Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Die Ängste eines Europäers

30 November, 2008 von · Keine Kommentare

Silvia Vasileva

Mann
Photo: Stephen Poff

Die Bücher “1979” und „Ich werde hier sein – im Sonnenschein und im Schatten“ vom jungen schweizer Autor Christian Kracht

„Meine Kehle zog sich zusammen, ich bekam diesen wohlbekannten säuerlichen Geschmack hinten im Rachen, der bedeutete, ich würde gleich losweinen. Ich versuchte, es so zu drehen, dass ich nicht weinen würde, ich machte es wie immer in Situationen wie dieser, ich unterwarf mich ihm.“

Dieser Auszug aus dem Buch „1979“ verleiht uns einen kurzen Blick in das innere Leben des Ich-Erzählers im Roman. Hier findet man keinen sich seiner Überlegenheit bewussten Europäer, der elegant durch die Welt schreitet und sein Leben genießt. Hier ist er ein Staubkorn, ein namenloser Teil von der nicht-europäischen, nicht -zivilisierten Welt.

Im Buch spürt der Leser deutlich die Ängste des Europäers um die Zukunft seiner demokratisierten, hochentwickelten Gesellschaft, um die Vergänglichkeit seiner kulturellen Hochleistungen, und darum, dass er unfähig ist, sich dem dunklen asiatischen Grausamkeit zu widersetzen.

Wer ist der Autor, der diese neue Weltwahrnehmung des Europäers thematisiert?

Christian Kracht (1966) gehört zu den bekanntesten Vertretern der deutschsprachigen Popliteratur. Er besuchte Elite-Internaten in der Schweiz, Kanada und in den USA, war als Journalist für “Berliner Zeitung”, ”Тempo”, ”Der Spiegel“ tätig. Mitte der 1990er Jahre ging er als Korrespondent des Spiegels nach Neu Delhi, und in den nächsten Jahren lebte er in Bangkok. 2004 bis 2006 gab er mit Ernst Nickel zusammen das Magazin “Der Freund“, lebte in Katmandu, und als es in Nepal unruhig wurde und die Arbeitsbedingungen sich verschlechterten, gab er das Magazin in San Franzisko weiter heraus.

Christian Kracht

Hier sind ein paar Meinungen, die den Leser aufwärmen können:

„Christian Kracht ist ein ästhetischer Fundamentalist“
Süddeutsche Zeitung

„Ein verstörender Text, der wie ein dunkler Granitblock in der Landschaft unserer Herbstliteratur liegt. Hart, kalt, schön, unbegreiflich, drohend.“
Elke Heidenreich, Der Spiegel

„Das ist absurd, das ist schrecklich. Das liest sich wie ein subtiler Splatterroman, wie die totale Schwindsucht, wie ein lauter Schrei nach Autorität und wie ein stiller nach Liebe.“
taz

„Kracht ist seinem Publikum, kaum dass er es zu gutem Geschmack erzogen hat, schon wieder eine Näsenlange voraus.“
Berliner Zeitung

“1979” erzählt über die islamische Revolution im Iran in diesem Jahr, durch die Augen eines Europäers gesehen, der in den Iran mit seinem Liebhaber Christopher, gegangen war. Der Text stellt ein faszinierendes Bild des Dekadenten, der Gleichgültigkeit und des Überdrusses, des Schicksalhaften, der Ohnmächtigkeit dar. Während in Teheran die Panzer des Schachs aufgefahren werden, stirbt der Freund des namenlosen Ich-Erzählers nach einer Drogenparty in einem Teheraner Volkskrankenhaus.

Auf dem Ratschlag einem zwielichtigen Rumänen begibt sich der Ich-Erzähler in das von China besetzte Tibet, zum heiligen Berg Kailasch, den er zu seiner „Seelenreinigung“ umrunden soll. Stattdessen wird er gefangen genommen und in ein chinesisches Umerziehungslager gesteckt. Seiner Selbstauslöschung steht nichts mehr im Wege.

Erschütternd ist die Gegenüberstellung beider Pole – der westeuropäischen Kultur und der maoistischen Abwesenheit jeglicher kulturellen Entwicklung.
Dieses Buch lässt man nicht leicht aus der Hand, es ist spannend und man kann jederzeit die menschliche Anteilnahme des Autors spüren.

Ähnliche Elemente findet man im neuesten Buch des Autors: „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, aber hier werden sie in eine neue, unerwartete Richtung entwickelt.

Das Buch kam Ende September heraus und erregte sofort ein großes Ansehen.
Die Geschichte spielt in der Zukunft. Der Roman wurde “kontrafaktisch genannt”, weil die Schweiz sozialistische Republik geworden ist, nachdem Lenin 1917 da Sowjetische Republik gegründet hat und nicht nach Russland gefahren ist. Russland selbst ist fast unbewohnbar. Die Schweiz führt einen fast 100-jährigen Krieg mit den Deutschen und mit den Amerikanern. Amerika hat einen Bürgerkrieg überlebt und seine Grenzen sind jetzt für immer geschossen.Seine Bewohner sind „Ameksikaner“ genannt. Um den Krieg führen zu können hat die Schweiz Afrikaner geschult und mobilisiert, Afrika ist kolonisiert, moderne Städte sind gebaut worden, Krankenhäuser, Schulen, vor allem aber Militärakademien.

Ein solcher afrikanische Offizier erzählt die Geschichte in Ich-Form. In der Schweiz herrscht Armut und Elend, fast niemand kann schreiben und lesen. Der Stolz der Schweizer Sozialistischen Republik ist eine große Militäranlage in und unter den Alpen, das Reduit, ein kompliziertes System aus Tunneln und Höhlen, deren Wände im Stil „sozialistischer Realismus“ bemalt sind. Der Krieg geht zu Ende, offensichtlich verliert ihn die Schweizer Sozialistische Republik. Der afrikanische Offizier flüchtet in seine Heimat zurück. Da verlassen die Bewohner ihre modernen Städte, geben die Zivilisation auf und verschwinden in die Savanne.

Über dieses Buch schreibt Elmar Krekeler in der „Welt“: “Kracht menetekelt eine Geschichte hin, die einer Albtraumlogik folgt, in der deswegen alles möglich ist, und alles so merkwürdig plausibel, so irre wie es scheint“.Eine Traumgeschichte, unter der sich wie im Schachteltraum immer wieder Subträume öffnen. Eine schwarzromantische Geschichte vom Ende aller Moral, aller Gesellschaft. Und man gibt sich diesem Alptraum hin (…)

Kategorien: Art Café · Frontpage

Tags: ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben