Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Die Frau in der Streichholzschachtel – Teil 3

23 September, 2011 von · 1 Kommentar

Auszug aus dem Buch von Nicki Pawlow
mit freundlicher Unterstützung des Dittrich-Verlags, Berlin

01

Wirtschaftsskandale und Liebesaffären kurz nach der Wende in Berlin: in dem 2007 erschienenen Roman “Die Frau in der Streichholzschachtel” verquickt Nicki Pawlow das Chaos in der Treuhand-Anstalt mit einer dramatischen Liebesgeschichte. Der Roman gibt erstmals intime Einblicke in die Arbeitsweise des damals größten Konkursverwaltes der Welt.

ISBN 978-3-937727-25-8
© Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2007
www.dittrich-verlag.de

Der Mai kommt, überall riecht es nach Frühling, nach Blüten und nach Liebe – und ich arbeite so viel wie noch nie in meinem Leben. Von früh bis spät ackere ich in der Treuhand. Nach wie vor auch an den Wochenenden.

Immer noch trainiere ich an zwei Abenden in der Woche im Fitness-Studio. Meine Kondition wird besser. Ich werde gelenkiger, habe eine gute Körperspannung. Mit Leichtigkeit halte ich eine volle Stunde Aerobic durch, um danach noch auf dem Laufband mit meinen Gedanken um die Wette zu rennen. Keine Hose, kein Rock spannt mehr am Bund.

Ich versuche, nicht an Wolf zu denken. Ich will mich von ihm befreien. Ich kann, was ich will! Ich will ihn mir abgewöhnen, so wie eine lieb gewordene Gewohnheit, von der ich weiß, dass sie mir nicht gut tut. Die Gefühle verschließe ich tief in mir, sperre sie weg, wie einen Flaschengeist, der nichts anrichten kann, solange nur der Korken auf der Flasche bleibt.

Abends falle ich todmüde ins Bett, um morgens wieder im Büro anzutreten. Die hat ihren Sitz nun in dem monumentalen Gebäude in der Otto-Grotewohl-/Ecke Leipziger Straße. Zwei Etagen haben wir bereits in Besitz genommen, die anderen sollen folgen. Im Erdgeschoss befinden sich noch ein Reisebüro, ein Frisör und eine Poliklinik.

Morgens kurz vor acht (oder kurz vor fünf, je nachdem, wann mein Dienst beginnt) renne ich werktags über den Innenhof, passiere den Pförtner, dem ich meinen Dienstausweis zeige, und betrete die Marmorhalle mit den Säulen. Ich grüße die Hostessen, die den riesigen Empfangstresen im Foyer bevölkern. Sie tragen dunkelblaue Kostüme. Sie haben die Aufgabe, Besucher zu begleiten, da es schwierig ist, sich in dem riesigen Gebäude allein zurechtzufinden. Auch ich nehme ihre Hilfe in den ersten Tagen in Anspruch. Zweitausend Büroräume, viele Seitenflügel und Nebentrakte sowie endlose Flure verwirren selbst Köpfe, die mit einem guten Orientierungssinn ausgestattet sind.

Jeden Morgen freue ich mich auf die langsame Gleitfahrt mit dem rumpelnden Paternoster, der mich nach oben trägt. Manchmal nehme ich mir die Zeit und fahre wie in einem Riesenrad eine ganze Runde. Dabei komme ich mir vor wie ein Kind, das etwas Verbotenes tut.

Im vierten Stock springe ich raus und laufe über das Linoleum, das im Flur auf dem Granitboden verlegt wurde. Ich gehe an den Kassetten-Türen aus dunkelbraunem Holz vorbei, die mit silbergrauem Muschelkalk eingefasst sind, bis ich zu unserem Büro gelange.

Richard sitzt jetzt im Zimmer nebenan. Das teilt er mit Ansgar Hentschel, einem neuen Pressereferenten. Auch Richard ist jetzt Pressereferent. Schlichte hat ihn fest angestellt. Richard kann sich nicht dazu entschließen, sein Studium zu Ende zu bringen. In der Treuhand ist für ihn genug zu tun. Er ist weit weg von Papis Anwaltskanzlei und verdient noch dazu eigenes Geld.

Die Wände der Räume sind mit weißer Raufasertapete beklebt, die neuen Teppichböden sind grau, die Büromöbel modern. Die Fenster stehen unter Denkmalschutz. Je nach Witterung zieht es herein. Die Außenjalousien funktionieren nicht immer. Wir ignorieren sie einfach. In unserem Raum gibt es einen alten Tresor und eine so genannte Waschgelegenheit. Ein schmaler Schrank, hinter dessen Türen sich ein Waschbecken verbirgt. Zu DDR-Zeiten muss er in einem anderen, einem repräsentativeren Büro gestanden haben. Denn die Waschgelegenheit war ein Statussymbol hoher Funktionäre.

Schlichte hat fünf neue Kollegen in unser Team geholt, weitere sollen folgen. Das ist gut, denn wir brauchen dringend Verstärkung.

Täglich werden in der Treuhand neue Mitarbeiter eingestellt. Wir haben längst den Überblick verloren. Überall wimmelt es von jungen Hochschulabsolventen und Unternehmensberatern, die den Entscheidern an die Seite gestellt werden. Als ich letztes Jahr im Juni bei der Treuhand anfing, waren wir hundertvierzehn Leute. Mittlerweile sind es an die 3000. Im ganzen Land sogar an die 6000.

In diesem Mai ’91 werden in der Zentrale rund 3 800 und in den Niederlassungen cirka 6700 Unternehmen geführt. Ruths Abteilung Dokumentation hat einen guten Job gemacht. Die Datenbank ist so gut wie komplett.

Die Flure sind so voll wie eh und je. Investorengespräche werden nach wie vor auch auf den Gängen geführt. Und noch immer schallt es hin und wieder über die Flure: »Maaagdebuuurg!«, oder »Suhuuul!«

Zwar haben wir nun die neueste Technik, doch was bringt das, wenn es immer noch nicht genügend funktionierende Leitungen für alle gibt.

Pfeiffers Koffer-Telefon steht verwaist in einer Ecke unseres Büro. Immer wenn mein Blick darauf fällt, muss ich an unseren Chef denken. Zur Zeit kuriert er seine Herzattacke in einer Reha-Klinik in Bayern aus. Es heißt, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht. Doch keiner kann sagen, wann er zurückkommt.

Der Stern bringt den Artikel über gelungene Sanierungen mittelständischer Unternehmen in den neuen Bundesländern.

»Schau mal, Karola!« Ich lege meiner Kollegin dieZeitschrift auf den Schreibtisch und ertappe mich dabei, dass ich den Artikel jetzt gern Wolf zeigen würde.

»Na, endlich mal wieder ein Erfolg«, sagt Karola. »Den nehme ich auf die erste Seite des Pressespiegels.«

Ich blättere die Seiten um und suche nach meiner Merseburger Brotfabrik. Auf Seite 78 finde ich sie.

»Nur der Eigeninitiative des Bäckermeisters Harry Helfer, 51, ist es zu verdanken«, lese ich laut vor, »dass das frühere Backwaren-Kombinat aus Merseburg den Sprung ins kalte Wasser der Marktwirtschaft geschafft hat.«

Karola klopft mir auf die Schulter. »Da freuste dich, was?«

»Na klar«, sage ich. »Guck mal, hier bin ich früher oft mit meiner Oma spazieren gegangen.«

Ich zeige auf das Foto, auf dem das langgestreckte Firmengebäude abgebildet ist. An der Fassade steht deutlich sichtbar: ›Backwaren und Genußmittel HO Merseburg‹.

»Wird Zeit, dass die neue Schilder anbringen«, sagt Karola.

»Schilder sind nicht so wichtig. Wichtig ist, dass der Laden erst mal läuft. Schilder kosten viel Geld.«

»Sind die jetzt eine AG geworden?«

»Doch nicht gleich eine AG!« Ich schüttle den Kopf. »Die fangen als GmbH an. Meister Helfer ist vernünftig.«

Ein anderes Foto zeigt die Bäckersleute. Meister Helfer steht vor seinen Mitarbeitern. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt. Eine Siegerpose. Alle tragen weiße Kittel und Hauben auf dem Kopf. Sie strahlen in die Kamera. Sie haben es geschafft! Sie werden ihre Arbeit behalten! Es wird weitergehen! Selbstbestimmt!

Ein weiteres Foto zeigt den neuen Firmenwagen, einen weißen VW-Bus. Er ist beschriftet. ›Brot, Brötchen, Kuchen – Wir liefern aus!‹, lese ich. Und: ›Merseburger Backwaren GmbH‹. Darunter: ›Harry Helfer‹.

Schlichte lobt mich vor versammelter Mannschaft. Das ist ein guter Tag in der Treuhand!

Ich rufe die Redakteurin an, um mich zu bedanken. Das muss ja auch mal erlaubt sein. Sie ist sehr nett und bedauert nur, dass die positiven Beispiele leider nicht für eine ganze Serie gereicht haben.

03_MGNotbohm
Nicki Pawlow, Foto: MGNotbohm

www.nickipawlow.de

Nicki Pawlow wurde 1964 in Köthen/Sachsen-Anhalt geboren und wuchs in Nordhausen/Thüringen auf. 1977 flüchtete die Familie in den Westen. In Rottweil/Baden-Württemberg machte Nicki ihr Abitur 1983. Danach studierte sie Politikwissenschaften, Slawische Philologie und Neuere Geschichte in München. Nach dem Mauerfall 1989 zog sie nach Berlin um. 1990 erschien ihr Sachbuch „Innerdeutsche Städtepartnerschaften“. Seither arbeitete sie als Pressesprecherin in der Politik, war Zeitungsreporterin, Referentin in der politischen Erwachsenenbildung, Moderatorin und Drehbuchautorin.
Seit 2000 ist Nicki Pawlow freischaffende Autorin und Schriftstellerin. Seit 2006 veranstaltet sie den Literatursalon SÜ36.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

Tags: , , ,