Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Die Melone

3 April, 2011 von · Keine Kommentare

von Tania Rupel – Tera
Übersetzung aus dem Bulgarischen Helga Gutsche

Bei schönem Wetter ist man gleich besser drauf. Morgens war ich munter aufgestanden und hatte spielend eine Menge Dinge erledigt. Jetzt brauchte ich nur noch einzukaufen, Essen zu machen, bei der Bibliothek vorbeizugehen und zwischendurch ein bisschen zu lesen. Während ich zum nahen Supermarkt radelte, merkte ich, dass es Zeit wurde, die Garderobe zu wechseln. Der Frühling ist da.

Sieh dir den an, der geht schon kurzärmelig. Ich dagegen habe mich wie immer eingemummt. Es liegt mir nicht, mich Hals über Kopf in eine neue Saison zu stürzen. Ich ziehe es vor, allmählich eine Schicht nach der anderen abzulegen. Obwohl auch eine entschiedene Geste nicht zu verachten ist. Du wirfst mutig die dicken Wintersachen ab und schwebst ätherisch leicht, in strahlendurchwirkte Spitzen gehüllt, dahin …

10_Josiah Mackenzie Foto: Josiah Mackenzie

09_Dittmeyer
Foto: Dittmeyer

Was für Zeug ich mir wieder zusammenphantasiere! Mein Gehirn lässt sich nicht abschalten. Sobald ich ihm eine Ruhepause gönne, purzeln alle möglichen Perlen aus ihm heraus. Als Kind habe ich mir oft die schrecklichsten oder schönsten Dinge ausgedacht und diese Freiheit sehr genossen. Niemand wusste, wo ich war und was ich tat, wenn ich vor dem aufgeschlagenen Schulbuch hockte oder aus dem Fenster gaffte. Heute ärgert und ermüdet mich das. Ich brauche weder Weisheiten noch Dummheiten. Ich will nur noch meine Ruhe haben. Eines Tages werde ich wohl auch diese meiner Natur so fremden Territorien – Konzentration, Meditation … – für mich erobern müssen. Bis dahin aber wird es in mir brodeln.

Oh Gott, fast hätte ich mich umgebracht. Was für ein tiefes Loch! Das passiert, wenn man Maulaffen feilhält. Ruhig! Ganz ruhig! Ist ja noch mal gut gegangen. Alles in Butter. Ich erreiche glücklich den Supermarkt. Der Tag ist immer noch schön und vielversprechend. Und jetzt konzentriere ich mich. Ich hole die Liste heraus. Ein kurzer Blick. Alles klar. Vorwärts, den Einkaufswagen füllen!

07_mike warren
Foto: mike-warren1

So, Honig und Müsli nehmen wir mit. Was noch? Aha, es gibt eine neue Sorte – Bio-Müsli. Coca-Cola natürlich. Oh, was ist jetzt wieder los?
„Hallo, junge Frau, das ist mein Wagen, warten Sie!“ Was guckt sie mich so an? Wahrscheinlich versteht sie mich nicht. Auch eine Ausländerin, die die Sprache nicht kennt. Oder spreche ich so schlecht?
„In dem Wa – gen, den Sie da gerade weg – schie – ben, sind … Und das hier ist nicht mei – ner.“

Aha, jetzt hat sie kapiert. Na, macht nichts, kann ja mal vorkommen. Aber das war keine Ausländerin. Eine gepflegte Person, die die hiesige Mundart perfekt beherrscht. Und wie reizend sie reagiert hat! Eine echte Dame. Manchmal sehe ich die Einheimischen wie mit neuen Augen. Guck mal an, hier machen sie das so und so, sie denken, sprechen, kochen, essen, arbeiten, erholen sich auf diese Art und Weise. Im Gegensatz zu uns. Oder aber genauso wie bei uns. Oft hört man die Leute sagen: Fern der Heimat bleibt der Mensch immer ein Fremder. Für viele mag das gelten, aber ich bin ich. Ich lebe in einem „fremden“ Land und fühle mich hier kein bisschen anders als zu Hause. Vielleicht weil ich vor allem die Ähnlichkeiten sehe.

08_wolfiewolf
Foto: Wolfiewolf

Übrigens habe ich mich in meiner Heimat oft wie eine Fremde gefühlt, so dass ich hier wenigstens einen Grund dazu hätte. Na, wie auch immer. Ich habe mich ablenken lassen. Jetzt konzentriere ich mich wieder. Das ist meine Stärke. Zitronen. Kopfsalat. Guck mal, was für schicke Blusen sie reingekriegt haben! Um ein Haar hätte ich sie übersehen. Alles aus den Verpackungen gerissen und durcheinandergeworfen – kein Verkaufstisch, sondern eine Müllhalde. Darin gleichen wir uns alle. Wir Kunden sind eine weltweite Plage! Aber die Blusen sind gar nicht übel. Besonders die helle da. Ob die Frau sie nimmt? Nein, sie legt sie zurück. Dann schnappe ich sie mir. Hm, die Länge stimmt. Hm, hm … Oder doch besser die mit dem dezenten Muster? Nein. Ich trage lieber etwas Fröhliches. Uff, welche soll ich bloß nehmen?

„Wie bitte? Haben Sie etwas zu mir gesagt?“
„Ja, ich sehe, dass Sie sich nicht entscheiden können, und möchte Ihnen einen Rat geben.“
„Warum nicht? Das wäre nett. Was meinen Sie?“
„Sie sind ein junger Mensch, nehmen Sie die hier, die helle. Die wird Ihnen ausgezeichnet stehen!“
Tja, sagte ich mir, die Geschmäcker sind verschieden.
„Die würde ich auch für mich nehmen, nur eine Nummer größer.“
„Ich weiß nicht, ich bin mir nicht sicher …“
„Die sportliche Machart ist auch nicht schlecht, aber nichts für mein Alter.“
„Und warum nicht die bunte hier?“
„O nein, nein, auf keinen Fall!“
Die Frau rümpft die Nase und schneidet eine Grimasse, als hätte sie etwas besonders Unangenehmes vor sich. Dann guckt sie sich nach allen Seiten um, beugt sich zu mir herüber und flüstert: „ Die ist viel zu zigeunerhaft.“
„Aber sie hat was.“
„Auf keinen Fall! Zigeunerhaft bleibt zigeunerhaft“, protestiert sie.
„Mir gefällt sie“, sage ich entschieden. „Wahrscheinlich weil ich selbst eine Zigeunerin bin.“

Die arme Frau! Sie richtet sich mit einem Ruck auf, wirft die Sachen aus der Hand und verschwindet blitzartig. Warum ich das gesagt habe, weiß ich selbst nicht. Das war eine böse Provokation. Aber es war mir nun einmal herausgerutscht, ich hatte es nicht verhindern können. Das kam für mich selbst ganz überraschend. Danach bestürmten mich natürlich allerlei ungeordnete Gedanken über Rassismus, Kapitalismus, Kulturismus … Nach einer Weile merkte ich, dass die Frau mich von weitem beobachtete. Und schon tat es mir leid. Sie will mir helfen, und ich verpasse ihr einen Eselstritt. Ich sollte mich bei ihr entschuldigen. Aber wenn ich nun wirklich eine Zigeunerin wäre? Und was, wenn nicht? Zum Zeichen des Protestes schnappte ich mir nach nochmaligem kurzem Nachdenken entschlossen die Zigeunerbluse und arbeitete konzentriert weiter meine Liste ab.

06_notfrancois
Foto: notfrancois

Mamma mia, was für Leckereien! Wie gern würde ich jetzt etwas Süßes essen, um den bitteren Nachgeschmack in meinem Mund zu vertreiben. Ah, ist das da nicht der neue Hit? In letzter Zeit sehe ich oft die Werbung im Fernsehen. Wie es heißt, steckt im Inneren eine Waffel, und das Drumherum ist schrecklich sexy! Das magische Wort der neuen Zeit! Damit verkauft sich alles. Man soll vergessen, dass man sich in einem normalen Supermarkt befindet. Wie in einer grandiosen Erotikshow rollen mir links Berge von Toilettenpapier, Pampers, schamlosen Waschmitteln und unglaublich anziehenden Schwämmen und Putzlappen entgegen. Vom Überfluss an Salami, Wiener Würstchen, Milch und – oh Gott! – Eiern ganz zu schweigen! Donnerwetter, selbst Gartengeräte haben sie herbeigeschafft. Harken, Hacken, Gummistiefel, Arbeitshandschuhe… Wenn das nicht sexy ist, heiliger Strohsack! Ein bisschen Phantasie, und du bekommst Lust, dir die Kleider vom Leib zu reißen und um dich herum zu graben. Schon runden sich vor meinen Augen schweißglänzende Dekolletees fleißiger junger Mädchen, die ihre Frühlingsgärtchen bestellen. Und kräftige Kerle mit freiem Oberkörper stapfen in Gummistiefeln, mit langen Schläuchen ausgestattet umher und begießen alles nach Herzenslust …

13.hsingy
Foto: hsingy

Oh ja, Brot. Fast hätte ich es vergessen. Ich muss unbedingt welches mitnehmen. Vom Brot auch so zu reden, wäre eine Sünde. Seinen Sexappeal hat noch keiner zu entdecken gewagt … Gott sei Dank.
Ich muss mich zusammennehmen. Mich ernsthaft konzentrieren. Die Jungen da drüben kenne ich. Woher bloß? Ach ja. Vorige Woche habe ich sie hier beim Stehlen ertappt und nicht gewusst, wie ich reagieren sollte. Der Kleinere hat mir frech ins Gesicht gelacht und gesagt: „Wir sind noch lange nicht volljährig. Es hat keinen Sinn, uns anzuzeigen.“ Und der andere hat mir unverblümt gedroht: „Kannst froh und dankbar sein, dass wir dich nicht beklauen!“ Und ohne es zu wollen, habe ich mich auch noch bedankt. Danach war ich so durcheinander, dass ich zu mir selbst „bitte“, „keine Ursache“, „macht nichts“ und ähnliches Zeug sagte. Gut, dass mir das wieder eingefallen ist, um ein Haar hätte ich die beiden gegrüßt. Was machen sie jetzt? Sie sind verschwunden …

11_jetheriot
Foto: jetheriot

Oh mein Gott, was für lange Schlangen an allen Kassen! Auch hier kaufen die Leute vor einem Feiertag ein wie die Weltmeister. Na, macht nichts, muss ich eben warten.
Ich stellte mich an, und wir rückten langsam vorwärts. Als es soweit war, begann der ältere Mann vor mir, die Waren aus seinem Wagen aufs Band zu legen. Ich war drauf und dran, ihm zu helfen, aber mit den meisten Sachen kam er allein zurecht. Nur die – meiner Meinung nach – völlig unpassende Wassermelone blieb übrig. Da hat ihn aber zur Unzeit der Appetit gepackt, es ist doch viel zu früh dafür, schoss es mir durch den Kopf. Die Melone aber entwand sich seinen schwachen Händen, als wäre sie ein Lebewesen. Und meine sprichwörtliche Courage ließ nicht auf sich warten. Das Herz schlug mir bis zum Halse, versperrte dem Luftstrom in meiner Kehle den Weg und entlockte ihr das wohl heiserste und zaghafteste Stimmchen, das sich im Register findet, mit den Worten: „Kann ich Ihnen behilflich sein?“

04_ritingon
Foto: ritingon

Eine Antwort erfolgte nicht. In meinen Ohren kreischte es: So was Dummes! Wie lange wirst du noch so schüchtern sein? Trotzdem entschied ich, dass der Mann mich entweder nicht verstanden oder nicht gehört hatte, und wiederholte: „Lassen Sie mich Ihnen helfen, mein Herr!“

Ich wollte gerade die Hand ausstrecken und das unsägliche Gemüse, das heißt die Riesenbeere, packen, als mich eine eiskalte Woge überspülte. Hatte mich der alte Mann so zornig angesehen, oder war es mir nur so vorgekommen? Hinter mir hörte ich die Leute stöhnen und murren: „Was ist los? Warum geht es nicht weiter? Hallo, Sie da vorn, wir haben es eilig!“

Ich hatte es nicht eilig. Dies war mein Tag, und ich würde ihn ohne Stress hinter mich bringen. Die Kassiererin klopfte mit ihrem Kugelschreiber auf die Warenablage und starrte mich an. Warum mich? Ich bin doch noch nicht dran? Mühsam hielt ich ihrem eindringlichen Blick stand. Pack endlich diesen grünen Kürbis aufs Band, sonst schreie ich! In Wirklichkeit grinste sie mich nur schief an und klopfte weiter. Ich trat von einem Bein aufs andere, bereit, mich aufs erste Signal hin ins Getümmel zu stürzen. Aber in diesem Augenblick siegte der Mann mit letzter Kraft über die Natur. Die Frau wog das Lebendgewicht ab, hämmerte zum Abschluss auf eine Taste ihres Kassenapparats und überreichte den Bon, während sie laut die entsprechende Summe nannte. Jetzt lautete die Hauptfrage: Wie kommt das gute Stück zurück in den Einkaufswagen? In Erwartung des Geldes versuchte die Kassiererin das Gewächs daran zu hindern wegzurollen. Natürlich konnte man es nicht wie einen Ball in den Basketballkorb werfen, und erneut sah sie mich irgendwie erwartungsvoll an. Und ich, die wieder einmal nicht wusste, was ich tun sollte, vergaß, dass ich mich nur in einem Supermarkt befand, und unterbreitete deshalb oder aus anderen mir selbst unbegreiflichen Gründen noch einmal mein edles Angebot …

Da drehte sich der alte Mann mit vor Anstrengung – ich wage nicht zu denken, allein vor Zorn – gerötetem Gesicht zu mir um und durchbohrte mich, während er mit zitternden Fingern einen Geldschein überreichte, mit einem tödlichen Blick. Ich schwöre. Es tat furchtbar weh. Sein Kopf zitterte vor Aufregung oder Empörung noch mehr, und er zischte etwas, dessen Sinn man nur am Tonfall und an der sprühenden Speichelfontäne ablesen konnte. Anscheinend hatte er schon einen Schlaganfall hinter sich, denn man konnte kaum verstehen, was er sagte. Ich starrte ihn taktlos mit weit aufgerissenen Augen an, rang um Fassung, während ich versuchte, mich zu entschuldigen. Aber aus meinem Mund kam nur eine Art Krächzen …

Und plötzlich begann ich zu schrumpfen. Ich hatte das Gefühl, mich in einen winzig kleinen, unscheinbaren, verschrumpelten Melonenkern zu verwandeln. In ein Samenkorn. Nur meine Ohren blieben riesengroß und blutrot wie zwei abgeschnittene Melonenscheiben. Der alte Mann tötete mich mit seinem Blick so gnadenlos langsam, wie nur er in seinem Zustand es konnte. Und ich verging mit der Geschwindigkeit einer Schnecke, die die Chaussee überquert und dabei ihr Haus einbüßt. Auf meine blank liegenden Nerven peitschten die Schwanzhiebe der Schlange hinter mir – zehn Meter lang, zwei Meter breit – eine kräftige, unaufhaltsame Schlange!
„He, du da, beweg dich endlich! Worauf wartest du noch? Zum Teufel …“

Ich rührte mich nicht vom Fleck. Ein Denkmal der Entschlossenheit. Jetzt kam die Szene mit dem Titel „Die lange Rückkehr der Wassermelone“. Also die schon bekannte Aufnahme noch einmal rückwärts abgespult – mit langsamer laufendem Band. Auch der Hauptdarsteller hatte seine Würde und Selbstbeherrschung teilweise eingebüßt. Aber kein Jota seines unbeugsamen Siegeswillens. Und deshalb versuchte er wieder, von bald schwächeren, bald stärkeren Stromstößen geschüttelt, die grüne Kugel zu ergreifen.

Dieses aufsässige, unreife Geschöpf! … Widerspenstig und eigensinnig! … Und plötzlich spielte mein Projektor verrückt und ließ in Lichtgeschwindigkeit einen ganz anderen Film vor mir abrollen. Vor meinen Augen erstrahlte, in zwei gleich große Hälften geteilt, die vollkommenste, saftigste, röteste aller Wassermelonen! Wie ich sie nur in der Kindheit gesehen hatte. Welche Pracht! Du schluckst, kneifst die Augen zu und findest nicht die Kraft, sie zu zerstören. Und dieser Duft! Diese unglaubliche Frische. Weder der Geruch des Waldes noch der des Meeres kann sich damit messen! Man bekommt Lust, sich hineinzustürzen, in ihr unterzutauchen, die Zähne hineinzuschlagen, zu schlingen, zu kauen, zu lutschen und zu schmatzen wie nie zuvor und zu spüren, wie der göttliche Saft einem über Kinn und Finger läuft.

Ach, waren das Zeiten! Großvater versuchte, Ordnung zu schaffen. Er beeilte sich, uns zuvorzukommen, das vollkommene Wesen zu zerstückeln, zu verhindern, dass wir unsere vom Spielen schmutzigen Hände ableckten und Fliegen sich auf unsere Münder setzten. Großmutter schwenkte ein weißes Tuch über ihrem Kopf. Und wir bliesen die Backen auf. Das große, vorsintflutliche Messer fuhr durch die knirschende Schale, und dicke Stücke purzelten auf ein breites Blech. Dort angelkommen, kippten sie zur Seite, wir stürzten uns auf sie, stachen mit unseren Gabeln in das junge Fleisch und schlangen wie unzähmbare Wilde … Meine große Schwester und ich …

Ach!
Plötzlich gellte es in meinen Ohren: „Vorsicht!“ Ich soll mich vorsehen? Der Kampf ging weiter. Die Kassiererin schien sich in einen Fan verwandelt zu haben, der seine Lieblingsmannschaft mit lauten Rufen anfeuert. Und dieser alte Genießer – wird auch er zusammen mit irgendwelchen Angehörigen schmausen, oder wird er den Leckerbissen mit niemandem teilen? Zieht er es vor, direkt von einer großen Scheibe abzubeißen, oder verleibt er sich sittsam winzige Häppchen ein? Aber wer wird sie ihm schneiden? Diese schwachen Hände brauchen Hilfe …

01_extranoise
Foto: extranoise

Schluss jetzt! Ich greife ein. Packe diese runde Null und bereite den Qualen des alten Mannes ein Ende. So bin ich erzogen worden. Bei uns hatten die Jüngeren die Pflicht, den Älteren zu helfen. Und das war gut so, dann hätte es jetzt keine Verlegenheit und keine Zweifel gegeben. Und das Problem mit der Melone wäre längst gegessen. Der Mann schien meine Gedanken lesen zu können. Und sie zu verstehen, obwohl ich sie in meiner Muttersprache gedacht hatte. Ergrimmt krallte er die Fingernägel in die grüne Oberfläche, schnitt erneut eine unsägliche Grimasse und warf den Artikel zu den übrigen in den Wagen. Ein Seufzer entrang sich seiner Brust. Die Kassiererin stieß ein undiplomatisches „Na endlich“ aus. Der Kunde entfernte sich, und jetzt war ich an der Reihe.

An der Reihe, die eigenen und die fremden Nerven erneut einer Zerreißprobe auszusetzen. Schmach und Schande! Mit einem Mal begannen, wie in einem bösen Scherz, auch meine Hände zu zittern. Mein Gesicht lief rot an, und der Schweiß brach mir aus allen Poren. Meine Widersacherin schob alle Waren zu mir herüber und wartete ungeduldig auf die Bezahlung. Aber die Finger gehorchten mir nicht. Sie verhakten sich überall – es war unglaublich. Zuerst im Netz mit den Zitronen, die anscheinend nur darauf gewartet hatten, nach allen Seiten auseinanderrollen zu können. Ich sprintete hinterher und murmelte dankbar: „Bloß gut, dass das keine Eier sind. Gott sei Dank, wenigstens das nicht“ … Dann in der Seifenverpackung. Die Seife flutschte heraus, als wäre sie nass und glitschig. Gleichzeitig überlegte ich, wo mein Portemonnaie sein könnte. Dass ich es eingesteckt hatte, wusste ich genau. Aber der Trick, es mit einem Griff aus der Jackentasche oder einem der vielen Fächer in meiner riesigen Einkaufstasche zu zaubern, funktionierte nicht. Ich vergrub meinen Kopf tief, ganz tief in dem dunklen Chaos, wie ein verzweifelter Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, und endlich lachte mir das Glück. Im nächsten Augenblick aber streckte es mir wieder die Zunge heraus. Eine Handvoll Münzen rollte in alle möglichen und unmöglichen Himmelsrichtungen. Als ich die Leute hinter mir schimpfen hörte, war es aus. Ein paar verräterische Tränen machten Anstalten, über mein glühendes Gesicht zu rollen. Allein schon bei dieser Vorstellung begann es in meinen Ohren zu dröhnen. Ein Schwall Tropfen, der auf ein Blech mit heißem Fett prasselt, kann nicht soviel Krach machen. Das Geräusch wurde unerträglich. Mein Gott, schoss es mir durch den Kopf, wie habe ich nur das Studium an der Universität bewältigt, wo doch der Stress bei jeder Prüfung fast genauso groß war!

In diesem Augenblick fasste der Mann hinter mir mich sacht am Ellbogen und fragte freundlich: „Kann ich behilflich sein?“
Natürlich. Natürlich. Allein komme ich ja nicht zurecht. Aber warum ist er nicht grob und ungeduldig? Das hätte mich wieder zu mir gebracht. Diese Freundlichkeit verwirrte mich noch mehr. In Wahrheit braucht nicht der Großvater Hilfe, sondern ich. Die Jugend ist ein schwieriges Alter. Ich besitze keinen Stolz.
„Was ist denn da los?“

Jemand stieß meinen Einkaufswagen zur Seite. Ich presste Kassenbon und Geldscheine in meiner eiskalten Hand zusammen. Man kann nicht einmal sagen, dass ich mich in mich selbst zurückgezogen hätte. Ich war einfach nur am Boden zerstört. So stand ich eine ganze Weile da. Versuchte mich zu sammeln – das wenige, das noch von mir übrig war … Der grüne Salat, die Zitronen … Zuoberst das Päckchen Schlagsahne. Nein, umgekehrt. Ich verlor endgültig die Fassung. Ließ den Kopf hängen. Und der Tag hatte so vielversprechend begonnen! Was versprechen vielversprechende Tage eigentlich?

Ich warf alles, wie es kam, in meine Beutel und ging hinaus. Ich mag nicht einmal mehr Rad fahren, dachte ich. Ich will nicht, dass ich umkippe, dass ich meine Einkäufe wieder einsammeln muss und alle möglichen Unbekannten mir helfen. Und in diesem Augenblick sah ich einen Bekannten …

Der unbeugsame alte Kämpe mit dem zitternden Körper und dem mir ewig zunickenden Kopf lehnte an einer Wand und beobachtete mich. Ich hatte schon alles auf dem Gepäckständer verstaut und wollte das Rad gerade nach Hause schieben. Aber als ich ihn erblickte, wusste ich: Deswegen ist mir das da drin passiert! Er hatte mich die ganze Zeit durchs Fenster hindurch angestarrt. Ich spürte seine Anspannung, die sich auf mich übertrug. Aber was will er noch von mir? Ich habe die verfluchte Melone doch nicht einfach irgendwohin geschleudert? Ich bin doch nicht unfreundlich gewesen, habe nicht in böser Absicht gehandelt? …

Lass es sein! Komm nicht näher, hörst du! Ich weiß, es ist taktlos und grausam, dir auch noch das wenige zu nehmen, das dir geblieben ist. Das dich spüren lässt, dass du noch lebst. Dass du die endlosen Stunden mit einem Sinn füllst … Dass du imstande bist, Hindernisse zu überwinden … Dein eigener Herr bist … Das verstehe ich ja. Aber was kann ich anderes sagen als: Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.

Bitte, alter Mann, komm nicht näher! Bleib stehen! … Sonst fühle ich mich an meinen Vater erinnert. Bleib stehen, sonst werfe ich mich an deinen hinfälligen Körper, die hängenden Schultern, die eingefallene Brust … Oder fange an, auf sie einzuhämmern und sie zu rütteln. Zu fragen, warum sie so gealtert sind. Warum sie es damit so eilig haben … Meine Arme um sie zu schlingen, als wüsste ich, was ihnen die ganze Zeit gefehlt hat … Wie auch mir an solchen Tagen Arme und Augen von Mutter und Vater fehlen! …

Vielleicht hast auch du irgendwo auf der Welt ein längst erwachsenes, aber immer noch dummes Kind, und segnest manchmal die Vorsehung und den Erfinder des Telefons, wenn du durch das tausendfache Knistern, durch all die Besetzt- und Freizeichen und die schwachen Schläge deines eigenen Herzens hindurch seine Stimme hörst … Die ferne Stimme der Jugendzeit … deiner Jugendzeit.

Aber der Mann blieb nicht stehen. Er hatte keine Angst – er ließ sich von einer verbeulten Melone nicht unterkriegen, und von mir schon gar nicht! Er kam immer näher … Also hatte er tatsächlich auf mich gewartet. Ich löste den Knoten zwischen meinen Brauen. Räusperte den Frosch aus meinem Hals. Ich hörte unverständliche Worte. Starrte in die Augen des Mannes, der mir irgendetwas sagen wollte.

„Entschuldigen Sie“, stieß ich hervor, als er verstummte, „wegen vorhin. Das war gedankenlos von mir.“ Mein Gegenüber aber wiederholte mit nicht nachlassendem Eifer immer wieder dieselben Worte. Ich konzentrierte mich. Er wirkte jetzt nicht mehr so zornig. Sein Blick war freundlicher geworden. Es tut ihm leid. Auch ihm tut es leid …

„Nicht doch. Ich bitte Sie, ich verstehe Sie doch. Verzeihen Sie meine Dummheit.“ Er schüttelt weiter den Kopf. Ist nicht einverstanden. Und ich, ich weiß nicht, wie es kam, schlang meine Arme um ihn. Spürte sein zerbrechliches Rückgrat … Und nachdem ich seine alte Weste ausgiebig mit Rouge und Wimperntusche getränkt hatte, trat ich den Heimweg an. Nicht beschämt, nicht traurig, sondern erstaunt. Mal sehen, was dieser vielversprechende Tag noch für mich bereit hält.

Die erste Veröffentlichung ist in Public Republic

Kategorien: Art Café · Frontpage

Tags: , , ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben