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“Das zweite Ostern” von Ralf Thenior – Gedichtzyklus Teil II

19 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Bulgarien im Mai 2002

Acht Gedichte und ein Stück Prosa


Foto: sol33

Eiskalt in Varna

Aus dem ruhigen Abend im Hotelzimmer wurde nichts. Mitten auf dem Platz vor dem Opernhaus sahen die beiden Männer sich plötzlich von zwei Zigeunertransen und ihrem Luden umringt. “Ficki! Ficki!”, schrien sie, griffen dem einen in den Schritt, zogen den anderen an den Armen, ein Handgemenge entstand, dem sich die beiden Männer nur durch die Flucht auf die Veranda des “Happy Grill” entziehen konnten, von wo einheimische Abendesser neugierig die Szene in der Dämmerung verfolgt hatten.

Schon stigmatisiert durch die Berührung mit den Gestalten der Nacht, mussten die Männer lange auf Bedienung warten und, um sie noch zu verhöhnen, näherten sich die Transen wieder der Veranda und spuckten dem kleineren Mann Sonnenblumenkernschalen auf den Handrücken. Dann zogen sie ab. Der Cognac kam. Ein Griff in die Jackentasche, eisiger Schreck, sie ist leer! Das Notizbuch ist weg! Es ist kein Pass, ist das letzte, fällt ihm jetzt ein, was er von seinem Notizbuch gehört hat.

Die drei waren Multitalente, ultra, nicht nur im horizontalen Gewerbe tätig, sondern auch im Bereich Taschendiebstahl außerordentlich erfolgreich. Die Notizen einer Reisewoche, für die Diebe nur Gekritzel, im Mülleimer sieht er sie, die Aufzeichnungen der Durchquerung von Zeit und Raum verschwinden in einem schwarzen Loch.

Der Dichter ist blass geworden. “Ich hole es zurück!”, sagt der Musiker und geht in die Richtung, in der die drei verschwunden sind. Der Dichter ist erstarrt. Auf den Schreck trinkt er noch einen Cognac. Er wartet. Der Freund kommt nicht zurück. Hoffentlich haben sie ihn nicht in einen Hinterhalt gelockt.

Der Musiker hat die Fährte aufgenommen. Am Opernhaus schlägt er schnell im Wörterbuch nach, um sich zu vergewissern, ob er das bulgarische Wort für Buch richtig erinnert. Richtig: Kniga. Die Transen und der Lude bewegen sich im Krebsgang, mehr seitwärts als vorwärts, die kaum belebte Uliza General Zaimov in Richtung Bushaltestelle hinauf.

Was tun? Die alte Frage. Zwei Schüler raten ihm zur Polizei zu gehen. Ein Studentenpärchen verspricht Hilfe, ruft per Handy die Polizei. Niemand geht ran. Ostersamstag. “Ich rede mit ihnen!”, sagt der Student. Er geht auf die drei zu und hält ihnen eine Gardinenpredigt.

Es wird laut. Die mit den schwarzen Locken ist empört, schüttet zum Beweis der falschen Verdächtigung ihre Handtasche auf dem Pflaster aus. Kein Kniga. “Sie haben es”, sagt die Studentin. Doch sie geben es nicht heraus.

Die Gruppe löst sich auf. Betrübt, aber mit der Hoffnung, das Notizbuch sei im Hotelzimmer liegen geblieben, geht der Musiker zurück. An der Oper ist die Schwarzgelockte wieder da, überreicht ihm leicht zerknirscht mit den Worten “For you!” das Notizbuch und verschwindet schnell. Der Musiker bringt dem Freund die Notizen zurück. Sogar das Notizbuch scheint erschrocken von dem Diebstahl, fühlt sich klamm an, kalt.

Die beiden Studenten, Eflim und Vesela, kommen vorbei, um sich nach dem Befinden der beiden Männer zu erkundigen. Da im “Happy Grill” schon die Stühle auf den Tisch gestellt werden, gehen alle zusammen in ein anderes Lokal, um noch etwas zu trinken. So wurde nichts aus dem ruhigen Abend im Hotelzimmer, aber eine schöne Begegnung mit freundlichen Menschen.

6.2.2002

Ostersonntag, ost

Schon am Nachmittag
verkaufen alte Frauen
dünne gelbe Kerzen
für dreißig Stotinki
auf den Straßen.

Um Mitternacht
scheint die ganze Stadt
auf den Beinen,
Menschenscharen
strömen von allen
Seiten auf den Platz
vor der Kathedrale.
Tausende lauschen
mit brennenden Kerzen
der Predigt, dann
wird die Kirche
dreimal umrundet.

Der Priester macht
Schwerarbeit, bis
morgens um vier
ist er am Segnen.

6.5./11.5.2002

Die innere Gewerkschaft tritt in Aktion

Am Ostermontag, dem zweiten
in diesem Jahr, greifen die Rädchen
nicht mehr ineinander. Die Technik
schwächelt. – Der Dichter lächelt.
Endlich fordern sie sein Recht:

Niederlegung des Stiftes für kurze Zeit!
Mauersegler nur noch über den Dächern
von Burgas. Sonnenuntergang im 13. Stock
des “Hotel Bulgaria”. Lautsprecher
des sozialistischen Kassettenradios,
ins Bett eingebaut, vibriert Radio City,

‘the best bulgarian radio station’,
in den Raum: Naißies mit “Titschki
tatschki, Adrenalina very muchki”,
und du bist noch dabei Eindrücke und
Ausdrücke zu wägen – Ein Streikbrecher
bist Du! Von den Bossen bestochen!

Schande über Dich! – “Aber die Putzfrau
kommt aus Asenovgrad an der Tschaja, lebt
getrennt von ihrem Mann, weil er sie
schlug…” “Halt die Fresse! Es reicht!”
ruft die Megafonstimme aus dem Innern,
“Wir lassen uns nicht mehr verarschen!”

“Bravo!” “Aber wo bleibt” ruft aus
der Menge er zurück, “das Schwarzmeerfinale?”
“Das Schwarzmeerfinale,” sagt der Boss,
“findet jetzt statt. Wir zahlen jede
Minute.” “Aber die Gesundheit, die
Müdigkeit, die Trauer – das müsst ihr
doch auch in Rechnung stellen!”

“Was heißt hier Gesundheit? The Show
must go on!” “Für das Geld gibt’s nur
bulgarski raboti.” “Hauptsache, es sieht
nach was aus!” “Wir liefern immer saubere
Arbeit!” Schon schreibt er wieder.

7.5.2002

Spalen Wagon Sofia

Das Schlafwagenabteil ist nass,
der Teppich quatschvoll Wasser.
Hoffentlich Wasser! Schlafwagenschaffner
wischt, bringt trockenen Teppich.
Wir verlassen den Bahnhof von Burgas.
Außentemperatur 12 Grad, Fahrtwind.

Verrottende Fabriken, zerbrochene Fenster.
Beat der Eisenbahnräder ankommen oder
nicht ankommen alles ok ankommen oder
nicht ankommen alles ok nur das
Abteilfenster bleibt nicht im Schloss,
rutscht immer runter – eisiger Fahrtwind.

Ein Schnürsenkel löst das Problem
halbwegs, bulgarische Arbeit, nur
ein Spaltbreit bleibt offen, so kann
die Schlafwagenparty beginnen.

9.5.2002

Qualiphone QP 106

Nur die besten Nachrichten
in unserem Sender keine
Katastrophenmeldungen nur
Musik Musik Musik und
Autoreifen über vom Winde
verwehten Plastikbechern.

9.5.2002

Kategorien: Art Café · Frontpage

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