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Edward Vick: “Warum lesen Bulgaren nicht die heimische moderne Literatur?”

8 August, 2009 von · 2 Kommentare

Interview von Dessislava Georgieva mit Edward Vick

Edward Vick

Edward Vick wird in Kanada geboren und wächst in England auf. Nach seinem Studium der englischen Literatur in Cambridge arbeitet er zunächst als Marketing Manager im Tourismus- und Versicherungswesen.

1991 gründet er EVS Translations – heute ein führendes europäisches Übersetzungsunternehmen mit Niederlassungen in Großbritannien, Deutschland, der Ukraine, Irland, Polen, Spanien und Bulgarien. Darin sieht Edward Vick viele seiner Interessen und Fähigkeiten kombiniert, vor allem Sprachen und Wirtschaft.

Im Februar 2004 gründet er die Vick-Stiftung mit dem Ziel, die bulgarische Romanliteratur in und außerhalb Bulgariens zu fördern und zu popularisieren. Im Mittelpunkt der Stiftung steht der Vick-Preis, der im Rahmen eines jährlich stattfindenden Wettbewerbs für den besten bulgarischen Roman vergeben wird. Neben einem Geldpreis erhält der Gewinnerautor die Möglichkeit, seinen Roman kostenlos ins Englische übersetzen zu lassen. Denn „Sprache ist der Schlüssel, der Schlüssel zur Verständigung, der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Edward Vick.

Edward Vick

Wann waren Sie zum ersten Mal in Bulgarien?

Vor knapp 10 Jahren.

Können Sie sich noch an Ihre ersten Eindrücke und Emotionen erinnern? Wie häufig besuchen Sie das Land?

Ja, vor der EU-Erweiterung. Ich hatte mehr erwartet, war eigentlich überrascht von den Grautönen und der Anhäufung von Plattenbauten in der Stadtmitte von Sofia oder auch den endlosen Ketten von geschlossenen Fabriken. Seitdem habe ich das Land ca. 40 Mal besucht.

Im Jahr 2004 haben Sie die Vick-Stiftung in Bulgarien gegründet, um die bulgarische Literatur im Land und außerhalb zu fördern. Wieso haben Sie sich ausgerechnet für dieses Land entschieden?

Weil EVS Translations ein Büro im Land hatte und mir die Hoffnungslosigkeit der meisten Schriftsteller bewusst geworden ist. Die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt, war auch, dass der EU–Beitritt das internationale Interesse an Bulgarien bzw. an der Literatur beschleunigen würde.

Wie entstand die Idee der Vick-Stiftung und des Literaturwettbewerbs?

Als ich in der Schule in England war, hat mein Lehrer Stanley Mittelton den Bookerpreis gewonnen. Er ist mir durch das ganze Leben eine Art Ansporn gewesen, Sprachen und Beruf zu kombinieren. Das trifft 100% zu im Fall Bulgarien.

Können Sie sich vorstellen, dass das Konzept der Vick-Stiftung oder ein ähnliches Modell auch in anderen Ländern funktioniert?

Sicherlich, aber es sind sehr viel Ausdauer, finanzielle Mittel, Enthusiasmus und ein wunderbarer Manager notwendig, der das alles mitträgt und die Fähigkeit besitzt, das absolute Desinteresse des Landes zu ignorieren.

Gibt es vergleichbar professionelle Literaturwettbewerbe in Bulgarien?

Nein.

Die Gewinner des Vick-Preises erhalten zusätzlich zum Geldpreis die Möglichkeit, ihre Romane kostenlos ins Englische übersetzen zu lassen. Wurden die Übersetzungen veröffentlicht und haben Sie diese gelesen?

Die englischen Übersetzungen wurden nicht veröffentlicht. Die Übersetzungen von allen Gewinnern habe ich gelesen.

Wie schätzen Sie den bulgarischen Buchmarkt ein? Er hat sich seit Ihrem erstmaligen Engagement in 2004 sicherlich verändert.

Er ist undurchsichtig. Es ist fast unmöglich an Auflagenzahlen zu kommen, besonders wenn man die Autoren fragt. Es gibt natürlich Zeichen der Belebung. Am Anfang gab es in dieser Richtung nichts. Jetzt gibt es Buchläden, die gut organisiert sind und eine gute Auswahl bieten. Das Distributionssystem hat sich nicht grundlegend geändert.

Ein Literaturmarkt existiert nach wie vor nicht wirklich. Die Auflagen sind verschwindend gering. Es ist fast unmöglich, bulgarische Literatur in die Hände zu bekommen, wegen den kleinen Auflagen. Das Interesse spielt sich eher in Literaturzeitschriften und -programmen ab, die aus einem kleinen Kreis von Literaturinteressierten, -schreibern und -kritikern bestehen.

Haben Sie den Eindruck, dass die bulgarische Leserschaft eher zu ausländischen Büchern greift, als sich der heimischen Literatur zu widmen? Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Natürlich, es wird viel mehr im Ausland geschrieben. In Bulgarien werden 60 Romane pro Jahr mit einer Gesamtauflage von max. 50.000 geschrieben. Es ist dann kaum verwunderlich, dass die ausländischen Bestseller gelesen werden. Und die meisten Bücher in Bulgarien sind eigentlich nicht für eine große Leserschaft geschrieben worden, wie unser erster Gewinner bestätigt hat. Seine Erstauflage hatte 200 Exemplare. Er hätte viel besser geschrieben, wenn er gewusst hätte, dass ihn eine große Leserschaft erwartet. Jemand, der schreibt, um gelesen zu werden, schreibt anders als die meisten anderen Autoren.

Viele zeitgenössische Autoren in Bulgarien besinnen sich vermehrt auf die gesellschaftliche sowie politische Gegenwart und nahe Vergangenheit des Landes. Würden Sie dieses Phänomen als typisch osteuropäisch bezeichnen?

Natürlich muss man die neue Vergangenheit verarbeiten, gleichzeitig stößt das aber möglicherweise nicht auf großes Interesse im Ausland.

Die bulgarische Literatur bedient eine kleine Nische innerhalb der Literatur Europas. Darin liegt sicherlich das Problem der niedrigen Übersetzungsrate begründet. Was denken Sie, wieso sind ausländische Verlage zunächst skeptisch, wenn es um Balkanliteratur geht?

Warum soll ein ausländischer Verlag in ein Buch investieren, wenn nicht mal 20.000 Leute es bisher gelesen haben? Und das ist schon absolut rekordverdächtig für den bulgarischen Markt. Die eigentliche Frage hier ist, warum Bulgaren nicht die moderne Literatur aus dem eigenen Land lesen.

Schlummern unter den heutigen bulgarischen Büchern womöglich zukünftige Klassiker?

Ich denke, wenn Bulgaren diese Frage eher mit nein beantworten, muss ich das akzeptieren.

Was würden Sie den jungen bulgarischen Schriftstellern gerne mit auf den Weg geben?

Schreiben Sie in Englisch. Wagen sie, auf einer großen Leinwand zu schreiben und vergessen Sie die Kritiker in Bulgarien.

Ihr geschäftliches und kulturelles Engagement für und in Bulgarien lässt vermuten, dass Sie darin ein Land mit Zukunft sehen. Was spricht für diese These?

Ich habe vollstes Vertrauen in die Zukunft Bulgariens und seine Menschen, seine Ressourcen und sein Durchsetzungsvermögen. Bulgarien hat auf jeden Fall durch den EU-Beitritt gewonnen. Was ich mich aber frage ist, warum sich diese Meinung nicht in der Nettoeinwanderungszahl widerspiegelt. Ich freue mich auf die Zeit, wenn die Bulgaren ihr Land wieder lebenswert genug finden, um zurückzukehren. Denn dann ist die Zeit für Bulgarien wirklich gekommen.

Welche Rolle spielt die Sprache in Ihrer persönlichen und beruflichen Biografie?

Eine große Rolle. Als Engländer habe ich Englisch studiert, dann bin ich ausgewandert, habe Sprachen gelernt und mich damit beschäftigt. Nach 30 Jahren in Mitteleuropa ist es Zeit für mich zurückzukehren, was ich jetzt auch tue.

Sie sind in Amerika und England aufgewachsen, sind viel in Europa und Asien gereist. Würden Sie sagen, dass dieser kosmopolitische Lebensstil Ihre persönliche und berufliche Entwicklung beeinflusst hat? Welche Länder sind Ihnen am stärksten ans Herz gewachsen?

Auf der einen Seite bin ich eifersüchtig auf viele Bekannte, weltweit, die an einem Ort oder in einer Stadt aufgewachsen sind und immer noch dort leben. Sie haben ihre eigene lokale Tradition. Dieses Gefühl habe ich nie gehabt. Wenn man Paris 100 Mal gesehen hat oder Bangkok 20 Mal, hat man Sehnsucht „nach Hause“ zu kommen und einfach die eigene Tradition zu finden. Andererseits ist meine Tradition eine Mischung aus dem Besten, was ich überall erlebt habe, auch in Bulgarien.

Stichwort „Britischer Humor“. Was fällt Ihnen dazu ein?

Britischer Humor ist am besten in England zu genießen, wo er manchmal verstanden wird. Als Exportprodukt ist er kaum geeignet.

Können Sie sich für die bulgarische Küche begeistern? Welche Länder decken Ihre kulinarischen Vorlieben ab?

Leider ist die bulgarische Küche in Bulgarien unterrepräsentiert. Es ist ganz schwer, echte bulgarische Küche in einem Restaurant zu finden. Die Leute, die in Bulgarien Geld ausgeben möchten, möchten das nicht unbedingt in einem bulgarischen Restaurant tun. Leider heißt das, dass man die Qualität der bulgarischen Küche dann nur im privaten Umfeld genießen kann. Diese Gelegenheit hatte ich glücklicherweise schon.

Wann und worüber haben Sie zuletzt herzlich gelacht?

Über meine Antwort zu Frage Nummer 14 (Welche Rolle spielt die Sprache in Ihrer persönlichen und beruflichen Biografie?).

Kategorien: Art Café · Frontpage · Um die Welt

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2 Kommentare bis jetzt ↓

  • maria // 8 Aug, 2009 //

    Können Sie hier bitte sagen, welche die geförderten Autoren von der Stiftung waren und warum ihre Übersetzungen ins Englische nicht veröffentlicht wurden

  • Edward Vick // 19 Aug, 2009 //

    Liebe/r Leser/in,
    es gibt 6 Gewinner. Alle Gewinnertitel der Vick Foundation wurden übersetzt. Trotz der Hilfe bei der Übersetzung ins Englische durch die Vick Foundation wurde kein Gewinnertitel von einem ausländischen Verlag aufgegriffen.

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