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Der Engel vom Alten Markt

21 Juni, 2015 von · Keine Kommentare

Heute aus

Die Anthologie “Vom Leben und Regen in Wuppertal” erschien am 8.4.15 in der Edition Köndgen. Im Buch finden sich elf Geschichten von Autoren und Autorinnen mit großem Bezug zum Tal, die der Wuppertaler Autor und Schreiblehrer André Wiesler gesammelt hat.

Wenn Wuppertaler über ihre Stadt berichten, dann erzählen sie die unterschiedlichsten Geschichten. Es sind Geschichten vom Leben und Sterben und natürlich vom Regen, für den Wuppertal fast so bekannt ist, wie für seine Schwebebahn. Elf dieser Geschichten von Wuppertaler Autorinnen und Autoren, finden sich in diesem Buch.

Sie fahren Rennen in dieser Stadt, lassen die Schwebebahn weglaufen, begleiten die historische Geschichte des Räubers Biebighäuser, haben schicksalsverändernde Begegnungen, ringen mit Staus und Straßensperren oder jagen dem Regen hinterher. Sie erzählen lustige, traurige und nachdenkliche Geschichten. Kurzum: Sie haben alle ihre eigenen Vorstellungen davon, was (sich) Regen in Wuppertal bedeutet.

Mit dem Verkauf der aktuellen Geschichtensammlung “Vom Leben und Regen in Wuppertal” und der davor herausgebrachten “Vom Leben und Schweben” wird das Kinderhospiz Burgholz in Wuppertal unterstützt. Bücher Köndgen und die Autoren haben dabei auf ein Honorar verzichtet.

Hier lesen Sie einen Ausschnitt aus der Geschichte “Der Engel vom Alten Markt” von Daniela Schumann. Weitere Geschichten folgen.

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“Vom Leben und Regen in Wuppertal” bei Köndgen

Der Engel vom Alten Markt
von Daniela Schumann

„Weißt du, was mir gestern passiert ist?“
„Nein, was denn?“
„Du wirst es nicht glauben, Agatha.“ Edeltraud rückte ihre Brille zurecht. Sie war noch immer aufgeregt, wenn sie an den gestrigen Tag dachte. Sie war über siebzig, aber so etwas wie gestern, das war ihr noch nie passiert.

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Foto: desenze

„Nun sag schon.“ Die beiden älteren Damen saßen in ihrem Lieblingscafé auf der Hardt, hatten sich ihr Kännchen Kaffee und das obligatorische Stück Torte geholt und waren bereit für ihren alltäglichen Kaffeeklatsch.

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Foto: desenze

Meistens sprachen sie über andere Leute. Das Leben der anderen schien viel aufregender und interessanter zu sein als ihr eigenes. Was passierte schon zwei alten Damen, die nicht mehr arbeiteten, deren Kinder und Enkelkinder sich so gut wie nie blicken ließen und deren Freunde, die einer nach dem anderen wegstarben. Das Leben war einsam und trüb und diese Treffen auf der Hardt das Tageshighlight. Es sei denn der Günther Jauch war im Fernsehen, dann war er das Highlight.

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Foto: desenze

„Ich war gestern bei meinem Hausarzt, du weißt, ich habe Rücken. Ganz schrecklich war es gestern Morgen wieder, so dass ich mich um kurz nach sieben mit der Schwebebahn auf den Weg gemacht habe, um pünktlich um acht da zu sein…“

„Ach du Ärmste, dein Rücken, der bringt dich noch mal ins Grab. Mein Heribert pflegte immer zu sagen, es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Du weißt ja, er hatte auch so schreckliche Rückenschmerzen nachdem er so lange im Bergwerk gearbeitet hatte. Gott habe ihn selig.“ Beide Frauen bekreuzigten sich, so wie sie es immer taten, wenn sie über ihre verstorbenen Ehemänner sprachen. Beide waren viel zu früh verstorben, hatten ihre Frauen zu Witwen gemacht. Jedoch hatten sie eine ordentliche Rente hinterlassen, die diese Ausflüge ins Café finanzierte. Ja, ja, ihre guten Männer, über ihren Tod hinaus sorgten sie für ihre Frauen.

„Ja, und stell dir vor, da komme ich aus der Schwebebahn und gehe die Treppen runter, da sprich mich ein junger Mann an. Fragt, ob ich ihm Geld wechseln könne, die Parkuhr würde keine zwanzig Cent Stücke nehmen und er habe keinen Euro.“

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Foto: desenze

„Oh, da hat sich mein Sohn auch schon drüber beschwert, eine Unverschämtheit, dass diese Automaten nicht alle Münzen nehmen. Wenigstens zehn und zwanzig Pfennig könnten sie nehmen.“
„Ich habe meine Geldbörse herausgeholt und nach Kleingeld gesucht, als der Mann mir plötzlich meine Geldbörse aus der Hand reißt, sich umdreht und weglaufen will.“

„Oh nein!“ Entsetzt hielt sich Agatha die Hand vor den Mund. Ihre Freundin war überfallen worden! In ihrer Stadt, am Alten Markt. Das durfte nicht wahr sein, was war nur aus der Welt geworden? „Hast du die Polizei gerufen? Du Arme, das muss ja ein schrecklicher Schock gewesen sein. War denn niemand da, der dir helfen konnte? Ach, meine arme Liebe.“ Agatha tätschelte die Hand ihrer Freundin. „Wieso hast du mich denn nicht angerufen?“

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Foto: desenze

„Das war ein ganz böser Schock, er hat sie mir einfach weggenommen und ich … ich kam mir hilflos vor wie ein kleines Kind.“

„Hast du die Polizei gerufen? Ach Gott, all die Papiere, die in der Geldbörse sind, die musst du alle neu beantragen.“

„Ich habe meine Geldbörse doch wieder.“ Edeltraud holte das gute Stück aus der Tasche, klopfte drauf und legte es dann wieder weg.

„War die Polizei da und hat dir geholfen? Haben sie den Verbrecher verhaftet?“
„Nein, es war nicht die Polizei, die mir geholfen hat, es war der Engel vom Alten Markt.“ Triumphierend sah Edeltraud Agatha an. Der Raub war ein Schock gewesen, was danach geschehen war, das hatte sie noch mehr aufgewühlt.

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Foto: desenze

„Nein! Wirklich? Der Engel vom Alten Markt?“ Seit einigen Wochen war „Der Engel vom Alten Markt“ in aller Munde. Es hatte damit angefangen, dass eines Morgens all das Graffiti verschwunden war. Über Nacht war die Schwebebahnhaltestelle Alte Markt von allen Schmierereien befreit worden und sah seitdem fast aus wie neu. Wie damals, als die beiden Frauen noch jünger waren und der zentrale Platz in der Barmer Innenstadt neu angelegt worden war. Die Wuppertaler hatten gedacht, dass die Stadt eine Putzkolone bestellt hatte, die ihren beliebten Treffpunkt verschönert hatte, aber die Stadt hatte auf Nachfrage des lokalen Radiosenders gesagt, sie habe nichts mit der Säuberung zu tun.

Portraitfoto Alice Springs mit Drachena
Daniela Schumann, Foto: Alice Springs

Daniela Schumann, geboren 1979 in Meschede, studierte in der KFH Paderborn Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Nachdem sie drei Jahre in Australien und Neuseeland gelebt hat, ist sie 2010 nach Wuppertal gezogen. In ihrer Freizeit liest und schreibt sie viel und reist gerne um die Welt. Neben „Der Engel vom Alten Markt“ hat sie noch vier weitere Kurzgeschichten und ein Gedicht veröffentlicht.

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen · Szene

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