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Boriana Dimitrova: “Alles an der bulgarischen Volksmusik fasziniert mich, gibt mir Inspiration und macht mich stolz…”

6 Mai, 2009 von · 3 Kommentare

Ein Interview von Natalia Nikolaeva mit Boriana Dimitrova
Übersetzung: Rossitza Yotkovska

Boriana Dimitrova
Foto: Martin Savov

„Die Kunst ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Gespräch mit den Menschen.“
Modest Petrovich Mussorgski

Es gibt kaum einen größeren Nachweis für diesen Gedanken des großen russischen Komponisten, als das magische Universum der Musik. Sie ist das Medium, das Brücken schafft, auf alle Sinne einwirkt und ein Gesprächs- und Mitteilungsmittel ist.

Ich bin glücklich, mit zwei der interessantesten Jazz-Musikanten und Komponisten, die auf eine unglaubliche Weise den modernen Jazz und die bulgarische Folklore mixen, – Boriana Dimitrova und Vladimir Karparov – befreundet zu sein.

Die Beiden sind charismatisch und natürlich zugleich, Profis, die ins Saxofon verliebt sind. Sie haben ihren individuellen Klang entdeckt und originelle Kompositionen erschaffen.

Ich kenne Boriana seit mehr als 8 Jahren und ich habe immer ihre Experimentierfähigkeit und die Leichtigkeit, mit der sie ihre unikalen Saxofonkompositionen schafft, bewundert.

Sie schließt das Bulgarische Staatliche Konservatorium ab, wo sie ein solides Wissen im Bereich der klassischen Harmonie, Polyfonie und in der musikalischen Analyse erwirbt.

Während ihres Studiums an der Hochschule für Musik und Theater in der Stadt Hamburg, hat Boriana Dimitrova das Glück, Jazztheorie und Jazzarrangement bei Doktor Dieter Glawischnik und später bei Prof. Wolf Kerschek zu lernen.

Die Saxofonistin hat Musik für ein klassisches Saxofonquartett, für Jazztrio, für Jazzquartett und für Big Band komponiert.

In ihren Stücken verflechtet sie gewandt Elemente der klassischen und Jazzharmonie, der Stimmführung und Orchestration, aber auch Elemente der bulgarischen Folklore – Tonarten (skalen) und ungerade Rhythmen.

Über die Liebe Borianas zur bulgarischen Volksmusik und über die gewandte Kombination der ungeraden Rhythmen mit dem modernen Jazzklang sprachen wir mit ihr unmittelbar nach dem Jazzfestival in Hamburg am 30. April, wo sie mit ihrem Quartett ihre eigene Kompositionen darstellte.


Boriana Dimitrova from Niki Nikolov on Vimeo.

Was fasziniert dich an der bulgarischen Volksmusik?

Ich kann ruhig sagen: Alles an der bulgarischen Volksmusik fasziniert mich, gibt mir Inspiration und macht mich stolz, dass ich aus einem Volk stamme, das eine so merkwürdige Musik schaffen konnte.

Die Melodie unserer Lieder und die einzigartige Gesangstechnik, besonders bei den Frauen, die eigentümlichen ungeraden Rhythmen in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit und sogar die Tänze.

Als, in meiner Entwicklung als Instrumentalistin, der Augenblick kam, auf dem Saxofon an einem eigenen Klang und Timbre zu arbeiten, strebte ich in gewissem Maße danach, die Tongebung des Dudelsacks nachzuahmen.

Wie hast du dich entschieden Saxofon zu spielen?

Ich hab mich nicht entschieden Saxofon zu spielen, es geschah einfach. Ich war 17, ich hatte schon einige Jahre der Klavier- und Oboeausbildung hinter mir, als ich eingeladen wurde, in einer Jugend-Bigband zu spielen. Ich spielte nur in zwei Stücken Solo Oboe. Vor einem Konzert verließ der Sopransaxofonist die Bigband und ich sollte, nach nur drei Tagen üben, mit dem Sopransaxofon seine Stelle einnehmen. Dort, auf der Bühne, hab ich verstanden, dass das „mein“ Musikinstrument ist.

Was inspiriert dich am meisten? Mensch, Musik, Film?

Inspiration schöpfe ich aus verschiedenen Sachen. Das Thema der Komposition für das Jazz Quartett „Balkan Blus“ habe ich während einer Vorlesung in Musikgeschichte geschrieben, als wir eine Aufführung des Ornett Coleman Quartett hörten.

Etwas, was im Hinblick auf die Tatsache, dass er ein Free-Jazz-Darsteller ist, absurd klingt. Manchmal kommt die Inspiration nur durch die Berührung des Klaviers, manchmal durch meiner Tochter und manchmal auch durch einen Lieblingsdarsteller. Wichtig ist, diese Stimmung nicht vergehen zu lassen, sondern auszunutzen und die Melodie, die Harmonie usw. gleich aufzuschreiben.

Wann und wie hast du angefangen zu komponieren?

Ich begann vor 5-6 Jahren zu komponieren. Mein erstes Werk ist ein Quartett aus drei Teilen für klassisches Saxofonquartett. Es kam irgendwie aus sich selbst und ganz normal und zeitgemäß. Ich meine, dass zu diesem Zeitpunkt die Kenntnisse, die ich im Bulgarischen Staatskonservatorium über die klassischen Harmonie, Polyfonie und Form erworben habe, sowie die Kenntnisse im Bereich der Jazztheorie, Jazzharmonie und Jazzform, die ich in HfMT bekam, sich richtig in meinem Kopf eingeordnet haben, so dass ich sie nutzen konnte. Es klappte einfach ganz natürlich.

Was ist die größte Herausforderung für dich, wenn du ein Stück komponierst?

Am interessantesten ist es, dass, bevor ich ein Stück auf „Papier“ aufscheibe (heute verwendet jeder musikalische Programme zu diesem Zweck), ich es in meiner Einbildung “höre” und „sehe“.

Als ob wir ein Konzert geben. Ich sehe und höre wie jeder meiner Quartett-Kollegen mit seinen spezifischen Gesten, mit seinem spezifischen Klang und seiner Musizierungsart spielt. So „erlebe“ ich meine Stücke im Kopf noch bevor ich sie aufschreibe.

Aufs Papier übertragen, sind aber diese Stücke noch nicht das Erlebnis, das ich „gehört“ und „gesehen” habe, sondern einfach leblose Zeichen. Das Schwierigste für mich – und damit auch meine Herausforderung – ist es, meine Kollegen so zu inspirieren, dass sie meine Stücke in der Weise spielen, in der sie sie auf dem imaginären Konzert in meinem Kopf „dargestellt“ haben.

Würdest du uns über dein Projekt erzählen?

Ich arbeite an mehreren Projekten gleichzeitig, aber vor allem mit dem „Borjana Dimitrova Quartett“. Das Projekt wurde für mein Diplomprüfungskonzert ins Leben gerufen und entwickelte sich ganz spontan weiter. Gleich nach meinem Diplomkonzert trat ein Jazzfan mit mir in Kontakt und schlug mir vor, meine erste eigene CD – „Balkan Blues“ – zu sponsern.

Sie wurde in einem professionellen Studio vom Toningenieur Philip Schulz aufgenommen und ihre Vorstellung findet am 19.06.09 im Jazzclub „Stellwerk“ statt. Die Musik, die ich für die CD komponiert habe, ist eine Mischung aus Jazz und bulgarischen Volksrhythmen und Melodien.

An der Aufnahme nimmt auch Hristo Angov teil, der als Sänger und Dudelsackspieler auftritt. Hristo wird auch an der Vorstellung der CD im Club „Stellwerk“ teilnehmen. Die bevorstehenden Auftritte meines Quartetts sind:

30.04.09 Barmbeker New Jazz Festival in Kooperation mit dem Jazzbüro Hamburg.
Donnerstag 30. April, Einlass: 17:30 Uhr
Eintritt: € 15,-, http://www.kbb-hamburg.de/html/spielplan.html
19.06.09 Präsentation der CD „Balkan Blues“ Jazzclub
Stellwerk
21.06.09 Jazzfestival Take 5 Hamburg – Harburg

Boriana Dimitrova
Foto: Martin Savov

Welche Rolle spielt die bulgarische Folklore für deine Kompositionen?

Eine außerordentlich große Rolle, manchmal auch eine grundlegende. Wir sind uns dessen nicht bewusst, aber wir sind unter der Begleitung einer unglaublichen Volksmusik aufgewachsen, die auf uns, auf unsere Persönlichkeitsgestaltung usw. auf dem Niveau des Unterbewusstseins eingewirkt hat. Deshalb habe ich am Anfang gesagt, dass es für mich ein Glück ist, aus einem Volk mit einer solch merkwürdigen musikalischen Kultur zu stammen.

Leider ist sie hier unbekannt. Die bulgarische Volksmusik gibt mir die Möglichkeit, durch die Interpretation von Folklorelementen, mit Hilfe von musikalischen Mitteln, meinen eigenen Stil des Spielens – des Klanggewinns, der Intonierung, der Improvisation – sowie meinen Komponierungsstil zu gestalten.

Ich habe meine Diplomarbeit über das Thema „Betrachtung von ungeraden Rhythmen in der bulgarischen Volksmusik mit ihren sozialen Ursprüngen und ihren Manifestierungen im Jazz“ geschrieben. Ich habe darin, außer einer vollen Klassifikation der bulgarischen ungeraden Rhythmen mit Noten- und Audiobeispielen, auch eine Hypothese über deren Ursprung aufgestellt.

Ich untersuche auch drei Jazzmusiker, die in ihren Kompositionen ungerade Rhythmen des bulgarischen Typs verwenden. Bis zu einem gewissen Grad habe ich dieses Thema wegen meines Wunsches, den bulgarischen folkloristischen Reichtum zu popularisieren, gewählt, da in Deutschland unsere Volkskunst fast unbekannt ist.

Boriana Dimitrova
Foto: Martin Savov

Boriana Dimitrova ist in Sofia geboren und aufgewachsen. Sie nimmt schon von klein auf Stunden in Klavier und Oboe, später auch in Saxofon, wobei sie parallel auch in einem Jugend-Blasorchester und einer Jugend-Big-Band spielt. Im Jahre 1998 schließt sie mit voller Auszeichnung das Bulgarische Staatskonservatorium „Pancho Vladigerov“ als erste Frau mit Hochschulausbildung im Fach „Saxofon“ ab. 2008 schließt sie, auch mit voller Auszeichnung, die Hochschule für Musik und Theater – Hamburg, Fach Jazz, Saxofon und Flöte in der Klasse von Prof. Ernst – Fite Felsch, ab.

Zurzeit absolviert Boriana ein Master-Studium in Jazzkomposition und Arrangement in Mannheim. Dank Prof. Dieter Glawischig hat sie ihr Interesse für das Komponieren entdeckt. Boriana ist bereits Autorin eines Saxofonquartetts, das vom Hamburger Saxofonquartett im Studio 1 des Fernsehsenders NDR aufgenommen wurde. Des weiteren schrieb sie Stücke für Big Band, die auch bereits von der NDR Big Band im Studio 1 aufgenommen wurden, mehrere Stücke für Jazzsextett, Jazzquartett und Jazztrio, sowie Stücke für Saxofon, Solosaxofon und Klavier.

Boriana ist Leiterin zweier Jazzformationen. Mit dem „Boriana Dimitrova Quartett“ nahm sie ihr erstes eigenes Album „Balkan Blues” auf, dessen Präsentation am 19.06.09 im Jazzclub „Stellwerk“ stattfindet. Mehr Informationen über die musikalischen Tätigkeiten der Saxofonistin können Sie unter: www.borianadimitrova.com, www.myspace.com/borianadimitrovaquartett, www.myspace.com/borianadimitrovatrio finden.

Eine Konzertvideoaufnahme finden Sie auf der Webseite des Jazzclubs „Stellwerk“ oder auf „You Tube“ unter dem Namen „Boriana Dimitrova Quartett“.

Boriana Dimitrova
Colonnaden 26
20354 Hamburg

www.borianadimitrova.com
www.myspace.com/borianadimitrovatrio
www.myspace.com/borianadimitrovaquartett
borianadimitrova@yahoo.com

Fotos: Martin Savov

Kategorien: Frontpage · Szene

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