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Der Schriftsteller Dimil Stoilov – Ein Portrait von Dessislava Georgieva

26 Juni, 2009 von · Keine Kommentare

Literatur: Das Spielfeld eines Visionärs

Dimil Stoilov

Seine Leser kennen ihn unter dem Namen Dimil. Eigentlich heißt er Dimitar. Dimil ist sein Künstlername. Und er mag natürlich auch so genannt werden. Dimil bleibt also Dimil.

Ein Mann mit gutem Geschmack. So heißt nicht nur eines seiner Bücher. Er selbst ist es auch in all seinen Rollen: als Ehemann, Schriftsteller und Spieler.

Sozialismus und Idylle

Drei Jahre nach seiner Schwester wird Dimil am 11. Juni 1948 in Plovdiv, Bulgarien geboren. „Ich mag mein Geburtsdatum“, verrät er und rechnet die interessanten Kombinationen vor, die die Zahlen hergeben: “Addiert man die ersten beiden Ziffern, erhält man 2. Mit 2×2=4 und 4×2=8 kommt man dann auf die Jahreszahl. Ich habe keine Ahnung von Numerologie, aber mir gefällt die Vorstellung, dass mir diese Zahlen Glück bringen.

Bei meinem Vater war es deutlich einfacher und verständlicher: Er wurde am 7.7.1907 geboren und war von der glücksbringenden Kraft der Zahl Sieben überzeugt.“

Bereits als Kind begreift Dimil die Spielregeln des Sozialismus: „Laut Onkel Marx und seinen bulgarischen Anhängern besaß mein Großvater mehr, als er brauchte, also sollte er teilen.“ Die Schustereien und das Schuhgeschäft der Familie fallen dem kommunistischen Regime zum Opfer.

Übrig bleibt ein Werkstättchen im Hinterhof, in dem Dimils Großvater bis zum 86. Lebensjahr als Schuster den Lebensunterhalt bestreitet.

„Mit einem Bleistift, den er ständig mit seinem Schustermesser anspitzte, bis er schließlich nur noch halb so groß wie ein Daumen war, schrieb mein Großvater alle Ausgaben in einem kleinen Notizblock auf.

Am Monatsende rechnete er alle Einträge zusammen und teilte sie durch zwei. Die eine Hälfte gab er meinem Vater. Gegessen haben wir immer alle gemeinsam. Mein Großvater und wir Kinder bekamen die vollsten Teller mit den größten Fleischstücken“, erzählt er gerührt und weckt das Gefühl von patriarchalischer Idylle.

Eine positive Spur hat der Sozialismus dennoch hinterlassen: das große Lesen. „Die Frage, welche drei Bücher ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, würde mir Schwierigkeiten bereiten.“

Einmal Autor, immer Autor

So war es nicht. Naturwissenschaften sollten es erst sein. Aber nicht aus Überzeugung: „Damals existierte ein Gesetz, das erlaubte, erst nach einem zweijährigen Wehrdienst Philologie, Jura oder Philosophie zu studieren. Also studierte ich zunächst Chemie.“ Nach seinem Abschluss bleibt die Arbeitsuche erfolglos.

Also beginnt er, für diverse Zeitungen zu schreiben. Sein Vater, der eine Zeitung herausgibt, Artikel und Theaterstücke schreibt, unterstützt ihn dabei. Sein Ansporn genauso wie seine Vorbildfunktion sind ausschlaggebend für Dimils schriftstellerische Courage.

Der Hang zum Journalismus ist also nicht zufällig. Schon als Kind hört er oft die Schreibmaschine im Arbeitszimmer klappern. Er beobachtet den Schaffensprozess seines Vaters und seiner Schwester und ahmt sie im Alter von etwa zehn Jahren nach.

Die erste unbeholfene Erzählung widmet er einem geliebten Hasen, dessen Ende im Kochtopf ihn so sehr erschüttert, dass er es schriftlich verarbeiten muss. „Natürlich handeln die ersten Texte von der Liebe. Der Liebe zu den Frauen, der Musik, den Tieren.

Meine erste Veröffentlichung widmete ich einem Mädchen im Ausland, dem ich versprochen hatte, als Schriftsteller so berühmt zu werden, dass ich später alle Grenzen überwinden würde“, schwärmt Dimil von seiner Erzählung „Diebe und Indianer“.

Die menschliche Krise als Quelle

Als Dimil sein erstes Buch schreibt, herrscht der „falsche sozialistische Optimismus“. Doch das Lobpreisen des glücklichen kommunistischen Arbeiters liegt ihm nicht. Er strebt danach, zwischenmenschliche Beziehungen zu offenbaren statt auf Bestellung zu schreiben oder schöpferische Kompromisse mit der Wahrheit einzugehen.

Die Irrwege der Gedanken, des Schicksals, der Menschen inspirieren ihn. Die Idee, dass der Mensch gerade in Krisensituationen sein wahres Ich entdeckt, verrät seine thematische Passion: der Ehebruch. Und warum ausgerechnet der? Weil er eine Entscheidung abverlangt.

Denn wenn er entscheiden muss, übernimmt der Mensch Verantwortung und lichtet den Vorhang, hinter dem sowohl das Gute, als auch das Schlechte sichtbar wird.

Die Illusion, das Geschriebene könne uns zu besseren Menschen machen, rangiert ganz oben unter Dimils beruflichen Tugenden.

Dass ihn der Schreibprozess an sich beglücke, sei dagegen der egoistische Antrieb. „Der Moment, in dem die Leser ebenfalls diese Zufriedenheit empfinden, ist in der Tat bedeutungsvoll, denn er bedeutet eine zweifache Freude.“

Schaffenskrisen? Eine schmerzliche Angelegenheit, die jeden Künstler ereilt. Dimil sucht sie mit der Häufigkeit einer Grippe heim.

„Ich misstraue noch oft der Qualität meiner Texte. Mal ist mein Blickwinkel sonnig, mal gießt es in Strömen, und ich verliere den Mut.“ Doch auch die Phase geht vorüber – wie die Grippe. Das Schreiben ist wie eine Bazille, derer man sich nicht so einfach entledigen kann.

Das Leben als Spiel

Dem Begriff „Hobby“ gegenüber ist Dimil abgeneigt: „Die Literatur ist mein Leben, so größenwahnsinnig das auch klingen mag“. Er knausert mit jedem beschriebenen Blatt und jedem Buch, das er besitzt. „Das ist eine Krankheit.

Kein Interesse oder gar eine Leidenschaft. Das ist wie Luft, Wasser, Brot.“ Das Kind in ihm macht ihn neugierig auf die Welt: Menschen, Schicksale, Wissenschaft, Geschichte. Für Fußball hat er auch viel übrig, ebenso für Schwimmen und Schach.

An Weine geht er eher analysierend heran. Überhaupt dreht sich Vieles um das Spielerische. „Das gilt sowohl für Weine, als auch für Schach, Fußball und das Schreiben. Und was ist schlecht daran, ein guter Spieler sein zu wollen?“

Seine Visionen

Er will es genauer wissen: Visionen – bezogen worauf? Auf die eigene Person? Auf die Zukunft Bulgariens und der Europäischen Union? Auf mögliche Zusammentreffen mit außerirdischen Wesen? Die Ideen sprudeln nur so aus ihm heraus.

Es seien mehr als nötig, behauptet seine Frau für gewöhnlich. Er nimmt es ihr nicht übel: “Sie versucht nur, mich auf den richtigen Weg zu bringen.” Er allerdings verlässt seinen Pfad nicht so einfach. Und würde am liebsten einen ganzen Laden für Visionen eröffnen. „Es gibt allerdings ein Detail: Ich brauche Mitarbeiter und Käufer“, schmunzelt er.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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