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Der bulgarische Arzt – Teil 3

4 September, 2014 von · Keine Kommentare

Auszug aus dem Buch von Nicki Pawlow
mit freundlicher Unterstützung des LangenMüller Verlags

Die BUCHPREMIERE des neuen Romans von Nicki Pawlow wird
am Dienstag, den 9.9.2014, um 20.00 Uhr,
im Literaturhaus in Berlin Kreuzberg LETTRÉTAGE (Mehringdamm 61, 10961 Berlin) stattfinden.
Der Eintritt ist frei.

buchcover

Viele Jahre nach der Flucht in den Westen und nach dem Mauerfall liegt der bulgarische Arzt Wantscho im Sterben und seine Tochter Nelli begibt sich auf Spurensuche nach ihrem Vater. Er ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Als Psychiater gelang es ihm immer, das seelische Leid anderer zu lindern. Seinem eigenen psychischen Unglück ist er jedoch hilflos ausgeliefert.

Wer war dieser Vater, der ihr ein Leben lang so nahestand und zugleich fremd blieb? Gelingt es ihr am Ende, sich noch vor seinem Tod mit ihm auszusöhnen?

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Herbst 2014 präsentiert die Berliner Autorin Nicki Pawlow ihren autobiografisch inspirierten Familienroman „Der bulgarische Arzt“. Dieser spielt über drei Generationen hinweg, in dem herzlichen und zugleich tristen Bulgarien, in der Zeit der DDR und schildert die Flucht in den Westen im Jahre 1977.

Nicki Pawlow
Der bulgarische Arzt
Roman
496 Seiten
ISBN: 978-3-7844-3355-4
€ 22,99
LangenMüller Verlag

Der Ärztliche Direktor lud Wantscho zum Gespräch und eröffnete ihm, dass es in seinem Falle wegen der Führung des akademischen Grades einige Schwierigkeiten gäbe. Infolge neuer gesetzlicher Bestimmungen sei er als Bulgare nach der Approbationsordnung lediglich dazu berechtigt, den Titel „Dr.“ zu führen, nicht den Titel „Dr. med.“. Ihm sei ja sicherlich bekannt, dass in der VR Bulgarien der Titel „Dr.“ nur eine Berufsbezeichnung und kein akademischer Grad sei.

Degradieren, schoss es Wantscho durch den Kopf, jetzt wollen sie mich auch noch degradieren!

Rückwart erklärte mit großer Geste, dass zurzeit die Approbationsurkunden aller ausländischen Ärzte in der DDR überprüft würden und dass er natürlich auch weiterhin das Recht habe, sich „Dr. Nikolow“ zu nennen, mit „Dr. Nikolow“ zu unterschreiben und einen solchen Stempel zu benutzen.

„Ich arbeite seit über zwanzig Jahren als Nervenarzt“, sagte Wantscho. „Das Medizinstudium habe ich mit Auszeichnung abgeschlossen. Die Promotion mit summa cum laude. Meinen Facharzt habe ich in Halle gemacht und außerdem Hunderte von Patienten behandelt. Ich werde nie und nimmer auf meinen rechtmäßig erworbenen Titel „Dr. med.“ verzichten.“ Er stand auf. „Ich verstehe nicht, warum ich wie ein Feind behandelt werde, nachdem ich so viel für dieses Land getan habe. Immer habe ich mein Bestes für die Klinik und die Patienten gegeben!“ Er verließ das Büro seines Chefs. Er war sehr erregt.

Wieder zurück in seinem Büro, rief er bei Oberstleutnant Wilke an. Der Genosse Oberstleutnant befinde sich auf Dienstreise, sagte die Sekretärin. Wantscho fragte, wann er zurückkäme. Das könne sie nicht sagen. Wantscho bat darum, dass der Oberstleutnant ihn nach seiner Rückkehr anrufen solle. Die Sekretärin versicherte, sie werde es aufnehmen. Danach wählte Wantscho Bojkos Telefonnummer in Cottbus und erfuhr, dass sein Freund sich in der gleichen misslichen Lage befand. Auch seine Approbation stand auf dem Prüfstand. Bojko fürchtete um seinen Doktortitel und sagte, dass er in Erwägung ziehe, nach Bulgarien zurückzukehren.

Als Rose dies alles hörte, wurde sie schrecklich wütend. Wantscho saß traurig auf der Couch und sah vor sich hin.

„Können die uns nicht einfach in Ruhe lassen“, schimpfte Rose.

Wantscho erzählte von Bojko. „Er will zurück nach Bulgarien.“

„Aber wir wollen das nicht!“, sagte Rose. „Was wollen wir denn?“

„Am liebsten würde ich abhau’n!“

Wantscho sah Rose erschrocken an. „Wohin denn?“

„In den Westen natürlich!“

„Du machst Witze!“

„Ich hab’ die Schnauze so gestrichen voll, das kannst du dir gar nicht vorstellen.“

Rose zündete sich mit fahrigen Bewegungen eine Zigarette an. Wantscho starrte weiter trübsinnig vor sich. Abzuhauen hatte er noch nie in Erwägung gezogen. Sicher, er suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus der Misere. Er dachte darüber nach, wie es wohl wäre, nach Bulgarien zurückzukehren. Doch in seiner Heimat war er in Ungnade gefallen. Und Rose wollte dort nicht leben. Er überlegte, wie es wäre, an eine andere Klinik, in eine andere Stadt zu gehen. Nach Cottbus, wo Bojko arbeitete, oder nach Kromberg zu Bernhard? Vielleicht sogar nach Berlin? Hauptsache: Irgendwie weg von hier, wo er mit Füßen getreten wurde. Aber flüchten? Rübermachen? Ein vollkommen abwegiger Gedanke. Ein verbotener Gedanke. Und doch auch – verlockend. Das spürte er jetzt zum ersten Mal. Die Verlockung, mit allem hier zu brechen. Neu anzufangen. In Freiheit zu leben. Zum Teufel mit den Lichtgestalten, die so lange über sein Leben bestimmt hatten, Marx, Engels, Lenin. Was brachten ihre schönen Theorien? Die Praxis sah so hässlich aus.

Doch eigentlich verspürte Wantscho wenig Lust, nach Cottbus, Kromberg oder Berlin auszuweichen. Rückwarts Einfluss reichte weit in der kleinen DDR. Und die Probleme, die man ihm in Nordroda wegen seines Doktortitels machte, wären überall dieselben. Er saß in der Falle. Wantscho fühlte sich müde und zerschlagen. Er war verzweifelt. Das Leben ging über seine Kräfte. Er sah, dass Rose leise weinte. Er war außerstande, sie zu trösten.

In den folgenden Wochen wurde Wantscho zu mehreren Aussprachen geladen, an denen neben dem Ärztlichen Direktor auch sein frisch gekürter Stellvertreter Dr. Hacker und die Bezirksärztin teilnahmen. Die Bezirksärztin, eine attraktive dunkelhaarige Endvierzigerin mit Parteiabzeichen an der Kostümjacke, erläuterte den Sachverhalt: Das Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR habe jetzt eine Bestimmung erlassen, wonach die Approbationen aller ausländischen Ärzte zu überprüfen seien. Man hoffe auf Kooperation und Einsicht bei den betroffenen Kollegen. Die Maßnahme entfiele, wenn man Staatsbürger der DDR werde. Wantscho lehnte ab…

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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