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Ein kleiner Nachtspaziergang

11 November, 2011 von · Keine Kommentare

Tania Schellhorn
Übersetzung: Zlatka Paprulova

Street_of_notes
Foto: Pketh

Kapitel 6

Plötzlich erklangen seltsame, muntere Töne, die ihre Zuversicht stärkten, so dass sie ganz die Kontrolle über den fliegenden Umhang übernahm. Erta spürte, dass sie die Sprache der Klänge verstand, die ihr unaufdringlich den Steuerungsvorgang erklärten: „Tam-tatam-tata-tata-tam!“

„Tam-tatam-tata-tata-tam!“, wiederholte sie.
Zufrieden mit ihrem Eifer, setzte die von wer weiß woher kommende kleine Nachtmusik ihre Lektion fort, flüsterte Erta zärtlich die beim Fliegen wichtigste Regel zu und hob den Umhang mit einem Schwung nach oben. Er flatterte mit den Flügeln, drehte sich im Kreis, hob den Heck und zitterte wie eine Ballerina, die eine Spitzenpirouette vollführte.

Die Musik forderte sie auf, ein kleines Exercice zu machen und sie flog geradeaus – die Klänge unterstützten und ermutigten sie die Übung zu wiederholen. Diesmal flog sie viel sicherer, die Musik spornte sie an durch einige begeisterte Töne, ließ sie dann graziös sinken und sie landete genau vor Dr. Christians Bild.

„Tam-tatam-tata-tata-tam!“, sang er leise der Musik nach.
„Tam-tatam-tata-tata-tam!“, wiederholte Erta ihre Lektion.
Dr. Christian stand da und lauschte mit halb geschlossenen Augen der Melodie, indem er mit dem rechten Arm dirigierte und mit der linken Hand rhythmisch auf sein Herz klopfte. Alle waren fasziniert und begannen allmählich den sprühenden Witz zu verstehen, mit dem der Unterricht im Fliegen erteilt wurde.

„Tam, tatam, tata, tata, tam! Tam, tatam, tata, tata, tam!“, sangen alle mit und er sprach begeistert:

„Wolfgang Amadeus Mozart!“ Die Musik wurde leiser und ließ den Worten den Vorrang. „Wir sind fast zur selben Zeit geboren und lebten und schufen in derselben Epoche! Der geniale Komponist verließ bald diese Welt …“, die Stimme zitterte vor Aufregung. „Ich blieb aber noch lange Jahre auf der Erde …“ Die Töne untermalten voller Begeisterung seine Worte: „Und ich war Zeuge der ganzen Grandiosität und Kraft, mit denen seine Musik die Welt eroberte!“
„Tam-tatam-tata- tata-tam! Tam-tatam-tata-tata-tam!“, wiederholten die seltsamen Töne und fingen an vor den erstaunten Puppen Versteck zu spielen.

Diese drehten die Köpfe in verschiedene Richtungen, spähten nach unten, dann nach oben auf der Suche nach diesen lieblichen Klängen, mitgerissen von deren lebhaftem Tempo.

„Eine kleine Nachtmusik!“, stellte Dr. Christian das unsterbliche Werk des genialen Komponisten vor und kam aus seinem Bild heraus. „Es ist an der Zeit zu unserem Ziel zu fliegen!“, hörten die still gewordenen Helden seine Stimme und verschlangen jedes seiner Worte.

Die Musik unterstützte ihn ausdrucksvoll, erhob sich triumphierend zusammen mit dem Umhang, gab ihre letzten Fluganweisungen und führte feierlich die ganze Gesellschaft in den flimmernden Bildschirm hinein.

***

Niemand begriff wie sie sich unter dem sternhellen Himmel fanden. Der resedafarbene Umhang mit ausgebreiteten Flügeln und gehobenem Hinterteil, von Erta professionell gesteuert, flog sicher und gleichmäßig und darüber schwebte der aufgeblasene, grell leuchtende Ballon von Mister Tallyman. Sich an den Händen haltend, stumm geworden und in sich gekehrt, fühlten alle die Anwesenheit von Dr. Christian, der der romantischen Melodie lauschte.

Sie drückte mit feinem Lyrismus seine innigsten Gedanken und Gefühle aus. Jetzt war er unsichtbar, aber die Puppen spürten jede seiner Gesten und Bewegungen und sahen deutlich den Ausdruck seines Gesichtes.

Der märchenhafte Anblick löste in ihnen viele Emotionen aus und sie schauten bald zu dem mit unzähligen Sternen bedeckten Himmelsgewölbe, bald zu der in bunten Lichtern versunkenen Stadt. Die kleine Nachtmusik erzählte ihr kleines Nachtmärchen … von einem kleinen nächtlichen Spaziergang auf dem fliegenden Umhang mit den tief erstaunten Puppen darauf, nach so langer Zeit von ihren Kartons und Plastikhüllen befreit, frei fliegend außerhalb der Computersphäre zwischen den himmlischen und irdischen Lichtern. Niemand wollte an das traurige Schlafzimmer zurückdenken.

Das dort Erlebte hat sich wie Sommerregen verflüchtigt … ein Tropfen blieb aber zurück und perlte in aller Augen, als die Musik in atemlosem Tempo flüsternd von der schlafenden Darina mit dem weinenden Gesicht erzählte, die immer noch in diesem verwunschenen Schlafzimmer lag… Dann sah sie aber, dass sich die Augen der Puppen mit Tränen füllten und raunte ihnen ins Ohr, dass Darina sich bald zu ihnen gesellen würde, und steuerte sie unmerklich auf das Aussichtsplateau zu, das einen der hohen Türme des altertümlichen Doms umgab.

Erta führte zum letzten Mal ihren Kunstflug vor: Sie näherte sich dem Geländer, richtete den Flugapparat auf den Heck auf, so dass er seine Flügel nach hinten schwang und seinen Kopf mit dem Federschopf nach vorne reckte. Es bildete sich eine romantische Rutschbahn, die die Tränen versiegen und Freude aufkommen ließ. Alle rutschten mit großem Vergnügen hinunter und betraten ungehindert die Terrasse. Erta drehte sich in ihrem originellen Cockpit, streckte die schlanken Beine der Länge ihres wundersamen Kleidungsstücks nach und rückte es, nach unten gleitend auf ihren Schultern zurecht. Der Umhang nahm wieder seine ursprüngliche Form an und wehte elegant ihr nach.

***

Sobald die hohen Absätze von Ertas resedafarbenen Schuhchen den Steinboden berührten, begrüßte sie die sie begleitende Kleine Nachtmusik mit ihrem nächsten Stück, einem altertümlichen französischen Tanz, Menuett genannt! Mister Tallyman verbeugte sich galant und ging, strahlend vor Glück, auf Erta zu. Sie machte einen Knicks und beide eröffneten den kleinen nächtlichen Ball über der majestätischen Fassade des Großmünsters!

Berta und Hans sahen sich an, verständigten sich durch eine leichte Verbeugung und machten sich auf dem nördlichen Teil der Terrasse breit. Susanne und Lucien besetzten den östlichen Teil. Sie verbeugten sich gegenseitig und begannen mit vornehmen Reverenzen diesen aristokratischen Tanz, indem sie sich in dessen artistische Epoche einlebten. Die übrigen versammelten sich im nördlichen Teil, damit die tanzenden Paare genug Platz hatten.

Die kleinen Manuel und Nanny konnten nicht länger still bleiben und lösten sich aus Harrys Umarmung. Nun standen sie sich gegenüber und indem sie mit Erfolg das professionellste Tanzpaar nachahmten, beteiligten sie sich auch an dem kleinen nächtlichen Ball. Mary Lou und Harry zwinkerten sich zu und folgten ihnen.

Die Rose lächelte sich selbst an und da sie keinen Tanzpartner hatte, beschloss sie, sich in eine Blume zu verwandeln und so diesen Tanz für zwei aufzuführen. Im selben Moment aber kam Wolfi langsam heran und forderte sie mit einer vornehmen Verbeugung zum Tanz auf. Sie wollte taktvoll absagen, denn sie wollte nicht, dass er sich ihretwegen von Lapin trennt, aber er flüsterte ihr ins Ohr, dass seine Mission eine andere sei: Er wolle jedem tanzenden Paar ein eigenes Gedicht auf Französich überreichen!

Im selben Augenblick riss ihn das zügige Tempo mit und er verschwand unter den tanzenden Paaren. Er flüsterte ihnen seine Wünsche ins Ohr und sie lösten bei jedem, dem sie ausgesprochen wurden, helle Begeisterung aus. Und so stürzten alle hinter ihm her. Sie drehten sich auf dem viereckigen Aussichtsplateau wie auf einem unaufhalsamen Karussell, berauscht von Begeisterung und trunken vor Glück!

***

Zwei abschließende Akkorde setzten dem kleinen nächtlichen Ball ein Ende und die wunderbare Kleine Nachtmusik zog die Aufmerksamkeit der Puppen an durch eine mit Schweigen gesättigte Pause. Als der süße Freudenrausch abgeklungen war, führte sie sie leise zu dem südwestlichen Teil des Aussichtsplateaus, wartete taktvoll ab, dass alle an die Brüstung traten, damit sie besser sehen konnten, und präsentierte ihren verdutzten Blicken das große Wasserauge!

„Tam-tatam-tata-tata-tam! Tam-tatam-tata-tata-tam!“, zog sie sie sanft hinter sich her und sie sahen, dass das breite blaue Band gerade unter ihnen glitt und um sie herum die Lichter der LITTLE BIG CITY strahlten! Und weil der Atem aller vor Aufregung stockte und Dr. Christian schwieg, in seinen Erinnerungen versunken, streute die bezaubernde Kleine Nachtmusik ihre lieblichen Klänge noch einmal über dieselbe Marschroute aus.

Dr. Christian begann leise zu sprechen, ohne seine Bewegung zu verbergen, und die musikalischen Töne schlichen sich, zum Scherzen aufgelegt, zwischen seine Worte, indem sie sie laut bestätigten oder ihnen flüsternd folgten.

„Zürich, Darinas Lieblingsstadt! Das große dunkelblaue Auge ist der Zürichsee und die beiden Reihen von Tränen, die aus ihm fließen, sammeln sich im stillen Fluss Limmat, an dessen Ufern die alte Siedlung Turicum entstanden ist!“ Er hielt für einen Augenblick inne und sprach dann lächelnd weiter: „Ihr habt lange in dieser Stadt gearbeitet und viele Leute kennen und erinnern sich an euch!“

Die Puppen blickten überrascht auf, sagten aber nichts. „Die berühmte ‚Haifischbar‘, in der ihr mehrmals aufgetreten seid, befindet sich unweit von hier, da, jener Brücke gegenüber!“

Die Musik gab die Richtung der Stimme an und entlud einige Akkorde über der Brücke. Sie durchquerten den Limmatquai und resonierten im gegenüberliegenden Eckhaus, aus dem ein roter Neonhaifisch hervorsprang.

Der Kopf und der Schwanz entsprachen denen eines natürlichen Haifisches, nur der Körper wurde von den kunstvoll gemalten Buchstaben ausgeformt, die aneinander gereiht waren, in der Form eines Skeletts. Der Haifisch hielt sich in der Luft auf wegen der paar ihm zu Ehren erklungenen begeisterten Töne, dann begann er sanft, mit dem Schwanz nach oben, zwischen den Dächern unterzutauchen.

Als darüber nur der Neonkopf leuchtete, der sich still mit weit aufgerissenem Maul hin und her bewegte, fing ihn die Musik wieder ein und hob ihn, wobei diesmal nur die drei Buchstaben „Hai“ sichtbar wurden. Aber die neckische Kleine Nachtmusik schien etwas anderes im Sinn zu haben, denn sie warf noch zweimal das leuchtende „Hai“ nach oben und schüttelte es schalkhaft zum Gruß. Dr. Christian, der die Besonderheiten des Schweizerdeutsch gut kannte, erklärte, dass „Hai“ auch „zu Hause“ bedeute!

„Tam-tatam-tata-tata-tam! Tam-tatam-tata-tata-tam!“, bestätigten es die musikalichen Klänge und der rote Neonkopf zugleich.
„Der Haifisch möchte sagen, dass er zu Hause ist und euch erwartet!“, raunte geheimnisvoll die unsichtbare Stimme und forderte sie nach kurzer Pause auf, ihn zu begrüßen.

„Hai, Hai, Hai!“, riefen alle freudig.
„Tam-tatam-tata-tata-tam! Tam-tatam-tata-tata-tam!“, erwiderte der Haifisch den Gruß, zeigte sich ganz und begann zwischen den Dächern zu tanzen, indem er sich auf seinem gespaltenen Schwanz drehte. Dann verbeugte er sich zweimal vor seinem kleinen Nachtpublikum und tauchte zielstrebig unter.

„Hai, Hai, Hai!“, winkten die glücklichen Puppen und fast wären sie von dem Aussichtsplateau des Großmünsters weggeflogen.
Dr. Christian, dem nichts entging, und seine liebe Kleine Nachtmusik ordneten dem Umhang an, sich bereit zu halten. Er schwang die Flügel, alle nahmen Platz darauf und erhoben sich unter den letzten feierlichen Klängen in die Luft!

***

Jetzt schwebten sie lautlos über die schlafende Stadt und konnten von oben ihre Sehenswürdigkeiten betrachten. Dr. Christians Stimme lenkte Erta zur zentralen Weltstraße hin, die sich von dem Hauptbahnhof zum Zürichsee erstreckte.

„Wir landen auf der Bahnhofstraße, von der unsere Marschroute 1 beginnt!“, erklärte er. „Hier, genau in diesem kleinen Park unter uns!“, wies er seiner begabten Pilotin den Weg und Erta landete vor dem Denkmal eines Mannes, der einen kleinen Jungen väterlich umarmte.

„Ich möchte euch den guten Vater Pestalozzi vorstellen!“, sprach Dr. Christian mit Hochachtung und setzte hinzu: „Er war mein Zeitgenosse!“ Dann schwieg er eine Weile und würdigte diesen großen schweizerischen Pädagogen und Schriftsteller mit den Worten: „Als Vater der Waisen, Begründer von Grundschulen und Erfinder eines Erziehungs- und Bildungssystems war er schon zu seinen Lebzeiten eine Legende.“

Alle hoben den Blick zu dem hohen Podest, auf dem der langhaarige Mann, in einer Episode aus der Vergangenheit festgehalten, leicht geneigt, dem Kind etwas erklärte und es, den Blick nach oben gerichtet, ihm aufmerksam zuhörte.

„Johann Heinrich Pestalozzi“, las Mary Lou die Inschrift richtig, da sie sich in letzter Zeit ziemlich intensiv mit Deutsch beschäftigte. Die Jahreszahlen darunter waren für alle verständlich, die las sie jedoch auf Deutsch vor: 1746–1827 und sah sich um, einen Lob erwartend.
Plötzlich bewegte sich die Skulptur von Vater Pestalozzi und begann mit der Stimme von Dr. Christian zu sprechen:

„Der Kopf, das Herz, die Hände!“ Der Junge nickte lächelnd und drückte leicht die Hand seines Beschützers. Er wandte sein Gesicht zu den ihn mit Bewunderung schauenden Puppen und wiederholte sein Lebensmotto, den Blick auf Mary Lou geheftet. Dieses nette Kompliment ließ sie wohlig erschauern.

Sofort übersetzte sie den anderen den Text und verbeugte sich mit großer Achtung vor dem Denkmal, denn sie hatte gleich begriffen, das das Erziehungssystem von Vater Pestalozzi auf diesem Grundsatz basierte. Die anderen senkten auch die Köpfe und gedachten schweigsam dieses großen Mannes.

„Wir wollen unseren Spaziergang auf einer der teuersten Weltstraßen fortsetzen!“, flüsterte Dr. Christians Stimme und führte sie zur Bahnhofstraße.

In dieser späten Stunde war die Straße fast menschenleer. Die seltenen Passanten eilten, Schlaf suchend, nach Hause und beachteten kaum die seltsame Gruppe – sie hielten sie wohl für exzentrische Touristen, die nach ihrer Unterhaltung in einem Lokal Zürich bei Nacht besichtigen wollten.

Die hell erleuchteten Auslagen zogen sie unwiderstehlich an und in dem Wunsch die großen Schaufensterpuppen mit den teuren Kleidern von der Nähe zu sehen, eilten sie bald zum einen, bald zum anderen Trottoir. Der arme Hans! – nicht nur, dass er fast nichts sehen konnte – aber er war auch völlig erschöpft von der überschäumenden Fröhlichkeit Bertas, die einfach in Euphorie verfallen war.

Das Gelächter von Harry, Manuel und Nanny weckte die Neugier der Gruppe und alle gingen auf sie zu, indem sie in die kleine Querstraße abbogen. Die drei waren vor einer wunderlichen Figur stehen geblieben und konnten ihr Lachen nicht mehr unterdrücken: zwei vollschlanke Beine, in Halbstiefeln. Darüber fiel ein Glockenröckchen, dessen Rüschen bis an die runden Knie reichten. Oberhalb der Taille gab es keinen Körper – nur ein dünner Wasserstrahl sprudelte aus diesem femininen Brunnen hervor!

Der Anblick der Skulptur erweckte bei allen eine gewisse Assoziation und sie brachen in Gelächter aus. Berta und Hans kamen als Letzte an, denn Berta konnte sich von den Schaufenstern nicht losreißen, deshalb ging sie rückwärts in die kleine Seitenstraße. Hans hatte das Glück wie alle Leute vorwärts zu marschieren und so gelang es ihm vor Berta den lustigen Brunnen zu sehen, der ein getreues Abbild ihrer Beine zu sein schien.

„Uh!“, rief er verwundert aus und konnte nicht weitersprechen, denn im Nu war der Brunnen hinter seinem Rücken.
„Oje!“, drückte Berta ihre Verwunderung aus. Im selben Augenblick sah sie aber das Lächeln auf den Gesichtern ihrer Kollegen und verstand worum es ging. „Super!“, sagte sie mit entwaffnendem Lachen, so dass alle spöttischen Bemerkungen ausblieben.

Sie ging um die Brunnenbeine herum, sah sie sich von der Seite an, warf sich rittlings auf Hans und streckte herausfordernd ihre Waden aus, über die die Spitzen ihrer langen Schlüpfer zu sehen waren. „Super!“, sah sie die anderen triumphierend an, sprang herunter, raffte ihre Röcke und begab sich wieder zu der Weltstraße.

Hans hüpfte flink rückwärts. Die anderen sahen sich noch einmal den femininen Brunnen an, der sich um nichts zu scheren schien, und da sie ihn nicht mehr lustig fanden, setzten sie ihren Spaziergang fort. Die Etüde „Es werden nur die großen Artisten nachgeahmt“, war auf eine vieldeutige Weise von ihrer einfallsreichen Kollegin vorgeführt.

Eine Weile gingen sie schweigsam, dann aber erklang das schallende Gelächter von Berta, die ihnen vorausgegangen war. Hans hatte vor Erstaunen den Schluckauf bekommen und winkte seine Freunde herbei.
Vor JELMOLI, einem der größten zürcherischen Geschäfte, standen drei ratlose Figuren: ein Ehepaar mit Kind, ganz verwirrt durch den tagsüber herrschenden Andrang.

Obwohl beide Erwachsenen größer als die normalen Menschen waren, hatten sie sich vor Anstrengung und Müdigkeit geduckt und wussten nicht mehr wohin. Ihre eisernen Kilos lasteten auf ihnen und sie konnten sich von ihrem Platz nicht rühren. Nach drei Richtungen ausblickend, suchte diese Einkaufende Zürcher Familie nach rettender Lösung der schwierigen Situation. In der ganzen Metallskulptur gab es etwas Tragisches, das die Leute nicht erkannten und sich nur über den komischen Ausdruck ihrer Gesichter amüsierten.

Aber Dr. Christians Gesellschaft konnte die tobenden Konflikte nachempfinden, die sich hinter den erstarrten eisernen Masken verbargen. Nur das Lachen von Berta erklang einsam in der Nacht. Sie wurde verlegen wegen ihrer Intoleranz und herrschte Hans an. Er verbiss sich das glucksende Lachen und sein Gesicht nahm den gewohnten ernst konzentrierten Ausdruck an! Die Einkaufende Zürcher Familie nickte der Gruppe lebendiger Puppen dankbar zu – die einzigen die ihre Probleme verstanden haben – und drei eiserne Seufzer schlugen auf das Asphalt.

Berta senkte traurig die Augen und Hans war von ihrem Mitgefühl tief gerührt. Er fasste sie um die breite Taille und hob sie. Sie schmiegte den Kopf an seine Schulter, zog die Knie an und er trug sie durch die Bahnhofstraße. Seine Kräfte ließen jedoch bald nach und der erschöpfte Gatte hielt vor der Skulptur aus Granit an, die einem offenen Pavillion ähnelte.

Behutsam setzte er seinen Schatz auf die glatte Oberfläche eines glänzend grauen Sitzes und ließ sich zufrieden ihr gegenüber nieder. Die über die Lebensprobleme intensiv nachdenkende Gattin lehnte sich an die hohe Säule aus Granit an, die sich an dem einen Ende des Sitzes erhob, und streckte die müden Beine aus. Hans nahm sie zärtlich auf seinen Schoß und begann sie leicht zu massieren.

Einer nach dem anderen kamen auch die übrigen Mitglieder der Puppentruppe und machten es sich bequem auf den glänzend polierten Sitzen. Es war für sie ein wahres Vergnügen vor diesem mit viel Logik und Klarheit gestalteten Dekor zu sitzen, der sie an die wundersamen Computerräume erinnerte, in denen sie die ersten Darina gewidmeten Filmaufnahmen gemacht hatten! Die unzähligen Lichter und Neonreklamen verliehen der ganzen Umgebung eine besondere Feierlichkeit und waren die geeignete Beleuchtung für diese Szene.

Mary Lou sprang plötzlich auf und lief zur gegenüberliegenden Straße. Etwas zog sie unaufhaltsam in diese Richtung an und sie konnte der Versuchung nicht widerstehen zu erfahren, was es war. Schon die ersten zurückgelegten zehn Meter ließen ihr Herz
höher schlagen – das war doch ihr Traum: in einer solchen Gasse zu wohnen, solch ein Künstlerhaus zu besitzen und sich auf so einem Balkon zu zeigen.

„Mein Boudoir gibt es tatsächlich!“, sprach sie aufgeregt. „Oh, wie schön! Oh, wie
gerne würde ich eine Nacht hier bleiben!“, verdrehte Mary Lou die Augen und war sich unschlüssig, welchen Balkon sie wählen sollte. … „Das ist ja meine Gasse! Ah könnte ich …“ Eine Kinderstimme rief sie in die Realität zurück.

„Bala, bala, bala!“, rief der kleine Manuel von weitem.
„Tju, Tju!“, fuhr die verträumte Mami auf und ging wieder zur Weltstraße, die nicht vermochte, sie so zu bewegen, wie dieses Gässchen hier. „Wie mag es wohl heißen?“, fragte sich Mary Lou und sah im selben Augennblick das Schild, das sie anfangs gar nicht beachtet hatte: „Augustinergasse“ las sie und bemerkte mit Unmut, dass Hans ihr mit Zeichen deutete, sie solle sich beeilen. Sie wusste allzu gut, dass dies Bertas Launen waren, sagte jedoch verärgert: „Hans Dampf in allen Gassen!“

„Mary Lou, ich habe immer deine romantische Individualität bewundert“, wandte Berta ihre übliche Taktik an wie immer, wenn sie etwas erreichen wollte. „Wollen wir auch in eine andere Richtung schauen? Was sagst du dazu?“ Dann drehte sie sich schwungvoll um das Skulpturenpavillon aus Stein und nagelte Hans genau unter dem Schild mit dem Namen der Seitenstraße fest.

„Pelikanstraße“ las Mary Lou laut. „Ein interessanter Vogel – steckt seinen Schnabel in alles hinein!“ Dabei sah sie spöttisch das unzertrennliche Paar an.

„Oh, der Pelikan ist tatsächlich ein sehr interessanter Vogel!“, erwiderte Berta mit übertriebenem Pathos und fragte absichtlich naiv: „Wisst ihr, dass er als ein Symbol der aufopfernden Liebe gilt?“, und sah zärtlich ihren unter dem Schild stramm stehenden Gemahl an. „Wenn ihr nichts dagegen habt, können wir uns auch die rechte Seite der Weltstraße anschauen.“

Natürlich hatte keiner was dagegen in der Erwartung neuer Herausforderungen. Bald fanden sie sich auf einem runden, rechteckig umsäumten Platz ein, der sich auch PELIKAN nannte. Er teilte die sich kreuzenden Pelikan- und Talackerstraße in zwei Hälften. Jetzt boten sich ihnen drei verschiedene Richtungen, drei verschiedene Abenteuermöglichkeiten an und die furchtlosen Puppen versammelten sich im Zentrum des Platzes, um die richtigste Richtung zu wählen.

Es gab etwas sehr Symbolisches und Liebes in dieser Inszenierung!
Sie standen inmitten dieses Platzes, dessen Namen das Symbol der aufopfernden Liebe war. Beschienen von dem edlen alten Mond, der sie in dieser großen, unbekannten Stadt begleitete, erfüllt von Enthusiasmus und dem Wunsch nach künstlerischer Leistung, begriffen sie selbst nicht wie aufopferungsbereit ihre Liebe zu Darina war, der sie diesen wunderbaren Film widmeten!

Mister Tallyman hob den roten Ballon und ließ ihn frei schweben. Er orentierte sich schnell in den Weltrichtungen und erklärte: Wenn sie links in die Talackerstraße gehen, gelangen sie wieder zur Bahnhofstraße. Er überließ es den anderen eine der zwei möglichen Richtungen zu wählen. Bevor jemand den Mund aufmachen konnte, ergriff Berta das Wort und erklärte resolut, dass sie in ihren Entscheidungen konsequent bleiben sollten: Wenn sie einmal auf der Pelikanstraße sind, dann sollten sie sie doch bis zu ihrem Ende durchwandern. Niemand widersprach dieser so gut begründeten Meinung!

„Ich werfe schnell einen Blick rechts auf den Platz und hole euch ein“, sagte keuchend Mister Tallyman, der mit Mühe den großen ihn in diese Richtung ziehenden Ballon zurückhielt. Er ergriff die lange bunte Schnur mit beiden Händen und flog tief über den Platz. Die anderen waren noch nicht losmarschiert, als seine begeisterten Rufe erklangen: „Kommt her! Kommt her! Bitte kommt näher!“

Alle liefen erregt in die Richtung, aus der diese Ausrufe kamen, und blieben entzückt vor dem bezaubernden Bild, das sich ihnen bot, stehen. Mitten eines kleinen Wasserbeckens, auf einem ziemlich niedrigen Podest lag ein wunderschönes Werk menschlichen Schöpfungsgeistes. Mister Tallyman kniete vor diesem unirdischen Geschöpf. Die gelösten Haare fielen nach unten und schienen ins klare Wasser einzufließen. Die geschwungenen Linien und Erhebungen wiesen auf die göttliche Natur hin, eine unerschöpfliche Quelle künstlerischer Inspiration. Der weibliche Akt nannte sich LA RIVIÈR!
Lapin flüsterte, dass der Name FLUSS bedeute und und darin ein allegorischer Sinn verborgen sei.

„Das ewig Weibliche!“, lächelte Erta, sah zu dem verzückten Mister Tallyman, streckte sich auf der Marmorbrüstung aus und nahm dieselbe Pose an, in der der symbolische Fluss erstarrt war. Ein Ausruf der Begeisterung entrang sich der Brust ihrer Kollegen: Sie war noch schöner als die anmutige Skulptur! Mister Tallyman näherte sich zitternd vor Aufregung dieser realen Nymphe und traute sich ihr resedafarbenes Schuhchen zu küssen!

Sie kamen zum Pelikanplatz zurück und schlugen, aufgeregt durch das gerade Erlebte, den von Berta gewählten Weg ein. Diese zwei symbolischen Worte: das Weibliche und der Fluss! wollten ihnen nicht aus dem Sinn gehen.

Eine neue Straße kreuzte sich mit ihrer „Pelikan“, aber jetzt dachte niemand daran in sie abzubiegen. Mister Tallyman bemerkte missmutig, dass sie die ersten drei Buchstaben von der Straße, in der sich der von ihm entdeckte Fluss befand, gestohlen habe. Sie waren fast an der Kreuzung beider Straßen vorbeigegangen, als eine angelehnte Tür die Aufmerksamkeit von Manuel zog und er, neugierig wie jedes Kind, lugte hindurch.

Überrascht rief er den anderen zu, sie sollen zurückkommen und hinter die Tür sehen. Mary Lou kam zuerst, las das Schild und erklärte dank ihrer immer reicher werdenen Deutschkenntnisse, dass sich hier das Völkerkundemuseum befinde. Die ganze Gruppe schlich sich hinein und ging durch die stillen Alleen des schönen botanischen Gartens.

Vor dem Museumsgebäude glänzte eine Bronzeplastik und alle gingen auf sie zu. Dort erwartete sie eine neue Überraschung: Ein Männerkopf, der mit seinen riesengroßen, klugen Augen irgendwie seltsam schaute, stand auf einem langen, zylinderförmigen Hals einsam unter dem Deckel, der auf vier Füßen erhoben war! Sich selbst ins Zentrum dieser Sphäre gesetzt, die seine Umgebung darstellte, war er darin wie in einer Falle gefangen und zeigte keinerlei Bezug zu der Umwelt. Seinen Blick auf etwas Unsichtbares gerichtet, entwickelte er seine eigene Lebenskonzept.

„Kopf im Gehäuse“ las Mary Lou die Überschrift und beeilte sich, sie ins Bulgarsche zu übersetzen: „Kopf in der Schachtel“.
„Das sieht doch nicht wie eine Schachtel aus!“, wandte Manuel ein und sah Harry fragend an.
„Ich stimme dir zu, will jedoch mit deiner Mutter nicht streiten, da ich kein Deutsch verstehe.“

„Das ähnelt eher einer Metallkonstruktion“, beurteilte mit zusammengekniffenen Augen Berta und setzte ironisch hinzu: „Es stimmt wohl etwas nicht in der Übersetzung.“
„Ich bitte um Verzeihung“, sagte Mary Lou und sah verlegen zu dem bronzenen Deckel hin. Und es fiel ihr gleich ein: „Oh ja, jetzt weiß ich es … das Wort hat mehrere Bedeutungen“ … und indem sie leicht gegen ihren Kopf schlug, begann sie aufzuzählen: „Schachtel ist es dann, wenn darin ein Gegenstand gelegt wird: ein Kompass, ein Mikrophon, ein Telefon, eine Uhr usw. …“

Sie schaute wieder auf den Bronzekopf, hob ihre Pfote zu den Augen und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf die Konfiguration – eine Manier, die sie dem ehemaligen Mann Darinas abgesehen hatte. „Darin steht ein großer Kopf und deshalb könnte die Umhüllung nicht eine Schachtel genannt werden“, erklärte sie sachkundig und setzte die Betrachtung der einzelnen Teile fort: „Schale oder Muschelschale passt auch nicht!“ Sie dachte angestrengt nach, es konnte ihr jedoch zu diesem Wort nichts mehr einfallen.

Die Anstrengung war an ihrem fest verschlossenen Mund und dem verlorenen Blick unter den schwarzen Wimpern zu erkennen. „Jetzt weiß ich, dass ich beim Lernen von Vokabeln aus dem Wörterbuch auf das Wort Gehäuse gestoßen bin, habe jedoch nur die ersten zwei Bedeutungen gelesen. Die anderen habe ich nicht beachtet, da sie Fachbegriffe waren … “ Sie schaute auf Harry und setzte kokett hinzu: „Und mit der Technik stehe ich auf schlechtem Fuß!“

„Mary Lou, du hast ein beeindruckendes Gedächtnis!“, erwiderte voller Bewunderung Harry, der die lange Tirade über das sein Interesse geweckte deutsche Wort aufmerksam verfolgt hatte. Nun hat er sich das Wörtchen endgültig eingeprägt! „Jetzt, wo du sagst, dass die andere Bedeutung etwas mit Technik zu tun hat und wenn ich diese Bronzeplastik betrachte, denke ich, dass ich die Absicht des Künstlers erraten habe“, sprach Harry, geheimnisvoll lächelnd.

„Aber bitte Harry, hilf mir mich zu erinnern, oder besser erklär mir diese Fachwörter!“, sprach die aufgeregte Mami Harry Mut zu und Manuel unterstützte sie sofort durch seine aufdringliche kindliche Neugier.
„Ich meine, es geht um einen Metallkorpus, der sich Motorgehäuse nennt!“, sagte Harry selbstsicher und alle hörten ihm mit aufgerissenem Mund zu, denn sie wussten, dass er auf dem Gebiet der Technik gut bewandert war.

„Bei dem Auto z. B. spielt es eine große Rolle, da darin die wichtigsten Teile des Getriebes untergebracht sind. Außerdem dient es als Schmierölbehälter.“ Der dunkelhäutige Bananenverkäufer sah seine Freunde durchdringend an, zwinkerte Manuel und Nanny amüsiert zu und sagte: „Der Kopf und das Gehirn des Menschen müssen vor schädlichen Einwirkungen geschützt sein!“

„Bravo, Harry, jetzt wird mir die ganze Absicht des Künslers klar!“, sprach Mister Tallyman voller Bewunderung. „Mein Kompliment!“, setzte er hinzu und schlich sich ins Schachtel-Gehäuse. Er umarmte den KOPF mit dem kosmischen Blick, schmiegte seine Wange daran und stand still wie für eine Aufnahme bereit.

„Oh, Mister Tallyman! Was für eine unglaubliche Ähnlichkeit zwischen euch beiden!“, rief Erta aus und die Rose bestätigte diese Feststellung durch ein Kopfnicken.

„Ich bin gerührt von eurer hohen Meinung von mir, Mesdames!“, erwiderte strahlend der geschmeichelte Angeber und sprang auf den Boden. „Aber ich gestehe, ich würde um nichts in der Welt mein Leben in so einem freiwillig gewählten Bronzegefängnis verbringen!“
„Diese Bronzeplastik, die „Kopf im Gehäuse“ heißt, löst bei mir ganz andere Assoziationen aus“, meldete sich Susanne leise zum ersten Mal. „Martians Kopf im Computer!“

Der spontan ausgestoßene Ausruf von jedem einzelnen war der beredetste Beweis für die erstaunliche Ähnlichkeit dieser Köpfe – des menschlichen und des bronzenen! Dies war lediglich Susanne aufgefallen, die wenig sprach, aber viel sah.

Mary Lou war die Letzte, die sich von diesem tragisch-stolzen Kopf trennte, denn sie wollte die Überschrift zu Ende klären. Sie erinnerte sich daran, dass das Wort Gehäuse auch eine veraltete Bedeutung hatte, nämlich Behausung. Das war folglich das eigene Haus, in dem sich der Mensch von der ihn umgebenden Wirklichkeit absonderte! Warum aber? Jetzt, allein vor der seltsamen Skulptur, sah sie sich diese genauer an und fühlte die große Anspannung und Einsamkeit, die dem zielbewussten, in die Zukunft gerichteten Blick anhafteten.

Plötzlich begannen seltsame Worte sich vor ihrem inneren Auge aneinander zu reihen. Und wenn auch ihre Bedeutung ziemlich ungewöhnlich war, verstand Mary Lou sie sehr genau. Sie wiederholte laut das, was sich ihrem Gedächtnis einzuprägen schien, und speicherte es für immer in ihren kleinen Schächtelchen: „Sinnbild des Menschen, der weiß, dass er nicht alles, was ihm zu tun möglich ist, auch tun darf.“ Dann beeilte sie sich die Gruppe einzuholen, die auf der „sich aufopfernden“ Pelikanstraße weiterging.

Alle waren auf der kleinen Brücke stehen geblieben und kommentierten aufgeregt ihre Lage. Dies war nicht das breite blaue Band das Münster entlang. Also sie standen vor dem engeren blauen Streifen, der aus dem See floss und in die geschwungene blaue „Augenbraue“ Sihl mündete. Sie erinnerten sich an die Bildschirmreportage in Martians Computer und verfolgten in Gedanken den Lauf dieses kleinen, lustigen Flüsschens mit dem langen Namen Schanzengraben.
„Berta, gut, dass du diese Richtung gewählt hast“, machte Lucien Berta ein Kompliment. „Sonst hätten wir nie erfahren, wo sich der kürzere Zürcher Flussarm befindet!“

„Oh, mich hat bloß die Intuition geführt!“, erwiderte die vor Vergnügen rot gewordene energische Dame.
„Au!“, zeigte Hans mit der Hand gegen die Luft. Berta verfolgte seine Bewegung und drehte sich um hundertachtzig Grad um. Sie sah nach oben und schrie vor Verwunderung: Zwei lange Chromstahlplatten, nur von der einen Seite an eine hohe Stahlsäule gehängt, wandten sich um und drehten sich lautlos in die günstigste Windposition.
Die kosmische Konstruktion, in deren Oberfläche aus Chrom sich zahlreiche Lichter widerspiegelten, machte die Naturkraft sichtbar und lehrte gleichzeitig, dass die Bewegung nicht Unstabilität bedeutete, sondern im Gegenteil – eine Weiterentwicklung des Gedankens.

Die lieben Puppen schauten sich dieses Werk der entgrenzten Fantasie an und sahen ein, wie wichtig die Bewegung ist, die für sie gleich Leben war. Sie gingen schweigsam das Ufer des kleinen Flusses entlang. Oft blieben sie stehen und schauten zu den zwei freien Elementen zurück, die auch ihr Streben symbolisierten. Die Metallflächen nickten verständnisvoll zu und winkten ihnen zuversichtlich zum Abschied.

Sie gingen einer nach dem anderen in dem Lauf des kleinen Zürcher Flussarms entgegengesetzter Richtung, Mister Tallyman folgend, der seinen Ballon aufsteigen ließ. Er beleuchtete mit seinem grellen Licht die stille Nachtallee. Sie wussten, dass es direkt zum See ging, welcher der letzte Punkt ihrer Wanderung war. Sie erreichten eine enge dunkelgrüne Brücke und beugten sich über die Brüstung: Bald sahen sie auf das stille Gewässer flussaufwärts, bald flussabwärts. Sie bewegten sich frei auf dem kurzen Bogen zwischen beiden Ufern und fühlten, dass sie wirklich lebten!

Wolfi und Lapin, die immer als Letzte gingen, und sich niemals in das Gespräch ihrer Kollegen einmischten, waren am Ende der kleinen Brücke stehen geblieben, die sie an ihre unglaubliche Premiere auf PETIT PONT zurückdenken ließ. Plötzlich zog eine kleine Komposition ihre Aufmerksamkeit an, die inmitten dieses attraktiven Rastplatzes verborgen stand.

Sie gingen dahin, ohne ein Wort zu sagen, da sie die erhabenen Gefühle der anderen, die durch die Bewegung ausgelöst waren, nicht stören wollten. Aber Manuel und Nanny sahen sie und liefen ihnen gleich nach. Dies blieb natürlich von Mary Lou und Harry nicht unbemerkt, die sich auch auf den Weg nach dem weiß schimmernden künstlerischen Etwas machten. Sogleich folgten ihnen auch die anderen.

„Oh, welche zarten, ineinander fließenden Formen!“, rief die Rose aus und schlich sich näher heran.
„Es gleicht einem kleinen Becken!“ , meinte Erta, die hinzutrat und sich auf den kleinen Marmorwürfel am Rande setzte.
„Mich erinnert es an ein antikes Theater!“, fuhr Susanne mit der Hand über die glatte Oberfläche und sah Lucien an.

„Es könnte auch für eine moderne Zirkusarena gehalten werden“, ergänzte er und lächelte Mary Lou zu.

„Dies ist eine moderne Komposition, die einen Brunnen darstellt!“, erwiderte sie kompetent, denn sie hatte die Überschrift auf dem Schild gelesen, wollte sich jedoch nicht mehr mit ihrer Übersetzung aufdrängen.

„Oh, ich spüre tatsächlich die belebenden Wasserstrahlen.“ Die Rose drehte sich auf den Marmorplatten und verwandelte sich in eine Blume. Das grelle Rot ihrer Krone erstrahlte in seiner ganzen Schönheit inmitten des zarten Weiß des Marmors, so dass der Brunnen auch als eine feine Marmorvase angesehen werden konnte. Alle applaudierten dieser wundersamen Metamorphose.

„Vor solch einem Dekor würde ich nie müde werden Bananen zu verkaufen!“, sagte Harry und sein roter Mund dehnte sich zu einem breiten Lächeln. Nun machte er es sich auf dem seiner Meinung nach altertümlichen Markt bequem. „Kommt auf den ‚Weißen Markt‘ zu dem schwarzen Verkäufer!“, schrie er vergnügt und seine kleinen Freunde rutschten über die ovalen Marmorbrocken.

„Hätte ich so einen Sportplatz, könnte ich problemlos auch in der Nacht darauf landen!“, lachte Mister Tallyman und hüpfte leicht nach oben, in vollem Vertrauen zu seinem exakten Ballon. Er hob ihn in eine annehmbare Höhe und setzte ihn genau auf den kleinen Schachtrost, der in der Mitte der Komposition eingebaut war.

„Dies wäre die beste Estrade für unsere Show!“, äußerte Berta, die mit Walzerschritten über den Brunnenkreis glitt und in der Mitte stehen blieb. „Nicht wahr, Hans?“, ergriff sie ihren Mann und drehte ihn um sich herum.

„He …“, strampelte er mit seinen Beinchen in der Luft. „Uff!“, kam er mit den Füßchen auf die harten Marmorplatten. „A?“, fragte er und sah dabei seine Frau hingebungsvoll an.
„Setzen wir unseren nächtlichen Spaziergang fort!“, entschied sie autoritär und zog ihn aus dem Brunnen.

Sie kamen auf die kleine grüne Brücke zurück, blieben eine Weile gebeugt über die Metallbrüstung und wunderten sich über diese seltsame Kunst des Flusses: ununterbrochen vorwärts zu eilen und doch immer an seinem Platz zu sein!

Sie begaben sich zum See und nahmen sich fest vor, keine Abstecher mehr zu machen. Kaum hatten sie die Strecke bis zur nächsten Brücke zurückgelegt, als sie das laute Brüllen eines Löwen hörten und wie angewurzelt stehen blieben. Sie sahen sich um, konnten jedoch keine Spur von der Bestie erkennen. Sie meinten, der Wind wolle ihnen einen Streich spielen und gingen weiter.

Diesmal erklang das Brüllen gerade über ihren Köpfen und sie hoben diese wie auf Kommando in die Höhe: Auf der vier Meter hohen Säule, die hinter dem runden Waschbecken ragte, saß würdevoll ein kleiner bronzener Löwe, die Augen gegen den Himmel gerichtet, und aus seinem weit aufgerissenen Maul kam das erschütternde Löwengebrüll. Seine flaumige Bronzemähne fliel in dichten Wellen über den fein proportionierten und elegant geformten Körper.

Die lebendigen Puppen standen aufgeregt unter der hohen Granitsäule, sahen bewundernd diesen Genossen an, der die auf der Erde Wandernden aufrief, den Blick nach oben, zum Himmel, zu richten.
„Ich erinnere mich, dass Darina einmal Martian erzählte, sie sei lange, um den Platz gewandert, auf dem es nach dem Stadtplan einen bronzenen Löwen geben sollte, erzählte Berta geheimnisvoll flüsternd.

„Gerade in diesem Moment, als sie in ihrem Kunstguide, einem reich illustrierten Stadtplan mit berühmten Kunstwerken und interessanten Reiserouten, nachschaute (Ich habe ihn bei ihr mehrmals gesehen.)“, sagte sie und setzte ihren Bericht fort: „Gerade dann, als sie jedes Gässlein durchstöberte und sich wunderte, wo der Löwe steckte, näherte sich ein eleganter Herr und fragte sie höflich: ‚Könnte ich Ihnen helfen?‘“ Berta imitierte mit Gesten den besagten Herrn in der Weise, wie sie es Darina abgesehen hatte und alle lachten. Mit der Reaktion ihrer Kollegen zufrieden, fuhr sie mit Pathos fort:
‚Oh, natürlich!‛, habe Darina gelächelt und gesagt: ‚Ich suche nach ihm‛ und habe auf den Löwen im Stadtplan gezeigt. Er antwortete verlegen, er lebe schon siebzehn Jahre an diesem Ort, habe jedoch so einen Löwen noch nicht gesehen. ‚Wenn er aber im Stadtplan steht, müsste er existieren!‛, habe ihn Darina herausfordernd angeschaut und der Herr wurde noch verlegener. ‚Ich weiß nicht,… vielleicht gibt es ihn, habe ihn jedoch nie gesehen …‛ Dann habe er sich höflich verabschiedet, ohne sich mehr für den Löwen zu interessieren.“

Berta, sichtbar entrüstet über das Benehmen des unbekannten Herrn, sah Hans scharf an und stampfte böse mit dem Fuß auf den Boden. Er erschrak und hob bittend den Blick zu dem Bronzenen Löwen. Es erklang ein bedrohliches Brüllen, das dem Herrn Nachbarn galt. Alle applaudierten ihrem neuen Kollegen und Berta fuhr in ihrer Erzählung fort.

„Oh, was für ein ungebildeter Mensch“, habe Darina auf Bulgarisch gesagt, doch dem Herrn für die Bereitschaft ihr zu helfen gedankt. Vor Entrüstung über eine solche Uninteresiertheit an der Kunst, sei ihr Mund völlig ausgetrocknet gewesen. Sie sei zum Brunnen gegangen, der nur ein paar Meter von der Stelle entfernt war, an der sie mit Herrn Schweiz gesprochen habe. Gerade als sie in kleinen Schlückchen Wasser getrunken habe, sei über ihrem Kopf ein Löwengebrüll zu hören gewesen und sie sei vor Freude erzittert: „Ich habe dich entdeckt!“, habe sie dem Löwen zugerufen und die Vorbeigehenden hätten gelächelt. Darina habe diesmal versucht ihr Lächeln in die hohle Hand zu verbergen und habe nur geflüstert: „Jetzt habe ich dich endlich, du, König der Tiere!“, und sei lange stehen geblieben, den Blick auf den Löwen und gen Himmel gerichtet.

Tiefes Schweigen stellte sich in der Gruppe der ungewöhnlichen Nachtwanderer ein. Der Bronzelöwe schwieg auch, Bertas Worten lauschend.
„Setsam“, flüsterte Erta, den Blick nach oben gerichtet. „Wie ist es möglich, dass dieser Mister Schweiz ganze siebzehn Jahre den wunderschönen bronzenen Löwen nicht bemerkt hat?“
„Ganz einfach, Erta“, erwiderte Mister Tallyman, verletzt dadurch, dass sie diesen unbekannten Herrn mit Mister tituliert hatte. „Dieser Herr hat nie hochgeblickt.“

„Stimmt“, klopfte ihm Harry auf die Schulter. „Kopf im Gehäuse!“, und zwinkerte Mary Lou zu.
„Nicht nur, dass er nicht sieht! Er kann auch nicht hören!“, ergänzte sie viel sagend.
„Ja, tatsächlich“, meinte die Rose und blätterte sich aufgeregt auf. „Wie könnte er dieses donnernde Löwengebrüll nicht gehört haben?“
„Trotz seiner Stärke kann es das Gehör der Menschen nicht erreichen“, flüsterte Susanne und alle richteten ihren Blick auf sie.
„Und wie haben wir es gehört und zwar so deutlich und klar?“, staunte die Rose.

„Wir sind Puppen“, lächelte Susanne, „und unsere Möglichkeiten beginnen dort, wo die menschlichen enden!“
„Aber Darina … hat auch das Brüllen des Löwen gehört …“, sprach die Rose zitternd vor Aufregung und hob ihre göttliche Krone.
„Darina steht mit ihrem Herzen den Puppen näher als den Menschen!“, seufzte Lucien und alle schauten hoch. Ein lautes Löwengebrüll machte das schlafende Viertel erzittern und flog dann zum Himmel empor.
Ohne es zu bemerken, waren sie denselben Weg zurückgelaufen und nachdem sie über die Brücke gegangen waren, die sie die „Löwenbrücke“ nannten, strebten sie durch die schon bekannte Talgasse dem See zu. Sie erreichten eine Kreuzung und Mister Tallyman schlug vor, nach links abzubiegen.

„So können wir noch ein bisschen auf der Bahnhofstraße gehen, die gerade am See endet“, erriet er geschickt die Anweisungen seines Ballons.
Erfreut legten sie die kurze Strecke zurück und die Lichter der Weltstraße leuchteten vor ihnen auf. Plötzlich fühlten sie den Boden unter ihren Füßen beben und vernahmen dumpfe Töne, die aus der Erde zu kommen schienen. Sie hörten aufmerksam hin und begriffen, dass die geheimnisvollen Klänge hinter den geschlossenen Gittern von Nr. 9 zu hören waren.

„Jemand ist hinter den Gittern geblieben!“, presste Mister Tallyman sein Ohr daran.
„Vielleicht der Nachtwächter!“, sagte die Rose leise.
„Gehen wir weiter!“, warnte Harry. „Gitter kann ich nicht leiden!“
„Aber Harry, das ist doch kein Gefängnis!“, widersprach Mary Lou.
„Gitter auf der Weltstraße, also“, machte Erta eine doppeldeutige Bemerkung.
„Internationale Wertgegenstände!“, nickte Susanne mit dem Kopf.
„Wir sind doch vor einer großen Schweizerbank stehen geblieben!“, wies sie Lucien auf das Gebäude hin.
„In den Gittern ist eine versteckte Kamera montiert … wir wurden aufgenommen …“ ,stöhnte Harry auf und verbarg sein Gesicht hinter Nanny. „Gehen wir weg von hier!“ Und er drehte der Schweizerbank den Rücken.

Jemand schnaufte laut hinter den Gittern und sie öffneten sich ein bisschen. Die Neugier war stärker als die Vorsicht und alle guckten durch den schmalen Spalt. Im Inneren war es dunkel und sie konnten nur die Umrisse einer großen Figur erkennen.

„Ich glaube, ich weiß es!“, rief Berta aus und drückte ihr Gesicht noch stärker an die Metallstangen. Sie kletterte an den schwarzen Schatten hinauf, der unbeweglich neben dem Gitter stand, kniete auf seine Schultern, indem sie sich auf den steifen Hut stützte und stieg nun eifrig nach oben. Hans stand, auch diesmal seine aufopfernde Liebe zeigend, aufgerichtet und spielte die Rolle einer gefälligen ausziehbaren Leiter.

„Ja, das ist er!“, stellte Berta fest und sprang auf den Boden. Jetzt hörte man wieder den geheimnisvollen „er“ schnaufen.
Die Gitter öffneten sich noch einen Spalt weit und das Straßenlicht drang dadurch ein. Vor den erstaunten Blicken der Puppen bewegte sich ein eisernes Nashorn! Ja, tatsächlich! Hinter den eisernen Stäben befand sich der Nachtwächter, der sich tagsüber nicht von seinem Platz rührte. Dieses massive, eine halbe Tonne wiegende NASHORN, ein Symbol von Sicherheit, Kraft und Beharrlichkeit empfing als Erster die Kunden des majestätischen Gebäudes.

„Ihr wisst ja, dass ich Zeugin von all dem bin, was in Darinas Wohnung getan und geredet wird!“, fing Berta an spannend zu erzählen. „Und nachdem ich euch von dem bronzenen Löwen berichtete habe, will ich euch nun noch eine lustige Geschichte zum Besten geben, die sich auf diesen Bankguard bezieht.“

Alle lachten über Bertas treffende Bezeichnung und warteten gespannt auf ihre pikante Geschichte. Das Nashorn hob sein spitzes Horn und neigte leicht sein linkes Ohr zu ihr hin.
Berta fuhr fort. Das letzte Mal als Darina in Zürich gearbeitet habe, habe sie beschlossen alle bekannten Plätze und auch einige für sie ganz neue aufzusuchen. Sie sei eines Tages den bekannten Weg gegangen, als es ihr eingefallen sei, dass sie noch nicht dieses große Nashorn gesehen habe, das die Ehre hatte in ihrem Guide aufgeführt zu werden. Sie sei um das Gebäude mehrmals herumgegangen, habe jedoch keine Spur von diesem Unpaarhufer entdecken können.

Sie habe gedacht, er werde vielleicht restauriert und habe sich fest vorgenommen ihn bis zum Ende des Monats unbedingt zu sehen. Eine Woche später sei Lina gekommen und beide hätten beschlossen sich die Zürcher Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Darina habe ihre Schwester zu ihren Lieblingsplätzen geführt und siehe da, sie hätten sich an derselben Ecke eingefunden.

Diesmal seien die Gitter offen gewesen und auf einer Fläche von einigen Quadratmetern habe sich das eiserne Nashorn ungestört ausgeruht. Erst jetzt habe Darina ihren Irrtum eingesehen. Sie habe nach ihm abends Ausschau gehalten, als die Gitter zu waren. Es sei ihr noch eingefallen, dass das letzte Mal, als sie umsonst nach ihm gesucht habe, ein Sonntag war. Deshalb sei es ihr so lange nicht gelungen, eine Verabredung mit dem Nashorn zu treffen.

„Und warum hat er sich ihr nicht gezeigt, wie jetzt uns?“, wollte die Rose wissen.
„Weil wir sonst einfach vorbeigegangen wären!“, zuckte Berta mit den Schultern.

„Und Darina hat hartnäckig nach ihm gesucht!“, erwiderte Harry und biss die Zähne zusammen.
„Sie hat also ihre Kräfte mit ihm gemessen!“, rief Erta aus und klatschte dabei in die Hände.
„Aber natürlich, es ist unter anderem ja auch ein Symbol für Hartnäckigkeit!“, ergänzte Mister Tallyman, der mit schweren Schritten näher kam.

„Darina bleibt Darina, sie weicht vor nichts zurück!“, sagte Mary Lou und sah ihre Kollegen blinzeld an.
„Alles, was ihr sagt, stimmt, aber ich meine, es gebe noch etwas!“, mischte sich Susanne dezent ein. „Es will mir so scheinen, als ob das Nashorn uns selbst hätte sehen wollen!“
„Weil er einfach unser Kumpan ist und mit Menschen nicht umgehen kann!“, schlussfolgerte Lucien.

Das Nashorn schnaufte zufrieden und die Gitter schlossen sich.
Nun waren sie endlich nah am See und hörten schon das Plätschern der kleinen Wellen, die gegen die Klippen schlugen. Hier war das Ende der Zürcher Weltstraße, gekrönt durch einen geräumigen Platz mit dem Namen BÜRKLI.

Sie schauten sich nach allen Seiten um und da es zu dieser späten Stunde fast keinen Verkehr gab, überquerten sie schnell diesen berühmten Platz, einen der verkehrsreichsten in der Stadt! Sie konnten kaum erwarten das große blaue Auge, das so anziehend glänzte, aus der Nähe zu sehen.

Der Mond, der sie die ganze Zeit verstohlen beobachtet hatte, brach jetzt durch die schlafenden Wolken und schob sie beiseite, ohne ihren Schlaf zu berücksichtigen. Er betrachtete sich im See und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Er sandte ein Strahlenbündel aus, das sich nach unten richtete. Sobald die Strahlen ins stille Gewässer eintauchten, wurden sie von den spielenden Wellen erfasst und vorwärts zur Mole getragen. Sie prallten gegen ihre steinerne Stirn und schwankten, ihren Widerstand spürend, zurück ins blaue Auge. Der Mond wusste, dass sie gleich wieder vorwärts stürmen werden und rollte seinen silbernen Läufer aus, in dessen Contrejourebeleuchtung das phantasievolle Bildhauerwerk prangte, das sich inmitten des Quais erhob.

Auf dem monolithischen Felsen hatte sich ein großer Adler neben einen schönen Jüngling in Adamskostüm niedergelassen, der seine rechte Hand hob und sich nach links zu ihm neigte. Die eine Hälfte dieses Körpers drückte eine Bitte und die andere die Sehnsucht nach dem Unerschwinglichen aus. Die harmonische Komposition stand auf einem großen Granitblock, an dem mit großen Buchstaben der Name GANYMED zu lesen war.

„Wir sind schon am Ende unseres kleinen nächtlichen Spaziergangs!“, vernahmen die still gewordenen Puppen Dr. Christians Stimme. „Ich sehe ja, dass dieses letzte Objekt unseres Kulturrundgangs euch völlig fasziniert hat.“

Alle standen wie verzaubert da und bemerkten erst jetzt, dass sie, seitdem sie sich von Vater Pestalozzi getrennt, die Stimme ihres Beschützers nicht gehört haben. Und was das Seltsame war: Dieser Umstand war niemandem aufgefallen.

„Ihr seid ganz allein fertig geworden!“, lobte er sie begeistert „Und euer Eifer wird großzügig belohnt werden! Aber darüber reden wir später. Jetzt möchte ich euch die Sage über den Sohn von König Tros und der Nymphe Kallirrhae erzählen, nach der diese schöne Skulpur geschaffen wurde.“

Die warme väterliche Stimme von Dr. Christian zog alle in ihren Bann und sie flüsterten aufgeregt seinen Namen. Sie standen dicht beianander und starrten auf das mythische Paar aus Granit.
„Im Gebirge Ida riss Zeus, der oberste Herrscher der olympischen Götter, in der Gestalt eines Adlers den schönen Prinzen Ganymed aus der Mitte seiner Gefährten und trug ihn auf den Olymp. Er machte ihn zum Mundschenk der Unsterblichen!“

Dr. Christian schwieg und alle sahen, dass er die feinen Proportionen und Gesten bewunderte, die in ihrer stillen Größe so ausdruchsvoll wirkten. „Aber der Autor dieses Bildhauerwerks will uns zweifellos etwas anderes zeigen“, erklang seine Stimme wieder. „Er wollte der menschlichen Sehnsucht nach den höchsten Gipfeln Ausdruck verleihen.“ Dr. Christian hielt inne und ergänzte dann: „Schaut wie Ganymed mit erhobener Hand den Göttervater bittet ihn in den Olymp aufzunehmen.“

Der Mond hatte sich tief über den stillen See gesenkt und das Kunstwerk spiegelte sich in seinem silbernen Strahl wider. Dahinter jagten sich die rauschenden Wellen, als bäten sie die Mondstrahlen, sie emporzuheben. Das unirdische Mondlicht glitt über sie und förderte mit zärtlicher Liebkosung ihr endloses Spiel.

„Es ist Zeit, uns von dieser wunderbaren Stadt zu trennen“, sprach Dr. Christian leise. „Unsere Besuche fangen jedoch erst an!“
„Wann kommen wir wieder?“, traute sich Berta zu fragen.

„Sehr bald“, flüsterte ihr die unsichtbare Stimme ins Ohr. „Und jetzt, Fräulein Erta, darf ich Sie bitten uns ihren Umhang wieder zu leihen?“
„Sehr gern“, erwiderte sie und warf ihren wundersamen Umhang zurück, der sich gleich in einen Flugapparat verwandelte. Alle nahmen darauf Platz, der Umhang erzitterte und hob dann ab. Er hielt neben der gehobenen Hand von Ganymed, die ihnen zum Abschied winkte, sie erwiderten den Gruß und der resedafarbene Flugapparat glitt über die Mondstrahlen. Er flog über die blinkenden Lichter, unter denen das große blaue Auge glänzte. Der Mond drehte sich um seine Achse und trug sie im Nu in den Computersaal vor den großen Bildschirm. Darauf flimmerten die fernen Zürcher Lichter, die in der anbrechenden Morgendämmerung langsam verblassten.

„Auf Wiedersehen, LITTLE BIG CITY!“, rief Dr. Christian, indem er lächelnd von seinem Bild hinüberblickte und in Richtung Bildschirm winkte.
„Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!“, verabschiedeten sich alle von ihrem wundersamen nächtlichen Spaziergang und winkten lange mit den Händen.

Die Lichter blinkten und tauchten eins nach dem anderen ins große blaue Auge. Aufgeregt weitete sich seine Pupille und zwei große Tränen flossen langsam nordwärts. Der Mond glitt lautlos hinter die Wolken und versank zusammen mit dem großen weißen Bildschirm in die Seligkeit des Morgens.

„Unser Geschenk für Darina ist fertig“, teilte Dr. Christian mit und zeigte auf die silberne Disk. „Der Film ist wunderbar geworden, das sage ich euch!!“ Alle wollten so gern die Filmaufnahmen sehen, trauten sich aber nicht darauf zu bestehen. „Es ist schon spät, aber bei unserem nächsten Treffen werden wir uns euren wundersamen nächtlichen Spaziergang anschauen!“, kam ihrem verborgenen Wunsch dieser Hellseher entgegen, dem nichts entging.

„Der Plan DARINA ist erfolgreich durchgeführt worden und sehr bald werden die Ergebnisse zu sehen sein!“, flüsterte er mit bewegter Stimme und fügte dann fröhlich hinzu: „Es stehen uns viele Besuche in Zürich bevor, neue Rundgänge und Filme, Begegnungen mit verschiedenen Leuten … und“, hier lächelte er rätselhaft, „andere Pläne mit anderen Elementen!“

Er sah jeden einzelnen genau an und sagte: „Ich meine, dass es für euch besonders interessant sein wird, einige Lokale zu besuchen, in denen ihr zusammen mit Darina gearbeitet habt!“ Freudige Aufregung und Munterkeit stellten sich ein. Dr. Christian sah alle gerührt an und sagte leise: „Jetzt ist es an der Zeit, dass wir uns verabschieden. Gute Nacht! Bis zu unserem nächsten Treffen!“

„Gute Nacht, lieber Dr. Christian!“ antworteten sie im Chor.
Im nächsten Moment war ein „Klick“ zu hören, im Raum wurde es dunkel und er versank in der Tiefe der dritten Dimension. Im Vordergrund war nur der blaue Computerbildschirm sichtbar, auf dem Dr. Christians Porträt zu sehen war. Den entschwundenen Puppen lächelnd nachschauend, blieb er unbeweglich und in sich gekehrt bis drei nacheinander folgende „Klicks“ zu hören waren. Der Bildschirm wurde dunkel, die glucksenden Laute verklangen, das Licht blinkte kurz und verlor sich in der dunkelgrauen Welle, die sich über die ganze Fläche ausbreitete und das lächelnde Bild in sich aufnahm. Stille erfüllte den Raum.

Dies kam Schani ziemlich verdächtig vor und er spitzte die Ohren. Lautlos schlich er durch die Tür und spähte in Martians Zimmer. Er prüfte mit seinen phosphoreszierenden Augen jeden Winkel im Dunkel und nachdem er keine Spur vom Kater Kolja entdeckt hatte, ging er in sein warmes Bett zurück. Seufzend machte er sich auf Darinas Füßen bequem und beide sanken in einen süßen frühmorgendlichen Schlaf.

Aus “Darina”
Autorin: Tania Schellhorn
Übersetzung: Zlatka PARPULOVA

Kategorien: Art Café · Frontpage

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