bald enden.
SIE. Am meisten hasse ich die Köchinnen, aus ganzem Herzen hasse ich sie.
ER. Du verwunderst mich…
SIE. Ich werde nie mehr Bohnen kochen, nie.
ER. Warum? /ER wird nervös, beginnt leicht zu zittern /
SIE. Vierzig Jahre Bohnen.
ER. Aber … wieso wirst du keine Bohnen kochen? /noch hysterischer/
SIE. Immer wenn ich dir sage, dass ich keine Bohnen mehr kochen werde, wirst du verrückt, du wirst einfach verrückt. Deine Miene ändert sich, auch die Gesichtsfarbe, deine Sehnen sind vor dem Zerreißen. Dein Hintern steigt nach oben.
ER. /ruhig/ Du hattest vom Laden um die Ecke Bohnen gekauft. Ich starrte dich an. Und du ließt es fallen. Die ganze Querstraße wurde voll von Bohnen. Ich begann sie zu sammeln. Du brachst in Weinen aus. Dann gingen wir ins Café.
SIE. Dann brachte ich dich nach Hause. Und ich sagte meiner Mutter, dass ich heirate. /Pause/ Ich kenne es auswendig. Vierzig Jahre wiederholst du es mir.
ER. Deine Mutter freute sich. Ich hat ihr immer gefallen. Sogar sehr gefallen.
SIE. Wir haben es genug wiederholt. Wir wiederholen es nur.
ER. Dann gingen wir nach Hause …
SIE. Und so vierzig Jahre. Ich kenne es notwendigerweise auswendig.
ER. Du hast mir immer gesagt, dass nur die Bohnen, nur die Bohnen …
SIE. So ist es…
/ER geriet in Hysterie. ER steht auf und legt sich vor ihre Füsse/
ER. Du denkst an alles andere, nur daran nicht. Du verdirbst den Zauber. Du willst alles andere machen, nur nicht Bohnen kochen. Es war doch deinetwegen, nicht wahr? Alles deinetwegen?“
ER steht vom Boden auf und geht leicht keuchend hinaus.
SIE. Du kommst zurück. Es gibt keinen auf dieser Welt, der dir morgens, mittags und abends Bohnen kochen wird. Keiner …
Pause
SIE /zu sich selbst /. Morgens, mittags, abends koche ich Bohnen. Ich wasche, bügle, reinige. Ich koche Bohnen. Wenn ich träume, träume ich Bohnenfelder. Darauf niedergelassene Störche. Die Störche sind blau. Dunkelblau. So stehen sie auf den Bohnen niedergelassen, dass ich Angst habe, aufzuwachen. Manchmal machen sie Liebe auf den Bohnen. Nur in meinem Traum habe ich Störche gesehen, die Liebe auf den Bohnen machen. Wenn ich aufwache, spüre ich die ganze Welt in einem Bohnenkern. Ein riesiger Bohnenkern. Als ob Mars und Venus drin sind. Und er dreht sich …
Ich schlafe wieder ein. Ich spaziere durch das Feld. Es gibt keine Menschen. Meine Knie sind leicht abgeschabt. Die Kratzer fühlen sich angenehm an. Angenehmer als alles andere. Wenn ich spaziere, empfinde ich Durst nach Wasser. Viel Wasser. Sogar wenn ich wach bin, bin ich auch in diesem Traum. Er kann das nicht verstehen. /Pause/. Wenn ich in den Supermarkt gehe, füllt mir der Verkäufer die Tasche sofort mit Bohnen. Er fragt mich nicht, ob ich Milch, Käse, Brot, Zucchini will … Wenn es keine Bohnen gibt, gerät er in Krise. Er wird ganz wahnsinnig. Den Geschmack der Bohnen spüre ich nicht mehr. Ich esse und stelle mir vor, dass sie was Süßes sind. Wie Eis. Oder salzig, wie Kalmaren. Oder ich weiß nicht was.
ER tritt ein.
ER. Schon fertig?
SIE. /hingebungsvoll/ Wird gleich fertig, … bis etwa zehn Minuten.
ER. Man hat mir gesagt, dass in der Straße gegenüber irgendwelche neue Sorte geliefert wurde.
SIE. /wieder hingebungsvoll/ Morgen gehe ich vorbei.
ER. Wir können gemeinsam gehen.
SIE. Natürlich … Es wäre wunderbar.
ER. Ja, wunderbar … Gehen wir gemeinsam, Bohnen kaufen. Ich will so sehr, dass wir gemeinsam gehen …

Fünftes Bild
Küche. Tisch. Stühle. Ungefähr 20:00 Uhr.

SIE. Haben wir Geld in der Bank?
ER. Wir haben nichts …
SIE. Und das jene, das ich aus dem Wettgeschäft gewann?
ER. Du hast aus dem Wettgeschäft 1950 oder vielleicht auch früher gewonnen.
Ich erinnere mich schon nicht daran …
SIE. Ich dachte, dass was in der Bank geblieben ist.
ER. Wir haben damals genug Geld gehabt. Jetzt haben wir nichts mehr …
SIE. Erinnerst du dich, als wir es fast auf dem Backenbart jenes KLAVIERSPIELERS machten. Damals hatten wir viel Geld.
ER. Ich erinnere mich.
SIE. Damals hast du mir gesagt, dass dies schon alles ist. Dass wir schon nichts mehr zu tun haben. Und nur ruhig darauf – auf Ihn – warten können.
ER. So war es. Ich erinnere mich. Sein Backenbart war größer als sein Gesicht …
SIE. Es war halbdunkel. Es gab nicht so viele Menschen. Er spielte unglaublich. Wir gingen nach vorne, vor dem Klavier. Es war ein Dielenfußboden. Solche Dielenfußböden werden nicht mehr gemacht.
Pause
SIE. Wir tanzten lange.Im nächsten Augenblick hielten wir es nicht mehr aus. Du begannst mich ans Klavier zu pressen. Kamst sehr schnell zu Ende. Keiner bemerkte was. Damals spürte ich, dass mein Herz anspruchsvoller wird. Irgendwie seine Formen verliert. Zum ersten Mal spürte ich es so.
ER. Dann kam der KLAVIERSPIELER an unseren Tisch. Wir tranken zu dritt. Wir waren etwas wie Helden ohne Krieg. Genau wie Helden. Es ist so lange her. Ich kann mich sogar nicht erinnern wann das war … Und will es nicht einmal wissen! /barsch/
SIE. Weißt du, dass ich einige Jahre später mit dem KLAVIERSPIELER geschlafen habe? /Pause/
An einem Abend rief er mich an. Er lud mich zum Abendessen ein. Du warst irgendwohin verreist. Wir aßen großartige Kalmare. Ich meine, schottisch.
ER. Zum ersten Mal höre ich, dass es schottische Kalmare gibt.
SIE. Sie sind köstlich. Ein bisschen süsslich … Ähnlich wie die ungarischen Bohnen, aber nicht ganz.
ER. Die ungarischen mag ich nicht.
SIE. Immer habe ich gedacht, du magst sie.
ER. Nie haben wir über die ungarischen Bohnen gesprochen. Wir haben zwei oder drei Mal davon gegessen, nicht mehr.
SIE. Dann brachte er mich zu sich nach Hause. Die ganze Zeit dachte ich an dich. Es war mir eigentlich aber auch angenehm. Wir haben Wein mit Nüssen getrunken.
ER. Vielleicht war es vor sehr langer Zeit. Mindestens vor zwanzig Jahren.
SIE. Länger. Viel länger.
ER. Jetzt erinnere ich mich an seine Miene. Er hatte einen riesigen Backenbart und einen dicken Bauch. Während des Spielens schwitzte er. Ja, ja, ich erinnere mich an ihn. Er hatte einen ziemlich großen Bauch. Einen gierig großen Bauch … /ernst/
SIE. Er spielte in einem grünen Hemd. /Pause/. Während wir es gemacht haben, hat er uns ununterbrochen gesehen. Später, als ich mit ihm war, sagte er, dass ich ihm sehr gefallen habe. Er sei geradezu verrückt geworden. Er habe einige Wochen danach nicht geschlafen.
ER. Jetzt erinnere ich mich an die ungarischen Bohnen. Sie entstanden im 13. Jh., meine ich … Genau … /hastig/ Ich muss im Handbuch nachschlagen. Ja, genau, im 13. Jh. Aber für mehr Sicherheit muss ich im Handbuch nachschlagen.
SIE. Als wir bei ihm zu Hause ankamen, setzte er sich vor das Klavier und begann zu spielen. Schubert, meine ich. Dann fragte er, ob ich es auf dem Klavier machen möchte. Er sagte, dass er zu allem bereit wäre, nur wenn wir es auf dem Klavier machen würden.
ER. Eigentlich sind die ungarischen Bohnen nach einem besonderem Rezept gemacht. Die Elterngeneration der Samen sind eine Kreuzung aus bisher unbekannten Kulturen. Ich denke, so stand es im Handbuch.
SIE. Ich habe ihm gesagt, dass ich das Klavier für dich reserviert habe. Und wir haben es auf einem zerfetzem Sofa mit zerbrochenen Federn gemacht. /SIE denkt nach/ Dann spielte er lange … Er sagte mir, dass ich eine von den wenigen Frauen in seinem Leben bin. Er meinte sogar, dass ich die einzige bin…
ER. Ja, so stand es im Handbuch.
SIE. So meinte er es…
ER. /Pause/ Sicherlich ist er an einem Herzanfall gestorben. Er sah aus wie ein Mensch mit schwachem Herz.
SIE. Möglich, dass er verstorben ist. Ja, ja … sicherlich ist er verstorben.
Verdunkelung.
Ungefähr 7.00 Uhr morgens. Küche. Tisch. Stühle.
SIE. Wie viele Kinder hatten wir?
ER. Zwei …
SIE. Sicherlich sind sie irgendwo in der Welt und essen Bohnen.
ER. Es wäre schön.
SIE. Als sie klein waren, belehrten wir sie. Waren sie nicht komisch?! Ständig machten sie sich schmutzig. Bewarfen sich. Sie planten ganze Vorstellungen …
ER. Wir sassen an diesem Tisch. Alle. Es war noch keiner weg. Wir banden ihnen die Lätzchen um. Ich hatte ihnen spezielle Holzlöffel gemacht. Jede mit Initialen.
SIE. Solange sie nicht lesen konnten,machte es mit ihnen riesig Spaß.
ER. Wir aßen bei Musik. Feierlich, sehr feierlich. Immer war es ein Fest.
SIE. Wir aßen lange, sehr lange. Manchmal schliefen sie am Tisch ein.
ER. Damals dachte ich, dass dies das ganze Leben lang so bleiben wird – wir beide und sie. Alle essen Bohnen. Alle lesen Tschechow.
SIE. Manchmal kamen auch Gäste. Sie setzten sich. Ich kochte noch mehr Bohnen. Alle preisten mich, dass ich die besten Bohnen mache. Sogar einmal, erinnerst du dich, sprach ich im Rundfunk über die besondersten Rezepte. Es gab so viele Anrufe. Und dann schlug mir ein Herausgeber vor, ein Buch mit Rezepten zu machen. Erinnerst du dich?
ER. Der Herausgeber hat dir den Kopf verdreht, aber du lehntest das Buch ab. Du wolltest die meisten Rezepte für uns selbst behalten. Ich weiß nicht, ob du Recht hattest. Eigentlich … hattest du mit diesem Rind, dem Herausgeber, was Gemeinsames?
SIE. Man nimmt ein Kilo Bohnen. Zuerst muss man sie kochen. Das Wasser wegwerfen. Die Bohnen wieder in den Kochtopf schütten. Dann zweihundert Gramm Tomatensoße hinzufügen. Man muss ein Viertel Mohrrübe reiben. Das andere Viertel muss ganz in die Speise kommen. Zwei Löffel Zucker. Petersilie. Getrocknete Pflaumen.
ER. Ein bisschen Mandeln, ein bisschen Mehl. Krauseminze und junge Zwiebeln.
SIE. Jemand klingelt.
ER. Backpulver, schwarzer und roter Pfeffer.
SIE. Möglicherweise auch frische Paprikaschoten.
ER. Nein, nein, ich mag keine Paprikaschoten.
SIE. Jemand klingelt.
ER. Zwei-zweieinhalb Stunden muss das kochen. Dann noch Petersilie.Vielleicht noch ein bisschen Zucker. Und wieder ein bisschen Salz …
SIE. Jemand klingelt, sage ich …
ER. Keiner könnte klingeln.
SIE. Hast du Hunger?
ER. Noch nicht …
Pause.
SIE. Unser Dachboden ist voll mit Bohnen. Wer wird sie nach unserem Tod essen?
Wir haben sie ein ganzes Leben lang gesammelt. Sorte für Sorte. Staat für Staat. Das ganze Leben lang. Der Karte nach haben wir sie gesammelt. /Pause/ Die Kinder sind weit weg.
ER. Und sie werden nicht zurückkommen.
SIE. Gewiss …
ER. Warum sollten sie zurück?! Wenn es ihnen gut geht, warum denn? Sie sitzen irgendwo und essen Bohnen, nicht wahr? Was gibt´s besseres?! Auch ihnen gefielen sie mit viel Essig wie mir, genau wie mir. Mit zwei Löffeln Essig.

Sechstes Bild
ER und SIE sind an verschiedenen Ecken des Zimmers. Tisch, Stühle. SIE sitzt auf einem Stuhl. ER steht aufrecht und schaut durch das Fenster.

ER. Überall Huren. Trödeln hin und her. Ständig hin und her. Sie haben Nylonhöschen. Man sieht ihnen alles an. Nur Huren und Wind. Das Ozon klebt ihnen an Hintern. Sie laufen, spazieren … Hurenstadt. Es regnet kaum. Es regnet sogar fast nie. Die Bäume sind wenig. Es gibt auch kein Gebüsch. Man sieht nur diese Huren. Ihre Figuren verschlucken mein Fenster. Mein Gesichtssinn. Mein Zwerchfell. Alles … Ich atme sie ein. Dann kann ich sie nicht auswerfen. Sie erregen mich ein bisschen. Die Huren erregen mich nicht. Sie sollen mich nicht erregen.
Nur Elena Andreewna kann mich erregen. /Pause/ Gewaltig kann sie mich erregen. /Pause/ Ich stehe ja hier und esse Bohnen. Von Morgen bis Abend esse ich Bohnen. Und es geht mir gut. Sehr aufmerksam schlucke ich jeden Bohnenkern ganz langsam . Von jedem spüre ich einen leichten Schauer. Meine Halssehnen glucksen vor Vergnügen. Und draußen nur Huren. Sie haben nie Bohnen gegessen. Bulgarische, koreanische, philippinische, schwedische … allerlei Bohnen. Es geht mir gut, es geht mir gut hier … Ich will sie sogar durch das Fenster nicht sehen. Ich will nicht hinausgehen. Ich gehe nur zur Verkäuferin , um Bohnen zu kaufen. Ich lese nur Tschechow und esse diese Bohnen. Nicht, dass dies eine große Philosophie ist, aber immerhin … Es erfordert ein Verantwortungsgefühl. Die Verantwortung ist beträchtlich. Hast du sie nicht, erstickst du. Brichst aus. Du musst ständigerbrechen. Deine Därme können sich verwickeln. /Pause/
Sonst gibt es was angenehmeres als dir die Schüssel vollzufüllen? Ein bisschen Salz geht auch. Essig brauchst du nicht unbedingt. Auch ohne Brot geht es. Und du beginnst langsam. Feierlich. Du lässt Musik spielen. Barock oder 18. Jh. Dein Leben wird zur Lust … Du kannst dir sogar spezielle Kleider kaufen. Einen Frack, eine Fliege. Du isst Bohnen in Frack, Fliege und Lackschuhen. Und mögen sie mit ihren Nylonhöschen umherlaufen. Auch sie ist wie diese /zu ihr/. Genau wie diese. Sie meinen, dass sie mich … Da haben sie … /zeigt Mittelfinger/.
Nichts können sie mir geben. Hurenstadt. Keiner isst Bohnen. Nur ich. Nur ich mache dieses Ritual. Das ganze Leben lang, von Morgens bis Abends. Manchmal kann ich auch in der Nacht nicht schlafen. Aber ich esse. Wenn ich keinen Hunger habe, streichle ich, berühre ich die Bohnenkerne. Ich atme sie ein. Das erregt mich furchtbar. Es füllt mich mit Süße aus. Manchmal kann ich so sogar kommen. Während ich Bohne für Bohne streichle. Bohne für Bohne. So viel und so verschieden. Jede mit unterschiedlicher Form und unterschiedlichem Geruch. Ich errege mich bis an die Füße. So sehr stehe ich auf diese Erregung. Sie ist verschieden, nicht wie die anderen Erregungen. Verschieden, speziell.
SIE. Was stören dich die Huren? Warum stören sie dich das ganze Leben lang? Wenn nicht die Huren, dann was anderes. Elena Andreewna ist auch eine Hure. Du weißt das ganz genau. Und zwar von denjenigen, den ekelhaftesten, von den verdeckten. Die sich ganz harmlos stellen. Aber eigentlich Huren sind. Und du weißt es ganz genau …
ER. Sie ist keine Hure. /ER setzt sich auf das Sofa/
SIE. Es gibt keine größere Hure als sie. Sie ist eine sehr beträchtliche Hure. Sehr. Eine Hure mit Verantwortungsgefühl …
ER. Elena Andreewna ist keine Hure. /ER steht auf und geht hinaus./
SIE. /lange Pause/ Nichts kann mir mehr passieren. Die Sonne brennt.Der April ist schon vorbei. Das Leben lässt sich nur hier und da spüren. Alles ist ein bisschen anders. Auch die Bohnen sind anders. Nur Bohnen. Drogenbohnen. Frühlingsblutenbohnen. Klangbohnen. Mein Tag brodelt wie ein Kochtopf. Er ist langsam. Schwerfällig ist er … Abends kommt der Schlaf nicht. Die Fenster sind geschlossen. Die Gardinen sind heruntergelassen. Nichts dauert ewig an. Ich beseitige die Spinnen von den Wänden und koche Bohnen. Ich übersetze die Bohnen in alle Sprachen. Ich muss sie in allen Sprachen essen. Nur am Anfang ging es mir gut. Dann endete alles. Ging vorüber. Zerkochte. /Pause/
Von den Bohnen nimmt man sogar nicht zu. Zwar wollte ich immer so sehr zunehmen. Sogar zu sehr. Das macht dich nur kräftiger. Zäher. Das macht dich auch empfindlicher. Einst, als ich zum ersten Mal Bohnen kostete, spürte ich Erregung. Als ob ich nach Indien reiste. Ich begann mich ein wenig zu genieren. Mein Gehirn wurde voll mit Blut. Ich errötete. Es war Oktober. Es war ein schöner, so ein galliger Herbst. Ich saß zwischen meiner Mutter und meinem Vater und wir aßen. Es war schön. Es war eine sehr unpopuläre Sorte. Zu uns war sie noch nicht gekommen. Meine Mutter kaufte sie von einer Frau, die sie in ihrem Garten nur seit kurzem zu züchten begann.
ER tritt wieder schnaufend ein.
ER. Du bist eine Hure. Nicht Elena Andreewna. Du hast mich aufgefordert, Bohnen zu essen. Wir haben geheiratet und du hast mich aufgefordert. Alles ist deinetwegen – morgens, mittags, abends – ich sollte meine Schüssel mitbringen. Es sei gesund, was nicht alles gesund sei. Es sei für Machos. Du trägst die Schuld daran. Hündin. Elena Andreewna ist eine hundertprozentige Frau. Zauberhafte Frau.
SIE. /ruhig/ Hast du sie gesehen?
ER. Einmal, als ich eine neue Sorte kaufte, war die Frau neben mir beim Einkaufen. Ihre Hände waren lang und ungewöhnlich. Sie hatte eine besondere Maniküre. Ich hatte solche nicht gesehen. Ihre Knöchel – vollendet. Ihr Hals – vollendet. Alles war vollendet. Ich lernte sie fast ungewollt kennen. Sie ließ eine Münze fallen. Ich beugte mich und ich reichte ihr die Münze. Sie dankte. Sie strahlte aus Begeisterung. Sie war keine Hure. Mit Sicherheit war sie keine Hure. Ich lud sie ein, mit mir einen Kaffee zu trinken. Wir saßen lange, tranken Kaffees, Wodkas, Kognaks, Säfte … Was wir nicht alles getrunken haben… Es dauerte mehr als zehn Stunden.
Sie lud mich zu ihr ein. Sie wohnte allein. Sie kochte mir von ihren Bohnen. Sie waren einfach vollkommen. Wir aßen uns satt. Und ich kehrte heim. Ich berührte sie nicht einmal. Einige Monate später traf ich sie wieder im Laden. Sie kaufte Bohnen. Ich lud sie zum Kaffee ein. Wir tranken den ganzen Tag Kaffee. Wir gingen zu ihr. Sie kochte mir Bohnen. Wir aßen. Ich blieb dort zum Abend. Auch zum nächsten Abend. Und zum übernächsten… Ich habe sie nicht berührt. Bei ihr gab es vollkommenes Bohnenbesteck. Ich kam nach Hause. Du wartetest auf mich. Du dachtest, dass ich fremdgegangen sei. Dass ich mit irgendeinem Nillongesäß geschlafen hätte. Und du hattest gekocht… Die Schüssel stand auf dem Tisch und wartete auf mich.
SIE. Hast du Elena Andreewna gesehen?
ER. Manchmal, manchmal, für eine kurze Zeit- ein wenig.
SIE. Mein Drang danach nicht zu altern ging so weit, dass ich den ganzen Tag über vor dem Spiegel stand und mich ansah. Es begann als ich sehr jung war. Ich stand davor und betrachtete meine Falten. Es waren wenige, aber genug … Du kamst am Anfang selten nach Hause. Selten aßest du, selten machten wir Liebe. Wir hatten noch keine Kinder. /Pause/
Ungefähr zu dieser Zeit hast du die erste Sorte auf dem Dachboden gepflanzt. Da verstand ich, dass das Leben sich ändern würde. Es ändert sich sehr. Und ich begann viel schneller zu altern. Du gingst jeden Abend hoch , um sie zu begießen. Manchmal schliefst du auf dem Dachboden ein. Später brachte man dir indianische Samen. Daraus wuchsen wirklich herrliche Bohnen auf. Immer seltener machten wir Liebe. Die Bohnen begannen dir die ganze Zeit zu rauben. Du hast deine Arbeit gekündigt. Zuerst verkauften wir das Auto, dann den Hausrat. Wir wurden voll von Anleihen. Du wolltest nicht, dass wir ausgehen. Nur gingen wir von Zeit zu Zeit zum Kramladen, Bohnen zu kaufen. Dann begann der Dachboden nicht mehr auszureichen. Wir sollten weitere Dachböden suchen.
ER. Ich kenn das auswendig. Das hat nichts mit Elena Andreewna zu tun.
SIE. Alles hat mit Elena Andreewna zu tun.
ER. So gefiel es mir mehr als alles andere. Ganz von Bohnen umgeben zu sein. Und von dir. Und von Tschechow. Liebe machten wir selten. So ist es …
SIE. Das Alter begann mich sentimentaler zu machen. Ich begann zu spüren, dass ich ununterbrochen in Extreme verfiel. Ich nahm Medikamente ein. Wenn ich mich im Spiegel sah, sprang er auf und ich verschwand. Ich floh … Meine Nerven wurden irgendwelchen billigen Kinkerlitzchen ähnlich. Dann stieg ich oben in den Dachboden und ich begann, die Bohnen zu gießen. Wütend, hingebungsvoll, drängend goss ich sie. So rächte ich mich. Zuerst an mir. Dann an dir. Auch Elena Andreewna rächte ich mich. Ich kam nach unten zurück. Ich kochte die Bohnen und ich schlief ein. Manchmal träumte ich von vielen Männern. Nackt oder nur mit Slips. Und alle hungrig. Und es gibt keinen, der sie auffüllen kann. Und ich begann zu schütten, zu schütten, zu schütten … Und so, bis … /SIE denkt nach/
Wir müssen das Haus grün streichen. So grün, dass die Vögel zwitschern und die Ameisen. Dass wir rot vor Grüne werden. Das ist jetzt der einzige Sinn. Zuindest für mich. Alles grün. Auch den Spiegel. Wir müssen das Haus grün streichen … Wie Petersilie und Sellerie, so grün.

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