Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Der Tagesspiegel

17 August, 2010 von · Keine Kommentare


Jörg Magenau

In Bulgarien Bücher zu publizieren ist eine besondere Kunst, denn Bulgarien ist ein Land ohne Buchmarkt. Wer schreibt, muss sich selbst finanzieren. Von einst über 1000 Buchhandlungen sind nach der Wende nur noch ein paar Dutzend übrig geblieben. Ein Verzeichnis lieferbarer Bücher gibt es nicht. Schriftsteller sind also Betroffene des gesellschaftlichen Umbruchs und nicht nur dessen Beobachter. Das ist schlimm für sie, aber es kann auch ein Vorteil sein. Denn das, was sie am eigenen Leib erfahren, steht modellhaft für die ganze bulgarische Gesellschaft.

Vladimir Zarev, 1947 in Sofia geboren, erzählt in seinem Roman „Verfall“ von den Überlebensstrategien eines Schriftstellers in der neuen Unübersichtlichkeit. „Verfall“ ist sein achter Roman. In den siebziger Jahren hatte er seine produktivste Zeit. Als Redakteur brachte er die Literaturzeitschrift „Sewremennik“ („Zeitgenosse“) durch die Wendezeit.

Heute ist er der Herausgeber dieser vierteljährlichen Publikation und hat dadurch ein festes Einkommen. Ohne diese Sicherheit wäre „Verfall“ kaum erschienen. Keiner der etablierten bulgarischen Verlage wollte die Veröffentlichung wagen, denn bulgarische Literatur verkauft sich schlecht. Zarev musste sein Buch selbst vorfinanzieren. Er vertraute zwei Freunden in einem Kleinverlag. Mittlerweile sind sieben Auflagen verkauft. Kein bulgarischer Roman war in den letzen zehn Jahren erfolgreicher.

Verfall, so heißt es ganz am Ende, „war das einzige passende Wort für die langsame und betäubende Atrophie seines Lebens, seines Verstandes, seines Willens.“ Es handelt sich dabei um einen langandauernden gesellschaftlichen Prozess, der alles umwälzt: die Arbeitsverhältnisse, die Freundschaften, den Familienzusammenhalt und die Liebesfähigkeit.

Die Übergangszeit ist zu einem Dauerzustand geworden, seit in Bulgarien 1990 „die Demokratie ausgebrochen ist“, wie man dort sagt, als handle es sich um eine gefährliche Krankheit oder einen Krieg. Wenn die Arbeit nichts mehr wert ist und die gezahlten Löhne nicht zum Überleben reichen, ist nichts mehr in Ordnung. Dann lohnen sich nur noch Betrug und Verbrechen, die Mafia oder die Politik. Der Autor erfährt das am eigenen Leib. „Keiner legte mehr Wert auf die Sprache. Sie war zusammen mit dem Lev drastisch im Kurs gefallen“, schreibt der Ich-Erzähler Martin Sestrimski, eine Art Alter Ego Vladimir Zarevs.

Martin, einst ein berühmter Schriftsteller, ist auf dem besten Wege, in Alkohol und Selbstmitleid unterzugehen. Seine Frau droht ihn zu verlassen, die älteste Tochter ist nach Amerika ausgewandert, und die geliebte zweite Tochter, kurzsichtig und drogensüchtig, macht es ihr nach. Von dem Geld, das ihr Vater ihr für eine Augenoperation beschafft hat, kauft sie sich ein Flugticket in die USA.

Zarev beschreibt den Niedergang seines Romanhelden in allen drastischen Einzelheiten: vom Verlust der Arbeit bei einem Verlag, der sich nicht auf marktwirtschaftliche Bedingungen einstellen möchte, über wenig erfolgreiche Versuche als Werbetexter, Telefonseelsorger oder Beerdigungsredner bis hin zum verzweifelten Versuch, einen ganz großen Deal einzufädeln. Als moralisches Wesen erlebt er seinen eigenen Untergang: Schließlich ist er sogar bereit, seinen besten Freund zu betrügen. Je weniger Geld er hat, umso stärker ist er vom Geld besessen, das er braucht, um ruhig zu werden und endlich wieder schreiben zu können: einen Roman mit dem Titel „Verfall“.

Dieser Roman im Roman bildet die zweite Handlungsebene, die der ersten spiegelbildlich entgegengesetzt ist. Als Held fungiert ein alter Freund Martins, Bojan Tilev, der es nach der Wende durch windige Geschäfte zu märchenhaftem Reichtum bringt. Tilev ist ein skrupelloser Hund, ein geschmackloser Emporkömmling. Auf ekelhafte Weise unterwirft er sich Frauen, die er begehrt.

Da ist Zarev kein Klischee zu billig, keine Szene zu dreckig. Bukowski meets Osteuropa: Man spürt, dass der hard-boiled Realismus hemingwayscher Prägung nachgeholt werden muss, weil er einst im Sozialismus nicht geduldet wurde.
Die Romankonstruktion ermöglicht es, viele verschiedene Gesellschaftsbereiche abzubilden. Wie es Zarev gelingt, die mafiotische Geschäftswelt und ihre Verflechtung mit der Politik und der alten Nomenklatura darzustellen, das ist einzigartig und in dieser Schonungslosigkeit hierzulande noch nicht zu lesen gewesen. Vergleicht man „Verfall“ mit Ingo Schulzes Wenderoman „Neue Leben“, ist der Unterschied offensichtlich: Die deutsche Wende verlief eben – trotz aller Verwerfungen – vergleichsweise geordnet und moderat. Wie roh aber die Herrschaft des Geldes ist, wenn sie ungeschminkt auftritt, das lässt sich bei Zarev studieren.

„Verfall“ ist ein Roman über die Macht des Geldes und, damit zusammenhängend, den Verlust der Liebe. Zarev ist ein so präziser wie gnadenloser Beobachter dieses Übergangs, und er findet immer wieder kräftige Bilder und Szenen: so etwa der arbeitslose Intellektuelle, der verschämt in einer Mülltonne wühlt und der den Erzähler an den eigenen Vater erinnert. Er vergleicht ihn mit einem Hirsch, dessen Geweih zu breit ist, um an den Inhalt der Mülltonne zu gelangen. Großartig auch der Besuch Tilevs bei einem stilsicheren deutschen Multimilliardär am Starnberger See, der den Unterschied zwischen Reich und Neureich, zwischen Selbstbewusstsein und Großkotzigkeit spürbar werden lässt.

Am Schluss verfällt auch der Reichtum Bojan Tilevs, weil er einem noch gerisseneren Ganoven aufsitzt. Das ist die einzige Genugtuung, die der Schriftsteller Martin Sestrimski sich schreibend gönnt. Im Untergang wird Tilev dann fast schon wieder sympathisch. Überhaupt ist dieser Tilev Sestrimski nicht unähnlich. Eigene Erlebnisse, die zunächst in Ich-Form geschildert werden, kehren im Tilev-Teil leicht verwandelt wieder. So gibt dieser Roman auch Auskunft über die Entstehung von Literatur aus der eigenen Erfahrung. Was am Ende Bestand hat, ist das Erzählte: „Wenn etwas nicht Sprache wird, dann ist es tot.“ Diese Gewissheit, immerhin, trotzt dem großen Verfall. Wie schreibt man ein gutes Buch, fragt die Tochter ihren Vater, und Sestrimski antwortet: Mit Traurigkeit. Auch Zarev sagt von sich, er habe viel Traurigkeit anhäufen müssen, um diesen Roman schreiben zu können. Es ist ein bitteres Buch geworden, das mit einer von Thomas Frahm ins Deutsche gebrachten Heiterkeit jeglicher Sentimentalität trotzt und so auch das Selbstmitleid überwindet.

Vladimir Zarev: Verfall. Roman. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 512 Seiten, 24,90 Euro

Kategorien: Frontpage · Modern Times

Tags: , ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben