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Das Buch “Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen”

6 März, 2010 von · Keine Kommentare

Eine Buchrezension von Dessislava Berndt

Bulgarischbuch1

Das Buch „Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen“ ist ein unkonventionelles und lehrreiches Buch, bei dem sich Grammatik- und Wortschatzerklärung mit Hintergrundwissen über Land und Leute abwechselt.

Bereits am Titel erkennt man das Bestreben der Autorin keine reine grammatikalische Anleitung für das Erlernen einer Sprache, sondern mehr anzubieten. Der Untertitel macht deutlich, dass das Buch insbesondere Deutschsprachigen gewidmet ist.

Warum lohnt es sich eine Sprache zu lernen? Und warum gerade Bulgarisch, eine Sprache, die „nur“ von acht Millionen in Bulgarien lebenden Bulgaren und ungefähr einer Million weiterer Bulgaren außerhalb Bulgariens gesprochen wird?

Abgesehen davon, dass das Erlernen jeder Sprache eine Bereicherung ist, wissen vielleicht die Wenigsten, dass das kyrillische System neben dem lateinischen und dem griechischen als drittes Schriftsystem in Europa anerkannt wurde. Und im zehnten Jahrhundert fand die Verbreitung der kyrillischen Schrift von Bulgarien aus in andere slawisch-orthodoxe Länder statt wie Serbien, Russland, Weißrussland und die Ukraine. Das Altbulgarische wurde neben dem antiken Griechisch und dem Latein eine der ersten multinationalen literarischen Sprachen Europas.

Der Leser erfährt außerdem in der kurzen Einleitung und dem Motivationsleitfaden, dass die Bulgaren stolz auf ihre Sprache sind und jedes Jahr am 24. Mai den Tag des bulgarischen Schrifttums und der bulgarischen Kultur feiern.

Danach geht es im Buch weiter zur Einführung in das bulgarische Alphabet und zu der Erkenntnis, dass der geschriebene Buchstabe im Bulgarischen ähnlich wie im Deutschen fast immer dem gesprochenen Laut entspricht. Obwohl viele kyrillische Schriftzeichen anders als die lateinischen aussehen, muss man also keine so große Angst vor den slawischen Sprachen haben.

Auch die Beziehungen zwischen Deutschland und Bulgarien schlagen sich – wie die Autorin in dem Buch deutlich macht – in der Sprache nieder. Wussten Sie z.B. dass die Bezeichnung für die deutsche Sprache und die Deutschen im Bulgarischen das Adjektiv „stumm“ beinhaltet?

Da blieben die Deutschen irgendwann im Mittelalter beim Antreffen der Slawen einfach stumm, weil sie die slawische Sprache nicht verstehen konnten. Und die Slawen hatten sich selbst offenbar ganz anders als die „Redenden“ (im bulgarischen Wort „slovo“ steckt die Wurzel „slaw“ für Wort oder Rede) wahrgenommen.

Oder wussten Sie, dass zahlreiche deutsche Wörter (wie z.B. Meister, Lack, Landschaft, Edelweiß, Witz oder Feuerwerk) ins Bulgarische einfach unverändert übernommen wurden? Oder aber auch, dass man mit den so genannten „falschen Freunden“ (das Wort „Anzug“ gibt es auch im Bulgarischen, aber mit einer anderen Bedeutung, nämlich Sport- und Trainingsanzug) aufpassen muss?

Die Reise in die Bedeutung der Sprache setzt sich fort und der Leser entdeckt, dass im bulgarischen Wort „жито“ für „Weizen“ (woraus die Bulgaren am liebsten Brot machen) die gleiche Wurzel wie im Substantiv „житие“ (Vita, Lebensgeschichte) steckt und die Bedeutung des Worts demnach alles, was lebenswichtig war, umfasste. Es ist daher kein Zufall, dass für den Bulgaren das Brot das wichtigste Nahrungsmittel ist und zu jedem Hauptgericht serviert wird. Im Deutschen leitet sich übrigens das Wort „Weizen“ aus „weiß“ (die Farbe des gewonnen Mehls) ab.

Die Vorstellung an eine Sprache, die wie ein Haus aussieht, ist originell und der Leser kommt gern rein und lernt nicht nur die grammatikalische Regel der Sprache, sondern auch über die Geschichte seiner Bewohner. Denn auch das Falsche-Freunde-Paar „дом – Dom“ zeigt nicht nur eine weitere Gemeinsamkeit (gemeinsame Wurzel „domos“ bzw. „domus“) der deutschen und bulgarischen Sprache, sondern offenbart die Verbindung zwischen Sprache und Mentalität. Das Wort „дом“ kann nämlich in bestimmten Kontexten nicht nur „Haus“, sondern auch „Familie“ bedeuten.

Zwischendurch werden von der Autorin bulgarische Sprichwörter und Formulierungen zu verschiedenen Themen erklärt und sowohl Sprachbesonderheiten als auch Kulturunterschiede verdeutlicht.

Ein Beispiel ist die typische bulgarische Formulierung „Bei uns“ (У нас). Diese symbolisiert wie kaum eine andere bulgarische Sprachkonstruktion die Rolle der Großfamilie in der bulgarischen gemeinschaftsorientierten (im Gegensatz zur individualistischen deutschen) Gesellschaft.

Wenn ein Bulgare/eine Bulgarin jemanden zu sich nach Hause einladen möchte wird er diese Person „zu uns“ und nicht „zu mir“ wie im Deutschen einladen, unabhängig davon, ob er/sie allein oder mit der Familie wohnt. „Bei uns“ – erläutert die Autorin auch mit anderen Beispielen – bedeutet nämlich nicht einfach ein enges räumliches Beieinandersein, sondern vielmehr ein Füreinandersein oder ein Ohne-einander-Nichtsein-Können.

Das Bedürfnis der Bulgaren nach Familienzusammenhalt ist so stark, dass es auch auf andere Bereiche übertragen wird. So redet jedes Kind fremde erwachsene Personen ganz selbstverständlich mit Tante und Onkel an. Und der Weihnachtsmann wird liebevoll Djado Koleda (Opa Weihnachten) genannt. Auch das typisch bulgarische Fest, das Bulgaren alljährlich am 1. März feiern, trägt den Namen „Baba Marta“ (Oma März).

Die Autorin gibt auch hilfreiche Tipps und Erklärungen für Geschäftsleute. Besonders die bulgarische Art über „unsere“ und „nicht zu uns gehörende“ Leute zu denken, die sich sprachlich in zahlreichen Sprüchen wieder findet, führt sie als besonders für das internationale Geschäftsleben von Bedeutung ein. Denn anders als in Westeuropa wird in Bulgarien Privates und Geschäftliches gern vermischt. Es gilt das bulgarische Sprichwort, wonach man Geld immer verdienen kann. Das was zählt sind aber die menschlichen Beziehungen, die bleiben.

Anderer nützlicher Tipp ist der Hinweis auf den indirekten Kommunikationsstil, der unter Bulgaren vorherrscht, obwohl diese im Gespräch mit Verwandten und Fremden durchaus direkt und spontan wirken. Der Bulgare achtet nämlich darauf, den anderen nicht zu verletzen und äußert selten seine Kritik direkt.

Was hat die bulgarische Gesellschaft mit dem Folkloretanz „Horo“ zu tun? Oder wie trug die Geschichte zur Herausbildung bestimmter Charakteristika der bulgarischen Mentalität bei? Was ist das Verständnis der Bulgaren von Zeit und Schnelligkeit? Warum kommt man zu Besuch später und nicht zur abgemachten Zeit?

Wie hängt der „polychrone“ (eine vielschichtige Ereigniszeit, in der mehrere Aktivitäten gleichzeitig angegangen werden) Umgang mit Zeit mit den zahlreichen Verbformen in der Sprache zusammen? Woran liegt die Vorliebe der Bulgaren für zusammengesetzte Adverbien der Art und Weise, die eine gewisse Unbestimmtheit erzeugen und wie sind diese im Umgang mit Bulgaren zu verstehen?

Die Autorin verblüfft mit diesen weiteren Fragen und breitet dann die vielen Facetten der bulgarischen Sprache vor den Augen des Lesers aus. Sie zeigt in ihrem Buch wissenschaftlich begründet, was die Faszination einer Sprache ausmacht, die nicht nur als Mittel zur Verständigung, sondern auch als Kultur- und Lebenskunde einer Nation zu verstehen ist.

Die interessanten Erkenntnisse, die ans Licht kommen, decken sich größtenteils mit den Beobachtungen der Autorin im Unterricht. Daher wird die Erforschung wissenschaftlicher Studien durch die eigenen pädagogischen und praktischen Beobachtungen ergänzt und bereichert.

Das Buch „Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen“ wendet sich an alle, die aus beruflichen oder privaten Gründen Bulgarisch lernen und zugleich Bulgarien verstehen möchten. Es ist kein klassisches Lehrbuch und ist so konzipiert, dass es sich für alle Lernphasen eignet. Auch für Leute, die kein Bulgarisch lernen möchten, aber mehr über die Kultur und die Mentalität der Bulgaren erfahren möchten, ist das Buch eine aufschlussreiche Lektüre.

Weitere Infos: www.bulgarisch-in-berlin.gmxhome.de

Dieses Buch ist über den Buchhandel, über amazon.de sowie direkt beim Verlag bestellbar.

Kategorien: Frontpage · Modern Times · Um die Welt

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