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Bulgarien unter dem kommunistischen Regime 1944-1989 – Teil 1

11 März, 2018 von · Keine Kommentare

BULGARIEN UNTER DEM KOMMUNISTISCHEN REGIME
1944-1989

von Stoyan Raichevsky

Bulgarien 1944-1989 001

ISBN: 978-3-942437-24-0
Bestellung hier: www.bulgaria1944-1989.eu

Fanna Kolarova, Autorin und Projektleiterin des Projektes “Bulgarien 1944-1989″, und Stoyan Raichevsky, Bulgarischer Politiker und Publizist haben sich bei diesem Projekt der Aufarbeitung dieser wenig beleuchteten Zeit in Bulgarien gewidmet. Daraus sind mehrere Bücher sowie die Ausstellung “Bulgarien 1944-1989 Verbotene Wahrheit” entstanden.

Beide Autoren möchten damit die Aufmerksamkeit insbesondere der jungen Generation und dem vereinten Europa “auf jenen Teil der bulgarischen Gesellschaft richten, die nicht aufgehört hat, ihre demokratischen Überzeugungen zu verteidigen trotz der kommunistischen Repressionen. Diese Menschen wurden verfolgt, erniedrigt und physisch vernichtet. Über diesen Teil der Gesellschaft wird sehr selten gesprochen. Die Namen der getöteten Politiker, Schriftsteller, Journalisten und vieler ehrlicher Leute sind heute fast unbekannt. Deren Gräber kennen nur ihre Mörder. Sie waren gegen die Sowjetisierung Bulgariens und deshalb zu „Feinden des Volkes“ erklärt.

Es ist wenig über die Widerstandsbewegung in Bulgarien bekannt, über die erlebten Repressionen in den Gefängnissen, Arbeitslagern und über die Gewalt im Alltag. Es war verboten darüber zu sprechen, sogar im engsten Familienkreis.

Dieser Beitrag der beiden Autoren zum vereinigten Europa soll helfen die Ursachen für den heutigen Zustand Bulgariens besser zu verstehen. Sie wurzeln in einer Reihe ungerechter geopolitischer Entscheidungen und in fehlerhaften Handlungen in jüngster Zeit. Die Geschichte Bulgariens ist aber Teil der Geschichte Europas. Menschenrechte und Demokratie sind ein gemeinsames Gut, für das tausende Bulgaren ihr Leben gegeben haben. Das Verhältnis zu den Opfern des Kommunismus und die Schäden der Sowjetisierung Osteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg sind ein gesamteuropäisches Problem, das bis heute unterschätzt und nicht genug beleuchtet wird.” (Auszug Webseite Projekt “Bulgarien 1944-1989″)

Heute möchten wir Ihnen den ersten Teil aus dem Vorwort zum Buch “BULGARIEN UNTER DEM KOMMUNISTISCHEN REGIME 1944-1989″ von Stoyan Raichevsky vorstellen.

Vorwort Teil I

Das totalitäre System in Bulgarien (1944 – 1989) wurde dem Volk aufgezwungen. Am 9. September 1944 stürzte die kommunistische Partei die demokratische Regierung von Konstantin Muraviev durch einen militärischen Putsch. Das geschah zu einem Zeitpunkt, an welchem die sowjetischen Streitkräfte gerade mit der Okkupation des Landes begonnen hatten. Vier Tage vorher, am 5. September 1944, hatte die Sowjetunion, ohne in irgendeiner Art und Weise provoziert gewesen zu sein, Bulgarien den Krieg erklärt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten ohne Probleme, und kein einziger bulgarischer Soldat war an den Kriegshandlungen an der Ostfront beteiligt.

Am 8. September drang die sowjetische Armee in Bulgarien ein, wo gerade eine neue Regierung mit Vertretern der bürgerlichen Parteien gebildet worden war, eine Regierung, die Neutralität und allgemeine Amnestie für die politische Gefangenen verkündete und sich aktiv um einen Friedensvertrag mit USA und Großbritannien bemühte.

Die neue, von den Kommunisten dominierte Regierung sowjetischer Prägung begann ihre Machtausübung mit totalem Terror. Schon in den ersten Tagen und Wochen wurden ohne “Formalitäten” wie Anklage und Gerichtsurteil an die 30 000 Menschen von sogenannten „Troika“s (“Hinrichtungs-Dreier”), zusammengestellt aus Aktivisten der kommunistischen Partei und amnestierten Kriminellen, ermordet.

Durch Massenrepressionen, Morde, Verhaftungen, Verbannungen und andere Gewalttaten bekämpften die Kommunisten, die bald über die Ministerien des Inneren und der Justiz verfügten, gnadenlos ihre Gegner und ihre potentiellen politischen Opponenten.

Der Terror umfasste alle Ebenen des politischen, ökonomischen und geistigen Lebens des Landes. Die Regierung der “Vaterländischen Front” (ОФ-Отечествен фронт) setzte eine Reihe von repressiven Verordnungen, Erlassen und Verfügungen in Kraft, die die Vollzugsorgane mit Vollmachten ausstatteten und Privilegien für die Befürworter der neuen Macht garantierten.

In drastischen Widerspruch zur damaligen bulgarischen Verfassung, die immer noch in Kraft war, hatte das Politbüro der Bulgarischen Kommunistischen Partei am 24. September 1944 die “Durchführungsverordnung” eines außerordentlichen “Gesetzes für das Volksgericht” aufgelegt, das vom Ministerrat am 30. September des gleichen Jahres verabschiedet wurde. Unter dem Vorwand, dieses Volksgericht hätte die Personen zu bestrafen, die schuld daran waren, dass Bulgarien auf der Seite des Drei–Mächte–Paktes in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wurde, begannen Massenverfolgungen gegen Politiker, Unternehmer, Armeeangehörige, Intellektuelle, Wissenschaftler, Journalisten und andere Personengruppen.

Die Beschuldigten waren praktisch verurteilt, da das Verfahren auf ihrer vorgefassten Schuld basierte. Die Urteile konnten nicht angefochten werden, sie waren endgültig und wurden umgehend vollstreckt. Der Privatbesitz aller Verurteilten wurde konfisziert, und die Familienmitglieder wurden bis zu ihrem Lebensende als “Feinde des Volkes” verfolgt.

Auf Grund dieses Sondergesetzes waren 11 122 Personen zur Verantwortung gezogen worden, von denen 2 816 zum Tod verurteilt wurden, 1 233 bekamen Lebenslänglich. Allein am Abend des 1. Februar 1945 hatte das bulgarische „Volksgericht“ folgende Todesurteile verkündet und vollstreckt: Gegen 3 Regenten, 33 Minister, 67 Abgeordnete und 47 Offiziere höheren Ranges. Dieses “Volksgericht” verurteilte also 150 Mitglieder der alten Staatsführung zum Tod, während – zum Vergleich – das Internationale Tribunal in Nürnberg nur 11 Personen so verurteilte, das Internationale Tribunal im fernen Osten (Japan) 7 Personen.

Das bulgarische „Volksgericht“ zog sogar den Abgeordneten Dimitar Peschev zur Verantwortung (ohne Todesurteil) und unterstellte ihm Antisemitismus, obwohl gerade diesem Mann, Dimitar Peschev, das größte Verdienst an der Rettung aller bulgarischen Juden zukommt (über 40 000 Menschen wurden von Deportation und Tod bewahrt).

Die neue Macht verfolgte auch die Kirche. Es sind die Namen von etwa 100 hingerichteten orthodoxen Priester festgestellt worden; gegen die evangelische und die katholische Kirche wurden Gerichtsprozesse inszeniert.

Die Regierung genehmigte entsprechende Anordnungen, um sofort mit der Zwangskollektivierung auf dem Land, mit der Nationalisierung der Industrie, des Handels und der Finanzen anfangen zu können. In Ausführung dieser Direktive der kommunistischen Partei zur Vernichtung des Privateigentums konnten die regierungsamtlichen Stellen nur einige Jahre darauf verkünden, dass in Industrie, Handwerk, Finanzen, Handel und Dienstleistungen kein einziger Privatbetrieb übrig geblieben war.

Allerdings stießen diese Maßnahmen der Regierung auf heftigen Widerstand von Seiten des bulgarischen Volkes. Sein Widerstand gegen das kommunistische Regime begann gleich, nachdem klar geworden war, dass die an die Macht gekommene und von den Kommunisten dominierte Regierung der “Vaterländischen Front” das sowjetische Modell durchsetzte und eine Politik zur Isolierung des Landes von den westlichen Demokratien betrieb. Die Mittel zur Durchführung dieser Politik waren Terror, Vernichtung von Menschen ohne Gerichtsverfahren und Urteil, Verhaftungen und Zwangsaussiedlungen von Bürgern, denen das Regime misstraute.

Jeder Widerstand gegen die rücksichtslose Zerschlagung der politischen Opponenten und Tötung der Gegners des Regimes wurde damals nach außen als ein fortdauernden Kampf gegen die „faschistische“ Hinterlassenschaft dargestellt. Jeder Demokrat oder jeder normale Bürger, der es in diesen Jahren wagte, seinen Unmut gegen den kommunistischen Terror zum Ausdruck zu bringen, wurde als “Faschist” gebrandmarkt, und das Ausgrenzen seiner Person oder die Repression gegen ihn wurden als Maßnahmen zur Verteidigung der Demokratie dargestellt. Erst als es zu inneren Auseinandersetzungen zwischen den Parteien und Organisationen kam, die zu der von den Kommunisten dominierten Koalition der „Vaterländischen Front“ gehörten, wurde es auch der internationalen Öffentlichkeit klar, dass in Bulgarien ein intensiver Widerstand gegen das kommunistische Regime existierte.

In den ersten Jahren nach dem 9. September 1944 hatte der Widerstand des bulgarischen Volkes zwei Formen angenommen: 1) durch den Kampf der legalen oder parlamentarischen Opposition, die durch eigene politische Parteien im Parlament vertreten war, über eigene oppositionelle Zeitungen verfügte und aktive oppositionelle politische Tätigkeit ausübte; 2) durch den illegalen und bewaffneten Kampf im Untergrund.

Fortsetzung Vorwort Teil II folgt…

Портрет Стоян Райчевски
Stoyan Raichevsky, Phtoto: Privatarchiv

Stoyan Raichevsky ist Historiker, Publizist und Politiker. Bis 1989 war er einer von den oppositionellen Politikern, Dissidenten und Intellektuellen, die das kommunistische Regime in Bulgarien offen kritisierten. Seit 1989 nahm er aktiv teil an der Gründung der Union der demokratischen Kräfte (UDK) und an dem Kampf für den Übergang vom Totalitarismus zur Demokratie.

Er war Abgeordneter in der
36. Volksversammlung (1991-1994), Mitglied der parlamentarischen Kommission für Nationale Sicherheit;
37. Volksversammlung (1994-1997) Stellvertreter der parlamentarischen Kommission für Kultur;
38. Volksversammlung (1997-2001) Vorsitzender der parlamentarischen Kommission für Kultur und Medien
Vorsitzender der Demokratischen Partei 1896 (1994 – 2005)
Vorsitzender der Bulgarischen Liga der Menschenrechte ( seit 2006)
Vorsitzender des Verbands „Istina“ („Wahrheit“).

Stoyan Raichevsky ist Autor von über 60 Büchern auf dem Gebiet der Geschichte, Ethnologie und Kultur.

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen · Szene

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