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Die Konstituierung der Künstlergestalt zwischen Fiktion und Realität in Rilkes Monographie „Auguste Rodin“- I

26 August, 2009 von · 1 Kommentar

Maria Endreva

Rainer Maria Rilke
Rilke

Am Anfang dieses Vortrags möchte ich eine Vorbemerkung machen. Rilkes 1902 erschienene Monographie Auguste Rodin stellt den ersten Versuch dar, den französischen Bildhauer dem deutschen Publikum vorzustellen. Dabei muss man sagen, dass sich bei dieser Vorstellung Rodins zwei Linien im Werk bemerkbar machen.

Zum einen ist es das riesige Werk des Künstlers, zum anderen die Darstellung des Künstlers selbst. Ich muss sagen, dass diese zweite Linie der ersten sowohl inhaltlich, als auch konzeptionell untergeordnet ist. In der Rodin-Monographie spielt die biographische Komponente also eine zweitrangige Rolle. In diesem Vortrag möchte ich mich speziell diesem dünneren Strang der Darstellung zuwenden und ganz bewusst den Kernpunkt dieses Werkes, der die Sicht auf den Kunstbegriff bei Auguste Rodin und Rilke theoretisch öffnet, ausblenden.

Dafür aber öffnet dieser Blickwinkel andere Probleme vor diesem Werk, die auf literaturtheoretischer Ebene eine Lösung finden. Die leitende Frage ist, wie geht Rilke mit biographischen Begebenheiten um und wieso ändert er sie absichtlich? Eine weitere, von der ersten abgeleitete Frage ist, wie verhält sich diese Fiktionalität zu der Gattung der Monographie?

Rilkes eigener biographischer Entwurf als Modell für seine Künstlergestalten

Was den Umgang mit biographischen Daten anbelangt hatte Rilke viele Erfahrungen. Er schrieb mehrere Monographien und Rezensionen über verschiedene Künstler. Die berühmtesten davon sind die fünf Monographien über die Worpsweder Maler und sein Buch über Rodin. Dabei lässt sich ein Paradigma bei der Darstellung des biographischen Teils einer jeder Monographie feststellen, weil es auffällt, dass Rilke immer wieder nach einem bestimmten Modell verfährt.

Sogar die Briefe über Cézanne, mit ihrem unvollständigen Charakter, machen da keine Ausnahme von diesem Schema. Alle Künstler, die Rilke auf eine oder andere Weise der Öffentlichkeit vorgestellt hat, haben eine verdächtig ähnliche Biographie, die darüber hinaus viele Ähnlichkeiten mit seiner eigenen aufweist.

Die wichtigsten Komponenten in diesem Modell der idealen Künstlerbiographie bilden Begriffe wie Einsamkeit und Abgeschiedenheit, Arbeit und alltäglicher Fleiß, Originalität und Einmaligkeit. Das imaginäre Modell des idealen Künstlers bei Rilke sieht etwa so aus: Eine unglückliche, durch Schwierigkeiten verschiedener Art gekennzeichnete Kindheit, wo sich die Eigenartigkeit des späteren Künstlers zeigt, dann eine einsame Jugend und zuletzt die daher resultierende Sensibilität und die völlige Hingabe an die unermüdliche Arbeit, was zum Schaffen der Kunst führt und somit zum echten Künstlertum verhilft.

The Union Jack Flies Above Londons Houses Of Parliament
‘The Burghers of Calais’ by Auguste Rodin

Die Einsamkeit, die nicht um ihretselbstwillen da ist, sondern zum Zweck der vollen Konzentration auf die schöpferische Arbeit, gewährt auch die Unberührtheit des Künstlers von fremden Einflüssen, was seine Originalität und Einmaligkeit sichert. Nach diesem einfachen ästhetizistisch gefärbten Schema schneidert Rilke alle Künstlergestalten, die er in seinen Werken geschildert hat.

Vor allem manipuliert er seine eigene Biographie und macht das kurz beschriebene Ideal zum Ausgangspunkt und Beweggrund für jede Handlung in seinem Leben. Ein kurzes Beispiel zeigt, wie Rilke seine Biographie selbst ändert und einem vorbildhaften Künstlerbild anpassen will.

Schon als zwanzigjähriger junger Mann war es Rilke bewusst, dass er selbst seine Künstlergestalt formen sollte und begann Notizen zu schreiben, die einen zu seiner Künstlervita führen sollten. Es ist verwunderlich, dass er sich selbst eine Künstlerlegende zu schreiben begann, die alle wichtigen Elemente auch seines späteren Ideals für einen Künstler enthielt. Und im Laufe der Zeit machte er diese Künstlerlegende immer umfangreicher und lieferte ständig neues Material.

Noch in seinen frühen Jahren, wo sich seine dichterischen Versuche nicht durch eine hohe Qualität auszeichneten, hat er versucht, sich selbst eine erfundene Herkunftsgeschichte zu geben, die weiter sehr gut mit allem korrespondiert, was er in seiner späteren Zeit von einem Künstler verlangt.

Ich entstamme, wenn ich alten Traditionen glaube, einem uradeligen Kärntner Adelsgeschlecht. Gelehrte oder Dichter gab es unter meinen Vorfahren nicht. – Das Fabulieren hat mich weder Vater noch Mutter, wiewohl letztere poetische Anlagen besitzt, sondern früher Schmerz und herbe Erfahrung gelehrt.

Peers Come Under Fire Over Lords For Hire Allegations
Photo by Peter Macdiarmid/Getty Images

Dieses Zitat besagt viele wichtige Punkte für Rilkes Umgang mit seiner Biographie. Erstens ist diese adelige Herkunft halb erdichtet. Ein solches Kärntner Adelsgeschlecht gab es tatsächlich und kann sich in Chroniken aus dem 16. Jahrhundert bestätigt finden, bloß es gab keine Beziehung zwischen diesem Adelsgeschlecht und Rilkes Vorfahren.

Alle Quellen für seine Herkunft, die von der Rilke-Forschung untersucht wurden, zeugen von einer nichtadeligen Herkunft des Dichters. Dass Rilke wichtig war, sich als Adliger auszugeben, kann man in seinem ganzen Leben bemerken. Er verkehrte mit vielen Adligen und lebte auch vielmals auf ihre Kosten. Durch diese freie Erfindung hatte er eine Legitimation im Umgang mit adligen Kreisen und fühlte sich mehr oder weniger gleichgestellt.

Denn nicht nur eine Aristokratie des Geistes war ihm wichtig, sondern auch eine des Blutes. Was hier für uns aber wichtiger ist, ist die Gestalt des Künstlers, der sich auf eine bestimmte Weise ins literarische Feld positionieren will. Adel und Kunst sieht er miteinander verbunden. Der Adel ist keine Voraussetzung für die Kunst, aber eine angenehme Begleiterscheinung.

Der Adelsstand sicherte eine materielle Grundlage, die nicht zulassen würde, dass man die Kunst vermarktet. So gelangt man zu einer Ästhetisierung des Lebens, die nur durch diese obere Schicht der Gesellschaft erreicht werden konnte. In diesem Sinne ist ihm die Angehörigkeit zu einem „uralten Adelsgeschlecht“ angesichts seiner Künstlergestalt von enormer Wichtigkeit. Es gibt viele briefliche Belege für diese Ansicht des Dichters, die hier aus Platzmangel nicht angeführt werden können, die aber diese adlige Herkunft durchaus verklären und als wahrhaft künstlerisch preisen.

Fortsetzung folgt

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