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Der Bettler

23 Januar, 2009 von · Keine Kommentare

Autor: Evelina Jecker Lambreva

Übersetzung: Rossitza Yotkovska

Prosiakyt
Foto: Pensiero

Alle ihre Freundinnen hatten Haustiere. Und alle gaben großzügig wahnsinniges Geld dafür aus.
Frau Friedrich kümmerte sich mütterlich um eine zehnjährige Angorakatze. Sie führte sie regelmäßig zum Friseur, zum Tiermanikürist, der ihr sorgfältig die Nägel abschnitt, und der Fachzahnarzt kam gemeinsam mit dem Veterinärarzt direkt zu ihr nach Hause, um der Katze den Zahnstein abzukratzen.

Frau Singer züchtete einen Riesenhund mit nostalgisch traurigen Augen, aus denen sie ständig bemüht war, seinen nächsten Hundewunsch zu erraten, um ihn auf der Stelle zu erfüllen. Sie führte ihn zur Hundeschule und besuchte mit ihm einen speziellen Klub, wo unterschiedliche amüsante Hunde- und Hundebesitzerspiele veranstaltet wurden.

Frau Lutz besaß zwei Hamster, die sie nur mit Biofutter ernährte, und achtete sorgfältig darauf, dass sie sich nicht überfraßen. Um sicherer zu sein, dass sie es mit der Ernährung richtig machte, rannte sie oft mit ihnen zum Arzt.

Frau Christen machte ständig den Käfig ihrer Lieblingsratte sauber, und stellte sie stolz ihren Gästen vor, als sie während des Nachmittagstees aus ihrem Ärmel auf den Sessel herauskroch.
Kornelia Spielmann hatte kein Lieblingstier zu Hause, zum gemeinsamen Erstaunen ihrer Freundinnen.

Sie hatte einen Lieblingsbettler. Als ihre Freundinnen diese Tatsache erfuhren, tadelten sie, dass dies eine missverstandene Wohltätigkeit sei und unreifes Mitleid, da der Staat für alle Bettler ausreichend sorge. Man solle solchen Menschen kein Geld geben, da sie es in den Kneipen verschwenden und ganz schädliche Gewohnheiten erwerben. Es sei besser, dass sie sich auch ein Haustier kaufe, das niemanden stören und ihr nur Freude bringen würde…

Kornelia Spielmann war eine eigensinnige Natur und hatte es nicht gern, von jemandem diktiert zu bekommen, was zu machen ist. Schon fast sieben Jahre lang kam sie jeden Morgen, auf dem Weg zur Straßenbahn, mit der sie zur Arbeit fuhr, an einem alten Bettler mit einem langen Bart und zersaustem Filzhaar vorbei. Er bemühte sich, mit einer alten Geige irgendwelche Melodien hinzukriegen, kratzte aber so schrecklich, als ob er den Passanten einflößen wollte: „Nun los, gebt mir manchen Groschen, damit ich aufhöre!“ Als Kornelia dieser Gedanke kam, lächelte sie innerlich und begann, jeden Tag in den Hut des Bettlers einen Franken zu legen. Der Mann bemerkte sie bald und fing an, ihr freundlich zu lächeln, immer wenn sie morgens erschien.

Einmal sprach ihn Kornelia Spielmann an. Sie fragte ihn nach seinen Namen, ob er eine Unterkunft und genug zum Essen habe. Sein Name sei Herr Störli, hatte der Bettler gesagt, er habe ein Zimmer in einem Wohnheim in der Nähe, früher war er Pferdepfleger in einem reichen Hof, erkrankte aber und jetzt lebe er von einer kleinen Invalidenrente. Ja, er esse, er habe genug zum Essen, aber niemals könne er wie die anderen Menschen für einen oder zwei Tage irgendwohin verreisen. Es sei ihm besonders traurig zumute im Sommer, wenn die Stadt leer wird und alle zu fernen Ländern und unbekannten Welten sich stürzen.

So verliefen die Jahre. Herr Störli, der sonst winters wie sommers auf seiner üblichen Stelle an der Straßenbahnhaltestelle war, verschwand von Zeit zur Zeit für einige Monate und erschien dann wieder zurück.

„Sie waren in letzter Zeit verschwunden, Herr Störli?“, sagte Kornelia Spielmann zu ihm, als sie ihn wieder sah.
„Man hat mich wieder ins Gefängnis gebracht, gnädige Frau!“, antwortete der Bettler.
„Sie? Wieder ins Gefängnis? Warum denn, was haben Sie getan?“
„Wieso warum, Frau Spielmann? Für Bettlerei, Sie kennen doch die Gesetze?!“

Die Leute blickten auf sie – manche verurteilten sie, andere verspotteten sie und eilten schnell davon.
Diesen Frühling verschwand Herr Störli wieder. Es war schon Spätherbst, aber er war immer noch weg. „Vielleicht hat er vom Betteln was gespart und ist irgendwohin abgereist“, dachte sich Kornelia Spielmann und stieg in die Straßenbahn ein. November war schon vorbei, die Stadt bereitete sich mit Volldampf auf Weihnachten vor, aber der Bettler kam nicht zurück.

Eines Sonnabendmorgens klingelte der Briefträger und reichte ihr ein Einschreiben. Die Absenderin, eine gewisse Virginia Holmer, war ihr weder namentlich noch persönlich bekannt. Kornelia Spielmann öffnete den Umschlag. Daraus fielen ein Kammerkonzertprogramm und ein Konzertticket mit einem Platz in der Sonderloge. „Mein Gott, was ist denn das und wer sendet mir so etwas?“, dachte sie verblüfft und begann, den Brief laut zu lesen.

„Sehr geehrte Frau Spielmann,
mein Name ist Virginia Holmer und ich schreibe Ihnen im Erfüllen des letzten Wunsches meines geliebten Onkels Bernhardt Störli, der vor zwei Monaten verstarb. Mit neunzehn Jahren habe ich bei einem Autounfall meine Eltern verloren. Mein Onkel Bernhardt wurde zu meinem Vormund und seitdem sorgte er für mich.

Ich wollte meine Ausbildung im Konservatorium fortsetzen, aber er konnte mich mit seiner Invalidenrente nicht unterhalten, deshalb begann ich als Serviererin in einer Bar zu arbeiten, und er – zu betteln. Auf seinem Sterbebett bestand er darauf, dass ich Ihnen mitteile, dass er das ganze Geld, das er von Ihnen bekommen hat, in mein Studium angelegt und keinen Franken vergeudet hat.

Diesen Herbst bekam ich mein Diplom als Geigerin. Meinem Onkel gelang es nicht, den glücklichen Augenblick zu erleben. Deshalb lade ich Sie ganz herzlich ein, dass zumindest Sie zu meinem ersten Konzert kommen. Ich würde mich freuen, Sie kennenzulernen und Ihnen die Hand mit Dankbarkeit drücken…”

Dieser Text von Evelina Lambreva Jecker wurde beim Literatur-Wettbewerb von Public Republic mit dem 2. Platz in der Kategorie “Prosa” ausgezeichnet.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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