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Den Flusskähnen, den Auen, Götterschaufeln

17 November, 2009 von · Keine Kommentare

Jan Volker Röhnert

Donau bei Russe
Foto: Nedko

1

„O Vorabendröten auf dem Donauarm!“
Der Himmel bricht in tausend Goldfäden,
die Zickzack durch die Wellen schießen –
Dickicht oder Teppich, sie knüpfen am Kokon

des Augenblicks stromab – stromaufwärts ists ein Dampferschiff,
dein Blutkreislauf, Gedankenflug. Eine wirklich
weiße Taube pickt im Ufergarn, wirklich
einzig, weiß und gurrkreiselnd, die Kellnerin

in Schlappen serviert Bier auf dem Balkon,
vor Pontons ankert Fährverkehr. Länger
als man einen dieser Kohlenkähne löscht
wird auch der Duft nicht bleiben,

den du für echt kaum halten willst: ginster-
blütengelb – ein Déjàvu wie jenes
„sie saß eingenickt im Bus, träumte
vor sich hin und rief dann richtig an“,

das ist die Logik eines Flussgotts, des alten
Partisanen, manchmal hinter einem Treibholz
lugend, der schlitzohrig seine Konterbande
zwischen Dichtungen und Wahrheit schiebt.

Aber wie eine Möwenschwinge, in der Farbe
schwertklingen und mantelfuttern schillernd, des
Kontors Rêveriefassaden zielsicher bestreicht,
das weiß nur der Augenblick, der dem

was in den Sternen steht sich überlässt
während wo die Märchen enden, tief
im Westen die Sonnenknospe bricht:
Für das Grün der Parks genügte dieser Strahl.

2

Dies ist ein Raum. Die Flaggen
eines bunten Spektrums wehen auf den Kähnen,
am andren Ufer niemand, der die Ladung
dieser Sonne löschen soll – ein Nachmittag
sich selber überlassen, da sich die Möglichkeit
in den Mantel von Wirklichkeiten hüllt,
die von den Frühlingsästen winken:
Du reichst nach oben, riechst daran,
nimmst Farbe und Geruch in deinen Tag –
eine der Quellen, aus denen er sich speist.

Du dachtest über Wasserscheiden nach
und wie sie mit Menschenschlag zusammengehn
und was vom Ponton die Wörterbücher wissen.
Weit und breit gibt es nur eine Brücke hier;
aber nie ist so weit eins vom andren Ufer,
dass nicht beidseits gleichzeit Frühling wäre:
Die Möwen stehen dafür ein, und dass ein Jahr
je einen weitren Knoten in den Faden knüpft,
der von Thrakien bis auf heut dem Fluss ein Antlitz gibt.

Es ist der Blick und was hinter ihm sich abspielt,
die Reflexe, angefacht vom Sonnenlicht,
was die Flussgötter hinaufschaufelt vom Grund
und dauerte es einen Vers, eine Promenade lang
– schon ihres Zuspruchs in der Liebe wegen
kehrte man zu ihrem Wellenspiel zurück.

Jemand sagte, der Fluss ist Grenze nur, nicht
Mitte, fließt nebenhin, nicht durch, doch
da du hier ohnedies nicht residierst, nimmst
du ihn mit, bis zu den Bergen, den Bächen,
die dorthin münden, Wasser ist ein Teppich,
ein Muster, genau wie Licht gemeißelt
mit jedem Aufblick neu. Mädchen gehen untergehakt
im Abendstrahlenfächer, das Ufer ist für sie gemacht.

Kohlenschlepper kennen den Weg zum Delta
in der Dunkelheit, die Fähren haben abgelegt,
aus dem Arm von jenseits strömt es zu.
Du musst die Stimmung nicht verlängern,
der Fluss kennt ein Morgen genauso
wie du es selber kennen wirst und willst,
mit eignen Augen, was sich im Schaufelrad
der Stunden abspielt, dieser ausgemalte Raum,
darin die Fenster offen stehn, in denen
sich die Dünung spiegelt.

3

Heute, damals, morgen… in den Wassern
Ort und Zeiten mischen sich. Es müssen
die Wasser in dem einen Flussbett sein –
ein Strom, der alles trägt und weiß.
Warum kein Heimweh hier? Schaust du
hinein, bist in den Geschichten dieser Wasser
auch du mit deiner eigenen darin:
ja, der Flussgott weiß, und die Nacht am Fluss
schlägt den Ponton ins nächste Morgen leicht.

(Ruse, Donau)

Kategorien: Art Café · Frontpage

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