Aleksandra Ingilizova
39 Jahre nach seinem Tod lebt Remarque weiter

Foto: Wikipedia
Sein Werk entfaltet eine Welt, anders als die, in der wir leben. Die Männer sind heldenmütig, die Frauen – femme fatale, Zeit und Raum sind nicht von Bedeutung. Entscheidend ist die zauberhafte Wirkung.
Über ihn hatte ich vieles gehört, sein „Im Westen nichts Neues“ hatte bereits viele Generationen von Lesern geprägt, doch der erste Roman, der mir in die Hände fiel, war „Die Nacht von Lissabon“. Fesselnde 200 Seiten, die einem die Ruhe nicht geben, bevor das Buch nicht zu Ende gelesen wird. Danach folgten „Arc de Triomphe“, „Der Funke Leben“, „Der Himmel kennt keine Günstlinge“, natürlich „Im Westen nichts Neues“, der „Schwarze Obelisk“ und „Drei Kameraden“. Es sind Geschmackssache und individuelles Verständnis, die bei der Wahl des besten Romans eine Rolle spielen.

Erich Maria Remarque (r.) und der Präsident von Universal Pictures Carl Laemmle, 1932
Ich lege „Der Schwarze Obelisk“ weg, aber gleich lese ich erneut bestimmte Absätze des Buches. Jedem ist schon mal passiert, ein spannendes Buch zu lesen und mit dem nahenden Ende immer langsamer und seltener zu lesen, um das Gefühl und das Vergnügen der Erzählung länger behalten zu können. Der letzte Satz erklingt traurig in meinem Kopf und ich habe das Bedürfnis, nochmals Remarques Romane zu lesen. Nach jedem Buch geschieht dies wieder.
Was ist das, was ihn so zauberhaft macht, warum sind seine Bücher mit solcher Magie umhüllt und woher kommen diese fast unnatürlich perfekten Helden und Worte? Wie kommt es zu den Erfahrungen und woher kennt er die Liebe, die Trauer und die Abneigung auf solche Art?
Ich suche nach den Antworten in seiner Lebensgeschichte und lese seine Biografie erneut.
Erich Maria Remarque wurde als Erich Paul Remark am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Mit 18 Jahren wurde er in den Ersten Weltkrieg eingezogen, aber auf Grund schwerer Verletzungen verbrachte er die Zeit bis zum Ende des Krieges im Lazarett. Den Zusatz „Maria“ übernahm er Anfang der 20er Jahre aus dem Namen seiner Mutter, zu der er eine enge Verbindung hielt und die er mit 19 Jahren verlor. Außerdem nahm er die vom Großvater aufgegebene französische Schreibweise seines Familiennamens wieder an.
Nach Kriegsende setzte er seine Lehrerausbildung fort und arbeitete als solcher bis Anfang der 20er. Danach beschäftigte er sich mit unterschiedlichen Tätigkeiten, mal war er Organist im Irrenhaus, mal arbeitete er als Werbeagent bei einer Firma für Grabsteine. In Hannover und Berlin war er erfolgreich als Redakteur bei mehreren Zeitungen tätig.
Sein Roman „Im Westen nichts Neues“ sorgte für Furore. Das Leben der Hauptfigur Paul Bäumer und der anderen Jungen an der Front belebte Remarque mit den Erlebnissen verwundeter Soldaten, die sie ihm im Lazarett erzählten. Dieser Roman brachte dem Schriftsteller Weltruhm und wurde bereits ein Jahr nach Erscheinen verfilmt.
Mit zunehmendem Einfluss der Nationalsozialisten wurde Remarque gezwungen, seinen Weg im Ausland zu suchen. Dies geschah endgültig im Jahre 1933, als Hitler zum Kanzler ausgewählt wurde. Es entstanden Gerüchte, Remarques echter Name wäre Kramer, er selbst wäre Jude und hätte am Ersten Weltkrieg nicht teilgenommen.
Im Mai 1933, während der „Aktion wider den undeutschen Geist“ wurden seine und die Bücher anderer missliebiger Autoren durch die Nationalsozialisten vor der Berliner Universität und in anderen Städten Deutschlands verbrannt.
Remarque verbrachte lange Zeit im Exil. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und auch später nie wieder angeboten. Anfangs lebte er in der Schweiz, in Frankreich und viele Jahre in den USA. Auf seinem Weg schloss er sehr wertvolle Bekanntschaften. Die Emigranten Thomas Mann, Carl Zuckmayer und Bertolt Brecht sowie die Hollywood-Diva Marlene Dietrich gehörten zum Freundeskreis.
Sie alle empfanden gegenüber der in Deutschland ausgeübten Macht die gleiche Abneigung. Der Schriftsteller versuchte weiterhin mit Hilfe des Geschriebenen Kraft auszuüben, sogar im Exil. Er war zweimal mit Ilse Jutta Zambona verheiratet.
1958 heiratete er die bekannte Schauspielerin Paulette Goddard, eine frühere Ehefrau Charlie Chaplins, mit der er bis zu seinem Tod zusammenlebte.
Erich Maria Remarque starb nach mehreren Infarkten am 25. September 1970 in Locarno, Schweiz.
Die Widerstandsfähigkeit ist die einzig wahre Basis des Lebens, klingt die Stimme des Autors.
Seine Romane sind seine Art, Widerstand gegen Gewalt und Dummheit zu leisten, und die Figuren, die Räume und die Geschichten werden anhand persönlicher Erlebnisse und Nachdenken geboren.
„Die Fantasie war sein Element“, schreibt Marlene Dietrich „über den berühmten einzigartigen Mann, von dem die ganze Welt redet“. Nicht alles in seinen Schriftwerken ist Fantasie. Mit jedem realen Wohnwechsel des Autors ändert sich auch die Szenerie im Roman. In „Arc de Triomphe“ lebt Dr. Ravic in Paris, und „Der Himmel kennt keine Günstlinge“ erzählt die Geschichte zweier Menschen und deren tragischer Liebe in der Schweiz. Sein letztes Buch beschreibt den in den USA lebenden deutschen Journalisten Robert Ross, der seiner Vergangenheit noch Jahre nach der Flucht nicht entkommen kann.
Am Anfang seines künstlerischen Werdegangs verirrt sich Remarque zwischen Natur, Musik und Malerei, bis er den richtigen Weg findet, seinen Überzeugungen Ausdruck zu geben. Einen misslungenen schriftstellerischen Versuch unternimmt er mit seinem Erstling „Die Traumbude“.
Die Figuren sind Halbprototypen des Autors selbst. Mit Beruf, Tat und Denkweise zeigen sie die Überzeugung des Schriftstellers, die in jedem seiner Romane zu spüren ist. Der Widerwille, mit dem er den Krieg beurteilt, das Bestreben danach, das Menschliche im Menschen herauszubringen, die moralischen Werte über alles andere im Leben zu stellen. Remarque tritt dem Militarismus, der Unmenschlichkeit, der Willkür entgegen.
Der Autor hat einen privaten Grund, das Nazi-Schreckensregime und den von diesem entfachten Krieg zu verabscheuen: Seine Schwester Elfriede Scholz wurde im Jahr 1943 wegen einer unbedachten Äußerung verhaftet und zum Tode verurteilt. Während des Prozesses am „Volksgerichtshof“ sagte ihr der berüchtigte Roland Freisler: “Ihr Bruder ist uns entwischt, Sie aber werden uns nicht entwischen.” Remarque widmete ihr seinen KZ-Roman „Der Funke Leben“.
Die Geschichten sind gleichzeitig von Liebe und Freundschaft, Vertrauen und Idealismus, Mut und Kühnheit, Hoffnung und Trauer nach den vergangenen ruhigen, romantischen Tagen geprägt. Ehrlichkeit und Kühnheit, Finesse und Intelligenz charakterisieren die Romanprotagonisten. Die zarte Lyrik, die Melancholie, die Sehnsucht konstruieren den Rahmen der künstlerischen Welt des Schriftstellers.
Remarque kannte die Süße und die Bitterkeit des Ruhmes, zärtlich umschwärmt von den frappantesten Frauen lebte er im Mittelpunkt der künstlerisch-intellektuellen Szene Hollywoods und war Idol einer ganzen Generation. Leider überwiegen Verbitterung, Schmerz, dunkle existentielle Gedanken und Gewalt und sind in seinen Erzählungen unwiederbringlich eingenistet. Die Idee von einer besseren friedlichen Welt verlässt den Schriftsteller bis zum Ende seines Lebens nicht.
39 Jahre später begeistert diese Idee Millionen von Lesern weltweit.
Für die private Bibliothek:
Die Traumbude. Ein Künstlerroman. 1920
Im Westen nichts Neues. Roman 1928/29
Der Weg zurück. Roman 1930/31
Drei Kameraden. Roman 1936/38
Liebe Deinen Nächsten. Roman 1939/41
Arc de Triomphe. Roman 1946
Der Funke Leben. Roman 1952
Zeit zu leben und Zeit zu sterben. Roman 1954
Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend. Roman 1956
Der Himmel kennt keine Günstlinge. Roman 1959/61
Die Nacht von Lissabon. Roman 1961/62
Schatten im Paradies. Roman 1971 (postum erschienen)
















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