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“Die Bauern von Plovdiv” von Hans Thill – Teil II

2 August, 2009 von · Keine Kommentare

Drei Briefe aus dem Oktober 2000

Nessebur
Photo: eSonic

[an Angelika Andruchowicz]

Liebste A,

die Deutschen Gäste sind fort und in Plovdiv kehrt wieder Ruhe ein, strahlender Tag, wolkenloser Himmel, draußen schwitzen Musikstudenten (Jeans & Sweatshirt) den sonnigen Hang, staubigen Weg hinauf, Mädchen zwischen den blechernen Mülleimern aus denen Fischgeruch heraussticht, zurechtgemacht im seventies-look, die Geige über der Schulter.

Und es war ein schöne Reise ans Schwarze Meer (die Bulgaren beginnen oft einen Satz mit »und«, nach dem zu urteilen, wie die Freunde auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch zu mir sprechen & ich schwebe zwischen all den Fremdsprachen, in keiner vollkommen, und die relative Beherrschung nimmt natürlich von Station zu Station rasant ab, Freude am Springen und am Kauderwelsch, vorzüglich mit Tony Koleva oder Cristina Koneffke, die beide ein lupenreines & melodiöses Italienisch sprechen & ich setze dagegen ein gestiefeltes Gemisch aus Spanisch & Italobrocken, das ich »RRumanns« nenne, um dann, wenn es wichtig wird, auf Französisch auszuweichen).

Zuerst fuhren Vesselina und ich das einschwebende Koneffke-Paar Jan und Cristina abholen aus einem verhangenen Sofia, ich hatte schon 2 Bier intus, eines in einer Raststätte aus den 80ern (leerer Kasten aus abgefressenem Beton, innen blaugekachelt & finster, kalt aber doch reizvoll, vielleicht weil an die späten 60er erinnernd) und eines im Erfrischungseck am Flughafen, weil die Maschine 1 Stunde Verspätung hatte. Kaum in Plovdiv, haben wir bei Tschutschura mächtige Portionen vertilgt.

Am nächsten Tag die Präsentation von Jans Buch Gulliver in Bulgarien im hellgetäfelten Balabanov-Haus, eine Menge freudiger Gesichter, aufmerksam für den von Mirela Ivanova (die es übersetzt hat) vorgetragenen Text, Jan las Anfang & Ende auf Deutsch. Danach stellte Jan mich vor & ich sollte was sagen. Also begann ich einer Scherzmetapher: Plovdiv klingt für deutsche Ohren wie ein dicker und ein dünner Tropfen; meinte dann, alle, die bisher in P. als Stipendiaten waren, seien gute Freunde von mir und wichtige Autoren & wenn wir einander auf die Schultern steigen, könnten wir vielleicht 1 wackligen Akrobatenturm abgeben.

Am nächsten Tag sitze ich im Kleinbus vorn neben dem Fahrer, einem jungen schlanken Mann im buntem Hemd, der gern lacht (wenn er die Polizei wieder gerochen hat, was auf der Fahrt 4mal vorkam, wir krochen dann unschuldig mit 40km auf einer Strecke, die er normalerweise mit 120 nimmt). Hinter mir Ingo Wilhelm, Impressario und Literatenförderer aus Rheinland-Pfalz, dahinter dann Jan und Christina, so sitzen wir wie in einem überlangen balkanischen 6er-Bob.

Als ich den Gurt anlegen möchte, macht der Fahrer eine gebieterische Geste, meint: »no problem, please,« was heißen soll, daß er es mir sehr übel nehmen würde, wenn ich mich jetzt anschnalle. Er fährt auch wirklich äußerst konzentriert, aber mit bulgarischem Affenzahn, manchmal gab es Überholmanöver, wo wir auf der Gegenspur waren & auf »unserer Seite« in einer Lücke zwischen 2 Tankwagen (die von Burgas kommen, Raffinerie) ebenfalls 1 Überholender, also doppeltes Risiko, und ein Laster saust uns entgegen, ich wie gesagt ohne Gurt.

Manchmal schrie Ingo kurz auf. Irgendwann habe ich es sogar ein bißchen spannend gefunden, aber erschöpft waren wir doch alle, als wir dann schließlich vor den automatischen Toren unseres Hotels standen.

Nessebur
Photo: eSonic

Nach 4 stündiger Überlandfahrt, weite Ebene entlang einem hochrückigen, kahlfelsigen Gebirgszug, Weinzeilen zwischen mannshohem Gras, Allee manchmal mit Nußbäumen, an denen Zigeunerkinder die Früchte herunterbengeln, in den Dörfern am Straßenrand alte Frauen, die Maiskolben aus dem Grün herausschneiden, vor sich 1 riesigen Haufen leerer Hülsen und einen kleineren aus knallgelben Maiskolben, rote Paprikaschoten in halbdurchsichtigen Säcken aus verstärktem Plastik auf Pferdekarren oder den Ladeflächen der Lastwagen, gleich daneben die Landarbeiter, ob Zigeuner, Bulgaren oder Türken, ist auf die Schnelle nicht immer zu unterscheiden, in manchen Dörfern gibt es einen Auflauf, vielleicht ein Markt, dann wieder einsame mondgesichtige Frauen mit zahlreichen Röcken & Kopftuch in einem Garten, die auf die Straße glotzen.

2 Städte gab es, eine staubig und industrieverstunken, Tschirpan, trist, halbverfallen, ragende Plattenbauten (also quasi Reggio Calabria in den häßlichen Vierteln), die andere plötzlich in der Mitte dann baumbestanden und viele Flanierende im kühlen Luftzug, Cafés und Marktstände auf breiten Trottoirs: Stara Zagora, melodischer Name, der sich nicht einprägen will, weil er irgendwie falsch klingt.

Um 7 kutschierte uns der Bus ins nahegelegene Nessebar, alte Stadt auf einer Halbinsel, abends im elektrischen Licht eine Touristenfalle Stand an Stand, tagsüber reich an byzantinischen Kirchen (also sie stehen dort beinahe Dach an Dach, gliederrreiche Kette, Rosenkranz und Formenkanon/Bestiarium aber davon später).

nessebur
Photo: eSonic

In einem der vielen Fischrestaurants mit Terrasse (sie haben sogar Anreißer draußen stehen wie die Strip-Schuppen Place Pigalle) Meeresrauschen im Rücken, gab es die traditionelle Speisenfolge: Schopska mit 50g Rakija, dann bestellte ich einen gegrillten Fisch, entfernte Cousine einer Makrele, aber viel feiner, saftiges Fleisch, die Bauchhöhle mit Butter ausgestrichen. Anschließend lümmelten wir Deutschen noch auf der Terrasse des Cafés im Gebäude 2 des Staatsferien-Komplexes, also es wurde ziemlich spät.

Vesselina hatte mir von ihrem Ausflug nach Nessebar erzählt, meinte, das sei tagsüber doch durchaus interessant. Also schob ich am Montag nach einem Strandvormittag zu einem Alleingang ab, auf die große Straße zu, 1 Taxi stoppen. Dort ist jedes 2. Auto so ein gelbes Gefährt, meist Limousinen wie bei uns, nur älterer Bauart. Bald hatte ich einen, der gleich loslegte: »Deutschland, Deutschland über alles!« und am Ende sagte: »das kostet mit Trinkgeld 5 leva«.

Man geht durch ein nicht unbedingt geschmackvoll restauriertes Tor, vorbei an einem Wehrturm aus opus quadratum (die Begriffe habe ich von der frischgebackenen Römerin Cristina, die Restaurationsarchitektur studiert), der Rest der Mauer ist opus mixtum (abwechselnd Bruchstein und Backstein) bzw opus incertum (gemauert wie es gerade kommt): letztere Bauweisen typisch für die bulgarische Architektur: Mischmasch, Eklektizismus, Nachahmung der Antike.

Nessebur
Photo: eSonic

Zuerst ging ich in die Ruine einer Kirche des Johannes Aleiturgetos (d.h. Liturgen): angefallen von der Seeluft und drinnen ein scharfer Gestank, besah mir das innere Kuppelfragment und dann von außen noch einmal die Conchen der Ostseite, eckige Ausführung, unter den Backsteinbögen Ornamente aus Keramik-Mörtel-Back- und Bruchsteingemisch, abwechselnd Zickzack und parallele Linien, schlichte Form, in der Wiederholung eine Gliederung der Mauer erreichend, die an ein Schmuckkästchen mit Inkrustierungen erinnert, prächtiges Gefäß heiligen Inhalts, durch die kleinen, bescheidenen Dimensionen all dieser Kirchen und das Nebeneinander der verschiedenen Grundformen wird dieser Eindruck noch verstärkt.

Nur ein paar Schritte und ich stehe vor einer langgezogenen 3-schiffigen Basilika mit aufgesetztem Dach, dessen Ostgiebel in geschwungener Linie über einer wiederum 3-conchigen Fassade schwebt, die ähnlich strukturiert ist wie das Häuschen des liturgischen Johannes.

Im Hof (vorbei an einem Kiosk mit Kasse und Studentin) antike Trümmer, teilweise riesige prächtige Kapitelle, Marmorstücke mit arabischen Schriftzeichen, da war einmal ein antiker Tempel und später dann, lange nach der großen Zeit dieser Kirche aus dem 10. Jahrhundert (= Byzanz) ein türkischer Friedhof.

Unter einem Vorbau aus Holz eine reichbemalte Fassade mit dem thronenden Christus in einem Kreis (nicht Mandorla) und zwölf Aposteln, halb verschwundene Fresken aus dem 16. Jahrhundert, von griechischen Künstlern für die Frauen gemalt, die in dieser Zeit die Kirche nicht betreten durften. Drinnen dann in dunklen Blau-Braun-Rot-Tönen prächtige Ausmalung, Mauertätowierung, leicht lesbar die Szenen aus der Bibel: Erweckung des Lazarus, Fischzug auf dem See Genezareth etc.

Nessebur
Photo: bulgariaseaview

Alles von niegesehener Pracht und Meisterschaft, illusionistische Ausführung des 16. Jahrhunderts, Botschaft direkt aus der Antike, Renaissance ohne den Umweg über Romanik und Gotik, in der Kuppel über der Ikonostase die Gottesmutter mit dem Kind, die Ikonen dagegen in orientalischer Reserviertheit, ganz links Michael mit prächtigem Brustpanzer, der eine Schreckensfratze auf dem Bauch trägt, ganz rechts vielleicht ein Täuferjohannes mit Engelflügeln, der einen 2. Kopf auf dem Tablett präsentiert.

Das alles, ich sagte es schon, in kleinerem Format, wie es für die oströmische Architektur typisch ist. Die Kuppel wird von 2 Säulen mit byzantinischem Kapitell getragen, deren Basen jedoch viel größere, prächtigere antike Kapitelle (aus dem Zeustempel) bilden, vielsagender Akt der Umkehrung (vom Kopf auf die Füße gestellt), Nachahmung und Wettstreit (»wir setzen unsere schlichtere Auffassung nach oben«), aufstrebende Dynamik, die in der idealen Form der Kugel endet.

An einer halsbrecherischen Kanzel vorbei, sehe ich in der Fassung der Ausgangstür noch das Wandbild eines nackten hl. Makarios, von Kopf bis Fuß bewachsen mit dekorativen Locken, halb Eremit, halb wilder Mann, höchste Kultur außerhalb der Gesellschaft: vergeistigende Wildnis.

So ging das weiter, ich habe mindestens eine Stunde in dieser Kirche zugebracht, und dann noch Schritt für Schritt Erzengel Michael & Gabriel, Erlöser (=Spas, ebenfalls mit guterhaltenen Fresken des 16. Jhdts, darinnen sogar 1 Führerin, die die Motive in schönem Deutsch herunterleierte: Fusse wascheen statt Fußwaschung // und 1 hl. Marina, die dem schwarzen und ungefährlich kleinen diavol zu ihrer Rechten 1 Nagel in den Kopf haut), allesamt in derselben Mischtechnik erbaut und unterschiedlich erhalten, aber jede für sich ein Schmuckstück: so folgten noch ein weiterer Täuferjohannes und ein Pantokrator an diesem Tag. Zwischendurch holte ich mir ein Eis, um all die Schönheit verkraften zu können.

Nessebur
Photo: bulgariaseaview

In die Wand des Täufers war sogar das Fragment eines antiken Säulchens eingeschlossen, weit oben im Mauerwerk gleichsam schwimmend, erhabener Schutt. Ich habe am selben Abend noch die Gesellschaft agitiert (im Fischrestaurant diesmal unseres Komplexes, wo noch und noch kleine fritierte Fische gebracht wurden, die wir mit Misket hinunterspülten), mit mir am nächsten Tag noch einmal die Insel zu besuchen (Cristina wollte ohnehin, bekam nun noch den letzten Rückenwind & konnte mir etliches erklären), weshalb ich überall freien Eintritt hatte, die Mädchen/Damen an den Kassen dachten: der wird sich mit seiner skurilen Leidenschaft für Ruinen noch ruinieren.

Liebste, das war die Geschichte einer kaum zu stillenden Begeisterung angesichts von opus mixtum, mein Hirn schwimmend in körpereigenen Opiaten, gut untermauert von großen Salatportionen und vielfachem Sprachgemisch, angefangen bei der Unterhaltung mit dem Chauffeur (der mir in Brocken mitteilte, Oktober-November [fährt er nach] Deutschland [um einen] Volkswagen Jetta [zu kaufen], how much [wird er kosten], [sagen wir] ten years? Ich vermute 10 000 bis 15 000, sage: good car, gets old. Er: yes, very old.

Man muß auch radebrechen können & es macht Spaß, auffällig by the way, daß je einfacher der sprachliche Ausdruck, desto positiver die Aussage wird: er bringt ein Glas aus der Tankstelle, ich irgendwann: Glass from Petrol? Er: yes Shell. Ich: nice glass, Whisky! & er zeigt mir stolz das goldene Muschelsymbol), über die gelöste Unterhaltung in mehr oder weniger gepflegtem Englisch und schönem Gequatsche mit allen zusammen.

Nessebar
Photo: eSonic

Heute Morgen wurden wie gesagt (damit, Liebste, schließt sich die Schlange) die Gäste verabschiedet und als ich vorhin mit Ingo noch 1 Tour machte, gingen die Schüler im Anzug/Kleidchen mit Blumensträußen durch die Straßen, aha, Schulbeginn nach den Ferien, dann im Café saßen sie an Tischen, tranken Cognac, Bier & Cola (16-jährig!) & eben am kleinen Platz bei der Dschumaja Moschee umstanden sie den Trinkbrunnen wie Kommunionknaben, Ehrenjungfern, Hochzeitskinder.

Dann kommt uns eine Dame entgegen, die langsam den Hang hinabschlendert, vielleicht 4 oder 5 Blumensträuße in der Hand: die Lehrerin. Und plötzlich fiel uns auf, daß hier im Allgemeinen nur junge Leute zu sehen sind, ab und zu ein Hutzelweib als Bettlerin o. ä., aber sonst scheinen sich die Alten zu verstecken, wer weiß wo.

Auch in den Läden, Bars und Cafés der Altstadt arbeiten fast nur junge Leute, was eine angenehme Atmosphäre des leichtfüßig Provisorischen und der Zwanglosigkeit in den Umgangsformen schafft, aber es kommt einem ehrlich gesagt schon ein bißchen komisch vor, als wäre diese Gesellschaft nicht nur nach Ethnien und Klassen getrennt, sondern als gäbe es diesen Stadtteil nur für junge Leute, wofür ja auch das Konsumangebot in den Straßen des Zentrums spricht: Jeans, Turnschuhe, basic, sports-wear, oh Amerika, Byzanz, segregiert und gemixt.

Nessebur
Photo: eSonic

Kategorien: Art Café · Frontpage · Um die Welt

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