Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Enter

23 Januar, 2012 von · Keine Kommentare

Dalia Al-Halil

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Rossitza Yotkovska

Vtora_nagrada_proza
Foto:winzor2007

Unter der Brücke ist die Straßengalerie – sich selbst schöpfend und selbstgenügend. Dort ist ein Porträt von Christus. Die Feuchtigkeit hat versucht, sich den Nimbus einzunehmen. Links ist ein Mädchen mit Schirm dargestellt. Sie hält ihre Hand vor, um zu prüfen, ob es regnet, aber der Regen ist nur unter ihr.

Rechts – die Silhouette eines kleinen Mädchens mit Ballonbündel, das versucht sich über einen Betonzaun emporzuheben. An der gegenüberstehenden Brückenwand – eine gemalte Treppe, die zu einem wirklichen Nest von Schwalben, die noch nicht abgeflogen sind, führt.

Er saß auf der Bordsteinkante unter der Brücke. Seine Augen strahlten Egozentrismus aus, seine Lippen – selbstkritische Schärfe, sein gerötetes Gesicht – relaxierenden Wahnsinn, und die eingeschlafenen gefärbten Finger – Schöpferkraft. Er saß und sah sich das Graffiti, das er gerade über diesem, von Christus, gesprüht hatte, an. Er hatte eine große Tastatur gemalt, und darüber – ein großes weißes Feld für den Monitor.

Die Tastatur enthielt alle Buchstaben, aber hatte weder Spatium, noch Ziffern. Absichtlich. Einfach so, damit keiner Summen, Jahre, Telefonnummern, Preise schreiben kann. Seiner Meinung nach sollte das Fehlen des Intervalls ein Zeichen dafür sein, dass das Intervallschreiben verboten ist. Er wollte, dass jeder, der schreibt, befugt ist, entweder mit einem Wort zu schreiben oder mit einigen, in eins vereint, in ein gemeinsames Ganzes zusammengeführt – in etwas Mächtiges, Starkes, aber auch so Sinnloses, dass es an der Grenze der grandiosen Genialität steht.

Er entschied, auf sein Graffiti als Letzter zu schreiben. Dann ging er weg, seinen ehrgeizigen Irrsinn fortbringend.

Rosiger Morgen. Die Sonne steht hoch. Ein rötender Nachmittag. Dunkelblaue, indigofarbene Nacht. Und so ungefähr viermal.
Ein Landstreicher blieb vor der Tastatur stehen. Er schaute nach oben, erblickte das Porträt von Christus. „Als ob ich in einer modernen Kirche bin!“ – dachte er.

Und so entstand das erste Wort. Der Landstreicher drückte die gemalten Tasten und keiner verstand, was es war, nur die beiden Mädchen und Christus wussten es.
Schritt für Schritt wurde die Straßengalerie unter der Brücke oft besucht, nach dem Zufallsprinzip.

Der zweite Gast war auch ein Landstreicher. Er wusste es aber nicht. Er fuhr mit seinem Auto durch die Galerie und starrte den großen Monitor und die Tastatur an. Er hielt abrupt. Der Staub munterte sich auf diese Spontanentscheidung auf und umarmte den gutmütigen kostümierten Mann, der aus dem Auto stieg. Dieser begann mit der Hand vor dem Mund zu husten – so, wie es sittsam ist.

Er näherte sich an die Tastatur und überlegte, ob es möglich war, dass jemand schreibt, wenn die Tastatur gemalt ist. Es ist so unlogisch.
Er ähnelte einer Rhoden-Skluptur. Seine Gedanken forderten sich zum Zweikampf heraus: „Mein Gott … hier ist es besonders entsetzlich. Aber … nein, nein, nein … das ist Wahnsinn. Ich kann es nicht!“ – belog er sich und ging zu seinem Auto.

Es gibt seltsame Momente im Leben jedes Menschen, wenn es unvermeidbar ist, sich dem Wahnsinn hinzugeben, besonders wenn dich keiner beobachtet. Er wandte sich plötzlich ab, lief zum Auto hin und nahm was mit. Dann ging er zum Graffiti zurück und ließ seinen glänzenden Federhalter in eine kleine Ritze liegen. „Da ich keinen Mut habe zu schreiben, soll mindestens ein anderer die Möglichkeit haben, es zu tun.“ Und er ging weg.

Verschiedene Menschen, verschiedene Schriften. Auf dem „Monitor” wurden allerlei Sachen geschrieben. Die Leute schrieben ihre Beschwerden, ihre Bestrebungen, beruhigten sich, drückten alle Nuancen der menschlichen Seele aus – einschließlich der Dummheit, der Rüpelei und den Wunsch, bemerkt zu werden.

Es war interessant, wie zwei Unbekannte sogar ein Gespräch begonnen hatten. Sie kamen zu unterschiedlicher Zeit und lasen ihre Botschaften. Sie erkannten sich nur an der Handschrift. Man begann die seltsame Idee mit der Tastatur und dem Monitor ganz harmlos zu besprechen. Sie schrieben ihre Meinungen, erzählten über sich selbst. Nach der langen Schrift las man am Ende: „unteranderembinichivan.ichsuchemaria.dubistganzbanal.aberiminteressederwahrheitheißeich“

Hier bricht plötzlich der Text ab, da offensichtlich die Tinte des Federhalters zu Ende war. Es geht mit grellorangen Lippenstift weiter: „wirkli“
Wieder Abbruch. Vielleicht hat sie lange gesucht, wie sie das zu Ende schreiben kann. Die nächsten Buchstaben sind aus Schlamm:
„chmariafünfuhramdreizehntenoktoberhier.ichwürdemichsehrfreueneigentlichbinichtodor“

Der Meister las vorsichtig die Schriften und hielt in der Hand einen Eimer mit Weißfarbe. Er hatte schon die interessanten Beziehungen dieser beiden Menschen aus der massiven Wörterreihe gelesen und enträtselt. „Haben sie sich wohl getroffen?“ – fragte sich der Meister. Die Schriften waren schon längst aus den Konturen des gemalten Monitors herausgegangen.

Die Leute hatten keinen Platz gehabt und ihre Schriften gingen weiter um das Porträt von Christus, auf die Ballons der Mädchen, auf den Schirm – die Wände unter der Brücke waren schon fast voll geschrieben. Seine Augen taten ihm weh, aber er las weiter was auch die anderen Menschen geschrieben haben:

„Gibtesirgendjemandhierlevskiistdienummereinsfindeihnandereckelächlesogarimschlafdubistsonnedubistlichtdubistreinesglückfürmichesistwünschenswertdassdieikonennichtmitlippenstiftgeküsstwerdendasiebeschmutztwerden!Es werde Licht!Duhastkeinrechtmitintervallenzuschreibenich machedaswasmirselbstgefälltundesistmiregaldassjemandleidethalloblödlingebravowobistdujadiedornenvögelnurpferdengibtmandengnadenschuß.wobistdumaria“

Der Meister las, schaute und überlegte so lange, dass die Farbe vom Pinsel schon lange zurück in die Eimer abgeflossen war. In der Ferne kam eine Frau. „Vielleicht ist das sie!“ – dachte der Meister. “Vielleicht ist das Maria.“ Die Figur näherte sich dem Gehsteig entlang. Schritt für Schritt für Schritt für Schritt. Und sie ging gleichgültig am Graffiti vorbei. Der Meister drehte sich wieder zum Monitor. Er sah sich in allen Richtungen um, besorgt, dass ihn die Menschen für verrückt halten können, dass er schreibt, und begann die gemalten Tasten zu drücken: S-C-H-A-D-E.

Kurz danach deckte die Weiße alles ab – Christus, Den Monitor, Die Mädchen, Die Tastatur, Die Treppe, Die Hoffnung. Und die Schwalben waren schon abgeflogen.

Der Straßenmaler kam in 893 Tagen zurück. Mindestens wählte er so zu denken. Seine Augen strahlten Trockenheit aus, sein Mund – Unausgesprochenheit, sein Gesicht – erloschenen Wahnsinn. Er sah sich die schmutzige weiße Straßengalerie unter der Brücke an. An der Stelle, wo der Monitor war, hatte jemand geschrieben: „gebtdenmonitorzurückihrseidverrücktwirwollenschreiben“

Daneben stand mit Schablone und roter Farbe geschrieben: „Das Schreiben ist untersagt. Auf die Verletzer entfällt eine Geldstrafe“, und daneben hing eine Miteilung: „Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger, ganz höflich wenden wir uns an Sie, diesen Wahnsinn mit dem Schreiben einzustellen. Nehmen Sie bitte Rücksicht darauf, dass Sie das Staatseigentum beeinträchtigen. Hochachtungsvoll: Der Gemeinderat.

Er blieb vor der Wand stehen. Er stellte sich die Tastatur vor und begann die imaginären Tasten zu drücken: D-A-S-I-S-T-K-E-I-N-W-A-H-N-S-I-N-N-D-A-S-I-S-T-D-I-E-F-R-E-I-H-E-I-T-N-I-C-H-T-V-E-R-S-T-A-N-D-E-N-Z-U-S-E-I-N

Dann drückte er ENTER.

Der Text hat den zweiten Preis des Literatur-Wettbewerbs “Schreiben ist Wahnsinn” in der Kategorie “Prosa” erhalten.

Kategorien: Art Café · Frontpage

Tags: , , ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben