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Dr. Jochen Golz: Die Verfassung unserer modernen Welt bietet immer wieder Anlass, sich auf Goethe und die Maximen seines Denkens und Handelns zu besinnen

20 Februar, 2013 von · Keine Kommentare

Interview mit dem Präsident der Goethegesellschaft in Weimar Dr. phil. habil. Jochen Golz
Interviewerin: Rossitza Yotkovska

Dr. phil. habil. Jochen Golz

Die Goethe-Gesellschaft in Weimar ist eine wissenschaftlich-literarische Gesellschaft internationalen Charakters. Gemäß ihrer Satzung will sie im In- und Ausland “zur vertieften Kenntnis Goethes, seines Umfeldes und seiner Bedeutung für die Gegenwart” beitragen “und der ihm gewidmeten Forschung Anregungen” geben.

Sie wurde 1885 gegründet. Wenige Monate später besaß sie bereits 1600 Mitglieder im In- und Ausland. Jetzt zählt etwa 3000 Mitglieder in 50 Ländern der Welt.

Die wissenschaftlichen Publikationsorgane der Gesellschaft sind das Goethe-Jahrbuch und die Schriften der Goethe-Gesellschaft. Das Goethe-Jahrbuch enthält Abhandlungen zur Goethe-Forschung, Rezensionen wichtiger Neuerscheinungen, Berichte zur Tätigkeit der Goethe-Gesellschaft, ihrer Ortsvereinigungen und ausländischen Gesellschaften sowie eine Goethe-Bibliographie. Die Schriften der Goethe-Gesellschaft erscheinen seit 1885.

Mit dem 1993 von Prof. Dr. Werner Keller ins Leben gerufenen Stipendiatenprogramm fördert die Goethe-Gesellschaft jüngere Goethe-Forscher aus vorwiegend ost- und südosteuropäischen Ländern, aber auch aus allen Regionen der Welt.

Gleichsam der Puls der Goethe-Gesellschaft sind die Ortsvereinigungen. Das sind literarische Vereinigungen, die Kenntnisse über Leben und Werk Goethes, über die Weimarer Klassik und ihre Wirkung an Interessierte aus allen Bevölkerungsschichten vermitteln. In ihnen – und es gibt sie in nunmehr 59 Städten Deutschlands – findet das Vereinsleben der Gesellschaft sozusagen vor Ort statt: Vorträge, Lesungen, Soireen und Exkursionen.

Korporative Mitglieder der Goethe-Gesellschaft sind auch die 40 Goethe-Gesellschaften im Ausland. In den letzten Jahren ist es gelungen, Goethe-Gesellschaften zu gründen in Bulgarien, Serbien, Italien, Indien, China, Rumänien, in Tschechien, der Slowakei und in Kolumbien.

Weiter Information finden Sie auf http://www.goethe-gesellschaft.de

Tagungsbüro monami
Kulturzentrum “mon ami” – Tagungsbüro der Goethegesellschaft in Weimar

Wenn Sie Goethe vor einem Auditorium präsentieren müssen, das sein Werk nicht kennt, wie würden Sie ihn vorstellen?

Prinzipiell gäbe es zwei Möglichkeiten, wobei in jedem Falle kurze Informationen zu Goethes Leben unerlässlich wären. Man könnte Goethe als Dichter des „Faust“ vorstellen, in dem sich die Probleme seines Lebens und seiner Epoche spiegeln. Günstiger wäre es aus meiner Sicht, Goethe mit einigen seiner schönsten Gedichte vorzustellen, weil sich in ihnen die ganze Spannweite der menschlichen Existenz zu erkennen gibt und sie insofern aktuell bleiben.

Johann-Wolfgang-von-Goethe
Johann Wolfgang von Goethe, Maler: Joseph Karl Stieler

Was ist für Sie das Wichtigste in seinem Werk und in seinem Leben, das auch auf die Gegenwart Einwirkung hat, für welche Probleme der heutigen Gesellschaft finden Sie Lösungen in seinem Werk?

Im Anschluss an die erste Antwort: Die aktuelle Bedeutung von Kunst besteht für mich unabhängig von ihrer Entstehungszeit darin, dass in ihr Probleme zur Sprache gebracht werden, die das Problembewusstsein des modernen Menschen schärfen, seine Gedanken- und Gefühlswelt formen und bereichern.

Blicke ich auf die gegenwärtige Weltverfassung, so will ich auf zwei Problembereiche hinweisen, für die Goethes Werk uns Hinweise und Handreichungen gibt: Zum einen Goethes Vorstellung vom Naturganzen, in das Mensch und belebte wie unbelebte Natur gleichermaßen einbezogen sind; dieses Ganze der Natur verantwortlich zu schützen und zu pflegen ist die Voraussetzung für dessen Erhaltung. Umweltschutz, könnte man sehr verkürzt sagen, ist unter dieser Prämisse Schutz des Menschen selbst.

Zum anderen Goethes Plädoyer für historisches Verstehen und daraus erwachsendes Verstehen des Anderen, wie man es an zahlreichen Texten, nicht zuletzt an seinem „West-östlichen Divan“, ablesen kann. In den aktuellen Debatten um Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass kommt Goethes Gedanken große aktuelle Bedeutung zu.

Goethehaus Weimar
Goethehaus am Frauenplan in Weimar, Innenhof

Wie haben Sie für sich selbst Goethe entdeckt und wie begann Ihre persönliche Zuneigung zu ihm?

Als ich vierzehn Jahre alt war, erhielt ich zum Abschluss der Grundschulzeit als Prämie eine dreibändige Schiller-Ausgabe, in der ich fleißig gelesen habe. Wenig später schenkten mir meine Eltern eine zehnbändige Goethe-Ausgabe, die ich von Anfang bis Ende durchstudiert habe. Noch vor dem Abitur wurde ich Besitzer der ersten Bände der damals maßgebenden Goethe-Ausgabe in der DDR, der Berliner Goethe-Ausgabe, und auch einiger Bände der historisch-kritischen Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften.

Das alles hängt zusammen mit meiner persönlichen Hinwendung, befördert durch das Vorbild von Lehrern und älteren Mitschülern, mit etwa fünfzehn, sechzehn Jahren zur Kunst der Vergangenheit überhaupt, nicht zuletzt auch zur klassischen und romantischen Musik; bis heute bin ich ein eifriger Sammler von Musikaufnahmen geblieben.

Goethe Schiller Denmal Weimar
Das Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar

Inwieweit ist die Tätigkeit der Goethe-Gesellschaft in Weimar für Sie und für die einzelnen Mitglieder eine offizielle und inwieweit eine persönlich erlebte Beziehung, kann man Beides trennen?

Um mit mir zu beginnen: Mein Amt in der Goethe-Gesellschaft ist ein Ehrenamt, keine berufliche Verpflichtung (darum auch mit keinerlei finanziellen Zuwendungen verbunden). Wenn man sich zu einem Ehrenamt bereit findet, sollte man neben der Kenntnis des Autors und der Liebe zu ihm auch die Bereitschaft mitbringen, sich für die Pflege und Verbreitung seines Werkes einzusetzen, und zwar auf allen Ebenen.

Wenn ich zurückblicke, so haben mir meine Amtsjahre neben einem großen, unerlässlichen Pflichtenpensum – der „Forderung des Tages“ im Sinne Goethes – zahlreiche Begegnungen mit klugen und gebildeten Menschen in Deutschland und weit darüber hinaus gebracht, die gleich mir von der großen Bedeutung Goethes auch in unserer modernen Welt überzeugt sind und dafür mit ihren Kräften einstehen möchten.

Damit bin ich schon bei den Mitgliedern, bei denen die „persönlich erlebte Beziehung“ in meinen Augen die entscheidende Rolle spielt. Darauf gründet auch ein Verhältnis persönlichen Vertrauens zwischen Mitgliedern und Vorstand, das im Prinzip jede literarische Gesellschaft, ganz besonders aber auch die Goethe-Gesellschaft charakterisiert.

Geschäftsstelle
In der Geschäftsstelle der Gesellschaft:
Dr. Petra Oberhauser, Dr. phil. habil. Jochen Golz, Frau Cornelia Brendel

Der Name von Goethe ist kommerziell geworden – durch seinen Namen wird alles verkauft – von Kaffee und Ginko-Samen bis Kleider und Juwelen. Würden Sie eine Grenze zwischen dem gerechtfertigten und dem manipulativen Gebrauch seines Namens ziehen?

Eine solche Grenzziehung kann nur theoretisch erfolgen, denn eine Welt des globalen Kommerzes, die auf Profit und Profitorientierung ausgerichtet ist und sich dabei aller Mittel der Werbeindustrie bedient, gehorcht ihren eigenen Gesetzen, die wir gar nicht beeinflussen können. Man kann das mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen.

Salve
Goethehaus in Weimar, Eingangsbereich

Wenn in Weimar Fußmatten mit dem Aufdruck „Salve“ (dem Willkommensgruß in Goethes Haus am Frauenplan) verkauft werden, wenn ein Weimarer Graveur Eheringe nach dem Muster von Goethes Ehering anfertigt, halte ich das für gute und geschmackvolle Geschenke, die dem Käufer Goethe auf eine unaufdringliche Weise nahe bringen, gelegentlich werden diese Dinge auch aus einer bereits vorhandenen Beziehung zu Goethe heraus erworben. Auch das Gingko-Geschäft würde ich tolerieren.

Das andere Extrem stellen bestimmte Produkte der Porno-Industrie dar, traurige Beispiele für einen Kommerz, der sich Goethes Namen als Werbeträger bedient und alle Vorurteile bedient, die landläufig über Goethe im Schwange sind. Das alles kann man beobachten und kritisieren, aber leider nicht verändern.

Goethe Schürze
Goethe Krawatte
Goethelarge

Stipendiaten der Goethe-Gesellschaft in Weimar sind Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Würden Sie manche der besonders interessanten Leistungen erwähnen?

Eine direkte Antwort fällt mir schwer, weil die Frage ein komplexes Problem berührt. Unsere Stipendiaten kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen nach Weimar, einige stehen am Anfang ihrer wissenschaftlichen Vorhaben, andere sind auf dem Wege, ihre Dissertation oder Habilitation abzuschließen, wieder andere wollen Texte Goethes übersetzen oder die Aufführung eines Stückes von Goethe in ihrem Heimatland vorbereiten.

Ihnen allen wollen wir exzellente Arbeitsbedingungen schaffen, wie sie von den Voraussetzungen her in Weimar gegeben sind, und sie ein Stück auf ihrem Weg voranbringen. Bei der Vielzahl ganz unterschiedlicher Projekte fällt es mir schwer, einzelne hervorzuheben. Soll ich die junge Moskauer Germanistin nennen, die nichts weniger unternahm als eine metrische Übersetzung des „Faust“ ins Russische, soll ich eine junge bulgarische Germanistin nennen, die sich auf einem sehr hohen theoretischen Niveau präsentiert hat, soll ich den koreanischen Wissenschaftler nennen, der in Deutschland sich um erweiterte Kenntnisse der Goethe-Rezeption bemüht, zugleich aber die politische Situation in Deutschland im Blick hat, weil sie unter Umständen für die Entwicklung seines Heimatlandes von Bedeutung sein könnte? So viele Probleme, so viele gute Beispiele.

Als der damalige Präsident und jetzige Ehrenpräsident unserer Gesellschaft, Prof. Keller, 1993 das Stipendiatenprogramm begründete, war sein Erfolg nicht abzusehen. Inzwischen sind über 200 Stipendiaten zu Gast in Weimar gewesen. Mit vielen bleiben wir in Verbindung.

VortragGolz
Ein Vortrag von Dr. Golz in Karlsruhe

Durch die Tätigkeit der Goethe-Gesellschaft stehen Sie in Kontakt auch mit Bulgarien. Haben Sie schon tiefere Eindrücke über das Land und die Menschen?

Seit langem unterhält die Goethe-Gesellschaft gute Beziehungen zur bulgarischen Germanistik, was sich u.a. in der wiederholten Einladung von Stipendiatinnen und Stipendiaten dokumentiert. Gegenwärtig ist die Vorsitzende der bulgarischen Goethe-Gesellschaft, Frau Prof. Burneva, Mitglied in unserem Vorstand und leistet dort sehr gute Arbeit. Auf unserer nächsten Hauptversammlung wird sie das Podium „Goethe weltweit“ moderieren.

Ich selbst informiere mich regelmäßig in den Medien über die Probleme jener Länder, mit denen die Goethe-Gesellschaft Kontakte unterhält. Leider hatte ich noch keine Gelegenheit, Bulgarien zu besuchen. So bin ich zwar seit langem über das hohe Niveau der bulgarischen Germanistik gut informiert, was mir aber fehlt und was sich vielleicht einmal nachholen lässt, ist die konkrete Kenntnis von Land und Leuten.

Würden Sie auch über die künftige Tätigkeit der Gesellschaft erzählen, welche Veranstaltungen und Projekte stehen bevor?

Alle zwei Jahre führt die Goethe-Gesellschaft eine Versammlung ihrer Mitglieder durch, die so genannte Hauptversammlung, die den Charakter eines wissenschaftlichen Kongresses mit einem kulturellen und geselligen Beiprogramm hat. Vom 22. bis 25. Mai 2013 findet die Hauptversammlung in Weimar statt, sie steht unter dem Thema „Goethe und die Weltreligionen“. Auf der Homepage der Goethe-Gesellschaft kann man sich über die genauen Abläufe informieren.

Natürlich werden auch in diesem Jahr wieder Stipendiaten eingeladen. Für den September 2013 planen wir eine wissenschaftliche Tagung mit ehemaligen Stipendiaten in Weimar, die dort über ihre inzwischen erzielten wissenschaftlichen Fortschritte Auskunft geben sollen. Natürlich soll ihnen auch Gelegenheit gegeben werden, Weimar und seine Umgebung wieder kennen zu lernen, denn es hat sich in jüngerer Zeit in Weimar viel verändert. Wir hoffen, dass wir dafür Geld von einer privaten Stiftung erhalten, und natürlich werden wir, wenn Einladungen ausgesprochen werden, auch unseren Blick auf Bulgarien richten.

Jahrbuch

Das Goethe-Jahrbuch wird wie gewohnt im Juni 2013 herauskommen, und etwa im September 2013 wird ein weiterer Band in den Schriften der Goethe-Gesellschaft erscheinen, eine Dokumentation der zeitgenössischen Rezeption von Goethes Roman „Wahlverwandtschaften“.

Was würden Sie den Goethe-Liebhabern für die Zukunft wünschen?

Diesen Liebhabern würde ich wünschen, dass ihre Liebe zu Goethe nicht erkaltet. Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, an der fortdauernden Gegenwärtigkeit von Goethes Denken und Dichten zu zweifeln, Die Verfassung unserer modernen Welt bietet immer wieder Anlass, sich auf Goethe und die Maximen seines Denkens und Handelns zu besinnen.

Wer sich unserer Gesellschaft anschließt, kann dafür vielfältige Anstöße erhalten, in seiner Hinwendung zu Goethe bestärkt werden.

Ich danke Ihnen für dieses Interview!

Schloss_Weimar_-_Panorama
Stadtschloss Weimar

Kategorien: Frontpage · Graffiti · Modern Times · Um die Welt

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