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Der Beflügelte

11 März, 2010 von · 1 Kommentar

Tania Rupel

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Foto: Kamen Ferdinandov

In meiner langjährigen Tätigkeit als Krankenschwester habe ich so viel gesehen. Man gewöhnt sich an das Leiden, als ob dich nichts aus der Trance dieser Droge herausbringen kann.

Trotzdem hat der Beflügelte mich sofort beeindruckt, nachdem ich ihn gesehen habe. Er ist nur zu uns gekommen, damit wir ihn zuflicken. Die seelischen Schmerzen, die ihn in die Psychiatrie gebracht haben, konnten wir nicht beheben. Nach einem erfolglosen Versuch zu fliegen, begann er sich langsam zu erholen.

Manchmal hat er sich sogar mit den anderen unterhalten und nicht nur mit sich selbst. Immer, wenn ich die Gelegenheit dazu hatte, habe ich mich zu ihm hingesetzt und seinen ungewöhnlichen Geschichten zugehört.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, ich denke aber immer noch an ihn. So wie auch an die Fachleute, die behaupten, er sei wieder gesund. Da er ohne Verwandtschaft und ohne Unterkunft geblieben war, wohnt er immer noch “vorläufig” in dem Irrenhaus.

Ich besuche ihn und bringe für ihn und seine Mitbewohner Obst mit. Und es gibt tatsächlich einen Unterschied. Vielleicht findet man den in seinen Augen. Wie oft habe ich ihn beobachtet, als er sich mit jemandem von den Patienten beschäftigt hat.

Was geschah früher nur mit ihm, dass er glaubte, fliegen zu können? Und was ist danach passiert, dass er aufgehört hat daran zu glauben? Das habe ich mich gefragt, als ob ein Teil in mir daran litt, dass die losgedrehte Schraube in seinem Gehirn wieder seinen Platz gefunden hatte. Ich sah einen normalen Menschen vor mir. Egal wie grob und relativ das klingen mag. Denn wer kann beschließen – dieser Mensch ist normal und der andere nicht?

Einmal, als der Beflügelte noch bei uns lag, war er ziemlich besorgt. Er schaute aus dem Fenster heraus und hat mit sich selbst leise gesprochen. Brauchst Du irgendwas, hatte ich ihn gefragt.
– Lass mich bitte nicht einschlafen.
– Warum? Im Schlaf wirst du unbemerkbar gesund. Mach dir keine Sorgen über das Gewitter.
– Aber er kann losfliegen.
– Wer?
– Der Baum. Siehst du nicht, wie er versucht, sich loszureißen? So viele Flügel wurden schon durchgebrochen.

Dann habe ich rausgeschaut. Der Wind fegte mit ungeahnter Stärke alles auf seinem Weg. In unserem Fenster, wie auf einem Bildschirm, bog sich ein alter Baum bedrohlich hin und her.

– Seine Kräfte verließen ihn, aber er gibt nicht auf und versucht es immer wieder. Ich habe es von der Höhe nicht geschafft, loszufliegen, aber sieh mal, wie er sich durchkämpft. Und er schafft es.
– Meinst du?
– Warum nicht, was hat er sich in die Erde festgekrallt. Wasser und Sonne gibt es auch da oben. Er muss sich losreißen und sich frei erheben. Ich stelle es mir vor, wie er am Himmel schwimmt. Im Frühling wird er sich wieder durch den Wolkenschaum zeigen. Und im Herbst wird er uns goldgeschriebene Briefe zuschicken, in denen man seine unglaubliche Geschichte lesen wird. Schau mal! Mit dieser aerodynamischen Form schafft er es sicher.
– Ich weiß es nicht. Glaube aber nicht zu viel daran.
– Das ist sein größter Traum. Wir sind Brüder.
– Ich befürchte, Du wirst enttäuscht sein.
– Du meinst, wir sind verdammt. Und diese Wurzeln werden uns bei den Würmern für immer festhalten, nicht wahr? Du bist genau wie mein Großvater. Laut ihm hat man ein Schicksal, dass man nicht ändern kann. Ich glaube nicht daran.

Eines Tages hat Opa auf die Tür geschlagen und gesagt:“Sie ist früher ein Baum gewesen. Irgendwann hat er feste Wurzeln gehabt und Säfte aus der Erde gesaugt. Danach wurde er abgesägt und zu einer Tür gemacht. Durch sie laufen jetzt die Hausherren und deren Gäste. Aus demselben Holz konnte man einen Messergriff machen. Das Messer kann ein Brot aufschneiden, es kann aber auch schlachten. Das sind zwei verschiedene Vorbestimmungen. Siehst du diese Flinte? Mit ihr wurde nur auf Flaschen und Dosen geschossen. Sie wird auch ein Menschenleben nehmen. Aber sie weiß es noch nicht.” Jahre später hat sich Opa mit dem Gewehr umgebracht. Und ich durfte nicht mehr aufs Land.

Einige Tage nach dem Gespräch war ich wieder auf dem Weg zu dem Beflügelten. Sein Bett war leer. Ich lief los, um zu sehen, was passiert war. Er wurde verlegt. Später habe ich über seine Heilung erfahren. Ich habe mich irgendwie seltsam gefühlt. Oder wollte ich es einfach nicht zugeben, dass ich mich in einen Verrückten verliebt habe, welcher gesund geworden war. Letztes Weihnachten habe ich ihn direkt gefragt:

– Wie bist du wieder gesund geworden?
Es war nicht sonderlich diplomatisch von mir, danach zu fragen. Er hat mich aber ruhig angeschaut und sagte:
– Erinnerst du dich an den Sturm? Am Morgen warst du nicht mehr da. Ich habe aber noch in der Früh darauf gewartet, um zu sehen, was geschehen war.
– Na und?
– Es war unglaublich! Seit dem begann meine „Besserung“. Auf dem Hintergrund des erleuchtenden Himmels wurde allmählich die Silhouette des Baum-Vogels sichtbar. Er war ganz nackt, schwarz und einsam. Mit vielen durchbrochenen Flügel-Ästen. Er hatte den Kampf seines Lebens verloren. Und das war ihm bewusst. Trotzdem stand er stolz – ein echter Krieger. Danach bin ich wahrscheinlich eingenickt, denn als ich wieder herausschaute, war ein Wunder geschehen. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Die Sonne war schon aufgegangen und der Baum stellte sich kontrastreich am Horizont dar. Und was sah ich? Auf jedem Ast gab es statt Blätter – Vögel. Vögel, Vögel … So viele! Sie haben ihn feierlich geschmückt. Und diese sprachlosen Boten sagten mir etwas. Ich bin sofort darauf gekommen.
– Was?
– Der Baum, welcher kein Vogel werden konnte, hat sich in ein Vogelheim verwandelt, in einen echten gastfreundlichen Flugplatz, verstehst du? Seine eindrucksvolle Gestalt neigte sich und begrüßte manche mit „Willkommen“, anderen wünschte er eine gute Reise. Und ich weinte vor Freude, wischte aber schnell die Tränen ab, damit ich diese Aussicht länger genießen kann.
-Gute Reise! Willkommen! Gute Reise …

Kategorien: Art Café · Frontpage

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1 Kommentar bis jetzt ↓

  • Mirko Bralic // 30 Sep, 2010 //

    ……schön dass der beflügelte dem leben wieder etwas positives abgewinnen kann, ähnliche erfahrungen kenne ich auch…..
    gruss mirko

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