Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic my-art page header image

Dienstag, den 31. Januar 2012

1 Februar, 2012 von · Keine Kommentare

AnnMarie Rudin

Tagebücher

Lille, 31-janvier. 12

Manchmal frage ich mich, wer mich hier erkennt. Wer sieht mich regelmäßig und denkt, aha, sie ist wieder unterwegs. Ich habe nicht viel mitgebracht und wegen des Wetters trage ich jeden Tag mehr oder weniger dasselbe jedes Mal, wenn ich in die Innenstadt gehe.

Ich habe einen grauen Mantel, der zu den Gebäuden und zu dem Regen gut passt. Aber ich trage rote Handschuhe, einen grauen Hut mit einer roten Rose und ich trage in der Hand eine überdimensionale Tasche, die auch scharlachrot ist. Ich bin der Meinung, dass rot mir gut steht und mit dieser Farbe kann ich herausstechen.

Ich nehme ab und zu andere Wege. Ich frage mich, ob es irgendjemand gibt, an dem ich immer wieder vorbeigehe. Ähnlicherweise frage ich mich, ob es irgendjemand gibt, der an mir vielmals vorbeigegangen ist! Das ist mir schon passiert, auch in kleineren Städten.

Ein Mann hat mich gesehen und erkannt und er hat angefangen, mich mit Winken und Lächeln zu grüßen. Da musste ich daran denken, ob jemand mein Kommen und Gehen bemerkt.

Ich war letztens mit Rafaëla, einer Freundin, unterwegs. Sie ist wirklich so nett. Ich weiß ihre Freundschaft zu schätzen. Wir können uns nur auf französisch unterhalten, aber bis jetzt haben wir einander gut verstanden. Ich hoffe, dass ich sie auch am Donnerstag treffen kann, um ihre Statistikveranstaltung zu besuchen.

Als ich mit Rafaëla unterwegs war, habe ich überhaupt nicht bemerkt, dass ich eine Nachricht bekommen habe. Zu Hause habe ich erfahren, dass der Künstler mir geschrieben hat. Er wollte wissen, wann ich ihn besuche. Ich habe geantwortet, dass ich am Abend einen Flug buche und ihm die Einzelheiten schicke.

Seine Nachrichten, immer mit Kosewörtern und Gefühlssymbolen, treffen mich jedes Mal wie ein Hammerschlag. Er hat mir angeboten, mich vom Flughafen abzuholen. Obwohl ich seine Großzügigkeit kenne, habe ich das gar nicht erwartet. Ich muss nichts erwarten. Die Überraschung ist für mich wundervoll.

Niemand ist zu meiner Veranstaltung gekommen. Ich habe gewartet und gewartet. Ich habe an die Tür geklopft. Dann habe ich aufgegeben und alles für den Abend, den ich noch mal mit JoAnn verbringen wollte, vorbereitet.

Ich bin zum Supermarkt gelaufen um Trostessen einzukaufen. Wir haben uns getroffen und wir sind zu mir gegangen um zu essen und den Film Bienvenue chez les Ch’tis anzuschauen. Vor uns hatten wir Baguette mit Marmelade, Butter und Nutella. Briekäse und Dauerwurst. Cashewnüsse und Oliven. Leffe Ruby. Als Nachtisch hatten wir Erdbeeren.

Ich hatte den Film schon gesehen. Meiner Meinung nach war es ein lustiger Film, aber nachdem ich den Film zum zweiten Mal gesehen hatte, bekam er eine ganz andere Bedeutung für mich. Der Film versucht Nord-Pas-de-Calais, die nördlichste Region Frankreichs, lächerlich zu machen.

Lille befindet sich in Nord-Pas-de-Calais. Ehrlich gesagt habe ich im letzten Monat Restaurants gesehen, die Ch’ti Küche anbieten. Sie haben mich an den Film erinnert, aber ich bin an solchen Restaurants ohne weiteres vorbeigegangen. Ich kenne so wenig von der Kultur und von der Sprache. Aber plötzlich war der Film nicht mehr fremd.

Es macht die Region, wo ich wohne, lächerlich. Die Figuren haben Lille und rue Nationale erwähnt. Von mir ist diese Straße vielleicht zwei Minuten zu Fuß entfernt. Die Protagonisten sind zu Vieux-Lille gefahren, um zu Abend zu essen.

Ich bin aufgestanden, um auf meine Landkarte zu schauen. Ich habe meinen Standort und beziehungsweise Vieux-Lille gefunden. Ich könnte dorthin einfach laufen. Ich habe mir vorgenommen, dass ich einmal dieses Restaurant besuchen werde.

Eine weitere Figur im Film war auf dem Bahnhof, den ich auch erkannt habe. Beim ersten Anschauen des Films wusste ich überhaupt nicht, wie bedeutungsvoll der Film werden würde. Jetzt schaue ich den Film an und ich denke: Ich war dort. Ich kenne das. Das ist da, wo ich wohne.

Ich habe in der Tat einen Flug nach Ei. gebucht. Sicherlich wird das Wochenende lustig sein. Endlich kann ich liebe Freunde, bekannte Straßen und den Künstler wieder sehen.

Und jetzt bin ich im Bett mit Balzac, der das Leben , die Liebe, den Ehrgeiz, die Empörung und die Ehe so klar erklären kann. Je l’aime.

Kategorien: Frontpage · Graffiti · Lebensfragen · Modern Times

Tags: , , , ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben