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Erzählen aus der Perspektive einer Fliege. Rückkehr zum Räumlichen in Georgi Gospodinovs „Naturroman“ Teil III

5 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Maria Endreva


Foto: rolands.lakis

„Das Auge der Fliege ist echte Offenbarung. Es ist gut entwickelt und umfasst fast den ganzen Kopf. Das Auge besteht eigentlich aus Tausend kleine Äuglein, Facetten, von denen jedes sechseckig und leicht gewölbt ist. Jedes Äuglein nimmt nur einen Punkt aus dem Bild wahr und das ganze Bild wird im Gehirn summiert. So sieht die Fliege mosaik- oder facettenartig auf die Welt.“

Die Kurzsichtigkeit der Fliege ist für den Erzähler auch ihr Vorteil, denn somit wird ein detaillierterer Blick auf die Welt gewährt. Das Interesse für die Fliegen begründet der Autor mit dem Wunsch, einen facettenartigen, dem Sehvermögen der Fliege gleichenden Roman zu schreiben. Das wäre auch der echte Naturroman – voll mit Nebensächlichkeiten, mit kleinsten mit unbewaffnetem Auge nicht bemerkbaren Dingen, alltäglich wie die Fliegen.

Denn einen Naturroman zu schreiben, heißt dein Auge unaufhörlich auf das Sichtbare zu richten und dabei Analogien zu finden. Der Ich-Erzähler intendiert die ganze Zeit den Raum in die Erzählung einzubeziehen. Und das schafft er mit der Idee für einen Roman von Anfängen, mit der Gestalt der Toilette, die in den Vordergrund gerückt ist, und durch die Erzählung aus den facettenartigen Augen einer Fliege. Das wirkliche Erzählen ist aber der Gebrauch der Sprache.

Die Sprache bezeichnet er als Gott oder umgekehrt, Gott als die Sprache. Gott redet nicht mit Worten, er spricht die Dinge aus. Das ist der Unterschied. Und indem er sie ausspricht, werden sie. So erfindet der Erzähler eine ganz kurze Geschichte von einem, der diese göttliche Sprache, die Fähigkeit besitzt, die Dinge auszusprechen.

Er spricht Wasser aus, und vor ihm tut sich ein Ozean auf, sagt Nacht und der Tag geht hin. Aber „eine solche Sprache verlangt freie Räume, Leere, wo sie sich verwirklichen kann.“ Eine solche Wirklichkeit schaffende Sprache ist mit dem Raum verbunden, sie braucht einen leeren Raum, um ihn zu gestalten.

Jedes solche Sprechen schafft den Raum neu und die ganze Weltgeschichte hängt von dem ab, was ausgesprochen wird. Zu sprechen ist also die größte Verantwortung und die kann der Mensch nicht ertragen, vor dieser Verantwortung verstummt er. Das Problem dieses Sprechens ist, dass diese Welt schon ausgesprochen ist, und sich als zu eng für solche Sprache erweist.

Den schon formierten und geordneten Raum durch die Sprache neu gestalten zu müssen, ist furchterregend. So ist die Verstummung des Menschen am 7. Tag als eine Erleichterung wahrgenommen. Wie ist das Erzählen möglich, wenn es sich nicht um die Worte, sondern um die Dinge handelt?

Es tauchen im Roman folgende Sätze auf, die das Vergessen mit dem Erzählen in Zusammenhang bringen. „Die Worte dienen dazu, den Sinn zu fangen, indem der Sinn erfasst ist, können die Worte vergessen werden.“ Und „die Alzheimerkrankheit macht aus uns neue Menschen. Die alten Witze werden immer lustig sein“.

Der Zusammenhang zwischen der vorigen Geschichte vom Mann, der die göttliche Sprache beherrschte, und der Alzheimerkrankheit ist sehr symptomatisch für den Misserfolg eines naturgerechten erzählerischen Unterfangens. Diese Gedächtnisverlust verursachende Krankheit schafft praktisch neue Räume für das naturgerechte Erzählen. Dann kann der Mensch immer wieder den Raum neu strukturieren durch sein Sprechen. Dass aber die Freiheit des Erzählens in der Heterotopie einer Krankheit verortet wird, zeigt die Unannehmbarkeit dieses Erzählens in der Gesellschaft der Gesunden, die solche mentalen Krankheiten möglichst auszugrenzen geneigt sind.

Der Naturwissenschaftler und Gärtner, der mit den beiden Gestalten namens Georgi Gospodinov viele Ähnlichkeiten aufweist, wird als ein Verrückter dargestellt, der jeden Monat die UNO für eine kommende Katastrophe alarmiert. Er hinterlässt nach seinem Tode seine Aufzeichnungen, wo er das Gleichgewicht in der Welt als bedroht sieht.

Dieser Held vertritt die oben erwähnte scholastisch realistische Auffassung von der Sprache, die den Allgemeinbegriffen Realität zuspricht. Er hat Angst, das Problem mit dem Gleichgewicht der Welt ausführlich und genau zu beschreiben, weil diese Versprachlichung des Unheils den zerstörerischen Mechanismus in Gang setzen würde.

Das gestörte Gleichgewicht äußert sich am meisten in der Trennung der Namen von den Dingen. Er braucht eine andere Sprache, die es eigentlich nicht gibt. So wird das Sprechen als den Raum immer wieder neugestaltendes Mittel in die Sphäre der Nichtnormalität hinausgeführt.

Der Naturroman von G. Gospodinov will den Raum für die Literatur neu entdecken. Er ist ein Roman von Anfängen und von verschiedenen gleichzeitig in der Zeit existierenden Geschichten, die die Nebensächlichkeiten, die das natürliche Leben ausmachen, in den Vordergrund rücken (das Klo, die Fliege), verknüpft diese Geschichten aber mit dem Problem der Erzählführung, die in den drei erzählenden Gestalten in Frage gestellt ist.

Der Roman will die Lücken zwischen Groß und Klein schließen, stößt aber auf die Probleme einer solchen Neukonstruktion. Diese Probleme laufen auf die Sprache hinaus, die uns den Rahmen der Normalität vorgibt und deren Überwindung als krankhaft verurteilt ist.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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