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“Das zweite Ostern” von Ralf Thenior – Gedichtzyklus Teil I

17 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Bulgarien im Mai 2002
Acht Gedichte und ein Stück Prosa


Foto: Jsome1

Nur superleichte Behinderung!

Es war ein Pflasterloch,
ein Sofioter Pflasterloch,
das fast ihm das Genicke broch.
Er tritt hinein, auf dem Weg
zum Bahnhof tritt er hinein,
gepäckbeladen, schon liegt er
da im Pflasterstaub, im
Sofioter Pflasterstaub.

Umgeben von bestürzten Blicken
rafft er sich auf, sammelt seine
Siebensachen, geht weiter.

2. Mai 2002

Balkanturist im Mai

Wagon 32, perwa Klaße,
Zug Nummer 923 ab Sofia 15:10,
an Russe 21:30.

Auch mit Platzkarta sitzt man
auf dem falschen Platz, wer setzt
sich schon auf das Zugewiesene.

Schweigend versinkt das Abteil
in Zeitungslektüre, die Nahtstellen
der Gleise setzen den Beat.

Vorbei an leeren, unerklärlichen
Gebäuden mit zerbrochenen Fenstern
und staubigen Gärten mit Weinlauben.

GREEN BANDITS Bad Forever BE FREE
Im Bjufetwagon sitzt man besser
und kann dabei Zagorka trinken.

Blauer Himmel, kaum Wolken,
eine leere Fantaflasche
zwischen Fenster und Rahmen –
die Erfindung des Tages.

In der Maihitze geöffnete
Abteilfenster tendieren zum
Hochschnellen und Zuschnappen.

Ausgefallen Zähne die fehlenden
Buchstaben an den Bahnofsgebäuden –
nur in “Roman” ist alles dran.

Man raucht, verzweifelt,
um sich zu schützen, doch die Geste
der Abwehr des Bösen ist selbstzerstörerisch –
hier tritt Dämonisches in Kraft.

1. Mai, Donnerstag, 2002

Die Kelnerka vom Bjufetwagon
hat die Familie mit auf Fahrt
genommen, bewirtet sie
am ersten Tisch.

Der kleine Sohn, acht Jahre
alt, ist stolz, er darf
den Pulverkaffee brühen.

Pepelnik ist Aschenbecher,
Zagorka heißt das Bier,
draußen wird es immer frecher,
auf das Leben trinken wir!

Durch Karl-May-Film-Panorama
schiebt sich der Zug, schroffe Felsen,
lieblich die Iska im Tal.

Ziege frisst Trauben,
Bauer melkt Rotwein
aus ihrem Euter
in seinen Mund.

Da ist Weide,
keine Weide,
weine für mich.

Dann geht es abwärts
in die Donauebene
auf Russe zu, schon
sind wir da im Nu.

4. Mai/12. Mai 2002

Schatten in der Maiwüste

Dem Pappelpappus gleich
schwebt durch den Tag er leicht
in abgewetzter Lebensjacke, ungebeugt
und reich, an der Fabrik vorbei,
in der man Missverständnisse erzeugt.

Onkelchen, geh noch nicht fort!
Gib mir noch Wort! Gib mir noch Welt!
Gib mir noch Geld, damit ich essen
kann! Denn ohne uns wär alles
nichts, hast du das schon vergessen?

Auf Plastikstühlen unterm Sonnenschirm,
dem colaroten, setzt mit sich selbst
er sich zu Tisch, Skelett mit Broten
singt übern Fluss das Lied vom Meere
und Augen, hinter Sonnenglas, weit offen,
starr’n ins Leere.

2. Mai 2002

Unfertiges Interludium

Am Nachmittag die Nachtigall
in Russe an der Donau schlägt.
Er isst sein Brot mit Kaschkawal*
im Schattenrand am Uferweg.
Es ist noch keine Abfahrtszeit.
Der Zug fährt spät. Die Zeit vergeht.
Schadstoffe übers Wasser treibt
der Wind, der von Rumänien weht.

3. Mai/15. Mai 2002

* Kaschkaval = Schnittkäse

Kategorien: Art Café · Frontpage

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