Das Interview zum Film mit dem Regisseur Stephan Komandarev und dem Produzenten Stefan Kitanov
Viara Jekova

Stephan Komandarev (director) & Emil Christov (DoP)
Herr Komandarev, Sie haben oft behauptet, dass die Verleugnung der eigenen Vergangenheit zur gesellschaftlichen Schizophrenie führt. Was verliert man, wenn man die Vergangenheit verleugnet
S. Komandarev: Ich zitiere eine alte Maxime: wer seine Vergangenheit nicht kennt, riskiert es sie zu wiederholen. In Bulgarien hat man sich viel Mühe gegeben, um die vergangenen Jahre des Kommunismus zu verharmlosen. Das reale Leben ist aber ganz anders. Alle großen Probleme von heute wurzeln in der gleichen Vergangenheit, für die wir uns angeblich nicht interessieren sollten… Unser Film zeigt auch buchstäblich, dass Ereignisse, die vor 25 Jahren passiert sind, einen direkten Einfluss auf unser heutiges Leben haben.

Carlo Ljubek (Alex) & Miki Manojlovic (Bai Dan)
Glauben Sie, dass der Film jeden (internationalen) Zuschauer gleich stark berühren kann, denn nachvollziehbare Situationen sind diejenigen, die man selbst erlebt hat?
S. Kitanov: Klar, die selbst erlebten Situationen beeinflussen jeden. Aber nicht immer – es ist nicht notwendig Grieche zu sein, um die Geschichte Trojas zu erzählen. Wenn man der Welt um sich herum treu bleibt und man Aufrichtigkeit und Gefühl in die Arbeit einfließen lässt, kann man jeden Zuschauer berühren – das ist aber tatsächlich das Schwierigste…

Karl Baumgartner, Stefan Kitanov
S. Komandarev: Unsere Geschichte war auch getestet – das wunderbare Buch von Ilija Trojanow hatte einen Riesenerfolg in Deutschland und in vielen anderen Ländern. In Taiwan wurden mir Ilija Trojanows Bücher auf chinesisch gezeigt. Also die Geschichten, die er erzählt, überspringen Staatsgrenzen und Kontinente.
Die Grenze zwischen Kunst und Kommerz muss erkannt werden, damit ein Film anspruchsvoll und leicht zugänglich wird. Was braucht das Massenpublikum heute und was ist „Ihr“ Kino?
S. Kitanov: Mehr denn je braucht das Publikum heute ausgesprochen emotionale Geschichten, die gut erzählt sind. Die schauspielerische Darstellung und die ganzheitliche Realisierung der Produktion sollten überzeugend und einprägend wirken. Wenn das gelingt, wird der Zuschauer immer neugierig bleiben, unabhängig davon, woher er oder der Film kommt.
S. Komandarev: Ich kann viele Adjektive aufzählen für „mein“ Kino – echt, emotional, geistreich… Eigentlich das Kino, das einen am Hals packt und das sowohl Tränen als auch Gelächter auslöst… Dieses Kino ist universell, es ist Kunst und Kommerz zugleich, es ist menschlich…
Der Film verbindet mehrere Kulturen. In wie weit, allgemein gesehen, tolerieren die Menschen das Fremde? Sind die Bulgaren offen genug, um es zu akzeptieren?
S. Komandarev: Kommt drauf an, wie das Fremde serviert wird. Es ist prinzipiell immer ein bisschen erschreckend, deswegen ist es besser, wenn es in einer menschlichen Geschichte eingehüllt wird.
S. Kitanov: Die Sofioter sagen, dass der Fluss, der um Sofia herum fließt am tiefsten ist, der Berg, der über Sofia ragt, der höchste ist und nichts auf der Welt schöner als Sofia ist… Traditionell ist der Bulgare in seiner eigenen Welt etwas begrenzt und das Fremde wird zunächst nur distanziert betrachtet. Aber die Zeiten ändern sich und man wird immer weltoffener.

Carlo Ljubek (Alex) & Dorka Gryllus (Maria)
Wodurch trägt der Film zum europäischen und weltweiten Kulturgut bei?
S. Kitanov: Ganz bewusst war es nicht unser Ziel die Welt mit ästhetischen Neuheiten oder einer besonders originellen Form zu überraschen. Wir wollten einfach einen professionell ausgearbeiteten Film darbieten, der vor allem rührend und angenehm zu sehen ist. Die Geschichte, die wir erzählen ist allgemeinmenschlich und viele Osteuropäer haben vor dem Fall der Berliner Mauer das selbe erlebt. Das Problem mit der Emigration und die Suche nach der eigenen Wurzel ist universell und bedeutend für fast jede Nation.
S. Komandarev: Wir wollten eine menschliche Geschichte auf eine rührende Weise erzählen – egal wie einfach sich das anhört, für mich gibt es nichts schwierigeres…

Miki Manojlovic (Bai Dan) & Carlo Ljubek (Alex)
Sie haben viel Zeit und Energie in dieses Projekt investiert – mehr als sechs Jahre. War es vom Anfang an als internationale Koproduktion gedacht?
S. Komandarev: Die Vorlage des Films ist ein Roman des deutschen Autors bulgarischer Herkunft Ilija Trojanow. Die Geschichte erzählt über zwei Reisen durch ganz Europa – deswegen musste das eine internationale Produktion werden.
S. Kitanov: Vom Anfang an waren wir überzeugt, dass der Film unbedingt als Koproduktion zustande kommen soll. Für die Geschichte, die wir erzählen, war das notwendig.
Die Welt ist gross und Rettung lauert überall – Trailer
Herr Kitanov, waren Sie vom Anfang an als Produzent dabei und warum haben sie trotz des langen Wartens nicht aufgegeben?
S. Kitanov: Der Regisseur Komandarev wollte sich unbedingt mit einer Roman¬verfilmung beschäftigen – schon gleich nach seinem ersten Film war das seine unabdingbare Idee. Er hat das Buch von Ilija Trojanow gefunden und nachdem er sich mit ihm in Kontakt gesetzt hat, hat er ein „Produzentencasting“ durchgeführt, das ich „gewonnen“ habe. Ich habe immer gute Ideen und suche nach ambitionierten Projekten, die meine Kenntnisse und Fähigkeiten weiter entwickeln können. „Die Welt ist groß…“ war eine richtige Herausforderung für mich, für das ganze Team und für das bulgarische Kino überhaupt. Die erfolgreiche Realisierung des Films wäre der Beweis für uns alle, dass die bulgarische Filmindustrie eine Zukunft hat, dass sie wettbewerbsfähig ist.
Das Produzententeam kommt aus Bulgarien, Deutschland, Ungarn und Slowenien. Was hat Ihnen die Mitarbeit mit so vielen internationalen Partnern beigebracht?
S. Kitanov: Für mich war diese Arbeit Vergnügen und Erfahrung zugleich. Karl Baumgartner (von uns Baumi genannt) habe ich Ende der 90er Jahre in einem Café in der Nähe vom Check Point Charlie kennengelernt. Seitdem verbindet uns eine gute Freundschaft und „Die Welt ist groß…“ wurde seine erste Koproduktion mit Bulgarien. Baumi hat enorme Erfahrungen mit Koproduktionen. Es war ein sehr langer und langsamer Produktionsprozess und für uns, die keine Erfahrungen mit einer so großen internationalen Produktion hatten, war das teilweise nervtötend. Aber später wurde uns klar, dass dies die Basis für die Professionalität des Endproduktes war.
Was haben Sie konkret von den deutschen Produzenten gelernt?
S. Kitanov: Die Erfahrung der deutschen Partner hat uns die „Spielregeln“ beigebracht. Aber das wichtigste, was ich von denen gelernt habe war Geduld: ich habe gelernt abzuwarten bis die Sachen reif werden und eine endgültige Form bekommen.
S. Komandarev: Was die professionelle Arbeit angeht, habe ich „meine“ Uhr nach „ihrer“ gestellt – der Unterschied war nicht zu groß – Gott sei Dank!
Die Arbeitsweisen unterscheiden sich oft auf der ganzen Welt. Was für Eindrücke hatten Sie von der deutschen Arbeitsmanier?
S. Komandarev: Ich würde nicht sagen, dass es einen wesentlichen Unterschied gegeben hat. Das ist vielleicht Teil der Globalisierung…
S. Kitanov: In der Kinoindustrie arbeitet man weltweit sehr ähnlich. Vor Jahren war alles anders, das stimmt. Die „westlichen“ Produktionen waren besser organisiert und viel schneller. Ich persönlich habe erst Mitte der 90er Jahre gelernt auf Hochtouren zu arbeiten.
Damals waren es die ersten fremden Produktionen in Bulgarien, die für eine Umstellung bei uns gesorgt haben. Heute sieht das aber anders aus: viele fremdsprachige Filme werden in Bulgarien gedreht, die bulgarischen Fachleute haben oft die Möglichkeit Teil von internationalen Teams zu werden und sie halten sehr professionell und gewissenhaft mit. Was die Schnelligkeit angeht, war das der Fall auch bei „Die Welt ist groß…“
Offensichtlich. Den Film haben Sie innerhalb von 48 Tagen gedreht – man kann ja schnell arbeiten, aber sie haben in vier Ländern gedreht. Gab es unangenehme Überraschungen, etwas, worauf Sie nicht vorbereitet waren?
S. Kitanov: Es war auch Glück, dass wir den Film fristgemäß gedreht haben. Die Wetterbedingungen sind dabei oft das wichtigste und das Wetter hat mitgespielt – zu 100% … Für die bulgarischen Verhältnisse hatten wir ein großes Budget (2 Mio. Euro), für die europäischen Verhältnisse waren wir eine „Low-Budget“ Produktion. Keiner unserer Partnern hätte die Dreharbeiten mit so einem Budget begonnen.
S. Komandarev: Ich würde nicht sagen, dass wir in Geld gebadet haben. Wir haben Kompromisse gemacht, aber vernünftige. Zwei Monate vor Drehbeginn haben wir die 16. Drehbuchfassung um 1/5 gekürzt, damit es ins Budget passte. Schade um einige Szenen, aber das ist die Realität. Wichtig ist, dass ein schöner Film entsteht.

Miki Manojlovic (Bai Dan)
In wie weit haben Sie sich an die Originalfassung (Autobiografie) gehalten?
S. Komandarev: Das Ziel war den Geist des wunderschönen Buches von Ilija Trojanow zu erhalten und ihn in die Filmsprache zu übertragen… deswegen sind wir ihm nicht strikt gefolgt…
S. Kitanov: Ja, es war eine richtige Herausforderung den Roman in die Filmsprache zu übersetzen. Und überhaupt war der Anteil der Übersetzungskosten im Budget grandios. Englisch, Deutsch, Slowenisch, Ungarisch, Französisch… Die Authentizität war das wichtigste bei den Dreharbeiten. Das ist der Film unserer Generation. Zweidrittel meiner Freunde sind emigriert, manche haben die gleiche Route wie im Film bzw. im Roman gewählt. Wir nahmen die Verantwortung wahr, und haben uns bemüht, die Geschichte auf eine aufrichtige und glaubwürdige Weise zu übertragen…

Hristo Mutafchiev (Vasko) & Stephan Komandarev
Herr Komandarev, Sie sind nicht nur Regisseur, sondern auch einer der Drehbuchautoren. In dieser doppelten Rolle kommt es oft vor, dass man persönlich erlebte Situationen in die Fiktion einbaut. Gab es bei Ihnen solche Momente?
S. Komandarev: Es gibt vieles aus meiner eigenen Kindheit – Gestalten, Empfindungen, Speisen, Melodien… Teilweise die Gemütlichkeit vom Haus meiner Kindheit… Die Szene auf dem Campingplatz, das Lied „so sage mir, du weißes Wölkchen“ sind Dinge, die ich persönlich irgendwo auf der Welt unter Bulgaren erlebt habe…
Teilen sie die gleiche Leidenschaft und eine ähnliche Lebensphilosophie wie die von Baj Dan? Welche ist Ihre persönliche Lebensphilosophie?
S. Komandarev: Backgammon habe ich wegen des Filmes gelernt. Ansonsten ist meine Lebensphilosophie ähnlich – ich glaube, dass es im Leben Meister gibt, die selber für ihr Schicksal die Verantwortung übernehmen, und andererseits gibt es Leute, die immer nur mit der Strömung schwimmen. Besser ist es ein Meister zu sein – ist aber auch schwieriger…

Fotos: Yana Blajeva
















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