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Ein Haus am Fluss

27 Januar, 2011 von · Keine Kommentare

Georgy Milev


Foto: [ r ♥ c e y t ♥ y ] {I br♥ke for bokeh}

an Wanja und Bozhidar mit Zuversicht

Ich sehe deutlich den Fluss. Er ist breit, wasserreich, und genau dort, vor dem Haus, macht er eine weiche Kurve. Das hier ist eigentlich der dritte von dutzenden weiteren Mäandern, weil hier der Anfang der Ebene ist. Er ist tief genug, um ohne Strudel zu sein. Das Wasser ist ruhig, ohne Wirbel.

Es gibt dort keine Pappeln, welche sich sonst zu hunderten entlang dem Ufer erheben, keine Sträucher und keine kleinwüchsigen Wäldchen wie diese, die weiter oben reichlich vorhanden sind. Wenn wir uns die Karte anschauen, werden wir bemerken, dass das hier das untere Flussende ist, kurz bevor der Fluss in einen anderen einfließt. In einen wasserreicheren und breiteren Fluss, welcher auch schiffbar ist. Aber dieser ist auch nicht klein. Im Gegenteil – er ist ein ganz ordentlicher Fluss und vollkommen ausreichend für eine Landschaft mit einem Haus und einem Fluss.

Hätten wir einen Neoprenanzug an, Taucherbrille und eine Flasche oder wären wir sogar nur mit Taucherbrille und mit einem Schnorchel ausgerüstet, könnten wir unter Wasser tauchen. Obwohl das Wasser leicht trüb ist, kann man hindurch gut sehen. Wir werden feststellen, dass die tiefsten Bereiche nicht mehr als drei Meter messen und dort, wo der Fluss über das Ufer tritt – etwa einen halben Meter. Wir werden sofort den Reichtum an Flussbewohnern bemerken, hauptsächlich Fische. Falls wir erfahren sind, werden wir sowohl die zahlreichen Fischschwärme von kleinen Mairenken erkennen, als auch die langsameren, aber größeren Herden von Carassius, in diesem Gegend als Taranki bekannt.

Es fehlen auch nicht die Flusskarpfen, welche im Unterschied zu den Seekarpfen einen spindelförmig langgezogenen Körper haben und flinker sind. In den Stromstillen am Flussgrund ruhen mittelgroßen Welse, still auf ihre Beute wartend. Mit Sicherheit warten die Welse nicht auf euch, denn ihr seid zu groß. In den algenreichen unterwaschenen Ufern befinden sich Krebse und in den steinernen Stromschnellen flussabwärts Barben.

Das Haus hat zwei Stockwerke. Es ist nicht alt, aber auch nicht neu. Aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Mit drei Flügeln. Es ist klein, aber nicht ganz klein. Verglichen mit dem Fluss dort vorne und mit dem schiffbaren Fluss weiter unten, ist es kleiner, aber das ist auch subjektiv.

Gemessen an der Anzahl der Fenster – im oberen Stock befinden sich mindestens vier Schlafzimmer und im unteren, außer die obligatorische Küche, gibt es drei weitere Zimmer. Es gibt einen großen Hof, aber er breitet sich hinter dem Haus aus. Das Haus selbst ist nah am Ufer, wir würden sagen – es ist sogar in einer gefährlichen Nähe, unter der Berücksichtigung den Schwankungen des Wasserspiegels im Herbst und im Frühjahr .

Bald jedoch stellen wir fest, dass es auf einem niedrigen Felsen erbaut ist, so was wie eine winzige Nase, hoch genug, um den Hausgrund immer sicher vor der Flut zu halten. Irgendwann im Gelb gestrichen, ist es heute erblasst. Aber die Farbe ist immer noch zu erkennen, so ist es sogar noch geheimnisvoller, ohne ängstigend zu wirken.

Der Hof ist flach, umgeben von einer erhaltenen Steinmauer, nicht höher als ein großer, auf seinen hinteren Pfoten aufrecht stehender Hase. Er ist leer und es gibt dort keine weiteren Bäume, außer zwei alte Walnussbäume – der eine in der Ecke, fast auf dem Feld, und der anderen hinter dem Haus, so nah, dass es wie eine grüne Krone, die auf dem Haus gewachsen ist, wirkt.

Wir wissen nicht, ob jemand in diesem Haus lebt – ihrer äußeren Erscheinung nach, ist das Haus nicht völlig vernachlässigt, was bedeuten soll, dass es jemanden gibt, der sich um das Haus kümmert. Andererseits sind nie Leute innen oder im Hof zu sehen; auch nicht im August oder am Wochenende. Nähern wir uns von dem gegenüber liegenden Ufer oder mit einem Schlauchboot, werden wir sehen, dass auf dem oberen Stockwerk, hinter dem Fenster des Hausflügels, welcher uns am nähesten ist, eine Gardine hängt – eine weiße, bis zur Fenstermitte reichend. Sie ist so hell, als ob sie gestern gewaschen worden ist, was ein Geheimnis bleibt.

Niemand hat dieses Haus je gemalt. Nicht, dass es nicht zum Malen interessant wäre – ganz im Gegenteil. Die Nähe des hellen, ruhigen, aber doch fließenden Flusses, die Lage des Hauses auf dem niedrig erhobenen Felsen, der saubere Hof, knabbernd an dem zurückweichenden Feld und der endlose Himmel, auch wenn er manchmal mit Wolken bedeckt ist, die den Horizont verschwommen erscheinen lassen – all das schafft eine innere Dynamik, und warum auch nicht – eine Spannung zwischen dem human eroberten Territorium und der sauberen, intakten Natur; das alles steht für den geheim gehaltenen Seelenwunsch nach eine Verlangsamung, die uns zurückführt zu den grundlegenden Fragen der Existenz und der Einfügung, zu den Fragen des Natürlichen, und, wenn sie wollen – auch der Frage der Natur. Und ist nicht genau das der Grund – diese Transparenz des potentiellen Sinneinflusses, die Angst vor einem aus der Reinheit der Botschaft entsprungenen Klischee? Oder ist es einfach der Widerstand gegen eine überholte Ästhetik? Wir werden es nicht erfahren und es spielt wahrscheinlich gar keine Rolle. Zurzeit genügt es uns vollkommen, zu betrachten und an nichts zu denken.

Aber siehe da auf dem Feld! Irgendwo in der Weite bemerken wir einen kleinen, roten, sich langsam fortbewegenden Punkt. Wir haben keine Eile und schauen still in seine Richtung, warten, um zu sehen, was das ist. Bald erkennen wir, dass es ein Mensch ist, der geradeaus durch das Gras auf uns zu und in Richtung des Hauses läuft. Viele Minuten vergehen, bevor der Punkt hinreichend groß wird und Gliedmaßen zeigt. Es wird klar, dass es eine Frau ist. Nein, wir haben ins geirrt, verdammte Kurzsichtigkeit, ist es ein Mädchen. Es ist noch zu früh, um das Alter zu bestimmen, das Mädchen ist zu weit. Jetzt sehen wir schon, dass es etwas in der Hand trägt, wahrscheinlich eine Tasche. Nein, es ist keine Tasche; es trägt eine große schwarze Bildermappe, so eine wie diese, in denen die Künstler ihre Zeichenblätter transportieren. Wenn auch langsam, nähert sich das Mädchen. Jetzt können wir ihre Gesichtszüge erkennen und das Alter bestimmen – es ist nicht älter als siebzehn Jahre, es könnte sein, dass es sogar noch jünger ist. Es trägt ein mohnrotes Kleid. Es hat schwarze, lange, frei fallende Haare und ein Gesicht, weiß wie die Milch einer frisch gepflückten Pusteblume. Das Mädchen ist schön. Für einen Augenblick überwältigt uns die Sorge, dass es unwirklich sein könnte, aus einer anderen Zeit, eine Frucht unserer Phantasie. Bald aber lächeln wir, weil wir sehen, dass es auf seinem Handy spricht und auch lächelt.

Wir können ein wenig länger bleiben und das Mädchen wird zu uns kommen. Wir können mit ihm plaudern, es fragen, wer es ist, wie sein Name ist und ob es etwas über dieses Haus weiß. Aber es ist besser wegzugehen. Weil es hierher gekommen ist, um zu malen. Dieses Haus am Fluss zu malen. Wir sollten es nicht stören.

… Eigentlich können wir uns verstecken. Und ein wenig zusehen, wie es malt … ich könnte… wenn ich nicht ein Lepus europaeus Pall* wäre. Wo soll ich mich mit diesen verräterischen langen Ohren verstecken? …

* Lepus europaeus Pall (lat.) – der Hase

Übersetzung: Petja Heinrich

Kategorien: Art Café · Frontpage

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