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Die Konstituierung der Künstlergestalt zwischen Fiktion und Realität in Rilkes Monographie „Auguste Rodin“ – II

28 August, 2009 von · 2 Kommentare

Maria Endreva

Fortsetzung

The Union Jack Flies Above Londons Houses Of Parliament

Obwohl Rilkes Talent nicht aus den Reihen dieses Adelsgeschlechts abzuleiten ist, was er in der weiter oben zitierten Stelle auch betont, gibt ihm diese Herkunft trotzdem eine Verfeinerung der Sinne, indem es ihm dann möglich ist, als erster in diesem Geschlecht zu schreiben zu beginnen.

Diese Einstellung soll typisch für die Jahrhundertwende gewesen sein und hängt mit den dekadenten Stimmungen der Zeit zusammen, die wir auch in der Familiengeschichte der Buddenbrooks dargestellt sehen. Das bewusste Darstellen seiner Vorfahren als rationale, dem Geschäftlichen und Nüchternen zugewandten Menschen endet mit ihm selbst, dem letzten Sprössling dieser Familie, der sich unbegreiflich und plötzlich durch das erlebte Leiden als Dichter entwickelt.

Dass er sich als den letzten in dem Geschlecht sieht, bestätigt sich auch im Florenzer Tagebuch. Da äußert der Dichter seinen Unwillen, etwas hinter sich zu lassen, weil das Hinterbliebene einfach nichts wert ist.

Wir brauchen keine Kirchen zu bauen. Von uns darf nichts übrig bleiben. Wir trinken uns leer, wir geben uns hin, wir breiten uns aus – bis einmal unsere Gesten in winkenden Wipfeln sind und unser Lächeln in den Kindern aufersteht, die darunter spielen …

Der Übergang zum Natürlichen ist der nächste Schritt des Künstlers, wenn er seine Kunst zum Ende gebracht hat. Der Künstler ist immer der Vertreter der letzten Generation einer Geschlechtsgeschichte. So ist es auch mit Malte. Nach dem Künstler bleibt kein Raum mehr für eine Fortsetzung, er erscheint, damit er die Geschichte aufhalten und in die Ewigkeit versetzen will.

Sehr wichtig ist dabei die Betonung, dass er aus früh erlebtem Leiden und selbstgewonnener Erfahrung dichtet. Danach gibt er auch die Gründe für dieses Leiden an, die in der auseinander gegangenen Ehe seiner Eltern und in seiner verhassten Militärerziehung zu sehen sind. Diese biographischen Daten weiß Rilke sehr gut ins Paradigma des Künstlertums einzubeziehen.

So entwirft er sich eine Biographie, die jede Bedingungen für das späte große Künstlertum geschaffen hat. Was seine Zeit in der Militärschule anbetrifft, äußern sich die Biographen Rilkes ziemlich eindeutig in dieser Frage, dass er während dieser Zeit auf keinen Fall als unglücklich oder als uninteressierter und unfleißiger Schüler galt.

Er versucht im Nachhinein diese militärische Ausbildung als unerträgliche Last und qualvolles Leiden darzustellen. So fällt sofort die Parallele mit Friedrich Schiller ins Auge, der auch unter einer solchen Militärausbildung litt. Die Außenseiterrolle des Künstlers, der sich nicht in ein gesellschaftliches Gebilde wie die Militärschule einfügen kann, ist bezeichnend auch für Rilkes späteren Militärdienst im Ersten Weltkrieg, wo er sich ständig als leidend präsentiert hat.

Die Einsamkeit und die Armut sind die wichtigsten Kennzeichen des Dichtertums. Rilke verwandelte sie in sein am häufigsten verwendetes Motiv. Der zwanzigjährige Neuling im Dichterberuf zeichnet für sich in der weiter oben zitierten Aussage den Weg seiner weiteren Kunstauffassung.

In einer sehr späten Phase, als er als berühmter Dichter von Literaturwissenschaftlern nach seiner Schreibweise und nach seinen literarischen Einflüssen befragt wurde, lehnte er immer alle möglichen literarischen Einflüsse auf ihn ab und verwies ständig darauf, dass er seine Verse aus einem mit Einsamkeit vollen Leben erwarb.

Im Bild des Künstlers nimmt die Einsamkeit und die Isoliertheit eine sehr wichtige Rolle ein, die mit der Gewinnung der eigenen Erfahrung verbunden wird. Die Außenseiterposition in der Gesellschaft, die Rilke wie oben schon erwähnt, mehr oder weniger absichtlich angestrebt hat, schließt sich in die Idee über den einsamen Künstler ein.

Peers Come Under Fire Over Lords For Hire Allegations

Man muss in seiner Zeit leben und nicht außerhalb, aber womöglichst muss man auch die Einsamkeit suchen und für sich finden. Am 03. November 1899 schreibt Rilke in einem Brief: „Es genügt nicht, geboren zu werden, um zu sein. Man muß sich einschalten in irgendwelche große Leitungen; aber man muß sich auch isolieren, um den Strom, den man trägt, nicht zu veruntreuen, zu verbrauchen, zu verlieren.“

Burghers Of Calais

Kategorien: Art Café · Frontpage

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