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Das Theater als Fahrzeug

13 Mai, 2009 von · 1 Kommentar

Ein Interview mit dem Regisseur und Schauspieler Nikolay Pavlov Gunderov
Übersetzung: Silvia Vasileva

Nikolai Pavlov

Der beste Weg sich Freude zu leisten ist, jemand anderen zu erfreuen.
Mark Twain

Für mich ist Nikolay Pavlov der Mensch,der privat und beruflich Freude und ein Gefühl für Eigenartigkeit in den Alltag holt. Er ist hinreißend mit seinem frischen Sinn für Humor,mit seiner positiven Ausstrahlung und mit dem Talent, die Welt anders zu betrachten und sie anders darzustellen.
Er ist Poet, auch Regisseur und Schauspieler- ein Künstler im wahrsten Sinne des Wortes. Über das Theater- Gunderovs Neigung und Berufung, erfahren wir mehr in meinem Interview mit dem jungen und begabten Nukolay Pavlov.

Wie hast du dich für das Theater entschieden?

Ich habe Slawistik an der Uni in Sofia abgeschlossen, ich komme aus der Stadt Schumen,wo die erste Theateraufführung stattgefunden hat. Ich weiß nicht, ob das das Motiv war, aber das Theater hat mich immer interessiert. Ich habe mich entschlossen, ein Theaterstudium an der „Akademie für darstellende Künste“ in Prag zu machen, Fach Regie und Dramaturgie.

Erzähl uns über deine Vorstellungen!

Ich habe in Bulgarien mit dem sog. Autorentheater angefangen, ich finde, das hat Zukunft, die sog. „one man show“. Wenn man den Text selber schreibt, dann stellt man ihn auf der Bühne eigenartig dar. Filip Trifonov ( populärer bulgarischer Schausieler) und ich gründeten unser eigenes Theater, hatten Vorstellungen in dem „Nationalen Theater“, im „Satirischen Theater“, im Theater “Sulsa i Smjah” und in vielen bulgarischen Kulturzentren in ganz Europa.

Detektor na lyjata

Ich habe im “Theater der Satire” in Sofia “Lügendetektor” von Vasilij Sigarev aufgeführt, das ist ein junger Autor unserer Generation,der weltweit Preise gewinnt. Das Stück verteidigt unser Recht auf kleine Lügen, um zu überleben.Um den Lebensstress zu überleben, braucht der Mensch einen eigenen Selbstbetrug und das ist sein heiliges Recht.

In letzter Zeit führe ich immer häufiger Theaterstücke in Prag auf.

Wie bist du zur Entscheidung gekommen, in Prag zu arbeiten?

Nachdem ich in Prag mein Studium abgeschlossen hatte, wurde mir dort Arbeit in einigenTheatern angeboten. Ich bin Ausländer, meine Art ist für die Tschechen exotisch. Man sieht andere Menschen, mit anderer Mentalität und wenn man seine Bemühungen mit dem Fremden kombiniert, kommt etwas Interessantes dabei heraus. Mir macht es Spaß mit Menschen zu arbeiten, die ich nicht kenne.

Manchmal können auch die eigenen Landsleute fremd sein und die Fremden können einem näher kommen.Wir leben in der Zeit des aktiven Relativismus.

Ist es schwierig, sich in Prag als Regisseur zu etablieren?

Ich habe es mir nicht zum Ziel gesetzt, Erfolg zu ernten. Erfolgreich zu sein, bedeutet in Harmonie mit sich selbst zu sein und in Synchronie mit den Anderen. Mir bedeutet es viel, wenn ein Zuschauer ein zweites Mal in meine Vorstellung kommt. Das Lächeln des Publikums ist wichtig und dass es Spaß hat. Stellen Sie sich eine anderthalb Stunden lange Vorstellung vor, die in den Apotheken gegen Nervenstörungen und Schlaflosigkeit empfohlen wird. Ich möchte Vorstellungen geben, die nicht das Gefühl erzeugen, man habe seine Zeit vergeudet.

Unterscheidet sich für dich das bulgarische und tschechische Publikum voneinander?

Das Publikum ist anonym. Das Treffen Publikum – Schauspieler ist ein Treffen unter vier Augen. Wenn doch ein Unterschied besteht, dann im Hinblick auf die Theaterwahrnehmung. Alle haben Spaß. Die Bulgaren und die Tschechen haben einen unterschiedlichen Sinn für Humor, aber ich glaube, die universalen Sachen kommen bei allen Menschen an.

Rejisioryt Nikolai Pavlov

Was ist das Theater für Dich?

Das Theater ist ein Fahrzeug, mit dem man Ideen, Gefühle, Emotionen und Stimmungen transportieren kann und andere Menschen erreichen kann. Ein Fahrzeug mit Gedanken und Ideen, die sich von einem bis zu einem anderen Punkt bewegen.

Wenn sich diese Bewegung realisiert heißt das, dass man das menschliche Bewusstsein umgestellt und das menschliche Denken bewegt hat, dass man einen Versuch unternommen hat, dass die Welt anders gesehen wird, dass man nicht an einer Stelle stehen bleibt.

Wie lauten deine Botschaften?

Ich denke nicht an die Botschaften. Wenn man sagt, man habe eine Botschaft, so heißt das, sie wird ermordet, getötet.

Die Botschaften sollten lebendig sein, das Publikum muss sie spüren können. Das Theater ist eine lebendige Kunst, wie der lebende Mensch auch.

Wenn die Botschaften auf eine unterschiedliche Art und Weise empfunden werden, dann bedeutet das, dass das Theater eine lebende Kunst ist. Wenn Sie eine Vorstellung sehen, die sich nicht verändert und immer die gleiche ist und Ihnen alles klar ist, dann ist das, als sähen Sie sich eine Mumie an.

Die Theaterbotschaften sind universell: Menschen müssen in Harmonie leben und Wege zur Annäherung suchen, egal wie schwierig und dramatisch diese Wege manchmal sein können.

Welche Sujets bevorzugst Du?

Ich mag es, mir die Dinge wie ein Zuschauer anzusehen. Was ich als Zuschauer sehen möchte, das mache ich auch als Regisseur.

Ich mag Vorstellungen, die vor allem menschlich sind, mit minimalen Effekten. Keine grandiose Bühne sondern ein Spiel der Akteure.

Je interessanter der Mensch auf der Bühne ist, desto interessanter sind Sie selbst auch. Denn so können Sie sehen, dass der Mensch an sich interessant sein kann. Der Mensch ist kein banales Wesen, doch wenn wir das annehmen würden, so hieße das, dass alles langweilig und schon gesagt ist. Es kann schon so sein, aber es kommt darauf an, mit was für einer Stimme man das ausdrücken würde.

Hast Du Lieblingsautoren?

Ich mag die Klassik- Moliere, Shakespeare und moderne Autoren wie Vaclav Havel. Sehr gern mag ich auch Harold Pinter – „Victoria Station“, „Niemandsland“„Die Geburtstagsfeier“, “Die Heimkehr“, “Betrogen“.

Kannst Du Dir Dein Leben ohne das Theater vorstellen?

Ja, ich kann mir ein Leben ohne Theater vorstellen, aber kein Theater ohne Leben.

Wie wird eine Vorstellung gestaltet?

Die Theatervorstellung kreist immer um die gleichen Themen. Die Wahrnehmung ist jedoch unterschiedlich. Das Publikum ist nicht voraussehbar. Eine große Herausforderung ist die Tatsache, dass sehr unterschiedliche Menschen ins Theater kommen. Nach der Vorstellung hat man den Eindruck sie kämen aus einem Goldbad heraus, manche schweben auf Luftkissen, das Theater beflügelt.

Es ist interessant, dass die Vorstellung kein Rebus ist, kein Kreuzworträtsel das gelöst werden kann. Es sollte keine identischen Vorstellungen geben.

Gibt es Texte, die eine Herausforderung für dich sind?

Wenn ich einen guten Text lese, dann würde ich ihn gerne aufführen. Shakespeare ist ein so genialer Autor, dass jede Aufführung seiner Werke ist, als träte man mit Schuhen auf Eis. Das Theater ist ein Eiskunstlauf, jeder Rutsch ist gefährlich für mich und für das Publikum, es muss eine Zusammensetzung von schönen und guten Sachen sein.

Wie gehst du an einen älteren Text heran, damit er attraktiv und aktuell klingt?

Ich flicke die Stücke sehr langsam zusammen, ich restauriere sie mit neuen Stücken.Wenn man alte Dramastücke liest, muss man sie in die Gegenwart übertragen. Dafür müssen wir uns gar nicht als Dokumentalisten ausgeben. Wir können uns nicht einmal in den gestrigen Tag zurückversetzen. Die älteren Dramen sind universell geworden, deshalb sind sie auch aktuell. Der Text aus der Vergangenheit trägt in sich eine gegenwärtige Potenz, eine Nuance und ist imstande, dem modernen Menschen eine Botschaft zu geben.

Nikolai Pavlov V

Welchen Platz nimmt der Humor in Deinen Vorstellungen ein?

Ich halte viel von Humor. Die Welt, die wir kennen, ist ordinär, sie hat ihre Dimensionen und Volumen. Wenn man die Welt durch die Humorperspektive sieht, gewinnt sie einen anderen Ausdruck. Der Humor ist eine Ohrfeige für die Ernsthaftigkeit, für die Wichtigtuerei, für Übermut und Hochmut.

Wie arbeitest Du mit Deinen Schauspielern?

Einen Schauspieler ohne Fantasie kann man nicht als Schauspieler bezeichnen. Das wichtigste ist das Publikum. Wenn der Schauspieler das Publikum begeistern kann, ist das wunderbar.
Der Regisseur darf kein Dirigent mit einem stählernen Taktstock sein, er muss die Psychologie der Anderen verstehen und kommunizieren können.

Schauspieler sind wie Noten, man muss sie gut in der Notenlinie anordnen, damit das Publikum das Gefühl hat, es höre eine Symphonie und keine Kakophonie. Ich setze den Schlüssel nicht an den Anfang, sondern an das Ende. Ich glaube, die Menschen können miteinander kommunizieren. Die Kunst ist ein Weg, die Kommunikation fortzusetzen und schöner zu machen.

Vyv filma

Wie stellst Du Dir Deine eigene Zukunft vor?

Ich fühle mich wie ein Kanuboot, ich werde vom Flussstrom getrieben. Es ist gut zu wissen, dass man das Ruder in der Hand hält und hier und da aufführen kann. Die Hauptsache ist, dass man sich bewegt.

Wovon träumst du?

Davon, dass die Übersetzer in der menschlichen Kommunikation verschwinden, metaphorisch gesagt, dass man zu einer unmittelbaren Kommunikation gelangt. Und davon, dass die Menschen in einem Zustand des Mitleidens sind, denn man ist irgendwie ein guter Mensch, wenn man das Leid des anderen mitfühlt und ihm beim Trösten helfen kann.

Kategorien: Frontpage · Szene · Um die Welt

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