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Henrike Schmidt: Der Weg zu Elin Rachnevs Lyrik „Zimt“

14 März, 2013 von · Keine Kommentare

Henrike Schmidt über die Übersetzung aus dem Bulgarischen von Elin Rachnevs Gedichtband „Zimt“

„Zimt“ ist ein flammendes Liebespoem und zugleich kritische Reflexion über die Möglichkeit der Kunst.

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Wie entstand die Idee, Elin Rachnevs Lyrik zu übersetzen?

Mein Weg zu Elin Rachnevs Lyrik führt über einige Umwege. Und zunächst auf eine „Insel“. Gemeint ist die fiktive Anthologie Auf der Insel der Seligen (Na ostrova na blazhenite) des bulgarischen Modernisten und „Kulturträgers“ Pencho Slavejkov, erschienen im Jahr 1910. Diese „Insel“ ist ein einzigartiges Buch, eines der spannendsten der gesamteuropäischen Moderne, leider allerdings bis heute nicht ins Deutsche übersetzt.

Der Autor Pencho Slavejkov schiebt hier seine eigenen Texte rund zwanzig fiktiven Autoren – und einer Autorin – unter, denen er auch jeweils eine ausgedachte Biographie verpasst. Das ist eine kuriose Form des Selbstplagiats, die in der Weltliteratur ihres gleichen sucht.

Ganz frech postuliert Slavejkov diese eigenen Werke, die nur sehr vordergründig hinter den Masken der von ihm erfundenen Autoren verborgen sind, auch noch als „kanonisch“, als „mustergültig“ also für die ihm zeitgenössische bulgarische Literatur. Von der er im Übrigen jenseits des eigenen Schaffens keine wirklich hohe Meinung hatte.

Der Kontext für dieses faszinierende literarische Maskenspiel ist die Einschreibung der bulgarischen Literatur in die gesamteuropäische Moderne im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Nach Jahrhunderten der Dominanz durch das osmanische Reich ist Bulgarien nach seiner Befreiung im Jahr 1878 auf der Suche nach dem eigenen Platz in Europa.

Und schwankt dabei zwischen Selbststigmatisierung, d.h. der gelegentlich geradezu lustvollen Zelebrierung der eigenen Mängel, und Emanzipation von schnell rezipierten fremden Mustern. So jedenfalls die Stichworte in wissenschaftlichem „Slang“, die ich auch in dem von mir mitherausgegebenen Sammelband Die Literatur der bulgarischen Moderne im europäischen Kontext. Zwischen Emanzipation und Selbststigmatisierung? (München 2013) verwende.

Was macht nun Elin Rachnev auf dieser Insel? Er besucht sie als einer der Erben Slavejkovs. Und zwar in der Fake-Anthologie Auf der Insel der Seligen – fünf Kriege später, welche der Literaturwissenschaftler Atanas Natev im Jahr 1995 herausgegeben hat.

Hier ziehen nun zehn zeitgenössische Autoren – unter ihnen diesmal auch einige Autorinnen – die historischen Masken ihres Vorgängers an und spielen das Spiel mit ihren eigenen Texten weiter. Mit dabei auf dieser postmodernen Insel sind neben Elin Rachnev noch Blaga Dimitrova, Radoj Ralin, Ljubomir Levčev, Stefan Canev, Nikolaj Kǎnčev, Virginija Zacharieva, Bojko Lambovski, Mirela Ivanova und Georgi Gospodinov.

(In Klammern sei angemerkt, dass vor nicht allzu langer Zeit eine ähnliche literarische Mystifikation auch von einem deutschen Autor verfasst worden ist. Ich spreche von Marc Degens fiktiver Anthologie Unsere Popmoderne (Berlin 2011). Degens fingiert hier Biographien und Werke von über dreißig europäischen Autoren und Autorinnen.

Und bedient dabei souverän die unterschiedlichsten Gattungen und Stilistiken von popmoderner DJ-Prosa über den pornographisch-autobiographischem Bekenntnisroman bis hin zur Computer generierten Nonsense-Poesie. Die Leser/innen fielen reihenweise auf die Mystifikationen herein und bedrängten ihre Buchhändler, welche die neuen innovativen Autoren in ihren Katalogen partout nicht finden konnten.)

Neugierig geworden angesichts von Elins Insel alter ego habe ich mich im Netz, dem heute wohl prominentesten Nicht-Ort der Literatur, auf die Suche nach weiteren Texten von ihm begeben. Und stieß auf den Zimt-Zyklus, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Lesen und das Nachverfolgen von Bezügen zwischen literarischen Werken sind ja immer schon eine Form des intertextuellen Surfens, auf dem Papier oder eben digital. Und so kam ich über einige „Klicks“ von Slavejkov zu Rachnev.

Was fasziniert Dich besonders an Elin Rachnevs Lyrik?

Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass ich mich bisher primär mit seinem Gedicht-Zyklus Kanela (Zimt) beschäftigt und diesen ja auch ins Deutsche übertragen habe. Die früheren Gedicht-Bände und auch die Theaterstücke kenne ich weniger gut und meist nur in Auszügen. Die Gedichte des Zimt-Zyklus geben vor, reine Emotion zu sein. Und sind dabei doch künstlerisch bis ins letzte Detail durchdacht.

Dieses Spannungsverhältnis von Emotionalität und Form ist für mich als Literaturwissenschaftlerin die Faszination, die von dem Werk ausgeht. Im Gedicht scheint dieses Paradox in der wunderbaren Verszeile auf: „Ich weiß, dass ich dich nur über die Poesie haben kann. Und das verbindet mich total mit ihren würdevollen Formen“. Elin selbst – als empirischer Autor und nicht als lyrisches Subjekt – wird das vielleicht anders sehen.

Wenn ich ihn in unseren Gesprächen richtig verstanden habe, sind die Texte für ihn Emotion pur, authentisches Erlebnis. Mich interessiert, neben der Emotionalität der Empfindung, als Philologin aber vor allem die „Gemachtheit des Textes“, wie es die russischen Formalisten in ihrer Literaturtheorie ausgedrückt haben. Aber es ist ja eines der schönsten Bonmots der Literaturwissenschaft, dass der Autor selbst seinen Text am wenigsten interpretieren kann und für die literaturwissenschaftliche Analyse gerade keine Autorität darstellt.

Was nicht selten zu Auseinandersetzungen führt. Man denke nur an das gespannte Verhältnis zwischen Vladimir Nabokov und seinen philologischen Exegeten. Ich hoffe aber doch, dass Elin sich in meiner Übersetzung und der Analyse wiederfindet ;).

Die „Gemachtheit des Texts“ stellt für mich als Übersetzerin dann auch die besondere Herausforderung bei der Übertragung dar. Einzelne Wortwiederholungen, die über die Gesamtheit der Gedichte als rhythmisches Element eingesetzt werden, müssen erst einmal erfasst und dann genau wiedergegeben werden.

Gefährlich ist aber auch die Neigung zur übersetzerischen Über-Interpretation. Dann nämlich, wenn die Gedichte in ihrer Metaphorik so hermetisch sind, dass sie sich keiner im herkömmlichen Verständnis sinnvollen Lektüre unterziehen lassen. Da braucht es den Mut, einen Satz einfach so hinzuschreiben, wie er im Original da steht. Auch ohne dass er sich rational entschlüsseln ließe. In Elins Lyrik, die sich ja durch eine sehr dichte, man könnte vielleicht sogar sagen manische Metaphorik auszeichnet, ist das öfter der Fall. Wie ließen sich etwa die „Brotsegel des Untergangs“, wie es an einer Stelle im Gedicht heißt, sinnvoll auflösen?

Als Übersetzerin muss ich darauf achten, die Offenheit des Textes nicht zu sehr zu schließen, indem ich eine eigene Interpretation der rätselhaften Stellen anbiete. Aus dem Bedürfnis heraus, eindeutig verstehen zu wollen, wie wir es aus der Alltagskommunikation gewohnt sind. Die Poesie hingegen hat darüber hinaus noch eine andere klangliche, rhythmische und bildiche Wucht. Von einzelnen „dunklen“ Stellen in Rachnevs Lyrik abgesehen, ist gerade der Kanela-Zyklus aber durch seine klare Struktur gekennzeichnet.

Der Metaphernrausch mit seinen überbordenden Bildern ist eingepasst in ein Koordinatensystem, das sich zwischen den Polen Natur – Kultur, Emotion und Form aufspannt. Meisterhaft gemacht. Dies erschließt sich jedoch nicht über das einzelne Gedicht, sondern über die Lektüre des gesamten Zyklus hinweg. Auch dass ein Aspekt, der mir an Zimt besonders gut gefällt.

Wie kam es zum Erscheinen der Übersetzung in einem deutschen Verlag?

Ich habe das Glück, seit einigen Jahren mit dem sehr ambitionierten und experimentierfreudigen Leipziger Literaturverlag (einstmals Erata) zusammenzuarbeiten. Bereits vor einigen Jahren habe ich gemeinsam mit anderen Kollegen hier Übersetzungen des russischen Neo-Avantgardisten Sergej Birjukov veröffentlichen können.

Sergej schreibt in seiner „transrationalen Poesie“ Texte, die mit dem Klang der Sprache arbeiten und manchmal gänzlich über das Kriterium der Verständlichkeit hinausreichen. Das Verleger-Team um Viktor Kalinke und Mala Vikaite ist mutig und gibt auch Texte heraus, die anderswo aufgrund ihrer „Randständigkeit“ oftmals keine Chance auf eine Publikation hätten. Und verschaffen diesen Autor/innen und ihren Werken einen schönen Rahmen und ein würdiges Publikum.

Ich bin besonders froh, dass wir den Zimt-Band im Leipziger Literaturverlag platzieren konnten. In ihren literarischen Reihen edition neue lyrik und bibliothek OST – SÜDOST schaffen die Verleger einen weiter gefassten literaturgeschichtlichen Kontext, in den sich die einzelnen Bände einschreiben. Elin Rachnev befindet sich hier in schöner Nachbarschaft etwa mit den neu übersetzten Texten von Marina Zwetajewa, die er selbst so sehr bewundert und in Kanela auch direkt erwähnt.

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse stellt der Verlag seine Neuerscheinungen, seine Autor/innen und Übersetzer/innen in einer langen Nacht der Übersetzungen vor.

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Elin Rachnev. Zimt. Gedichte. Mit Zeichnungen von Koljo Karamfilow
ISBN 978 – 3 -86660 – 151 – 2, 174 S., zweisprachig

Leipziger Literaturverlag

Henrike Schmidt über sich:

Als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin beschäftige ich mit seit vielen Jahren an der Universität wie im ‚richtigen Lebenʻ mit den Ländern und Literaturen des östlichen Europa. Studiert habe ich neben Slavischer Philologie auch Osteuropäische Geschichte und Volkswirtschaft.

Und wenn Letztere in der praktischen Tätigkeit immer stärker in den Hintergrund getreten sind, so interessieren mich doch nach wie vor die zahlreichen Verbindungs- und Trennungslinien zwischen Kunst und Literatur auf der einen, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf der anderen Seite.

In den vergangenen rund zehn Jahren hat dies zu einer verstärkten Aus-einandersetzung mit den Neuen Medien und ihren politischen und ästhetischen Potenzialen insbesondere für Osteuropa geführt. Ergebnis ist ein Buch über die Erscheinungsformen der russischen Literatur im Internet, zwischen Netzaktivismus und neuer Polit-Propaganda, Medienelite und Laien-Autorschaft.

In diesem Rahmen bin ich auch als Mitherausgeberin der internationalen Online-Zeitschrift „Digital Icons. Studies in Russian, Eurasian and Central European New Media“ aktiv, in der neben Wissenschaftler/innen auch Künstler/innen und Netzpraktiker aus der Region ihre Erfahrungen mit den Neuen Medien beschreiben und analysieren.

Als Ausgleich für den produktiven Stress, den die Dynamik der Netzwelt hervorruft, schätze ich die eher langsame und zeitintensive Arbeit an literarischen Übersetzungen, bisher vorrangig aus dem Bereich der Lyrik. Erschienen sind Bände mit meinen Übersetzungen der russischen Avantgarde-Dichterin Nina Chabias sowie der zeitgenössischen Dichter/innen Sergej Birjukov und Anna Altschuk, die beide an der Grenze des visuellen und des klanglichen Erscheinungsbilds der dichterischen Sprache balancieren, ein Balance-Akt, den ich in der übersetzerischen Arbeit mit großem Vergnügen nachzuvollziehen versuche.

Buch
– Russische Literatur im Internet. Zwischen digitaler Folklore und politischer Propaganda. Bielefeld: Transcript, 2011.

Übersetzung
– Nina Chabias. Guttapercha des gänsehäutigen Gehänges. Gedichte. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Henrike Schmidt. Mit einem Vorwort von Sergej Birjukov und Illustrationen von Djamal Djumabaeva. Edition Erata: Leipzig, 2008.

Web
– Digital Icons. Studies in Russian, Eurasian and Central European New Media, www.digitalicons.org

Kategorien: Frontpage · Modern Times

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