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Der neue Barmer Bahnhof

23 Februar, 2011 von · Keine Kommentare

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In unserer neuen Serie „Heute aus …“ werden wir regelmäßig über das Leben, das Engagement und die Bürgerinitiativen in verschiedenen Städten berichten.

Heute lesen Sie ein Interview von Dessislava Berndt mit Martina Steimer und Thomas Leipoldt aus dem Barmer Bahnhof, Wuppertal

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Foto: Bente Leipoldt

Der Bahnhof Wuppertal-Barmen (auch Barmer Bahnhof genannt) ist neben dem Hauptbahnhof Wuppertal und dem Bahnhof Oberbarmen ein wichtiger Haltepunkt im Streckennetz der Deutschen Bahn. Das Empfangsgebäude steht seit 1988 unter Denkmalschutz.

Ursprünglich war der Barmer Bahnhof der Hauptbahnhof der bis 1929 selbstständigen Stadt Barmen und vor dem Krieg – eine wichtige Schnellzugstation mit großer Güterabfertigung.

Große Pläne für einen „Kultur“-Bahnhof gab es 1991. Nach aufwändigen Umbauarbeiten des Westflügels durch eine Gaststätten- und Veranstaltungsgesellschaft mit Alfred Biolek an der Spitze sollte ein neues Zentrum für Kultur entstehen. Eine Mischung aus Musikveranstaltungen, Theateraufführungen, Tagungen und Gastronomie sollte in eine “Kulturachse” mit dem nahen Opernhaus eingebunden werden.

In den folgenden zehn Jahren gab es tatsächlich diverse Veranstaltungen, vor allem in der Diskothek Barmer Bahnhof der Gesellschaft von Biolek. Aufgrund von Brandschutzauflagen, die mit hohen Investitionen verbunden waren, wurde der Betrieb im Juni 2001 eingestellt.

Neue Hoffnung für die Belebung des Bahnhofs als Kulturpunkt in Wuppertal gibt es seit 2008, nachdem der Wiener Opernstar Kurt Rydl den Bahnhof kaufte. Seitdem wurden umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt und nun steht die Eröffnung der ersten öffentlichen Kulturveranstaltungen bevor.

Mit „Forum Maximum“ – eine Bühne mit vielen Kunstangeboten – zieht die Wuppertaler Veranstaltungsikone Martina Steimer nach 13 Jahren vom 120 Jahre alten Rex-Theater in den Barmer Bahnhof ein und bringt erneut viele Stars der deutschen und internationalen Kleinkunst- und Kabarettbühne nach Wuppertal.

Martina Steimer
Martina Steimer

Frau Steimer, der Barmer Bahnhof wird das neue Zuhause für das „Forum Maximum“. Sind Sie mit dieser Lösung zufrieden oder immer noch traurig, dass Sie nach 13 Jahren das 120 Jahre alte Rex-Theater verlassen sollten?

Martina Steimer: Ein Abschied ist natürlich immer mit etwas Wehmut verbunden, aber 13 Jahre waren auch eine lange Zeit, und eine Veränderung schafft immer neue Energien. Was ich am Bahnhof mag ist, dass er auch alt und traditionsreich ist mit einer wechselhaften Geschichte, also ähnlich wie das Rex – aber dennoch ein ganz modernes stylishes Gebäude. Die beiden Häuser sind nicht miteinander zu vergleichen, aber beide haben Atmosphäre und Geschichte. Und da der Bahnhof auf Grund seiner großen Platzkapazitäten noch so viele Möglichkeiten bietet, ist es sehr reizvoll dort etwas zu entwickeln.

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Foto: Bente Leipoldt

Welche Vorteile gegenüber anderen Standorten sehen Sie?

Martina Steimer: Der Bahnhof ist sehr zentral, bestens zu erreichen. Er hat ausreichend Parkplätze, ein aufgewertetes und attraktives Umfeld mit vielen benachbarten Kultureinrichtungen – weshalb die Gegend ja auch schon als “Kulturachse Barmen” bezeichnet wird. Die Nachbarschaft zu Oper und Historischem Zentrum ist spannend und kollegial. Und die Eigentümer des Bahnhofs sind einfach toll und engagiert, sie sind wirklich Idealisten in der Erhaltung der historischen Bausubstanz und Entwicklung des Theaterbetriebs. Das schafft ein großartiges Arbeitsklima.

Können Sie uns bitte etwas mehr über die Pläne und das Programm für 2011 sagen?

Martina Steimer: Das Programm ist so, wie wir es auch im Rex und vorher im “kleinen” Forum am Arrenberg gestaltet haben: Viel Kabarett, Comedy, Theater, etwas Musik, Literatur, bekannte Stars neben Newcomern und lokalen Projekten. Wir erweitern es um Eigenproduktionen aus dem Bereich Musical und Theater und außerdem zieht die Bergische Akademie für Kabarett- und Comedy von Jürgen Scheugenpflug bei uns ein, die vor allem im Jugendbereich agieren wird. Und für weitere Kooperationen sind wir offen…

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Foto: Bente Leipoldt

Darüber hinaus werden wir weiter bauen, es soll eine kleinere Bühne für den Nachwuchs geben und das gesamte Gelände aufgewertet werden, was zum Bahnhof gehört, also eventuell auch mit Gastronomie etc.

Wovon träumen Sie?

Martina Steimer: Das wechselt: Von Ruhe und einem beschaulichen Leben, wenn ich viel zu tun habe und mal wieder nicht weiß, wo mir der Kopf steht und wo ich zuerst anfangen soll. Von Stress und neuen Herausforderungen, wenn ich ein paar Tage Ruhe hatte. Ansonsten davon, dass Nick Cave mal nur für mich ein Konzert gibt…

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Foto: Bente Leipoldt

Was möchten Sie mit „Forum Maximum“ im Barmer Bahnhof erreichen?

Martina Steimer: Das klingt so verbissen und nach Erfolgsdruck….ich möchte eigentlich nur, dass Künstler und Besucher sich dort wohl fühlen, tolle Abende erleben, dass alle gerne dort sind und wiederkommen und den Bahnhof auch zu ihrem Haus machen. Und dass das große Engagement von Rydls durch meine Arbeit belohnt wird!

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Fotos: Bente Leipoldt

Herr Leipoldt, momentan laufen die Bauarbeiten im und vor dem Barmer Bahnhof auf Hochtouren. Wann wird die offizielle Eröffnung des Barmer Bahnhofs als Kulturdrehscheibe sein?

Thomas Leipoldt: Wir sind knapp in der Zeit, liegen dennoch sehr gut im Plan. Wir unternehmen alle Anstrengungen, damit das „Forum Maximum“ mit dem Programm im Februar 2011 im Barmer Bahnhof durchstarten kann. Man muss dabei folgendes bedenken: es handelt sich hier um ein Riesengebäude, um viele Firmen, die vor Ort arbeiten und um den Genehmigungsbedarf, den man hat. Wir streben jedoch einen baldigen Start an.

Wird es eine offizielle Feier geben?

Thomas Leipoldt: Es wird vielleicht vorher eine Eröffnung für eine begrenzte Zahl geladener Gäste geben. Es wird eine Eröffnungsfeier seitens der Rydls gewünscht, bei der sie mit Freunden und Gästen aus der Opernwelt feiern möchten.

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Foto: Bente Leipoldt

Kurt Rydl ist nicht nur der Opernwelt bekannt. Auch Leute wie Thomas Gottschalk schätzen den Bass sehr. Wird es Auftritte des Herrn Rydl und/oder Freunde in Wuppertal geben?

Thomas Leipoldt: Ja, erstmals bei der erwähnten Eröffnung, aber auch nach Absprache mit Martina Steimer und ihrem Veranstaltungskalender sind Abende für „Rydl & Friends“ (klassische Veranstaltungen unter der Federführung von Kurt Rydl und Stippvisiten von Künstlern, mit denen er durch seine weltweiten Kontakte befreundet ist) geplant.

Der Barmer Bahnhof soll sich zu einem Zentrum für Kultur, Veranstaltungen und als wichtiger Verkehrsknoten entwickeln und eine einzigartige Kombination von Dienstleistungen den Wuppertalern und Gästen der Stadt anbieten. Dabei ist Martina Steimer ganz klar die Ansprechpartnerin für Kulturveranstaltungen und Kleinkunst. Kann man einen konkreten Ansprechpartner für die Raumvermietung anlässlich Jubiläen, Hochzeiten und andere private Feier nennen?

Thomas Leipoldt: Rydl/Leipoldt werden als Vermieter immer auftauchen. Wir haben verschiedene Räume, bei denen einiges noch in Planung ist. Deren Betreiber wird dann auch der Ansprechpartner sein.

Erzählen Sie uns bitte mehr über die Geschichte des Bahnhofs, die Sie mitbekommen haben.

Thomas Leipoldt: Josef Linz – Urgroßvater von mir und meiner Schwester Christiane Rydl, gründete 1904 mit seinem Sohn die Firma „Josef Linz & Sohn“ für „exklusive Tabakwaren und feine eigene Zigarren“. Die Firma hatte ihre Zentrale zuerst in Bochum, wo sie deutschlandweit der größte Handel im Tabakwarenbereich war. Seit 1921 ist sie im Barmer Bahnhof. 1976 habe ich den damals nur 9m2 großen, reinen Tabakwarenhandel übernommen und weiterentwickelt. Heute bin ich Inhaber in vierter Generation von „Josef Linz & Sohn“ und betreibe die Bahnhofsbuchhandlung mit Tabakwaren, Weinen und Café als Pächter von Rydls.

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Foto: Bente Leipoldt

Man muss sich vorstellen, dass in den 80er Jahren hier Hochbetrieb herrschte. Oben war die in NRW größte Kleiderkammer der Bundesbahnbeamten, unten gab es Bundesbahnticketschalter, Friseur, Reiseauskunft und eine Wirtschaft mit einem Gesellschaftsraum. Nach und nach merkte ich, dass der Betrieb immer weniger wurde. Mein Wunsch in den 80er war es, das hier anzumieten und mit Tabak, Pflanzen, Wein und Presse den täglichen Bedarf abzudecken.

Damals liefen Gespräche im Alten Wartesaal in Köln mit Alfred Biolek und den Architekten Gigi Campi. Dort hatte Campi gemeinsam mit Alfred Biolek und Partnern 1983 den Alten Wartesaal unter dem Kölner Hauptbahnhof von der Deutschen Bundesbahn gemietet. Am nächsten Tag waren sie in Barmen, um sich die Räume anzusehen.

Im März 1991 eröffnete dann die Gaststätten- und Veranstaltungsgesellschaft mit Alfred Biolek an der Spitze die Diskothek Barmer Bahnhof. Somit wurde der Barmer Bahnhof in den 90ern deutschlandweit eine der führenden Adressen für Disco und Kabarett. Aufgrund von Brandschutzauflagen, die mit hohen Investitionen verbunden waren, musste der Betrieb im Juni 2001 eingestellt werden.

Der Bahnhof stand sehr lange leer und ich war Ansprechpartner für die Besichtigungen der Interessenten. Als Pächter der Bahn hatte ich immer guten Zugang zur Bahn, man kannte mich ja. Und so, als der letzte Investor für den Bahnhof scheiterte, entwickelte sich die Idee des Bahnhofskaufs innerhalb der Familie.

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Foto: Bente Leipoldt

Der Barmer Bahnhof soll unter dem Motto „Tradition und Innovation“ betrieben werden. Was steckt dahinter?

Thomas Leipoldt: Die Tradition bezieht sich auf „Josef Linz & Sohn“ und die Innovation auf das, was man vor hat. Wir wollen beides verbinden, einen Kulturpunkt entstehen lassen.

Der Bahnhof wurde wegen der Nähe zum Opernhaus, des Bahnbetriebes und der familiären Beziehung gekauft. Diese Kombination ist einzigartig für Wuppertal; so z.B. der Vorplatz, der im Sommer 2011 fertig gestellt sein wird. Es entsteht ein größerer Busbahnhof, der eine bessere Anbindung bietet. Man muss bedenken, dass woanders viele Bahnhöfe mittlerweile still gelegt worden sind.

Und was gibt es schöneres neben der Oper Kultur in den großen Sälen zu machen? Bei uns dürfen 700 Leute jetzt schon rein und wenn wir auf 900 erweitern würden, das ist schon eine Kapazität.

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Foto: Bente Leipoldt

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Bahnhofs?

Thomas Leipoldt: Natürlich wünschen wir uns, dass alles was wir uns vorgenommen haben erstmals angenommen wird und dass das Umfeld auch mitmacht. Denn wir sehen ja hier DEN Kulturpunkt von Wuppertal, wenn alles fertig wird. Oper, Industriemuseum, Engelshäuser, Kurbad – alles ist in der Nähe.

Frau Steimer, Herr Leipoldt, vielen Dank für das Interview! Public Republic wünscht Ihnen einen gelungenen Start und viel Erfolg!

http://www.forum-maximum.de/

Kategorien: Allgemein · Art Café · Frontpage · Modern Times · Um die Welt

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