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Bozhana Apostolova: “Schreiben ist ein innerlicher Gefühlausbruch“

14 Mai, 2009 von · 1 Kommentar

Ein Interview von Natalia Nikolaeva mit Bozhana Apostolova – Lyrikerin, Prosaistin und Verlegerin, Besitzerin des Verlags „Janet 45“

Bojana Apostolova

”Erfolg ist, wenn man Leute glücklich macht“.
Bozhana Apostolova

Es gibt Künstler, die das Talent besitzen, harmonisch mehrere Begabungen in ihrer Person unterzubringen. Eine solche Persönlichkeit ist Bozhana Apostolova – begeisterte Dichterin, Belletristin, Mäzen der bulgarischen Literatur und Kultur.

Für ihren ehrwürdigen Auftrag, bulgarische Autoren zu entdecken, zu unterstützen, und ihre Werke herauszugeben, ist Bozhana als „Mutter Teresa“ der bulgarischen Kultur bekannt.

Diese Berufung, der Heimatkunst zu dienen, steht im Einklang mit der Begabung mehrere Charakterwesen in einem zu sammeln – sie sagt „Ich wohne allein und gemeinsam in mir.“
Die Poesie ist vielleicht das erste und ursprüngliche Wesen von Bozhana. Ihre Gedichtssammlungen “Das Schicksal eines Feuertänzers” (1978), “Kakto mama se krusti” (1995), “V pitieto na mraka” (1998), “Neobetovan svjat” (1986), “Vseljubov” (2001) “Sustojanie treto” (2003) č “Vusel” (2005), „Edva ja zadursham” (2008) gewannen die Liebe und Anerkenung bulgarischer Literaturliebhaber, Lyriker und Kritiker. Wegen ihren wunderbaren Gedichte wurde sie “die neue Bagrjana” genannt.

Das andere Gesicht von Bozhana ist die originelle Belletristin und weitsichtige Philosophin des bulgarischen Lebens. In beiden Teilen ihrer “Alltagsbibel” weitet sich das erlittene und dramatisch empfundene Leben aus und nimmt den Sinn der menschlichen Existenz auf.

Bozhana Apostolova schrieb mit “Tschovekut s nebeto“(2002) auch ein modernes Kindermärchen.
Ihr Künstlerwesen vereint sich harmonisch mit dem Herausgeben von etablierten und jungen Autoren wie Andrej Germanov, Ivan Radoev, Dora Gabe, Konstantin Pavlov,Ekaterina Jossifova, Stefan Tzanev, Nedjalko Yordanov, Purvan Stefanov, Ivan Dinkov, Stanka Pentscheva, Georgi Velitschkov, Hristo Karastojanov, Boiko Lambovski, Georgi Borissov, Grigor Lenkov,Georgi Gospodinov, Yordan Eftimov, Silvia Tscholeva, Marin Bodakov, Petar Tschuchov u.v.a.
Die vereinende Kraft aller Wesen der Dichterin, Belletristin und Verlegerin bulgarischer Literatur ist die Liebe -„… die einzige Hostie in dieser allvergebenden Zeit”

Was ist Ihrer Meinung nach der Sinn der Kunst?

Für mich ist die Kunst eine Zusammensetzung aus allem – in den Dingen und außerhalb davon zu sein. Außer Lebenswahrheit muss darin auch etwas anderes stecken – das Spiel, die Fantasie, die innere Freiheit und die innere Weite.

Schließlich ist das Wesentliche, dass durch die Kunst die Denkwerte der allgemeinen Philosophie überleben müssen. Dies geschieht durch die Beachtung der allgemeinen Regeln, wo aber jede Regel früher oder später veraltet ist. Genauso ist es mit dem Postmodernismus passiert. Er ist nicht mehr “in”.

Die Postmodernisten werden von der Gewohnheit getrieben, gesteuert von der Innerz, doch sie merken nicht, dass sie langweilig geworden sind. In solchen Fällen kränkelt der Sinn der Kunst, der immerhin darin besteht, die menschliche Seele zu veredeln, den Menschen besser zu machen, sensibel gegenüber den Mitmenschen zu sein.

Wie kamen Sie zu der Entscheidung, bulgarische Literatur herauszugeben?

Ich bin selbst Autorin. Meine erste Gedichtsammlung erschien 1978. Ich habe viele Freunde unter den bulgarischen Autoren und weiß, wie schwer Sie es haben, besonders in der heutigen Zeit. Ich erinnere mich noch, wie wichtig das Herausgeben meines ersten Buches für mich war, wie lange ich darauf gewartet habe.

Ist es nicht ein Verbrechen, unsere etablierten Autoren zu vergessen auf diesem modernen Markt, übersättigt von fremden Bestsellern?

Wie sollen die Jungautoren ihre ersten Schritte machen, um sich ihren Literaturweg zu bahnen? Wenn man von der komerziellen Seite absieht, ist es ganz natürlich, dass ein bulgarischer Verlag für die bulgarische Literatur sorgt.

Welche Mission hat ein Herausgeber von bulgarischer Literatur in der heutigen Situation?

Die Wahrheit ist, dass diese Tätigkeit meist keinen Gewinn bringt. Es ist in finanzieller Hinsicht wesentlich lukrativer, Horoskope, Esoterik, Kochbücher und Handbücher herauszugeben – Wie werden wir schlanker?, Wie werden wir im Leben erfolgreich? usw.
Ich sehe die Mission des Verlegers darin, die Literaturwerte aufrecht zu erhalten und sie zu bewahren. Ihre Frage klingt eigentlich beleidigend, wie würde sich eine solche Frage an einen deutschen Verleger bezüglich deutscher Autoren anhören?

Was ist für Sie als Verlegerin die größte Herausforderung? Und als Autorin?

Bei mir ist das Schreiben ein innerer Ausbruch von Gefühlen, die mich im Moment beherrschen und auf ihren poetischen Ausdruck warten.

Die Herausforderung für die Lyrikerin (als die ich mich vor allem fühle) kann auch ein Wort sein, ein Blick, ein Grashalm, eine Blume oder das Zwitschern von Sperlingen.

Als Verleger ist es etwas anderes – ein großes Glück für mich wäre, unter den vielen Büchern, die ich herausgebe, etwas Starkes herauszugeben, etwas Überraschendes, Bedeutendes.

Welche Tendenzen in der modernen bulgarischen Kunst gefallen Ihnen am besten? Gibt es auch solche, die Sie nicht tolerieren?

Ich unterwerfe mich Tendenzen nicht. Mich bewegt alles, was wahre Literatur ist und die Kunstmerkmale trägt. Ich toleriere Talentlosigkeit nicht.

Wie wirken die Kunst und ihre Arbeit im Verlag zusammen?

Sehr wenig, obwohl die Texte, die ich bearbeite mich schon bereichern.

Welche Leitprinzipien haben Sie als Verlegerin?

An erster Stelle – alle mir zugesandten Manuskripte zu beachten, um nichts Wertvolles zu übersehen.

Daher lege ich ausreichend Mittel an und lasse mich von einem breiten Kreis von Fachkräften beraten – angesehene bulgarische Autoren, auf deren Kultur und Literaturgeschmack ich mich verlasse.

Welche sind Ihre Lieblingsautoren – bulgarische und internationale?

Ich habe keine Lieblinge unter den Autoren im Haus. In den letzten Monaten waren die Treffen mit Haruki Murakami, Kostas Montis, mit fast allen bulgarischen Dichtern, die ich herausgebe und wiederentdecke für mich interessant. Genauso Dobromir Tonev, Nikolay Sajakov.

Gibt es für sie ein Kunsttreffen, das Sie besonders bewegt hat?

Ja. Mit einem alten Bekannten – Kurosava.

Was hilft einem Talent sich zu entwickeln? Gibt es etwas, was stören würde?

Das ist ein Thema für eine wissenschaftliche Arbeit. Aber im großen und ganzen hilft der menschliche Geist. Wie ich die heutige Situation in Bulgarien sehe, stören die finanziellen Engpässe, die viele bulgarische Autoren zu spüren bekommen.

Erzählen Sie uns etwas mehr über Ihre Inspiration. Welchen Platz nimmt das neue Gedichtsbuch “Ich kann sie kaum halten” in Ihrer Sammlung ein?

Ich habe schon gesagt, dass meine Inspiration plötzlich kommt, sogar ohne darüber nachdenken zu können. Was mein neues Buch betrifft, ist es schon in den Händen der Literaturkritiker – ihre Aufgabe ist es, es zu klassifizieren, auszuwerten, seinen Platz zu suchen… Bisher sind die Reaktionen positiv und sie bezeugen ein neueres, höheres Niveau, verglichen mit meinem bisherigenWerk.

Suchen Sie die jungen Talente oder suchen diese den Kontakt zu Ihnen?

Das funktioniert im allgemeinen wechselseitig. Ich habe die Wahl, denn ich bekomme regelmäßig monatlich um die zwanzig Manuskripte.

Wodurch werden Sie motiviert, bulgarische Künstler weiter herauszugeben?

Ich bin maßloss froh, wenn Leser und Liebhaber ein Buch gerne und mit Zustimmung empfangen. Auch wenn solche Fälle relativ selten sind, genügen sie mir als Motivation – ein weiterer begabter Autor wurde entdeckt.

Wann fühlen Sie sich zufrieden? Was ist für Sie die höchste Anerkennung?

Privat – wenn ich nette Worte über eines meiner Gedicht oder Prosa höre. Höhere Anerkennung gibt es nicht. Ich freue mich auch über die zahlreichen Preise für meinen Verlag…

Wenn Sie die Möglichkeit und die Macht hätten, was würden Sie in Bulgarien ändern?

Mein Gott, so vieles an unseren gesellschaftlich-politischen Sitten! Vieles, vieles, sagen wir mal -fast alles… ausgenommen die Natur. Wenn ich konkreter werden muss: Was mich auch persönlich bewegt ist der Abbau der Mehrwertsteuer auf dem Gebiet Kultur.

Was fördert und was hemmt die Integration der bulgarischen Kunst in die Europäische?

Dafür bin ich kein kompetenter Ansprechpartner. Was meine Tätigkeit betrifft, leiste ich etwas nach meinen Kräften, mit meinen eigenen Mitteln – ich realisiere mein Verlagsprojekt “Seelentür”, dessen Wesen das gegenseitige Kennenlernen europäischer Autoren und Literaturen ist.
Das geschieht auf der Basis gesuchter Gegenseitigkeit eines bilateralen Prozesses – fünf bulgarische Bücher sind schon ins Türkische übersetzt und fünf türkische ins Bulgarische. Das Resultat ist zufriedenstellend und ich habe vor, einen solchen Stil auch bei meiner Arbeit mit Verlegern aus anderen Ländern einzuführen.

Bisher hat die bulgarische Literatur die Regale der europäischen Buchhandlungen vor allem aufgrund der Initiative einzelner Autoren oder ausländischer Verlage erreicht, das macht Ihren Weg spontan und unkontinuierlich. Ich möchte gerne, dass sich die Situation ändert, und dass es eine staatliche, oder zumindest institutionelle Politik gibt.

Welche Eigenschaften sollte ein Autor besitzen, um seine Begabung auf dem künstlerischen Gebiet zu entwickeln?

Sensibilität, Fleiß, Talent.

Was ist der Traum, den Sie sich neulich erfüllt haben?

Ich gebe in 19 Bändern “Ausgewählte Werke” der großen bulgarischen Autorin Vera Mutaftschieva heraus – Prosa, Essays, Memoiren, historische Studien… Ich zeige mit großer Begeisterung einen bulgarischen Schatz in seinem Glanz. Denn die Bulgaren haben nicht nur Schätze aus dem Altertum…

Wovon träumen Sie immer noch?

Von mehr Freizeit – für die Familie, für mich, fürs Schreiben.

Der Name Bozhana Apostolova wird immer wieder mit einem der einflussreichsten Verlage in Bulgarien -Janet 45, dessen Gründerin und Besitzerin sie ist, in Verbindung gebracht.
Seit 1978, als ihre erste Gedichtssammlung “Das Schicksal eines Feuertänzers” erscheint, bis 2008, als ihr achtes Gedichtsbuch “Kaum kann ich sie halten”(Verlag Stigmati,Sofia) gewinnt sie an ihrer Seite immer mehr Leser, die sowohl Lyrik als auch Prosa mögen – Apostolova ist Autorin von dem zweibändigen Roman “Alltagsbibel” wie auch des modernen Märchens “Der Mann mit dem Himmel”.

Apostolova hat zahlreiche Preise, sowohl für ihren Verlag als auch persönlich als Autorin, gewonnen. Dabei schätzt sie besonders den Preis “Plowdiv” für Belletristik, “Die Goldkette” von der Zeitung Trud für Lyrik und Zolotaja musa – für individuelles Werk und Beitrag für die russisch-bulgarischen Beziehungen, hoch ein.

Noch mehr als die Preise freut sie sich über das Interesse der Leser für ihre Gedichte. Deshalb nimmt sie gern den Auftrag des Kulturministeriums für eine Autorenlesung in dem Zyklus “Noten und Metafern” an.

Das neue Gedichtbuch von Bozhana Apostolova ist erschienen und kann in Buchhandlungen gekauft werden. Das wundeschöne Layout ist vom Künstler Geori Gurdev. Darin erkennt der Leser die bekannte emotionale Expression von ihren vorangekommenen Büchern und spürt auch eine weise gewordene Versunkenheit, ausgedrückt mit lakonischer Gnadenlosigkeit des genauen Wortes.

Der Verlag Janet 45 wurde Anfang der Neunziger Jahre gegründet. Er ist nur an bulgarischer Literatur orientiert sowohl klassisch als auch junger, debütierender Autoren.
“Ich gebe sehr viele Jungautoren heraus -von 17 bis 33 Jahre. Und immer wieder sucht mein Verlag nach dem großen bulgarischen Autor, denn die Jungautoren hatten es sehr schwer, sich in diesen 17-18 Jahren zu realisieren.

Der führende Verlag hat nationale und internationale Auszeichnungen, darunter zwei nationale Preise: “Hristo G.Danov” für bulgarische Literatur /2002/,” Den Bronzenlöwen” für ganzheitlichen Beitrag im Herausgeben gegenwärtiger bulgarischer Literatur “Konstantin Konstantinov” /2005/ für Kinderliteratur wie auch den Preis von UNESCO,vom ersten Weltwettbewerb im Buchdesign in Frankfurt 2003.

Kategorien: Frontpage · Szene

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