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Der Schrei

23 Juli, 2010 von · 1 Kommentar

Autor: Tania Rupel-Tera

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Helga Gutsche

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Photo:pinksherbet

Irgendwo in meinem Innern, ganz tief in mir drin, ertönt eine Art Schrei. Schon seit meiner Kindheit. Er zerreißt mich, verstummt nie. Ein verzweifelter Hilferuf oder ein Wutgeheul – ich kann es nicht ergründen. Oft wird er durch Stimmen und Lärm von draußen übertönt. Das unentwegte Beben in mir aber hält an. Und unwillkürlich sehe ich eine urtümliche, feuchte Höhle mit verblassten Wandmalereien und hier und da vorüberhuschenden Erscheinungen und Lichtern vor mir, die sich rasch in meinem Innern verlieren. Taub und stumm bin ich darüber geworden und begreife seit langem nichts mehr. Das ist sicherlich das Blut. Es rauscht in meinen Ohren. Pulsiert hinter meiner Stirn.

Furchterregend und stark, schwach und traurig zugleich schreit in mir eine Urfrau aus Leibeskräften. Die Stimme geht durch Mark und Bein. Was ist passiert? Ich weiß nicht, wie ich sie trösten kann. Sie ist untröstlich. Sie ist mir fern, aber nicht fremd. Bisweilen klingt es wie ein Lachen. Hämisch. Urmenschlich. Ob sich unser Gefühl für das Komische während der Evolution gewandelt hat? Unartikulierte, tiefe Töne wie von einem Horn oder einer Tuba. Was für eine Stimme! Jeden Augenblick muss sie einfach jemanden da draußen erreichen. Hört mich denn niiiemand?

Im engsten, abgelegensten Winkel meiner Kehle, in einem zerklüfteten, fast unpassierbaren Engpass, gerät die wilde Stimme ins Stocken. Zerbricht in tausend Stücke. Trümmerberge versperren der Explosionswelle den Weg. Wie konnte sich das alles so in mir aufstauen? Wo und wann hat es sich angesammelt? Die Explosion verzögert sich. In meiner Nase kribbelt es unerträglich. Alles in mir ist zum Zerreißen gespannt. So etwas wie ein Taifun bahnt sich an. Wächst wie eine Lawine. Nur noch einen Moment, eine Hundertstelsekunde, und ich zerberste. Warum verzögert es sich? Was hindert es? Was hindert mich? Vielleicht dauert es noch eine Minute. Oder höchstens fünf. Eine Stunde, mehr nicht. Ein Jahr. Zehn. Ja, genau. Am besten wäre es in zehn Jahren. Dann wäre ich vorbereitet, wäre reif. Jetzt ist es noch zu früh. Jetzt noch nicht.

Und überhaupt – was ist mit mir los? Der Kloß in meinem Hals, der mich zu ersticken droht… er ist nur die Spitze eines Eisbergs. Aber woher, zum Teufel, kommt das alles? Liegt es an der Unruhe? Am Zweifel: Wer bin ich? Wo bin ich? Warum bin ich da, wo ich bin? Was mache ich an diesem Ort mit diesem meinem Leben und diesem meinem Wesen? Tausendmal habe ich mich das schon gefragt. Wonach suche ich – nach dem ewigen Sinn? Mag es sinnlos sein! Bloß nicht hoffnungslos. Oder suche ich noch immer mich selbst?

Aber wie gründlich muss ich mich versteckt haben, dass ich mich einfach nicht finden kann! Dieses Versteckspiel muss aufhören. Ein für alle Mal! Bei welcher Zahl habe ich die Augen zugekniffen und das Gesicht an den Stamm der alten Pappel gedrückt, im Hof meiner langen Kindheit? Höchste Zeit, die Augen aufzumachen und loszulaufen. Mit dem wehenden Haar, das von der einstigen Lockenpracht übrig geblieben ist, den noch immer aufgeschürften Knien.

Lauf, Mädchen! Lauf! Solange du noch kannst. Solange es noch nicht ganz dunkel ist. Solange deine Katzenaugen noch leuchten und du noch immer im Zauberwald und in deinem siebten Leben weilst. Lauf, damit du die anderen entdeckst, die sich mit angehaltenem Atem verstecken. Die auf dich warten. Spuck für alle, die davonlaufen wollen, auf den alten Baumstumpf. Damit du die ängstlichste und wunderlichste aller Träumerinnen fängst. Die sich so gut versteckt hat, dass sie längst nicht mehr weiß: das ganze ist nur ein Spiel…

Ein Kinderspiel vor dem Dunkelwerden. Ein Spiel, das man einfach spielen muss. Bis zum Ende. Mit Leib und Seele. Furchtlos. Na gut, ein, zwei Prisen Angst mögen dabei sein, mehr aber nicht. Und mindestens zehn gehäufte Löffel voll süßem Wahnsinn. Und nur ein paar (hundert) bittere, herbe, schwere Tropfen irgendeiner Enttäuschung.

Finde sie, diese halb-wache, halb-schlafende Halb-schöne mit den mal schrecklichen, mal bunten Träumen. Dieses verblichene Rotkäppchen, diese nicht verwirklichte Pippilotta. Finde sie und schüttle sie gründlich durch! Wo bist duuu? Kommm!… Ich höre das Echo aus der tiefen Höhle. Kommm! Und mein Höhlenherz erstirbt, um besser hören zu können.

Der Kloß kratzt wieder – Hundepfoten an einer verschlossenen Pforte. Ungeahnte Energien steigen in mir auf. Der Schrei zerfetzt mich innerlich. Ich richte mich auf. Breite die Arme aus. Nehme eine möglichst stabile Haltung ein. Mit gespreizten Beinen. Auf dem Gipfel des Schmerzes und der Ekstase. Auf dem Gipfel der Hoffnung und der Verzweiflung. Ich hole tief Luft und huste meine Lungen gleich darauf wieder frei, und das ganze noch einmal. Ich spanne jedes einzelne meiner noch heil gebliebenen Stimmbänder bis zum äußersten an. Ziele auf die rot-grünen Wolken hoch oben. Presse die Augäpfel heraus, blecke die Zähne und reiße den Mund mit den blutleeren, aufgesprungenen, schamlosen Lippen auf, so weit es nur geht. Ich schreie. Ich kreische. Rede wirres Zeug. Stoße überflüssige, schmutzige Wörter aus. Spanne alle Kräfte an, um ihn hervorzubringen. Um jenem Schrei, meinem eigenen Leben das Leben zu schenken.

Und er bahnt sich seinen Weg. Kündigt sich an. Längst überfällig. Viel zu schwer geworden. Herzzerreißend. Meine Stimme ist weg – ich atme aus, ich atme ein.
Gib nicht auf! Bring ihn heraus! Schrei ihn heraus! Heul ihn heraus! Würg ihn heraus! Sing ihn heraus! Lach ihn heraus! Kotz ihn aus! Setze, wenn nötig, das Messer zum Kaiserschnitt an und lass ihn frei. Damit er diese weiße, weiße Welt mit ihren schwarzen Schatten sieht. Los! Du kannst alles. Du kannst deinen Herrgott herausfordern. Kannst ihn kreuzigen und ihn dann wieder neu erschaffen.

Auch ohne dass du dazu bereit bist.
In Gottes Namen, tu es…
Tu es für dich selbst!

Kategorien: Art Café · Frontpage · Lebensfragen · Szene

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1 Kommentar bis jetzt ↓

  • Mirko Bralic // 30 Sep, 2010 //

    ….bin wirklich positiv überrascht über deine literarische begabung…..
    sehr interessant….
    gruss mirko

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