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Der Satz

18 Juni, 2014 von · Keine Kommentare

Hristo Dimitrov
Korrektur: Laura Popow

the-clock-behind-the-windows
Illustration: Rayna Popova

Katharina wusste nur zu gut, wie der Lieblingssatz von Bruno Bark klang.

Er hatte sie nie geschlagen (nur wenn sie ihre Spielchen spielten), aber manchmal hallten seine Wörter zwischen ihren Ohren wider, als ob er ihr eine geschmiert hätte.

Sie hatte diesen einfachen Satz tausendmal im Laufe ihrer Beziehung gehört.
Ob diese Affäre mit ihm eine lange oder eine kurze war, konnte Katharina nicht leicht beurteilen. Ihr Gedächtnis war zwar gut , aber solche Sachen haben nichts mit der Erinnerung zu tun.

Der Satz war kurz, aus drei Wörtern.
Bruno wiederholte Katharina immer sehr gern seine drei Lieblingswörter, wenn sie Zeit miteinander verbrachten.

Sie lebten nicht zusammen, Katharina wohnte noch bei ihrer Schwester und Bruno hauste in einer Junggesellenwohnung in dem großen Betonblock, gegenüber von dem Neustädtsee.
Sie wohnten nicht zusammen und vielleicht war deswegen die Beziehung so leidenschaftlich, sehnsüchtig.
Sie sprachen nicht viel, wenn sie nebeneinander lagen; nur wenige Wörter flogen zwischen ihren weißen, schönen, nackten Körpern hin und her. Wenn eines der Wörter auf die Haut des anderen fiel, zerschmolz es augenblicklich wie eine Schneeflocke. Solch eine Hitze strahlten diese zwei Körper aus.

Nach dem ersten, oder dem zweiten Akt des Liebesspiels schlief Bruno gern ein und dann brach die Zeit für Katharinas Monolog an.

“Ein toll- toll- tolles Leben ist meins, darauf kannst du wetten! Trotzdem streite ich mich mit ihm wegen jeder Kleinigkeit.“

Das war die absolute Wahrheit; manchmal schien Bruno blind vor Wut zu sein.
Aber er war nie auf Katharina wütend, weil sie für ihn etwas ganz Besonderes war . Wut und schlafende Stille, das war er.

Bevor Bruno in der Ruhe des Schlafes versunken war, hatte Katharina diesmal das leise Murmeln des wohlbekannten Satzes in ihren Ohrmuscheln gespürt. Von seiner Seite aus war das Flüstern als Zärtlichkeit gemeint, aber Katharina fühlte sich eher beklommen, als wohl.

“Soll ich in einen Freudentanz ausbrechen!?Ich bin alles andere als aufgekratzt!“ schüttelte sie den Kopf.

“Der Typ glaubt wohl, dass ich ihm für jedes Wort auf ewig dankbar sein werde.“

Bruno war kaum redselig. Wenn er mit anderen sprach, war jedes zweites Wort eine Drohung oder eine Beschimpfung. Aber er mochte seine Art zu reden.

“Manchmal ist mir der Typ nicht geheuer. Wenn ich für ihn nicht so speziell wäre….“ dachte Katharina, die mit nackten Brüsten im Bett lag und Brunos muskuläre, gut definiert nackte Brust betrachtete.

Die Kleidung – seine Jacke und seine Hose lagen behutsam gefaltet auf dem Stuhl. Er zog sich nach dem military style an. Er hatte einen used look.

Bislang wusste Katharina nicht genau, wie er eigentlich seine 2K- pro- Stück vintage Pelzjacken verdient hatte .

“ Einmal Unternehmer, immer Unternehmer, Püppchen“ das war seine Antwort auf ihre Frage, ob er irgendwo arbeitete. Das klang für Katharina, die sich damals in irgendeiner Ausbildung befand, Katharina, die niemals eine Festanstellung gehabt hatte, faszinierend genug, um dem Typen ein bisschen Beachtung zu schenken.

Damals tanzten sie in dem einzigen unrühmlichen neustädtischen Undergroundklub und ihrer Meinung nach hatte es Katharina auf den Punkt gebracht, als sie sagte:

“ Dann werde ich dich niemals sitzen lassen.“

Und sie tanzten weiter.

Damals war sie echt wild auf der Tanzfläche.

Jetzt streckte sie die Hand nach ihm aus und streichelte seine kurzen Haare während er weiterschlief .

Damals hatte er auch diesen bestimmten Schwung in der Hüfte.
I’m gonna rock you all night, baby…
Ob Bruno mit seiner Drugs§Roll Ära irgendwann Schluss machen würde, konnte Katharina nicht mit Sicherheit sagen.

Auf einmal wurde sie vom inneren Drang dazu geleitet, ihn aufzuwecken und ein wenig zu plaudern.
“Mäuschen“ flüsterte sie, aber er hörte sie nicht.

Bruno konnte wirklich konzentriert sein, wenn er schlief.

Ja, in solchen Momenten wollte sie sich einige Haustiere anschaffen. Ein Kaninchen oder ein Paar weiße Tauben oder so etwas Ähnliches.

Katharina lag auf ihrer Seite und betrachtete den schlafenden Leib ihres wortkargen Geliebten und ihre eigenen nackten Kurven.

Es war kalt, doch sie merkte es nicht.
Brunos Wohnung war nur mit dem Wichtigsten eingerichtet, nur sein Bett war riesig.
Auf dessen Fläche konnten nicht nur ein Junge mit militärisch-kurzen, blonden Haaren und ein Mädel mit anthrazit – schwarzer Mähne ihre Spielchen spielen, sondern es konnten auch andere Leute Platz darauf nehmen und sich mit etwas völlig Anderem beschäftigen. Darüber hinaus konnten hier auch ein Paar schneeweiße, hüpfende Kaninchen ihren Raum finden.

Bruno gefiel Katharinas Version jedoch nicht.

Er sah so mitgenommen aus, als ob er gerade aus einem Krieg wiedergekommen wäre, runzelte Katharina die Stirn.

Sie lag auf dem Bett und ihre Beine waren gespreizt, in seines Kopfes Richtung.
Falls er in diesem Moment seine Augenlider öffnen würde, würde er sehen, dass ihre Schamlippen etwas angeschwollen waren.

Das ist aufgrund des Wassers, dachte sich Katharina. „Wenn man schwanger ist, hat man mehr Wasser im Körper.“

Und wie Bruno auf die Neuigkeit reagiert hatte !? Am Anfang sehr extrem……

“ Wie ist das Baby gezeugt worden?“ hatte Bruno gebrüllt.

“Wie meinst du das , wie das Baby gezeugt worden ist!“ Ihre großen schwarzen Augen rollten hektisch in den Augenhöhlen. Meinte er etwa, das Bett sei nicht groß genug, um ein Kind darauf zu zeugen? Zuerst war sie sich unsicher, ob Bruno mit der Bedeutung seiner Worte im Klaren war.
Später wusste sie nicht genau , ob sie lachen oder aus vollem Hals schreien sollte.

“Was hast du bloß mit dieser Zeugung?“, fragte sie mürrisch. “Hab ich an ‘ner Blume geschnüffelt oder was!“

“Ist das Baby gesund?“ fragte er.

“Wie meinst du, ob das Baby gesund ist!“ schrie sie schrill auf. “Ich habe keine beschissene Ahnung!“

Bruno saß auf dem Bett mit seinem Rücken gegen sie gelehnt. Einer seiner Füße war auf dem Boden, der andere unter seinem Po.

Manchmal kann er sich richtig dumm anstellen, dachte sich Katharina. Sie hatte aber nicht Recht.

Obwohl man es ihm nicht ansehen konnte , dachte Bruno gerade über etwas nach. Er erinnerte sich.

Er hatte es im Hinterkopf, wie er nie das Lieblingskind seines Vaters gewesen war.

Sein Vater hatte viele Kinder gehabt und wusste, dass er seine Liebe nie unter allen gleichmäßig verteilen konnte.

“Bruno,“ pflegte sein Vater immer zu sagen, wenn Bruno irgendwie verletzt zu ihm kam. Zum Beispiel, wenn er unterwegs von einem älterem Knaben verprügelt worden war und Trost-suchend heimkehrte.

“Bitte, heul nicht rum, Bruno! Von allen meinen Söhnen finde ich dich am schwersten zu ertragen. Du strebst immer nach Streit, ohne einmal zu überlegen, ob du in einer bestimmten Situation der Stärkere sein kannst!“
Und sonst gab es nie eine andere Zuflucht väterlicherseits.

Derart verbittert ist Bruno aufgewachsen, mit keiner genauen Kenntnis einer Vater-Sohn Beziehungen.

Bruno war sich sicher- er wollte nur einen Sohn haben, nur einen einzigen. Und er wird ihm alles beibringen, – wie er die Mädels anmachen muss und sie dann prächtig bumst, oder wie er jemanden bei einer Bedrohung die Pisse in den Nieren einfrieren lassen kann.

Es war entschieden!

Und er hatte sich zu Katharina umgedreht und seinen Lieblingssatz geflüstert. Langsam, jedes Wort genießend.

Katharina hat gezittert.
Sie wusste, dass es seine Absicht war, sie zu beruhigen, aber sie ließ sich nicht beschwichtigen.

Jetzt, auf dem Bett liegend, atmete sie tief ein.

Die Bettwäsche in Brunos Haus roch nach Meer. Sie fand dies nicht unangenehm. Der Geruch entstand, weil der Stoff schon viel Körpersalz aufgezogen hatte. Außerdem, wann immer Bruno geschäftlich unterwegs war, ließ er die Bettwäsche auf dem Balkongeländer hängen. Daher roch die Bettwäsche stets nach Salz und Wind.

Schöner Duft.
Manchmal glich das Bett einem Strand:
Ein verwüsteter Strand mit weißen, eiskaltem Sand, auf dem Katharina ganz allein in Schwarz gekleidet, wanderte. Sie war eine schwarze, zu Buße getriebene Nonne auf einer verlorenen Küste und das Meer war so wütend und der Wind so kalt, dass sie ihre Kapuze nicht einmal abnehmen konnte, um ihre Mähne loszulassen.

Wenn sie in seiner Wohnung war, befand sich Katharina nur auf seinem Bett:
während die beiden Liebe machten, oder wenn Bruno schlief.
Momentan befand sie sich im zweiten Fall und sie sollte sich mit der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens beschäftigen, allein.

Ohne es gewusst zu haben, hatte Bruno richtig geraten: es gab tatsächlich eine Blume, die in dieser komplizierten Sache verwickelt war.

An einem Nachmittag, Anfang Oktober gegen 16 Uhr schlenderte Katharina gedankenlos die Allee entlang, die den Neustadtsee umkreiste. An ihrer rechten Seite stand ein hoher Zaun, der die Allee von den Schrebergärten der stolzen Bürger abtrennte. Der Zaun war von dicken kletternden Pflanzen bedeckt. Die meisten Blätter waren gelb geworden, vorbereitet auf den kommenden Fall- ein Herr, welches bis zu dem letzten Soldaten fallen wird.
Der Frühling meint zwar, er sei der Führer der Natur, aber was für ein mächtiger Herrscher der Herbst doch ist!

Und genau innerhalb dieser besiegten Armee von gelben Blättern hat Katharina ein schimmerndes violettes Lichtchen bemerkt.

Fasziniert näherte sich Katharina dem Zaun. Das war keine Lampe, sondern die spärlichen Sonnenstrahlen des Herbstes, die die Kronblätter einer Blume reflektierten .Katharina hatte nie zuvor eine solche Blüte gesehen.

Die Kronblätter der Blume waren fleischig und schön, und die Staubblätter waren aus einem satten Schwarz. So dunkel, dunkel schwarz war der Kern gefärbt, dass es für bloßen Augen schien, als ob die Blume überhaupt kein Zentrum hatte.

Aber jede Blume stammt aus irgendeinem Samen, nicht wahr? Auch um dieses Blümchen ans Licht zu bringen, musste ein Stück Pollen die ganze weite Strecke von irgendwoher nach Deutschland zurücklegen, um sich erst in der frischen Oktoberluft auf einem deutschen Zaun zu gedeihen.

Armes, armes Blümchen, du hast keine Chance, gar keine!

Und Katharina streckte ihre lilienweiße Hand aus und riss die umliegenden Efeublätter herunter, um der Blume ein wenig mehr Sonnenlicht zu verschaffen.

Sie strahlte.

Katharina beugte sich nieder, um an ihr zu riechen.

Sie würde ihr dankbar sein, dachte sie sich leise.
Aber als Katharina sich der Blume näherte und an ihr roch, stieß ein widerlicher Gestank auf. Eine Mischung aus etwas verrottendem und überhaupt nicht pflanzlichem, eher etwas bestialisches.

Katharina war enttäuscht, aber nicht besonders überrascht. Als Kind hatte sie Kakteen angepflanzt und sie wusste, dass einige Pflanzen solche widerlichen Gerüche annahmen, um sich vor pflanzenfressenden Tieren zu schützen. Und Menschen sind, obwohl sie Blumen nicht fressen, für sie ebenso gefährlich.

Sie verabschiedete sich von der Blume und nahm ihren Spaziergang wieder auf. In diesem Moment hatte sie beschlossen, Bruno von ihrer Schwangerschaft zu erzählen.

Als sie bei dem schlafenden Bruno in seinem riesigen Bett lag, malte sie sich aus, wo das Kind in diesem weißen Raum seinen Platz finden würde. Sie stellte sich ihren Nachkommen wie ein sprachloses Engelchen vor, das über die Schulter seiner nackten Mutter kletterte und um ihren Schoß herumwanderte. Seine Haut war kalt und nass, aber seine Berührung war näher, viel stärker, als das der weißen Tauben und Kaninchen.

Später , wenn der Junge größer sein würde, würde ihn Bruno alles lehren.

Seitdem sie ihm ihre Schwangerschaft verkündet hatte, hatte sie mehrmalige Tagträume von ihrer Hochzeit gehabt. Doch etwas war seltsam: wenn sie träumte, heiratete sie nicht Bruno, sondern ein nacktes Kind, welches ein Babyface hatte, aber etwa 1,70 m groß war. Manchmal hatte der Bräutigam auch den Kopf eines Kaninchens.

Im richtigen Leben sahen die Sachen leider nicht so märchenhaft aus und Katharina wurde sich dessen immer bewusster.
Was genau würde Bruno dem Kind beibringen. Der beste kleine Geldeintreiber der Welt zu sein?

Und was passiert mit Erpressern in einer solch kleinen Stadt?

In einer kleinen, deutschen Stadt erleben kleine Banditen nicht das heroische Schicksal auf der Straße erschossen zu werden.
Go- go California, bye-bye Hollywood.

Eher heute, als morgen werden solche Mistkerle verhaftet und in den Knast für einige Jahre gesteckt.

Wenn Bruno für das Gefängnis packen müsste, musste sie sich dann gleichzeitig um das Kind und um Bruno kümmern? Das machte also zwei hübsche ,weiße, nackte Kinder.

Katharina hatte kaum eine Perspektive, irgendwann einmal in einem Büro zu arbeiten. Bislang hatte sie nie gearbeitet, aber ab heute würde sie wegen der beiden Kinder mehr an der frischen Luft sein müssen. Landwirtschaft oder Baustelle, was für eine prächtige Auswahl!

Daraufhin wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie die Zukunft fürchtete. Sie fürchtete die Zukunft so sehr, dass ihre Zähne klapperten.

Am Donnerstag sagte sie ihm, dass sie ihn verlassen würde.

Bruno hatte ihr gewaltig ins Gesicht gebrüllt.

Im ersten Moment dachte sie, dass nicht nur ein Mann, sondern gleich zehn Männer vor ihr stünden und bellten.

Niemand konnte das Geschehene bezeugen, da diese Szene sich auf einem leeren Parkplatz abspielte.

“Ich werde dir das Kind wegnehmen“ hat Bruno gebrüllt.

“Du musst mit mir rechnen, du undankbare Kuh!“

“Ich werde Anwälte anheuern und beweisen, dass du ein drogensüchtiger Psycho bist“

So hat er gebellt und sie in unmöglicher Lautstärke beschimpft.

“Mein Opa sagte mir immer, man solle sich niemals auf Huren einlassen, weil die Huren ansteckend für das Gehirn seien. Da hat er Recht gehabt!“

Als er sie verlassen hatte, brach sie in sich zusammen und erbrach.

“Ich gebe dir d…d…“flüsterte sie und schluchzte. Sie atmete tief und als sie ausatmete, schien es ihr für einen Augenblick, dass aus ihrem Mund derselbe Geruch kam wie damals von der Blume…..

Sie fragte sich, ob das Kind bei diesen hochen Dezibel-Lagen überlebt hätte.

Bruno hat seinerseits nichts direktes unternommen.

Die nächsten zwei Tage nutzte er, um sich aufzuputschen.

Als er am dritten Tag von einem unruhigen Schlaf aufwachte, nahm er allmählich war, dass das Fenster seines Schlafzimmers geöffnet war, das draußen an einem eiskalten November keine Nachmittagssonne schien und das etwas Kleines in der Dämmerung über dem fernen Ende seines Bettes schwebte. Ein Kind, ein Baby war in der Luft.

Bruno brauchte etwas Zeit um sich einzukriegen.
Anstatt zu schreien, betrachtete er das Kind mit betäubten Augen.

Abgesehen von der Tatsache, dass die Kreatur Flügel am Rücken und violette Haut hatte, sah sie ganz und gar wie ein normales Kind aus.
Ein Kind im Alter von 12 bis 18 Monaten.

Aber Bruno konnte das genaue Alter nicht einschätzen, (dies könnte jede Mutter der Welt mit Leichtigkeit tun, aber kein Mann).

Schließlich holte Er tief Luft, um etwas zu sagen.

“Psst, hallo“ sagte er, unsicher wie man mit einer solchen Kreatur eben sprach.

Das Kindchen schien böse zu sein und brummte etwas Unverständliches unter der Nase.

Ein Ton zwischen Babysprache und dem Gesang einer wilden Wespe.

Plötzlich raste es in die Luft in Richtung Bruno und stieß ihn mit seinem Kopf in den Bauch.

“Warte…“ stammelte Bruno atemlos, erschrocken und bezaubert, dass das Kind so klein , aber gleichzeitig so lebhaft und kräftig sein konnte.

Noch ein Stoß in den Bauch.

Das Kindchen wollte nicht aufhören. In Sekunden bemerkte der von Schmerzen agonisierte Bruno, dass das Kind ihn erbarmungslos in Richtung des geöffneten Fensters trieb. Die bestialischen Kopfstöße auf seinem Körper wurden immer stärker.
Sein Zwerchfell war vielleicht schon zerrissen, weil er nicht atmen konnte.

“Bu-bu-bu“ versuchte Bruno das Baby zu beschwichtigen mit seinem Mund, voll von Schleim und Blut und das war das letzte Laut, das aus ihm herauskam, als er aus dem Fenster seiner Wohnung flog.

Ein fünfstöckiger Block ist keine horrormäßige Höhe, es gibt Leute die einen solchen Absturz überlebt hätten, besonders wenn der Boden darunter mit kleinen Blumenbeeten bepflanzt war.

An diesem Tag stand das Glück jedoch nicht auf Bruno Barks Seite und sein Körper begegnete keine Pflanzen.

Zwei Wochen später spazierte Katharina noch einmal den Stadtsee entlang. “Ich wundere mich, ob sie noch am Leben ist“, dachte sie an die Blume. Es war Mitte Dezember.

Und dann kamen der Druck unter den Augen und der Schwindel und die Atemnot.

Ihr wurde plötzlich übel.

Brunos Lieblingssatz klang in ihren Ohren.

Lieber Gott, wie ist das möglich!

Sie wusste nur zu gut, dass Bruno seit einigen Wochen tot war.

Der Satz war derselbe, aber diesmal kamen die Wörter nicht von draußen, sondern von innen, aus ihrem Unterleib.

Die Stimme kam aus ihren Adern heraus und flüsterte mit dem Rhythmus ihres eigenes Herzens.

Die Stimme sagte. „Ich beschütze dich.“

Kategorien: Art Café · Frontpage

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