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Der Berg als einziger Zeuge

14 Januar, 2010 von Viara · Keine Kommentare

Viara Jekova


NANGA PARBAT – Der offizielle Teaser-Trailer zum Film

Vor genau 40 Jahren ereignete sich diese Geschichte. Man kann sie nicht mit einer phantastischen Erzählung verwechseln, nicht mal mit einem realen Märchen kann man sie vergleichen, denn sie erzählt vom echten, ungeschminkten Leben. Zwei Brüder sind die Hauptdarsteller – keinem von beiden wurde die Nebenrolle zugeteilt – zumindest im Film nicht. Doch das Leben ist kein Film und es verteilt die Rollen anders. Nur der Blickwinkel kann von der Realität abweichen…

Die umstrittene Geschichte der Messner-Brüder ist Gegenstand des neuen Filmes vom Regisseur Joseph Vilsmaier. Vorlage für das Drehbuch lieferte das von Reinhold Messner geschriebene Buch „Die rote Rakete am Nanga Parbat“. Der Autor selbst hat als Berater bei den Dreharbeiten mitgewirkt.

Der Film behandelt nicht nur die Ereignisse am Fuß des Berges im Jahr 1970. Er fängt viel früher an, als zwei Jungen, 11 und 13 Jahre alt, in ihrem kleinen Heimatdorf im Südtirol vom Himalaya träumen und sich schwören gemeinsam die Gipfel zu bezwingen.

Doch das Versprechen wird von Rivalitäten beschattet und der Teamgeist zerbricht an den Ungleichheiten zwischen den Beiden, denn der Kleinere bleibt immer im Hintergrund. Eines Tages aber, Jahre später, holt der Jüngere seinen Bruder ein, auch wenn er dafür den teuersten Preis bezahlen wird…

Durch die Reise zurück zur Kindheit versucht Vilsmaier Hintergründe zu erforschen und eine Erklärung für Handlungen zu liefern, die manchem Zuschauer auf den ersten Blick unverständlich erscheinen mögen.

Vor allem aber stellt der Regisseur die menschlichen Seiten einer riskanten Bergexpedition dar. Es geht hier nicht um das bloße Bezwingen von Gipfeln, auch nicht um die Kraft und Ausdauer, die oft an das Übermenschliche grenzen, sondern geht es vielmehr um die zwischenmenschlichen Verhältnisse mit ihren hellen sowie dunklen Momenten.

Unter Extremumständen handelt man oft unüberlegt, manchmal sogar unvernünftig. Der ständige Wettbewerb, auch im eigenen Lager, der Ehrgeiz und das Ego mischen sich unbewusst ein und dies führt zu Konfliktsituationen. Jeder Konflikt hat dann notwendigerweise seine zwei Seiten. Und diese Tatsache hat leider Vilsmaier verfehlt.

In „Nanga Parbat“ werden die zwei kontroversen Blickperspektiven der Teilnehmer an dieser Expedition nur partiell angedeutet: Das führt letztendlich zu keinen ausgebauten Zusammenstoß unterschiedlicher Meinungen. Darunter leidet die dramatische Spannung.

Als Folge kommt hinzu, dass die emotionalisierenden Konfliktsituationen fehlen und die Charakterstärke, die dadurch üblicherweise herauskristallisiert, bleibt vernachlässigt. Es kommt letztendlich zu keiner breitwinkligen Betrachtung des Konflikts. Die Geschichte trägt eine enorme Emotionalität mit sich, die Figuren aber wirken distanziert.

Die etwas phantasielos übertragene Handlung wird aber durch atemberaubende Bilder und Landschaften kompensiert. In dieser Hinsicht geht der Film über jedes Buch hinaus und zeichnet visuell die majestätische Größe der Natur. Die geschickte Abwechslung zwischen grandiosen Bergen, steilen Felsenwänden und einem Menschenlager betont die unendlichen Differenzen umso mehr. „Nanga Parbat“ wurde auf Nanga Parbat gedreht.

Bis auf 7000 Meter Höhe stieg das Drehteam, um die kolossalen Größen in ihren wahren Umfängen festzuhalten. Das war aber nicht der einzige Originalschauplatz im Film. Auch das Südtirolische Dorf hat direkt vor Ort die Heimat der jungen Brüder dargestellt. Bis aufs kleinste Detail wurden die damaligen Umstände rekonstruiert – eine enorme Aufwand.

Fraglich bleibt allerdings was dieser Film vermitteln oder bewirken möchte? Erinnerung? Nostalgie? Oder vielleicht Tatsachen? Buchverfilmungen von dokumentarisch umstrittenen Ereignissen riskieren vom Anfang an, dass sie scheitern, weil sie nur einen Gesichtspunkt behandeln und dementsprechend nichts Unerwartetes in sich bergen.

Der Ausgang der Geschichte ist längst bekannt und das alles kann nicht als authentisch betrachtet werden, deswegen entsteht daraus auch keinen authentischen Film. Reinhold Messners Teilnahme an diesem Projekt verspricht mehr oder weniger ein gewisses Publikumsinteresse.

Sein Talent sich zweckvoll intermedial zu verkaufen (man darf seine Begegnung und das später daraus entstandene Buch mit dem Yeti nicht vergessen), sichert die externe Neugierde. Doch in vielen dieser Geschichten ist er der Alleingänger und einziger Zeuge, abgesehen vom Berg…

Manchmal dauert es Jahrzehnte, um tragische Ereignisse verarbeiten zu können, manchmal kann man sich ein ganzes Leben lang nicht von solchen erholen. Wenn Leidenschaft, Emotionen, Träume und Loyalität diese Ereignisse begleiten und daraus Konkurrenz, Ehrgeiz und Rivalität entstehen, wird man sogar über die Grenzen der Zeit hinaus von Fragen geplagt und von Trauer verfolgt. Die Geschichte der Messner Brüder wird seit 40 Jahren immer wieder neu aufgerollt. Man fragt sich, was kommt als Nächstes?

Kategorien: Frontpage · Nachrichten

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