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Die Konstituierung der Künstlergestalt zwischen Fiktion und Realität in Rilkes Monographie „Auguste Rodin“- III

6 September, 2009 von · Keine Kommentare

Maria Endreva

Rodins Bild in der Monographie

Fortzetzung

Rodin Exhibition Opens At The Royal Academy

Das Buch über Auguste Rodin kann man nur mit einigen Vorbemerkungen als Monographie bezeichnen. Als Gattung setzt die Monographie eine wissenschaftliche Herangehensweise an den bearbeiteten Stoff voraus. Was die Gattungsbezeichnung problematisch macht, ist der große Anteil der Fiktion in der Darstellung von Rodins Biographie.

Diese Fiktion macht die Zuordnung dieses Werk zu den pragmatischen Schriften von Rilke auch problematisch und konfrontiert uns mit der Frage, was ist Literatur und ist die Fiktion ein Kennzeichen der Literatur oder nicht? Beim Rodin-Buch handelt es sich nicht um ein wissenschaftlich fundiertes Werk, das den akademischen Regeln für ein solches Schreiben entspricht. Vielmehr ist das ein Werk eines Dichters, der auf eine dichterisch subjektive Weise das Schaffen eines Kollegen beurteilt.

Wenn wir das Wort Kollege gebrauchen, muss man das nur als eine Beziehung Künstler zu Künstler verstehen. Dabei aber wird aus dem Text keine Gleichrangigkeit zwischen den beiden Künstlern ersichtlich. Das Verhältnis von Rilke zu Auguste Rodin ist vielmehr ein Verhältnis des Schülers zu seinem Lehrer, eines Lehrlings zu seinem Meister, das heißt ein Verhältnis der Verehrung des Großen vom Kleinen.

Wie schon erwähnt, schafft Rilke in diesem Buch eine fiktive Künstlerbiographie, die nach dem Modell seines Ideals geschaffen ist. Bevor wir die Abweichungen von der realen Biographie auswerten, wollen wir sie kurz beschreiben. Im Punkt Kindheit wurde Rodin als ein äußerst sensibler, verträumter Junge dargestellt, der für verschiedenes schwärmte und im Malen und Zeichnen in der freien Natur zu essen vergaß.

Als junger Mann zeichnete er sich durch seinen Fleiß und durch seine unterschiedliche Art auf die Dinge zu schauen aus. Als reifer Künstler fällt wieder seine Eigenartigkeit und seine Einsamkeit auf, weiterhin seine Art, auf die Dinge in der Außenwelt aufmerksam zu werden und sich in die schöpferische Arbeit voll und ganz zu vertiefen. Dinge zu schaffen, ist nach Rilke der Sinn und die Bedeutung des Lebens dieses Künstlers.

Seine innere Reinheit eröffnet ihm die Möglichkeit zur Schönheit und zur Natur. So ist Rodins Bild in Rilkes Werk. Im wirklichen Leben war Rodin ein sehr kontaktfreudiger und geselliger Mann. Er hatte ein sehr intensives und reges öffentliches Leben, so dass man von einer expliziten Einsamkeit und Abgeschiedenheit unmöglich reden kann. Nach den Aussagen seiner Zeitgenossen war Rodin sexuell besessen, er begehrte immer wieder neue Frauen und hatte eine sexuelle Beziehung mit jedem seiner von ihm bezahlten Modelle.

Rodins Thinker

Sogar vor den reichen Frauen, welche bei ihm Büsten bestellt haben und aus diesem Grund ihm Modell gestanden haben, machte er keinen Halt. Viele von ihnen beklagten sich über sexuelle Belästigung und eine wollte ihn sogar wegen eines Vergewaltigungsversuchs anklagen. Seine Modelle ließ Rodin vor sich masturbieren, damit er ihre Bewegungen festhalten konnte und ihre Busen betastete er ganz gründlich, selbst wenn er nur den Kopf modellieren sollte.

Diese außerordentliche Abhängigkeit vom Sexuellen und Erotischen spiegelt sich auch in seinen Werken wieder und die Kritiker bezeichnen viele seiner Plastiken selbst heutzutage direkt als pornographisch. Um diesen pornographischen Schein zu verhüllen, gab er seinen Skulpturen ziemlich willkürlich Namen aus der griechischen Mythologie und somit war ihre Gewagtheit vor der Öffentlichkeit gerechtfertigt[1]. Natürlich erwähnt Rilke nichts von alledem. Sein Rodin lässt sogar keine Vermutung an so etwas zu.

Außerdem war Rilke dem marktorientierten Schaffen gegenüber, das sich von den Vorlieben und dem Geschmack des Publikums leiten lässt, sehr negativ eingestellt und interpretierte es als vernichtend für die echte, zwecklose Kunst, welche nur auf eine Dingschöpfung konzentriert ist. In dieser Hinsicht scheint seine Monographie von völlig verfälschten Begebenheiten zu berichten.

Sie ist einfach eine Hymne für Rodin, worin Rilke seine Bewunderung für den Meister äußert. Die Wortführung ist begeistert-pathetisch. Die detaillierte Beschreibung verschiedener Werke Rodins und der Kommentar dazu sind immer von einem positiv eingestellten, aber auf den ersten Blick durchaus parteiischen Kritiker, der sich sogar die leiseste Kritik nicht erlaubt. Selbst zu den Werken, die sogar er als schwach einschätzt, verhält Rilke sich sehr vorsichtig und im gleichen diesmal rechtfertigenden Pathos.

Ein Beispiel in diesem Gedankengang: Wo der Autor über die Frauenbüsten des Künstlers zu reden vorhat, beginnt er mit einer Beschreibung einer weiblichen Figur, welche ein wenig mit der Eleganz glänzt, „die auch die schlechte Skulptur französischer Tradition immer noch aufweist; es ist nicht ganz frei von jener galanter Auffassung der belle femme, über welche der Ernst und die tief einsetzende Arbeit Rodins so rasch hinauswuchs.“[2] Rodin führte die meisten seiner Frauenbüsten aus finanziellen Gründen aus.

Lost In Thought

Die meisten Auftraggeberinnen waren reiche Amerikanerinnen, die bei dem berühmten Meister sich verewigen ließen. Er selbst nahm diese Arbeit als eine gute finanzielle Quelle an, die seinem Leben die nötige Sicherheit gegeben hat und nicht so sehr als eine Art Erfüllung seiner künstlerischen Bestrebungen.

Rilke aber will die kommerzielle Seite des Rodinschen Werkes nicht wahrnehmen und neigt in dieser Monographie ziemlich stark, von Rodin nur mit Superlativen zu sprechen und sogar mit seiner Auffassung über die unvermarktbare Kunst einen Kompromiss zu machen. Die Annahme, dass er nichts von diesen Seiten des Lebens von Rodin gewusst hat, erweist sich als unmöglich, zumal er fast ein Jahr mit Rodin zusammen unter einem Dach gelebt hat.

Das Gleiche gilt auch für die Produktion in den Rodinschen Werkstätten. Rilke rühmt das handwerkliche Können seines Meisters. Er bewundert die Feinheit der Ausarbeitung und die Präzision der Anfertigung seiner Werke, vor allem aber ihre Einmaligkeit und ihre Originalität. In Wirklichkeit waren die Rodinschen Werkstätten eine Art Manufaktur, wo er die führende Rolle spielte, aber am Arbeitsprozess am wenigsten beteiligt war.

Seine Aufgabe äußerte sich nur in der Modellierung eines kleinen Tonmodells. Mit Marmor konnte er nicht umgehen, meißeln und hauen tat er nie, sondern feilte und schliff nur am schon fertigen Modell, das durch seine Gehilfen in Marmor groß ausgeführt wurde. Die Mengen, die in diesen Werkstätten ausgegossen und angefertigt wurden, waren so groß, dass man Rodin mit einem Industriellen verglichen hat, der auf dem Fließband seine Produkte herstellt. Immer machte man Abgüsse in Bronze von allen Figuren, die Rodin gemacht hatte und somit belieferte er die ganze Welt mit seinen Werken.

Von einer Originalität und eine elitäre Einmaligkeit des Werkes bei Rodin kann also überhaupt nicht die Rede sein. Davon wusste Rilke auch mit aller Sicherheit, denn er kannte sehr gut die Werkstätten und das Atelier des Bildhauers und besuchte sie oft. Nach der Darlegung dieser bekannten und viel zitierten Fakten aus dem Leben des berühmten Franzosen, gehen wir auf die Bewertung dieser Abweichungen in seiner Biographie ein.

Bei der fiktiven Künstlerbiographie von Auguste Rodin, die Rilke strichartig umreißt, handelt es sich nicht direkt um eine Fälschung oder Lüge, obwohl Rilke vollkommen absichtlich besondere Ereignisse oder Lebensstationen des Bildhauers ausgeblendet hat. Der Leser seiner Künstlermonographie wird mit dem Effekt der Wahrscheinlichkeit des Dargestellten konfrontiert.

Er ist sich die ganze Zeit beim Lesen bewusst, dass die poetischen Geschichten vom sensiblen Jungen, der zu essen vergaß, während er malte, eine Erfindung des Dichters und folglich fiktiv sind, aber die Fiktion wird als „wahr“ akzeptiert, denn das Erfundene fügt sich ausgezeichnet in das Gefüge eines Künstlerlebens als wahrscheinlich ein. In ihrer Studie über die Fiktion der wahrscheinlichen Realität beschreibt E. Esposito dieses Phänomen folgendermaßen: „Als wahr oder glaubwürdig galten fiktive Welten, wenn keine internen Widersprüche vorlagen und die Texte mit anerkannten externen Wahrheiten übereinstimmten.

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Insofern bezog sich Wahrheit auf eine Form der ´inneren Wahrscheinlichkeit`.“[3] Der Leser erwartet nicht (somit erfährt er auch nicht), dass die Gestalt des dargestellten Künstlers so sehr von den tatsächlichen biographischen Daten abweicht.

Auf jeden Fall ist die Fiktion in diesem Werk keine Lüge, aber bei einer mit einem wissenschaftlichem Element konzipierten Gattung, wie die Monographie, empfindet man diese Abweichungen von der wirklichen Gestalt Rodins als eine Unwahrheit, als ein absichtlich vorgetäuschtes Bild des idealen Künstlers und somit wird der nichtdichterische Status dieser Gattung in Frage gestellt.

Was Rilkes eigene Biographie betrifft, versucht er die Übereinstimmung mit dem idealen Künstlerbild mit allen Kräften zu erreichen. Auf diese Weise prägt Rilkes Ideal sehr stark nicht nur seine, sondern auch die anderen Künstlergestalten, die er schafft und verwischt die Grenzen des Realen und Fiktionalen, so dass man seine Monographien schwer als nur nichtdichterisch bestimmen könnte.

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Verwendete Literatur

1. Rilke, Rainer Maria: Tagebücher aus der Frühzeit. Insel Verlag Leipzig 1942

2. Rilke, Rainer Maria: Sämtliche Werke. Band VI, Insel Verlag Frankfurt am Main 1963

3. Rilke: Auguste Rodin. In: Rilke: Sämtliche Werke. Insel Verlag Frankfurt am Main1961, Bd. V, Zit. nach: Digitale Bibliothek, Bd. 1 Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka.

4. Emde, Ursula: Rilke und Rodin. Marburg an der Lahn 1949

5. Esposito, E.: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007

6. Kopp, Michaela: Rilke und Rodin. Auf der Suche nach der wahren Art des Schreibens. Peter Lang Verlag. Frankfurt am Main, Wien 1999

7. Kreißbach, Martina: Rilke und Rodin. Wege einer Erfahrung des Plastischen. Peter Lang Frankfurt am Main 1984

8. Naumann, Helmut: Rainer Maria Rilke und Worpswede. Worpsweder Taschenbücher Galerie Verlag Fischerhude 1990

9. Röbke, Thomas. Kunst und Arbeit. Künstler zwischen Autonomie und sozialer Unsicherheit. Klartext-Verlag Essen 2000

[1] Vgl. Kopp, M.: Rilke und Rodin. Auf der Suche nach der wahren Art des Schreibens. Peter Lang Verlag. Frankfurt am Main, Wien 1999.

[2] Rilke: Sämtliche Werke. Insel Verlag Frankfurt am Main 1961, Bd. V, S. 182. Zit. nach: Digitale Bibliothek, Bd. 1. Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka

[3] Esposito, E.: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, S. 14

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