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Erzählen aus der Perspektive einer Fliege. Rückkehr zum Räumlichen in Georgi Gospodinovs „Naturroman“ Teil II

4 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Maria Endreva


Foto: wili_hybrid

Als erstes ist das Klo zu eng für zwei Menschen. Das ist der Raum für einen einzigen Menschen schlechthin. Das letzte Versteck vor der Zivilisation ist das Klo. Die Abwesenheit dieses Topos in der wissenschaftlichen Literatur ist der direkte Beweis dafür.

Das häusliche Paradies ist in diesem Raum gesehen. Diese Utopie der Ruhe und Bewegungslosigkeit, die keine Beziehung hat zu den kalten Gesetzen der ständigen Bewegung der Erde und somit jedes einzelnen Dings, ist in der Toilette kurz zu verwirklichen. Wie Foucault in seinem Aufsatz Andere Räume sagt, ist die endlose Öffnung des Raumes der größte Schock für den Menschen als Resultat der Galileischen Wende.

Das Klosett ist das Gegenteil davon, der geschlossenste und somit persönlichste der vielen Ortungsräume, mit Foucault geredet. In seinen Ausführungen zum Beweis, wie wichtig die Toilette im menschlichen Leben ist, macht der Romanheld die Unterscheidung zwischen einer privaten und einer öffentlichen Toilette.

Die beiden unterscheidet eigentlich der Umstand, dass in einer öffentlichen Toilette alles möglichst schnell, mechanisch und in Eile passiert, d.h. es ist reine Prozedur. Und in die eigene, private Toilette kann man sogar ohne ein Bedürfnis eintreten, man kann dort Stunden im Lesen oder Denken verbringen, ohne von anderen gestört zu sein. „In keinem einzigen Raum ist der Mensch so mit sich selbst. Dies ist der wichtigste Raum schlechthin.“

Das öffentliche Klosett ist ein Ort des Bedürfnisses also, während der Besuch des privaten eine Art Ritual darstellt. Dieses Ritualisieren bedeutet unter Umständen auch Sakralisierung dieses Raumes. Es ist von nun an durch ganz besonderen, extraordinären Eigenschaften gekennzeichnet.

Das Subjekt hat seine persönlichsten und somit geheimsten Rituale in diesem Raum, wo es nur mit sich selbst ist. Diese Seite des Klosetts ist mit dem persönlichsten Zustand eines Menschen, nämlich dem des Todes vergleichbar. Es stellt eine Art Austreten aus dem zeiträumlichen Kontinuum, wo man einzigartig mit sich selbst konfrontiert wird. Immer wieder erscheint die biblisch klingende Aussage, „Ich sage Euch, das Klosett ist ein dunkler Ort“ .

Diese Beziehung zum Tode wird vom Erzähler selbst angedeutet, wo er über einen Vorfall berichtet, bei dem sein Großvater in seiner Gartentoilette sich erhängt hat. Der Zustand, in dem das Subjekt die absolute Freiheit genießt, ist der des Todes; wo man die Utopie von der Befreiung vom Körper verwirklicht hat oder der des Toiletenbesuchs, wo man wegen der extremen Äußerung der Körperlichkeit unbeaufsichtigt bleiben kann.

Man kann sich im Abort von den Machtstrukturen entziehen, was wiederum eine Utopie ist und überdies sind dort alle Menschen gleich und jeder kann machen, was er will unter dem Vorwand, seinen natürlichen Bedürfnissen zu folgen.

Wenn das Klosett eine Verkörperung alles Natürlichen ist, ist seine Präsenz im Roman umso aufdringlicher als ein Pendant der steten Ignoranz dieses Ortes in den historischen oder Actionfilmen. Die Menschen, deren Namen in die Geschichte eingegangen sind, sind nur mit ihren heroischen Taten zu verbinden. Nirgendwo in den großen Bänden der offiziellen Nationalgeschichte wird davon berichtet, dass jemand aufs Klo geht.

Der Autor stellt enttäuscht fest, dass bisher noch kein Film gedreht worden ist, der nur aus Kleinigkeiten und nebensächlichen Szenen besteht. So ist im Naturroman die Toilette als der Ort anzunehmen, der das Räumliche auf Kosten des Zeitlichen hervorhebt.

Indem der Ich-Erzähler auch versucht, dem Beispiel der zahllosen Helden in den Filmen zu folgen, d.h. zu leben ohne zu pinkeln, wird die Falschheit solcher die Natur ignorierenden Geschichtserzählung an den Tag gelegt. Er sagt: „Das war das erste Mal, wo ich am Kino gezweifelt habe. Es gab etwas Falsches dran, etwas … wie soll ich es sagen … Unehrliches.“

Deswegen war für den Erzähler, der im Roman an verschiedenen Stellen eine Art Rückschau der vergangenen Jahrzehnten macht, das Eintauchen in die schmutzigste Toilette Schottlands in Trainspoting der Höhepunkt der 90-er Jahre. Darauf folgen andere Beispiele, wie die Toilette in der Kunst weltbekannter Filmemacher oder Künstler wie Fassbinder, Antonioni, Helmut Newton oder Emir Kusturitza präsent ist.

Um diese Geschichte des Klosetts dreht sich alles in diesem Roman. Ein anderes Kapitel dieser Geschichte behandelt die Graffiti im Klo. Der Besuch der Toilette erweckt den Wunsch nach Schreiben, nach Verwirklichung des ursprünglichen Drangs des Menschen, ein Zeichen von sich zu setzen. Die Anonymität, die dieser Raum sichert, wird zu allerlei Zwecken benutzt, von den verbotenen Antiregierungsslogans bis zu unflätigen Inschriften, welche einem das Gefühl, die Grenzen der Normen überschritten zu haben, verleihen.

Diese leisen Revolutionen, diese Ausbrüche von Desidententum werden vom Text ironisch behandelt, es ist aber die Einstimmigkeit des Erzählers und des Lesers, dass die öffentlichen Aborte eigentlich eine Heterotopie, welche die verwirklichte Utopie nach Freiheit im politischen und sexuellen Bereich darstellten.

Die verwirklichte Utopie in diesem Raum ist die der Freiheit. Nicht zufällig sind die Beispiele, die vom Erzähler gegeben werden, von öffentlichen WCs in Orten, die durch Mangel an Freiheit gekennzeichnet sind – China und die Kaserne.

Diese Lust am Verbotenen verwandelt die Toilette von dem einsamsten Ort der Welt in eine Publizität generierende Stelle, die eigentlich zu öffentlich ist. Es ist oben erwähnt worden, dass die Graffiti einzelnes Kapitel der Geschichte des Klosetts darstellen sollten. Da fällt sofort ein Slogan ins Auge, der angeblich in einer Berliner Toilette zu lesen sei: „Esst Scheiße, es ist unmöglich, dass Millionen Fliegen einen Fehler machen.“

Das Thema Fliege taucht im 14. Kapitel des Romans auf. Die Begriffe Scheiße und Toilette, Fliege und Erzählen sind fest miteinander im Roman verflochten. Aus dem Grund, dass alles, was bisher schon erzählt worden ist, irgendwie nicht die natürliche Seite des Lebens umfasst, wird vom Erzähler versucht, die Erzählung aus der Perspektive einer Fliege zu gestalten. Der Fliege wird eine Vermittlerrolle zugeschrieben.

„Die Fliege ist das einzige Wesen, dem von Gott erlaubt ist, in den Träumen zu verweilen. Sie ist die einzige, die diese undurchlässige Grenze zwischen beiden Welten überschreiten darf.“ Die Fliege, die in der Toilette ihr lebenstiftendes Material findet, macht aus dem Erzähler des Romans einen Nachfolger. Er wendet sich nicht nur auf die Toilette als einen echten, natürlichen Gegenstand der Geschichte, sondern geht noch weiter in seiner Absicht, die Fliege als Vorbild zu halten und nämlich will seine Umgebung so facettenreich darstellen, genau wie die Fliege, die mit ihrem aus hundert Facetten bestehenden Augenaufbau, pingelig genau ein Teilchen der Welt wahrnimmt.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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