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Die Frau in der Streichholzschachtel – Teil 1

7 Juli, 2011 von · Keine Kommentare

Auszug aus dem Buch von Nicki Pawlow
mit freundlicher Unterstützung des Dittrich-Verlags, Berlin

01

Wirtschaftsskandale und Liebesaffären kurz nach der Wende in Berlin: in dem 2007 erschienenen Roman “Die Frau in der Streichholzschachtel” verquickt Nicki Pawlow das Chaos in der Treuhand-Anstalt mit einer dramatischen Liebesgeschichte. Der Roman gibt erstmals intime Einblicke in die Arbeitsweise des damals größten Konkursverwaltes der Welt.

ISBN 978-3-937727-25-8
© Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2007
www.dittrich-verlag.de

Merseburg wartet. Ich freue mich, weil es eine positive Nachricht gibt. Endlich der Presse mal wieder einen Erfolg verkünden. Das hatte doch eher Seltenheitswert. Die Treuhand lässt sich einfach nicht gut verkaufen.

Im Falle der Brotfabrik hat sich der frühere Geschäftsführer gegenüber der Treuhand bereit erklärt, die dreiundvierzig Mitarbeiter, samt zwei Azubis, und die Maschinen zu übernehmen und das dazugehörige Firmengrundstück zu erwerben. Wow! Das ist mutig!

Die Treuhand hat ihm grünes Licht gegeben. Für den beherzten Bäcker ist dies der Einstieg in die Marktwirtschaft. Jetzt verhandelt er mit Banken über Kredite für den Erwerb des Grundstücks, die Finanzierung neuer Maschinen und den Kauf zweier Fahrzeuge, mit denen Brot und andere Backwaren ausgeliefert werden sollen. Außerdem holt er sogar schon Aufträge herein, weil er an die Zeit nach der Übernahme denkt. Ich werde die Weitsicht des Bäckers zum Aufhänger für meine Pressemitteilung machen.

Um zwölf stürmt Pfeiffer unser Büro. »Wann kriege ich endlich Kali?« Das Zittern in seiner Stimme gefällt mir nicht. Es kündigt einen cholerischen Anfall an.

»Liegt in zwei Minuten auf Ihrem Tisch«, rufe ich wider besseren Wissens und gebe meiner Stimme einen festen Klang. Pfeiffer fixiert mich, in seinen braunen Augen lodert es. Er rennt aus dem Raum und knallt die Tür hinter sich zu.

High noon!

Karola tippt sich an die Stirn und sieht mich mitleidig an. Seit einer halben Stunde telefoniert sie ununterbrochen auf unserer einzigen funktionierenden Leitung. Selbst wenn Wolfgang Kiefer wollte, er könnte mich gar nicht erreichen. Was soll ich tun? Im Geiste wähle ich die Telefonnummer der Redaktion Deutschlandjournal. Es wäre ein Leichtes, den ersten Schritt zu tun. Besser nicht. Ich widme mich wieder der Kali-Pressemitteilung. Ich kloppe die Fakten zusammen, drucke die Seite aus und gehe rüber in Pfeiffers Büro, um sie ihm unterschriftsfertig auf den Schreibtisch zu legen.

Als ich zurückkomme, stehen zwei Journalisten im Büro. Sie sind vom Morgen.

»Wir kamen telefonisch nicht durch«, sagt der eine, »deshalb haben wir uns entschlossen, persönlich hierher zu fahren.«

Karola nimmt sich ihrer an. Ich setze mich an die zwei nächsten Pressemitteilungen und belauere gleichzeitig das Telefon. Es klingelt immerzu. Richard signalisiere ich, dass ich die Anrufe annehme. Manchmal ist nur ein Rauschen in der Leitung zu hören. Ist er das? Andere Anrufer fertige ich zügig ab, ohne allzu unhöflich zu sein. Es könnte ja sein, dass er gerade in diesem Augenblick…

Einen Redakteur vom Abendkurier reiche ich an Richard weiter, damit er die Fragen des Journalisten notiert. Er will noch heute zurückgerufen werden. Das dauert ganze fünfzehn Minuten! Ich werde nervös. Schließlich schicke ich Richard zum Potsdamer Platz. Er soll dort von einer öffentlichen Telefonzelle aus in den Redaktionen anrufen, um auf eine Pressekonferenz aufmerksam zu machen, die morgen abgehalten wird. Bei einigen Journalisten ist die Einladung nicht angekommen.

Was haben wir nicht schon an Arbeitszeit damit verbracht, in West-Berlin öffentliche Telefonzellen aufzusuchen! Damit wir an Tankstellen, in der Post oder in Hotels unsere Telefonate erledigen konnten!

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Nicki Pawlow, Foto: MGNotbohm

www.nickipawlow.de

Nicki Pawlow wurde 1964 in Köthen/Sachsen-Anhalt geboren und wuchs in Nordhausen/Thüringen auf. 1977 flüchtete die Familie in den Westen. In Rottweil/Baden-Württemberg machte Nicki ihr Abitur 1983. Danach studierte sie Politikwissenschaften, Slawische Philologie und Neuere Geschichte in München. Nach dem Mauerfall 1989 zog sie nach Berlin um. 1990 erschien ihr Sachbuch „Innerdeutsche Städtepartnerschaften“. Seither arbeitete sie als Pressesprecherin in der Politik, war Zeitungsreporterin, Referentin in der politischen Erwachsenenbildung, Moderatorin und Drehbuchautorin.
Seit 2000 ist Nicki Pawlow freischaffende Autorin und Schriftstellerin. Seit 2006 veranstaltet sie den Literatursalon SÜ36.

Kategorien: Allgemein · Art Café · Frontpage · Szene

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