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Elin Rachnev: Ich träume bis in die kleinsten Kapillaren

28 September, 2008 von · 1 Kommentar

Interview von Natalia Nikolaeva mit dem Dichter und Dramatiker Elin Rachnev

Übersetzung: Rossitza Yotkovska

Elin Rahnev

„Das Schaffen ist eine Sühne für die leidenschaftliche Seele“
René Huyghe

Ich kann mir die unruhige und leidenschaftliche Seele von Elin Rachnev außerhalb des Schaffens, außerhalb der Poesievehemenz, der Dramaturgie und der Journalistik nicht vorstellen. Sie sind ein natürlicher Teil von ihm selbst, und mein Interview mit ihm bestätigt nur das Gefühl, dass meine Berührung an seinen Werken, Empfindsamkeit und Talent eigentlich eine Berührung am ungebundenen Geist des Künstlers ist.
 
Der konkrete Anlass für dieses Interview ist die Ausgabe seines neuen Gedichtbands „Zimt“. Unser virtueller Gast Elin Rachnev diskutiert die Themen über die Kunst, über die Brücke zwischen der Dichtung, der Dramaturgie und Journalistik, über die Theaterkritik und die Freiheit, nur mit Gleichgesinnten zusammenzuarbeiten.

Was für einen Sinn hat die Kunst für Sie?

Ich habe die Kunst immer als etwas Natürliches, völlig Organisches in mir wahrgenommen. Deshalb habe ich ihren Sinn niemals verstanden. Vielleicht auch deshalb habe ich mich nicht gezwungen, zu schreiben, ich plane nicht, bei mir gibt es keine „Manifakturheit“. Alles geschieht auf einmal, einfach so …

Was für eine Brücke gibt es zwischen der Poesie, der Dramaturgie und der Journalistik?

Die Journalistik hat mich gelehrt, die Wörter nicht zu vergewaltigen. Ich glaube, dass dies sehr wichtig ist. Für mich sind die Poesie und die Dramaturgie ganz unterschiedliche Dinge und ich finde mühsam Schnittstellen dazwischen.

Meine ersten Theaterversuche waren aber mit Poesie gesättigt. Später begann ich die Poesie zu beseitigen, sie auszuschlagen, wegzutreiben. Ich weiß nicht, was besser ist …

Wie hat sich das Poesie- und Theatergeschmack des Bulgaren nach 1989 geändert?

Ich weiß nicht, ich verstehe nicht von Geschmäcken, von globalen Schlussfolgerungen. Jeder Mensch ist ein Universum. Jeder Bulgare hat einen eigenen Namen …

Wann kann man ein modernes Theaterszenarium als erfolgreich bestimmen?

Es ist ganz relativ! Für mein letztes Stück „Taxibus“ werden die Tickets im voraus verkauft. Die Kritik hat es aber total verworfen. Ich bin immer wieder erstaunt.
Vielleicht ist der Erfolg eine Harmonie mit dem Werk, das du geschaffen hast … Das andere ist abstrakt – die Preise, der Applaus, die Lobreden …

Was für eine Herausforderung fanden Sie selbst im Stück „Taxibus“?

„Taxibus“ ist eine Spiegelversion der Zeit, in der wir leben. Mehr hab ich nicht erstrebt. Ich bin mir im Klaren, dass das Stück nicht zu den Theatertexten gehört, die ästhetische Revolutionen machen. Es ist nur ein Zwinkern an den beschissenen Übergang.

Ich war in einer Periode, in der ich genau das zu machen vermag. Ich habe einfach irgendwas ausgeatmet. Sonst lacht das Publikum sehr, wirklich sehr … Und nicht aus der Kehle, sondern aus dem Herz …

Taxibus

Ihre Aufführungen werden auch im Ausland gespielt. Gibt es einen Unterschied zwischen dem Humorsinn des Publikums in Bulgarien und im Ausland?

Es ist überall unterschiedlich. Der Humorsinn ist ein extrem individueller Akt. Manchmal kann man auch über eine Träne lächeln.

Was meinen Sie über die bulgarische Theaterkritik?

Wir mögen einander nicht so sehr! Ich meine, dass sie an überflüssiger Postmodernität, an Anmaßung leidet. Sie fällt Urteile und hilft nicht, baut nicht auf. In vielen Aspekten lügt sie, da sie Lobbyspritzen bekommt. Sie erfüllt ihre natürlichen Funktionen nicht.

Es gibt aber auch Kritiker, die ich schätze. In meinem Leben gab es auch Perioden, in denen ich eine Unterstützung gespürt habe.
Im Großen und Ganzen sind aber die oberen Zeilen wahrhaftiger.

Welche gegenwärtige Dichter und Prosaiker lesen Sie gern?

Es sind sehr viel. Ich lese chaotisch. Es gefällt mir, neue Sachen zu entdecken. Vielleicht ist das eine Deformation von der Periode, in der ich die Zeitschrift „Vitamin B“ machte. Es gibt auch viele Sachen, die ich neuentdecke. Wenn ich aber Namen nennen muss – Walt Whitman, Thomas Mann …

Welches Kreuz trägt der moderne Künstler in Bulgarien?

Auch das weiß ich nicht. Jeder trägt sein eigenes Kreuz. Manche stöhnen, andere lächeln. Manche jammern, andere träumen weiter. Ich gehöre zu den Letzten. Ich träume bis in die kleinsten Kapillaren.

Was bedeutet Ihnen das theatralische Talent und was – das dichterische? Gibt es einen Unterschied dazwischen?

Enormen Unterschied. Es gibt nichts Gemeinsames dazwischen. Das eine ist, sich mit jeder Faser auf der Bühne zu fühlen, das zweite – die Wolken von Morgen bis Abend zu kratzen.

Warum haben Sie für Ihr neues Gedichtsband den Titel „Zimt“ gewählt?

Das Buch Ich fühle ihn einfach natürlich. Im Einklang mit den Sachen im Einband. Ich habe nichts erzwungen, es geschah einfach. Das Buch enthält wenig Gedichte, aber, glaube ich, alles, was mir in den letzten zehn Jahren wichtig war. Ich würde sogar sagen: Wären meine Freunde nicht gewesen, würde auch das Buch nicht erscheinen. Niemals habe ich den krankhaften Ehrgeiz gehabt, herauszugeben. Die Verse können ja auch anders leben. Die Papierform ist nicht obligatorisch.

Welche Tendenzen in der bulgarischen Kunst begrüßen Sie und welche nicht?

Es gefällt mir, dass das so genannte „Postmoderne“ zu verschwinden beginnt. Man erzählt schon Geschichten. In dieser Beziehung war die Übergangsperiode entsetzlich – man sprach nur über Postmodernismus. Jeder, der sich zum etwas anderen bekennte, war altmodisch. Das waren aber Komplexe, nichts mehr … Diese sind noch nicht zu Ende, sind aber schon nicht mehr so erstickend.

Haben Sie zuletzt Treffen mit der Kunst, welche Sie sich unbedingt merken möchten?

Es sind viele. Das Letzte aber, was mich verrückt gemacht hat, war in Neapel – in einer kleinen Straße war ein Glaskolben aufgehängt und drin gab es eine Träne. Darauf stand die Aufschrift: „Die Träne Neapels, als Diego Maradona die Stadt verließ“.
Außergewöhnliche Kunst …

Welche Illusionen und Visionen haben Sie über die moderne bulgarische Kunst?

Ich habe keine Illusionen. Ich habe keine Visionen über die heimische Kunst. Ich kann diese nicht verallgemeinern. Alles ist persönlich, intim. Jeder lebt mit seinem eigenen Blutdruck.

Was für eine Metapher würden Sie in Bezug auf das Theater, in Bezug auf die Dichtung verwenden? Und in Bezug auf die Journalistik?

Kornfelder aus Schmetterlingen oder so was Ähnliches.

Mit welchen Schauspielern und Künstlern arbeiten Sie gerne?

Ich arbeite nur mit Gleichgesinnten. Mit Menschen der gleichen Blutgruppe. Alles Restliche ist für mich ein Kompromiss. Ich fühle mich nicht gut indessen … Und ich finde keinen Sinn.

Würden Sie den jungen Dichtern etwas empfehlen? Was würden Sie ihnen wünschen?

Mit niemandem zu wetteifern. Ihre Werke in den Kellern, in den Garten, in den Löchern zu lesen. Nicht danach zu träumen, in die Lehrbücher zu geraten. Die Poesie als Magensaft einzunehmen – nichts mehr …

Wenn Sie die gegenwärtigen Homo Bulgaricus beschreiben sollten?

Sehr, sehr verwirrt.

Wonach träumen Sie?

Schön zu altern.

Elin Rahnev

Elin Rachnev ist ein bulgarischer Schriftsteller, Journalist und Dramatiker. Geburtsdatum: 3. Juli 1968, Geburtsort: St. Sofia, Bulgarien

Ausbildung: Sofioter Universität „Kliment Ochridski“, Fach „Sonderpädagogik, später NATFIS /Nationale Akademie für Theater- und Filmkunst/ in der Klasse des Regisseurs Krikor Azarian.

Elin Rachnev arbeitet als Journalist bei den Zeitungen „Denyat” /„Der Tag“/ und “Kontinent”.
Innerhalb von vier Jahren ist er der Herausgeber und der Hauptredakteur der Zeitschrift für Literatur und Poesie „Vitamin B“.

2000-2003 ist er Dramatiker des bulgarischen Volkstheaters „Ivan Vazov“, er schafft „Theater im letzten Stock“.

Seit 2006 ist er Dramatiker des Satirischen Staatstheaters „Aleko Konstantinov”.

Gründer und Szenarist der Sendungen „Kragove“ /“Kreise“/ im BNT /Bulgarischen Nationalfernsehen/ und „Nevalidno“ /“Ungültig“/ in bTV, Autor bei den Sendungen „Sumatocha“ /“Wirrwarr“/ und „Panorama“.

Als Journalist führt er regelmäßige Rubriken bei der Zeitung „Sedem dni Sport” /“Sieben Tage Sport“/ und bei der Zeitschrift “Thema“ und ist Autor bei der Zeitschrift „Ego“.

Gedichtsbände: „Ich existiere“, „Schwenken des Krokusses“ und „Oktober“, „Zimt“
Theateraufführungen: „Bohnen“, „Flobert“, „Der Hochherbst deines Körpers“, „Der Kuckuck“, „Fans“ und „Taxibus“.
Seine Stücke und Verse sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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1 Kommentar bis jetzt ↓

  • schwalbe // 28 Sep, 2008 //

    “Es gefällt mir, dass das so genannte „Postmoderne“ zu verschwinden beginnt. ”
    Dieses Gefühl und Einstellung teile ich ganz :-)

    Ein sehr bereicherndes Interview mit diesem äusserst spannenden Autor und würdigen Vertreter der jungen bulgarischen Literatur.

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