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“Die Immigrantin”

23 Mai, 2009 von · 1 Kommentar

Katya Tasheva


Photo: flo_mueller

Ich bin sicher, dass wir alle, die Bulgaren im Ausland, über die merkwürdige Tatsache nachgedacht haben, dass wir in einem fremden Land viel aktiver hinsichtlich Bulgariens sind, als in Bulgarien selbst. Das ist ein ganz unterhaltsames Phänomen – wenn wir in unserer eigenen Heimat sind, versuchen wir scheinbar absichtlich, die typischen Besonderheiten unseren Alltags unter einer soliden Dosis Reality Shows aus dem kultivierten Westen zu verstecken. Jedoch lernen wir, sobald wir ausreisen, alles Einheimische neu zu lieben. Und sind äußerst misstrauisch, wenn Menschen anderer Nationalitäten versuchen, Zugang zu unserer heiligen und oft übertriebenen Vaterlandsliebe zu bekommen. Und nun gehe ich zu der Premiere eines Buches über Bulgarien, das von einem Deutschen geschrieben wurde!

Das war der erste Gedanke in meinem Kopf, als ich einen der Säle des Berliner Roten Rathauses betrat, wo die vom Osteuropa Zentrum organisierte Prämiere des neuen Romans von Roumen M. Evert, „Die Immigrantin“, stattfand. Ich gebe zu, ich hatte gemischte Gefühle. Aber als ich hörte, mit welcher Kompetenz und Liebe die drei vor mir sitzenden Personen über Bulgarien und das Bulgarische, über die Menschen und die Menschlichkeit sprachen, habe ich mich für meine Voreingenommenheit geschämt.

die immigrantin

In seiner Einleitung hat der Leiter des Osteuropa Zentrums Detlef Stein scherzhaft erwähnt, er und der Autor seien dank ihrer bulgarischen Ehefrauen Schwiegersöhne Bulgariens geworden und haben die bulgarische Kultur und Lebensart als ihre eigene angenommen. Volker Dittrich vom „Dittrich“-Verlag erzählte sogar, dass die typische bulgarische Hartnäckigkeit der Frau von Roumen Evert sehr zum Veröffentlichen des Buches beigetragen hat.

Der Schriftsteller selbst, der bei seinen zahlreichen Reisen die verblüffende Schönheit der Welt gesehen hat, beherrscht nicht nur die bulgarischen Schrift und Sprache, sondern hat sich vor 13 Jahren sogar Bulgarisch-Orthodox taufen lassen. Noch überraschender ist die Tatsache, dass es dem Westdeutschen in seinem Buch gelungen ist, authentisch und „bulgarisch“ eine spezifische Realität zu beschreiben, die selbst für Einheimische schwer verständlich ist, nämlich Bulgarien vor, um und nach dem Fall des Sozialismus.

„Die Immigrantin“ ist ein Roman, der auf die Erzählungen und Beobachtungen vieler Bulgaren basiert. Das ist die Geschichte einer jungen Frau, die gezwungen ist, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ihre Heimat zu verlassen. Der in der ersten Person geschriebene Text besteht aus retro- und introspektiven Ausschnitten aus dem harten Leben von Lena, die illegal nach Österreich emigrierte und als Kellnerin in einer typischen Wiener Kneipe arbeitet. Ihre eigenartige Autobiografie bezeichnet die seltsamen Phänomene, die den Umschwung des Lebens und Wertsystems Bulgariens in den 90er Jahren begleitet haben, und das Schicksal derjenigen, die ihre Heimat verlassen haben, um sich vor der Krise zu retten.

Dieses Buch beschreibt auf keinen Fall etwas, was die bulgarische Gemeinschaft nicht erlebt hat und kennt. Es entfaltet nachdenklich und humorvoll eine Welt, die für den Menschen des Westen unbekannt ist. Als wäre der Roman eher an das nichtbulgarische Publikum gerichtet und wolle es mit den Wunderlichkeiten des bulgarischen Alltags bekanntmachen, mit dem Glück und dem Leid der Leute, die um ihr Überleben in einer harten Zeit kämpfen. Trotzdem ist das eine sehr gute Lektüre für diejenigen von uns, die ihre Vergangenheit nicht so gut kennen oder gar vergessen haben.

„Die Immigrantin“ erscheint in Deutschland beim Dittrich Verlag, Berlin; die bulgarische Ausgabe wird im September von Bozhana Apostolovas Verlag „Janet45“ veröffentlicht.

Kategorien: Allgemein · Art Café · Frontpage

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