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Das neue Kleid von Polly

17 Januar, 2009 von · Keine Kommentare

Autor: Denitza Dilova-Markova

Übersetzung: Rossitza Yotkovska

Novata roklq na Poli
Foto: movimente

Am achtzehnten September, als Polly auf einer Bank im Park saß, sah sie eine Frau mit einem sehr schönen Kleid. „Ach, dieses Kleid würde mir so gut stehen“, dachte Polly. Ihr Gedanke flog auf und segelte durch die Luft. Zum gleichen Zeitpunkt entschieden endlich die Wissenschaftler, ein Neutrino mit einem anderen Neutrino zusammenzustoßen. Sie hatten aber die Berechnungen falsch gemacht und an diesem Morgen – oder eher an diesem Vormittag – stieß das eine Neutrino mit einem schwebenden Gedanken, der einer auf der Bank im Park sitzenden Frau entglitt, zusammen, und materialisierte ihn.

Die ganze Geschichte kam aber nicht dort zu Ende, da sich etwas wie eine mexikanische Welle ergab und mehrere Neutrinos mit unterschiedlichen Gedanken, die sie auf ihrem Weg trafen, zusammenstießen, die Gedanken stürzten mit einem hysterischen Schrei in die materielle Welt, da sie satt hatten, als widerspenstige Geister in den Köpfen ihrer Besitzer eingesperrt zu sein.
Es erschienen unzählige Mengen schöner Kleider auf den Straßen, die Frauenbrüste gingen hoch und vergrößerten sich, es gab drei mal mehr neuen Autos und sie mussten mit großen Schwierigkeiten kämpfen auf die alten rüber zu fahren.

Für einen Augenblick begannen die Leute auf den Straßen, sich unsittlich zu begatten, in einer Konditorei wurden die Kinder zu freudigen Zuschauern, wie die Verkäuferin und der Zuckerbäckergehilfe die Hündchenstellung, gerade neben dem Tortenstand, einnahmen. Andere machten es schamlos in ihren Büroräumen, als ob es ein Teil ihres Arbeitstages war, Dritte in den Fitnesshallen, wo sie angeblich zur Gewichtsabnahme waren.

Genau zu dieser Zeit verstarben viele Schwiegermütter, doch Millionen Menschen wurden von AIDS geheilt, von Krebs und anderen hoffnungslosen Krankheiten, leider fiel keinem zum Zeitpunkt des Neutrinozusammenstoßes der Gedanke ein, dass ein Arzneimittel erfunden werden könnte, das auch den Nachkommenden von Nutzen wäre.

In die bessere Welt versetzten sich viele vermögende Männer, durch die Köpfchen derer hübschen Frauen (richtig, aber sehr schwer zu lesen) ein solcher Gedanke durchflogen war. Es sprudelte Öl auch in den ödesten Ortschaften des Planeten, eine besondere Überraschung war das in Gobi und keiner ahnte, dass einem sehr hungrigen mongolischen Kind eingefallen war: „Wie wäre es, wenn auch bei uns Erdöl sprudelte“.

Zur Freude mancher Menschen mit zügelloser Fantasie erschienen Dutzende von Gespenstern, nicht nur eins, sondern knapp zwei Ungeheuer von Loch Ness und ungefähr zehn fliegende Untertassen, aber nur ein außenirdisches Wesen wagte es, auf dem Planeten zur Besichtigung zu landen. Die ganze Geschichte dauerte nicht mehr als zwei Minuten – so lange dauert die längste mexikanische Welle – falls Sie mir nicht glauben, fragen Sie jemanden, der auf der Weltmeisterschaft in Mexiko im Jahre 1986 war. Glücklicherweise hat keiner verstanden, was genau geschehen ist, oh, wenn sie wüssten, wenn sie nur wüssten!

Vielleicht war ihre Unwissenheit gut: irgendwelche – sogar nicht Atömchen, sondern noch winzigere Teilchen – das ganze Leben und alle unsere Träume zu steuern anstatt des Geldes… nein, nein, es würde sich ein so großes Durcheinander einstellen! Als ob unsere Welt nicht so schon genug verwirrt ist.

Auf dieser Etappe wurden einige interessante Tatsachen registriert – große Sterblichkeit unter Männern mit einem bestimmten Sozialstatus, sowie auch bei Frauen im reifen Alter, seltsamer Einfall von fliegenden Untertassen, die spurlos ohne Abschied verschwanden, ungewöhnliche Erdölvorkommen in einer Wüste, manche überraschenden Bankrotte von Großunternehmen und Warenbörsen, aber allem Anschein nach waren die meisten vor den wimmelnden neuen Autos auf den Straßen beunruhigt.

“Sieh mal, Schatz, ich habe mir ein Kleid gewünscht und dann hatte ich es plötzlich an, kannst du dir das vorstellen?“, trat Polly strahlend ins Zimmer ihres Mannes ein.
„Du darfst nicht mehr hierher kommen, wir sind nicht mehr verheiratet”, erwiderte er.

Dieser Text von Denitza Dilova-Markova wurde beim Literatur-Wettbewerb von Public Republic mit dem 1. Platz in der Kategorie “Prosa” ausgezeichnet.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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